Früher war alles besser ...

Zukunfts-Retrospektive Liegen die Probleme meiner Generation gar nicht an der großen Auswahl der Chancen sondern daran dass viele Entscheidungen in Sackgassen führen ?
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Vergangenheit vs. Zukunft
Ich bin männlich, Mitte 20, nicht gerade auf den Kopf gefallen (zumindest schon länger nicht mehr) und lebe in einem der "reichsten Länder der Welt". Eigentlich dürfte ich keine Zukunftsängste verspüren. Aber ich habe welche.

"Früher war alles besser" hört man sonst oft die älteren Generationen stöhnen, wenn sie mal wieder ihren Missmut kundtun. Das große Problem ist aber, dass meine Generation dem jetzt schon zustimmen würde.

der Stand gestern
Ich brauche nur 20 Jahre zurück zu schauen. Mein Vater hatte "nur" mittlere Reife. Er konnte sich aber durch Fleiß und Fachwissen zu einer gehobenen Bürotätigkeit hocharbeiten. Das verschaffte ihm ein Gehalt, welches genügte um Haus, Frau, drei Kinder, zwei Hunde und jährliche Urlaube (ja, Plural) zu finanzieren. Er war der fleischgewordene Mittelstand: mittlerer Abschluss, 9 to 5 Job und trotzdem gehobener Lebensstandard.

der Stand heute
20 Jahre später wohne ich mit einem recht gutem Abschluss, mit abgeschlossener Berufsausbildung, mehreren Jahren Berufserfahrung, Zusatzqualifikationen und 40-Stunden-Festanstellung in einer Wohngemeindschaft - weil ich mir eine eigene Wohnung schlichtweg nicht leisten könnte. Ich bin das was man früher Mittelstand genannt hätte, eigentlich. Aber der Mittelstand fühlt sich nicht mehr wie die Mitte der Gesellschaft an. Eher wie eine Art Proletariat, mit dem Privileg wenigstens einen interessanten und körperlich nicht all zu anstrengenden Job ausüben zu dürfen.

Was ist mit Deutschland passiert? Was ist das für ein Land in dem mittlere Bildungsabschlüsse und Berufsausbildungen wie Luft sind und selbst Masterabschlüsse nicht bedeuten dass man nicht zur unteren Mittelschicht gehören wird?

Früher war alles besser ? Definitiv!
Die Wirtschaft "boomt" angeblich Jahr für Jahr - bei der breiten Masse an Menschen kommt aber schlichtweg nichts mehr an. Fast alle gesellschaftlichen Probleme von Nationen die am Kapitalismus partizipieren entstehen durch stark ungleiche Verteilung von Geldern. Mag sein, dass der Kapitalismus rosige Jahre hatte. Im Moment scheint er eine ganze Gesellschaft zu spalten oder gar zu zertrümmern. Ein System in dem Geld die Chance auf mehr Geld erhöht, Macht die Chance auf mehr Macht und Armut die Chance auf nichts außer mehr Armut ist schlichtweg auf Dauer nicht tragfähig.


Die Politik hätte den Kapitalismus schon vorgestern kritisch überdenken müssen, vermutlich wird man es aber nicht mal morgen versuchen. Voll Bock auf Digitalisierung und Rationalisierung innerhalb des Kapitalismus. Halb Deutschland gehört in 50 Jahren zum Proletariat - aber dann gibt es wenigstens Roboter die uns alle 30 Sekunden sagen dass bald alles gut wird!

22:04 29.04.2016
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