Wer ist der Deutsche wenn er nicht arbeitet?

Neben dem Rad Durch die momentane Krise verlieren einige Menschen zeitweise ihren Arbeitsplatz. Aber was passiert mit uns, wenn das Hamsterrad plötzlich wegfällt?
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Wer ist der Deutsche, wenn er nicht arbeitet? Ist er dann noch Mensch oder schon RTL2? Ist er dann noch lebendig oder schon Stein?

Arbeit. Unsere Identität, wie wir uns definieren, wofür wir morgens aufstehen, wofür wir abends einschlafen, wofür wir früher gelernt haben, wovon wir geredet haben, wovon wir noch immer reden, wovon wir neue Sachen kaufen, uns am Sonntag erholen und an den letzten Tagen im Urlaub träumen, wovon wir auch sonst viel zu oft träumen. Arbeit ist zu gewissem Maße was wir sind. Auf der Arbeit sind wir jemand anders und irgendwann wissen wir vielleicht nicht mehr ob wir der sind, der abends nach dem Zähneputzen vor dem Spiegel steht oder schon der, der morgens das Büro betritt. Arbeit ist das, wovon wir unsere Bestätigung bekommen, unser Selbstwertgefühl aufrecht halten und Arbeit ist auch das, was es so schnell ins Schwanken bringen kann, wenn es mal nicht so läuft.

— zum Beispiel jetzt. Es läuft gerade nicht, so gar nicht, für die manchen weniger als für den anderen, aber für niemanden so ganz normal. Und Grund dafür sind nicht wir, nicht unsere Leistung, nicht unser Chef, nicht die Kinder — Grund ist ein verdammter Virus mit sechs Buchstaben. Sechs Buchstaben die alles umgeworfen haben und wenn wir Pech haben, das ein oder andere unter sich verhächseln wird. Wir sind still gelegt, viele von uns, gelähmt, mit unsichtbaren Fesseln an den Stuhl gebunden, in die Wohnung, auf die Couch, zu dem Partner ins Bett, zu den Kindern in den Garten, fest gebunden an Orten die normalerweise frei sein bedeuten. Aber viele von uns haben vielleicht verlernt oder nie gewusst, was überhaupt dieses frei sein bedeutet. “Frei? Arbeitslos meinst du?” — “Ja, arbeitslos mein ich.” So ganz, so fast, so teilweise arbeits - los, los, losgelöst. Ketten los.

Weil die Arbeit für viele von uns mehr ist als eine Geldbeschaffungsmaßnahme. Arbeit ist für manch einen Sinn, Arbeit ist auch ein Stück Farbe geworden mit der wir unseren Alltag füllen. Auf der Arbeit können wir davon träumen wie die Freiheit aussieht, die man sich gerade teuer erarbeitet, die Freiheit da draußen, im Urlaub auf Kreta, am Wochenende mit den Jungs, heut Abend auf der Couch. Arbeit ist das geworden, was unseren Alltag bestimmt, Form und Struktur verleiht —

Also was machen wir so (fast) arbeits - los?

Denn Arbeit ist auch das geworden was uns ablenkt. Ob es die nervige Partnerin ist, die Beziehung, die eigentlich schon längst zu Brüche hätte gehen müssen, das Schreien der Kinder und volle Windeln, die Schulden auf dem Konto oder aber dunkle Gedanken oder Ängste in uns, die wir nicht hören wollen. Arbeit — lenkt ab. So wie es Filme tun, Drogen, laute Musik. Arbeit betäubt für manche Stunden, auch wenn wir die Arbeit vielleicht hassen und diese Betäubung nicht wahrnehmen.

Erst dann, wenn sie wegfällt. Der Patient merkt erst, dass er abhängig ist, wenn er seine Droge nicht mehr einnehmen kann.

Und das was wir tun ist mit der Arbeit und all den dazu gehörigen Reizen, festen Tagesabläufen, dem Stress und allem was dazu gehört ist unsere innere Unruhe zu stillen, stumm zu halten. Unsere in uns schreienden Bedürfnisse, unsere kreischenden Fragen und beißenden Gedanken weg zu drängen — weil wir arbeiten, wir funktionieren, wir laufen im Hamsterrad und dort wo jeder ein Hamster ist, hinterfragt niemand das eigene Hamstersein.

Und wenn es plötzlich weg fällt, das Rad, dann kommen wir ins Torkeln.

Wer sind wir? Wer ist diese Person im Spiegel abends nach dem Zähneputzen, wenn sie morgen früh nicht raus muss? Wer ist diese Person, wenn sie neben der Frau liegen bleiben kann oder wenn sie abends nicht nach Hause kommt weil sie schon zu Hause ist?

Was bringt diese innere Unruhe zum Schweigen, der wir jahrelang — oder vielleicht noch nie — zugehört haben?

Unterm Rad, waren wir, sind wir, werden wir immer sein. Aber wie spannend ist es einmal einer halben Gesellschaft dabei zuzusehen, wie sie — für einen Moment — neben dem Rad herläuft. Vielleicht kommt sie ins torkeln, vielleicht fallen einige hin, aber vielleicht lernen andere plötzlich zu laufen.

16:33 27.03.2020
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