Die Nachbarn? An den Hund verfüttern!

Literatur Sehnsucht nach Hass und Selbstjustiz: Zombie- und Überlebens-Kitsch wie „World War Z“ bedient Kontroll- und Rachegelüste der amerikanischen Rechten
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Big Hig schläft versteckt, unter freiem Himmel. Er hat eine Nachtsichtbrille, einen Wachhund, ein Arsenal aus Waffen. Am leeren Haus gegenüber lässt er Lampen brennen. Denn Licht lockt Menschen an, wie Motten. Hig erschießt jeden, den er sieht. Zerschneidet ihr Fleisch. Verfüttert sie dem Hund.

Nach einer Seuche vor neun Jahren kollabierten die USA. Naturbursche, Sportschütze, Jäger Hig erledigt den Rest: Ein stolzer, weißer Mann vom Land verteidigt Grund und Boden. Richtet sein Gewehr auf die kaputte, wertlose Welt.

2007 gewann „Die Straße“, eine knorrige Endzeit-Heldenreise um Vater und Sohn zwischen Plünderern und Kannibalen, den Pulitzerpreis. Ab 2008 mussten sich hungernde Kinder in den „Panem“-Jugendbüchern gegenseitig töten. Heute zeigt Peter Hellers „Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte“ einen schlicht gestrickten US-Hinterwäldler beim Schlachten.

Nie hatten Alltag und politisches Leben so viele Grautöne. Nie gab es mehr zu wissen, zu bedenken, zu hinterfragen – und, für den Einzelnen, weniger zu bestimmen. Und nie war Endzeit-Unterhaltung aus Amerika gefragter. Barbarischer. Sorgloser. Provinzieller.

Keine Regierung, keine Supermärkte

„Die uns bekannte Welt ist fort“, jubelt der Klappentext des Zombie-Comics „The Walking Dead“. „Eine Welt voller Konsum und substanzloser Zwänge wich Überlebenskampf und Verantwortung. Keine Regierung, keine Supermärkte, keine Briefzustellung, kein Kabelfernsehen. In einer Welt, beherrscht von Toten, sind wir endlich gezwungen, lebendig zu werden.“

Zombie- und Survival-Stoffe aller denkbaren künstlerischen Gewichtsklassen bieten dem satten, aber unzufriedenen Publikum einen besonderen Deal: Lieber Seuchen als Beamte. Lieber Tauschhandel als Bankenrettung. Lieber Selbstjustiz als Waffengesetze. Lieber töten, um zu essen – als träge im Wohlstands-Plüsch zu darben, voll unklarer Wut und kaum greifbarer Sorgen. Schießen statt Stuhlkreis!

Entscheiden statt Warten! Lieber totale Anarchie, das lustvolle Reißen aller gesellschaftlichen Netze, als die abstrakten Dauer-Krisen der Gegenwart: Schafft erst das Ende der Welt Flucht-, Spiel- und Handlungsräume?

Für weiße Männer, ja. Denn sie werden als Helden inszeniert – und dürfen auf alles einschlagen, das braun, schwarz, grau, fremd, hungrig und gemeingefährlich ihre Kontrollbereiche und selbst bestimmten Freiheiten bedroht: In „World War Z“ kratzen, reißen, hämmern Tausende erschreckend wacher, zerlumpter Fremder an Grenzanlagen und Mauern. „Indien ist ein schwarzes Loch“, schreit die Army. Auch Russland wird überrannt; von tierisch brabbelnden Nichtmenschen, die unsere Frauen, unsere Kultur und unseren Wohlstand in Stücke reißen – falls wir den politischen Fehler machen, sie bis an unsere Haustür kommen zu lassen.

Sind Zombies rechts?

Sind Zombies rechts? Ein Überfremdungs-Schauermärchen? Sinnbild der Menschenmassen, die wir ausgrenzen, abschotten und fürchten? Metapher für Aufstiegsdrang, globalen Groll einer ausgesperrten dritten Welt, die unsere Schuhe näht, unsere Pfandflaschen recycelt? So lange Wasser, Öl und Aufstiegschancen schwinden, strahlt die Ikonografie des Zombies-Kinos mit seinen Barrikaden, Bunkern, verheulten Müttern, weißen Rettern, hungrigen Mobs und weltweiten Verteilungskämpfen als denkbar grelles kulturelles Schreckgespenst.

Denn Zombie-Filme sperren reale Menschen, gekleidet und geschminkt wie hungrige, verwahrloste reale Menschen, in die bequeme, schaurige Rolle von Nicht-mehr-Menschen, denen man nicht zuhören und nichts mehr zugestehen muss: Weil dieser Un-Mensch keine Gnade kennt. Keine Sprache spricht. Nichts mehr zu sagen hat. Keinen Millimeter Lebensraum verdient. Ballast, Verbraucher, Abfall und Aggressor ohne Rechte – den man mit jedem Mittel bekämpfen darf.

Auch das Survival-Genre kann sich Herz und Hirn durchaus leisten: „Sweet Tooth“ von Jeff Lemire, Brian Woods New-York-Apokalypse „DMZ“ oder Marlen Haushofers Klassiker „Die Wand“ zeigen eine Welt, die vor die Hunde geht – aber Menschen und Gemeinschaften, die sich dieser Verrohung verweigern. Auch die Romanvorlage von „World War Z“, Max Brooks' „Operation Zombie“, stellt kluge Fragen über Wohlstand, Sicherheit, globales Miteinander.

Unsinnig ambivalent

Oft aber bleiben die Antworten unsinnig ambivalent: Wenn Männer (und ihre Anhängsel) von allen Seiten angegriffen werden, jedes Zögern, Helfen, Sprechen und der Versuch, demokratische Entscheidungen zu treffen, sofort alle Sicherheit aufs Spiel setzt – fragt „The Walking Dead“ seit zehn Jahren immer wieder neu – sollten diese Männer sich trotzdem lange Diskussionen leisten? Mitleid? Oder Ethik, letzte Tabus? Kultur? Vertrauen? Prinzipien?

Im schlechtesten Fall bieten Survival- und Zombie-Gedankenspiele nur einen schaurig unterkomplexen, bequemen Rahmen: Den Wunschtraum einer simplen Welt, in der so dauerhaft und endlos höchste Alarmstufe herrscht, dass nur belohnt wird, wer auf alles einschlagen kann, das seinen Weg kreuzt. The Shit has hit the Fan: Wir gegen die. Pragmatiker an die Macht!

Peter Heller, der Autor von „Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte“, ist kein dumm-böser, misanthroper Doomsday Prepper. Sondern einfach Hunde- und Naturliebhaber aus der Provinz, gerne in den Rocky Mountains unterwegs. Dass seine kitschige Altmänner-Hauptfigur jeden schlachtet, der ihr Land betritt, gehört im Genre vielleicht schlicht zum guten, drastischen Ton.

Ärgerlicher sind die Reaktionen aufs Buch: Denn Hig hat einen letzten Nachbarn, Bangley. Ein Waffennarr, der noch leichtfertiger tötet. „Es geht um einen Hund. Einen armen, stoischen Witwer, Big Hig. Und seinen militanten Nachbarn. Der Nachbar ist krass drauf!“, seufzen Hellers Fans – als wäre nur der Nachbar gruselig, der „Held“ dageben verständlich, nett, human. Und so gewöhnt uns Zombie- und Survival-Kitsch an zwei neue, prominente Sorten Monster: Die (bösen!) hungrige Fremden, die vernichtet werden müssen, alternativlos. Und ihre (guten?) pragmatischen Vernichter: Männer ohne Mitleid, Ethik, letzte Tabus, Vertrauen oder Kultur; Retter und „Helden“ allein deshalb, weil alles andere um sie herum moralisch noch bankrotter gezeichnet ist.

Realpolitiker. Mörder und Macher.

Barbarisch. Sorglos. Provinziell.

Peter Heller: Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte. Roman.

Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2013. 320 Seiten, 19.99 €

12:37 10.09.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Mesch

Autor, Kritiker, Kulturjournalist in Heidelberg und Toronto. Schreibt für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. www.stefanmesch.wordpress.com
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Stefan Mesch

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