"Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?"

Charlie Hebdo Verbote, PEGIDA, Empörungskultur: Nie waren Andersdenkende und globale Widersprüche näher - und der Zwang, sich selbst zu positionieren.
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In China kann man Schildkröten kaufen – als Schlüsselanhänger. Lebende Tiere, in Plastik eingeschweißt, ohne viel Bewegungsraum in bunt gefärbtem Wasser: Verhungern sie? Ersticken sie? Wer kauft sie – und wer schweißt sie ein? Gibt es eine Nachfrage, einen Markt? Tausende Abnehmer?

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Lebt dort ein einziger zynischer Händler, irgendwo? Oder eine ganze Industrie? Millionen Kunden? Und jetzt, wo ich das weiß: Weiß ich damit auch “etwas über China”? Oder nur über eine einzelne, traurige Randfigur?

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Um das zu wissen, müsste ich Links öffnen und Texte lesen. Nachfragen stellen, deutsche und englische Quellen vergleichen – am besten gleich: chinesische Freunde fragen.
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Denn fast jeder kennt die Fotos, sah kurz die Meldungen auf der GMX-Startseite oder im “Vermischtes”-Teil von Plattformen wie Focus oder Stern. Vielleicht auch im persönlichen Newsfeed auf Facebook: Ich bin recht sicher, dass gut ein Drittel meiner Freunde seit zwei, drei Jahren von diesen Schildkröten-Anhängern wissen – und immer weiter davon hören, aus immer anderen Ecken, nebenbei. Höre ich selbst “Schildkröte” oder “Schlüsselanhänger” mittlerweile, denke ich: “China”! Sagt jemand “Straßenhändler”, denke ich sofort an sterbende Tiere – und zynische Asiaten.
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Tiefer aber reicht mein Wissen nicht. Denn tiefer reicht mein Interesse nicht: Auch in einer Welt, in der Schildkröten laminiert werden, muss ich aufstehen, essen, mich über Wasser halten, schlafen. Tierrechte sind mir nicht wichtig genug, als dass mich solche Meldungen aus der Bahn stoßen würden. Ich halte das aus, mental. Ich sehe weder Handlungsbedarf – noch Handlungsmöglichkeit. Ich sehe mich nicht mal in der Pflicht, mich eigenständig und besser über diese Händler zu informieren.
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Mein großes Glück: Ich bin nicht hilflos, unglücklich, frustriert darüber, dass ich gern handeln würde… aber keine Optionen finde: Mich lähmt das nicht. Mich schmerzt das kaum. Werden Fotos dieser Schildkröten durch meine Medienwelt gespült, dann sehe ich Schildkröten. Nicht: Belege meiner eigenen Hilfs-, Macht- und Wirkungslosigkeit.
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“Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?” fragen Medien und laden uns ein, immer wütender zu werden: über globale Ungerechtigkeiten – und über einzelne Sätze, Ansichten, Entscheidungen und Marotten einzelner Menschen. Über eine Frau (in China!), die junge Kätzchen tottrampelt in hochhackigen Schuhen. Über blöde Leute auf Twitter, bornierte Redner im TV, Nicht-Freunde mit anderen Meinungen in meiner Timeline, Unsympathen auf der Straße. So vieles sehe ich anders. So vieles gefällt mir nicht.
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Als Leser, Social-Media-Nutzer und Medienkonsument werden mir täglich Hunderte Schnipsel gezeigt, zu denen ich mich positionieren müsste. Alles wird mir vorgelegt, oft mit der Einladung, zu kommentieren, abzustimmen, zu unterstützen oder mich zu empören. Ich soll eine Meinung entwickeln. Mehr noch: eine echte Haltung. Und dann die Konsequenzen ziehen aus dieser Haltung – als Leser, als Nachbar, als Fan, als Kommentator, als Konsument, als Wähler.
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15.000 Menschen gehen in Dresden auf die Straße, gegen die “Islamisierung des Abendlandes”. 12 Redakteurinnen und Redakteure der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo werden hingerichtet – wegen Karikaturen und Satire. In meiner Facebook-Timeline versuchen Freundinnen und Freunde seit Stunden semi-öffentlich, ihre Gedanken zu ordnen. Eine Haltung zu finden. Sich weiter zu informieren und Zeugnis abzulegen: “Nehme ich das hin? Lässt mich das kalt? Seht her: DAS macht es gerade mit meinem Kopf, meinem Herzen und meinen Haltungen. Und mit euch? Lasst uns reden!”
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Die Welt ist fairer, offener, humaner als vor 2000 Jahren. Vor 80 Jahren. Oder auch nur: vor 20! Für viele von uns wuchsen die Möglichkeiten, sich auszudrücken, zu vernetzen, zu sprechen, sich zu informieren. Überall sind Widersprüche, Ungerechtigkeiten – Dinge, die mich wütend machen. Oder wütend machen sollten. Oder, wie die Schildkröten – verstören, weil ich nicht weiß, wie viel Wut angemessen ist, und was aus dieser Wut, Empörung, Überforderung, Hilflosigkeit erwachsen soll.
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Obwohl Verbrechensraten fallen, setzen die meisten Zuschauer von Nachrichtenmagazinen Gewalttaten und Chaos als immer alltäglicher und erwartbarer voraus. Die Welt erscheint kaputter, haltloser, willkürlicher, unerträglicher – weil uns bei jedem Klick ein Dutzend neuer Belege dazu vor Augen stehen. Meine Wut- und Traurigkeits-Reserven kommen nicht mit bei all den Angeboten, die mir Journalismus, Aktivisten und Freunde zehnmal pro (Online-Lese-)Stunde machen. Trauer? Wut? Fassungslosigkeit? Überall sind genug Fakten oder Anekdoten, die uns solche Gefühle abnötigen wollen. Und die unser Mitleid, unsere Empörung unbedingt “verdienen”.
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Vielleicht bin ich ganz gut im Ab- und Umschalten und Mich-aufs-Wesentliche-Konzentrieren. Vielleicht bin ich verroht, stumpf, egozentrisch. Vielleicht habe ich nur Glück: Wut liegt mir eher fern. Trotzdem verstehe ich PEGIDA-Demonstrant*innen, Kommentarschreiber*innen, “Wutbürger”, denen sich die Welt nicht mehr als Spektrum darstellt, als Raum und Ort für Stimmen und Kulturen und die verschiedensten Kontexte, Lebensentwürfe, Widersprüche. Sondern als Lawine und kreischiges Durcheinander aus Tabubrüchen, Willkür, Angst und Chaos. “Lässt Sie das kalt? Nehmen Sie das hin? Finden Sie das etwa richtig hier? Stimmen Sie jetzt ab!”
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“Du schreibst zu viel auf Facebook”, warnte mich Freundin S. vor Weihnachten: “Damit tust du dir keinen Gefallen!” – “Das sind oft tolle Gesprähe Ich mag diese Debatten!” – “Du machst dich angreifbar, Stefan: Positionierst dich viel zu sehr. Du schaffst dir damit mindestens so viele Feinde wie neue Freunde.” Für jede Person, die irgendwo “gefällt mir” drückt, gibt es auch jemanden, der mit den Augen rollt und denkt: “DAS sehe ich ganz, ganz anders!”
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Mich begeistert, dass keine Schildkröte mehr irgendwo in China laminiert werden kann, ohne, dass Aktivisten oder Whistleblower, Politiker und engagierte Privatpersonen, Medien und besorgte Freunde helfen, diese Schildkröte sichtbar zu machen.
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Aber mich beklemmt, dass jeder Schritt, den jeder Mensch für sich nehmen darf (und wirklich: so viel Handlungsspielraum und Eigenwirksamkeit bleibt eh den wenigsten!) global als Einladung zu einer Pro-und-Kontra-“Debatte” verstanden wird: Nehme ich das hin? Finde ich das richtig? Verschleierte Frauen? Kurze Röcke? Dicke Kinder? Jagd auf Singvögel? Leihmutterschaft und Social Freezing? Nicken wir das ab? Winken wir das durch? Können wir ertragen, in einer Welt zu leben, in der Menschen andere Prioritäten setzen, andere Vorstellungen haben von Gerechtigkeit, Selbstverwirklichung, Freiheit und Glück? Wo wird es uns zu fremd? Zu bunt?
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Ich lese Artikel und private Reaktionen auf die Attentate in Paris, seit heute Mittag. Ich sehe Freunden zu, wie sie seit Wochen semi-öffentlich versuchen, eine Haltung zu PEGIDA zu finden: Entfreunden oder im Gespräch bleiben? Verlachen oder streiten? Zeichen setzen? Wie?
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Habe ich nur Glück? Dass tote Schildkröten mir keinen Schlaf rauben? Ich stelle mir Leserinnen und Leser vor, seit 10 und mehr Jahren online, die jeden Tag 20, 50 Dinge sehen, die sie verstören: Mormonen dürfen mehrere Frauen heiraten. Konzerne dürfen Kinder Schuhe, Kleidung, Fußbälle nähen lassen. Politiker akzeptieren Spenden aus der Industrie, Menschen ändern ihr Geschlecht und ihren Namen, Leute demonstrieren – gegen dich und deine Kultur und Journalisten, Satiriker, “Eliten” machen sich lustig über die Art, wie du dich kleidest, wohnst und sprichst. Was sich gehört, was gut und richtig ist, wer Erfolg hat, wer aufsteigt entscheiden andere.
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Du stehst im Aus. Deine Mails und Bankbewegungen werden überwacht. Das Job Center droht mit Sanktionen. Du darfst nur draußen rauchen. Leute lachen über deine Frisur, deine Kinder, deine Musik. Man trägt dir nach, dass du trinkst. Oder nicht trinkst. Dass du viel billiges Fleisch kaufst. Oder kein Schwein isst. Immer wieder werden Worte, Ausdrücke plötzlich verboten. Viele alte Witze sind tabu. Alle um dich herum berufen sich auf ihre Befindlichkeiten und Rechte, ihre “Geschichte” und “Kultur” – nur du sollst bitte schweigen, aussterben, verschwinden. Und vorher lebenslang auf Leute Rücksicht nehmen, die sich eh alles erlauben dürfen.
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Nie waren globale Ungerechtigkeiten sichtbarer.

Nie wurde ich eingeladen, mehr und schneller zu urteilen. Über alles.

Nie hatte jeder Einzelne mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken.

Nie hatte jeder Einzelne mehr Pflichten, sich öffentlich zu positionieren.

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Und nie herrschte trotz dieser dauernden Positionierungs-Tänze und -Zwänge weniger Bewegungsraum: Wir werden pausenlos eingeladen, wütend zu werden. Über Dinge, die wir kaum verstehen und selten ändern können. Wir fühlen uns machtlos, überstimmt, abgehängt und furchtbar schlecht informiert. Leben in der Angst, dass jederzeit tausend furchtbare, willkürliche Dinge entschieden werden können. Gleichzeitig werden alle von allen kontrolliert. Beobachtet. Bewertet. Jeder steht unter sozialem Druck. Die falsche Meinung, Haltung kann entlarven, ausgrenzen, ruinieren.
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Ich habe noch keine “Haltung”, keine abschließende, kluge These zu PEGIDA und dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Wütend bin ich heute Abend vor allem auf eine Medienlandschaft, die mich 20, 50 Mal pro Tag fragt: “Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt? Bist du dafür oder dagegen?” und dabei nur Empörung, Wut aufpeitschen will. Ein Flüchtlingsheim – bei uns? Nebenan? Eine Zeitung – die meine Religion verspottet? Islamisten – die Europa bedrohen? Flüchtlinge – die an den Grenzen Europas sterben? Eine Frau – verschleiert? Eine Frau – zu dick? Eine Frau – mit 18 Kindern? Eine Schildkröte – in Plastik eingeschweißt? Ein Veggie-Day? Ein Rauchverbot?
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Und jetzt? Wie fühlst du dich? Soll das so sein? Soll das so bleiben? Stimm ab! Schimpfe los!

23:00 07.01.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Mesch

Autor, Kritiker, Kulturjournalist in Heidelberg und Toronto. Schreibt für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. www.stefanmesch.wordpress.com
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Stefan Mesch

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