Schmöker, lass nach

Shortlist Ob Frank Witzel oder Jenny Erpenbeck: Mit einer etwas paradoxen Auswahl macht sich der Buchpreis angreifbar
Stefan Mesch | Ausgabe 41/2015

Wer 2015 nur ein einziges Buch lesen kann, dem empfehle ich getrost Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen. Kosten: 19 Euro 99, Umfang: 352 Seiten. In kaum zehn Stunden Lesezeit bewältigt und verstanden. Simple Sprache. Viel Wissenswertes zu Asylrecht und Geflüchteten. Der Alltag afrikanischer Männer in einer Berliner Unterkunft, beäugt von einem skeptischen deutschen Professor in Rente. Altern, Heimatlosigkeit, DDR-Vergleiche. Kulturen im Dialog. Fünf von fünf Sternen. Lesenswert! Besonders auch für Schulklassen. Aber zählt dieser simple, muntere, gut gemeinte Asylroman zu den größten literarischen Leistungen 2015? Ist er buchpreiswürdig?

Ein hilfsbereiter Herr mit kolonialem Blick begreift langsam, häppchenweise die EU-Politik: Wer nichts über Flucht und Grenzen weiß, lernt hier sehr viel. Jenny Erpenbeck schreibt klar und schlicht, doch literarische Raffinesse und Anspruch fehlen. Erpenbecks Roman steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Vielleicht wird er gewinnen. Nächsten Montag, am 12. Oktober, wissen wir es.

Wie belehrend, eingleisig pädagogisch darf der potenziell „beste Roman 2015“ sein? Was bringt und kann, wofür steht der Deutsche Buchpreis – und dürfen wir mehr von ihm erwarten als solche munteren, simplen, gut gemeinten Belehrungen? Was sucht Gehen, ging, gegangen im Finale dieses Preises? Ja, mehr noch: Warum ist Jenny Erpenbeck, verglichen mit den fünf anderen Finalisten der Shortlist, sogar die beste – am wenigsten paradoxe – Wahl?

Der Deutsche Buchpreis ist „kein Buch-, sondern ein Marketingpreis“, schrieb Monika Maron einmal. „Es geht nicht um Literatur, sondern um die Verkäuflichkeit von Literatur ohne großen Aufwand.“ Und es geht um eine Literaturkritik, die „plötzlich wieder Macht“ hat: Seit 2005 werden jeden Spätsommer erst 20 Longlist-, dann sechs Shortlist-Titel für Monate ins Gespräch gebracht, von einer siebenköpfigen, jährlich wechselnden Jury. Die Mehrheit: Kritiker. Ein bis zwei Buchhändler. Immer seltener Autoren.

Wonach suchen diese Jurys? Was wollen sie zum besten Roman küren: Crowdpleaser? Meilensteine? Den jeweils besten massentauglichen Belletristik-Schmöker fürs Weihnachtsgeschäft? Entdeckungen? Oder Texte, in denen Deutsche ein Kapitel deutscher Geschichte neu erschreiben, fürs deutsche und internationale Publikum?

Ist der „beste“ Roman ein zugängliches, simples Buch, das möglichst vielen Menschen „möglichst viel bringt“ – wie Erpenbeck? Oder die aktuell höchste Entwicklungsstufe deutschsprachiger Erzählkunst – Avantgarde, State of the Art? Nutzt man den Preis, um andere Schreibweisen, Stimmen, Perspektiven ins Rampenlicht zu rücken? Bücher für die Ewigkeit? Bücher für alle? Bücher als Lese-Verführer und Appetitmacher für neugierige Wenigleser? Bücher, an denen kein Weg vorbeiführt? Oder Bücher, die ohne den Preis niemals Breitenwirkung entfalten könnten?

Weil Clemens J. Setz’ gewaltiger Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre nach der Longlist ausschied, sprach Richard Kämmerlings (Die literarische Welt) der Jury die Kompetenz ab: „Der Deutsche Buchpreis 2015 ist damit schlicht bedeutungslos geworden.“ „Kritiker von Rang und überregionalem Wirkungsgrad“, klagt Kämmerlings, hätten Setz unbedingt ausgezeichnet.

Fehlende Transparenz

Ich nicht. Denn Setz ist 32 Jahre alt, hat in acht Jahren vier Romane und zwei Erzählbände veröffentlicht, gewann 2011 den Preis der Leipziger Messe und ist mittlerweile jedem potenziellen Setz-Leser ein Begriff: Die Chancen stehen gut, dass sich dieser tolle, schrullige Zauberer noch für Jahrzehnte alle 16 Monate literarisch selbst übertrifft. Muss so lange jedes Mal jemand „Der Buchpreis schafft sich ab“ schreien, wenn Setz auf einer Shortlist fehlt? Seine 1.000-seitige Gitarre findet auch ohne Preis den Weg. Und aufregender ist sowieso Setz’ 100-Seiten-Band von Anfang April, Glücklich wie Blei im Getreide. Außerdem hat er jetzt gerade den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis gewonnen.

Mich grämen andere Fragen: Ich hoffe, die Jury macht ihre Entscheidungen, Prinzipien transparenter. Ist jeder Titel auf der Longlist ernst gemeint? Sahen einzelne Jurorinnen, Juroren in Underdogs wie Anke Stellings Bodentiefe Fenster jemals „das beste Buch des Jahres“? Oder gibt es taktisch gewählte „gut genug für die Longlist, anschließend fliegt es eh“-Entscheidungen?

Hatte ein Buch wie Peter Richters 89/90 eine Chance – im Jahr, nachdem Lutz Seilers Kruso mit ähnlicher Thematik den Hauptpreis gewann? Hat die komplette Jury alle sechs Shortlist-Titel gelesen, komplett? Wann? Vorher gar die komplette Longlist? Und gibt es Absprachen wie: „Schwitter ist nicht gut genug für den Hauptpreis. Aber auf die Shortlist lassen wir sie noch“? Haben Ex-Juroren Angst, über diese Prozesse zu sprechen? Oder schämen sie sich?

Man darf sagen: In einem Bücherjahr, in dem alle 20 Plätze der Longlist mühelos mit jenen trockenen, soliden Altherrenromanen gefüllt hätten werden können, die alle Buchpreis-Listen seit 2005 beherrschen, hat die 2015er Jury tolle Arbeit geleistet. Viel Schrulliges, Leuchtendes, Sperriges prämiert. Auch die Shortlist ist so breit aufgestellt – nein: schwankend, nein: schizophren – wie nie.

Nur hat jeder einzelne der finalen sechs Romane riesige Haken, Fehler und Probleme: Nach der Bekanntgabe des Gewinners wird eine Grundsatzdebatte wohl unvermeidlich. Sollte Erpenbeck – literarisch flach und bieder, aber immens lesenswert – gewinnen, gäbe es noch am wenigsten Zweifel und Irritationen. Aber was, wenn Monique Schwitter gewinnt?

Ihre Beziehungs- und Erinnerungsessays Eins im Andern (Kosten: 19 Euro, Umfang: 232 Seiten) tasten sich an zwölf wichtige Männer im Leben einer Ich-Erzählerin und eine Handvoll Wendepunkte zwischen erster Liebe und Muttistress ab 40. Eine überraschend farblose, fahrige Rückschau, ohne Lebensfreude, Erotik, Selbstbewusstsein oder Feminismus oder Politik. Der Hauptpreis an Monique Schwitter hieße: Der deutsche Buchpreis ist für brave ältere Damen – denen bei zu viel Sex die Ohren schlackern.

Rolf Lapperts Mainstreamkitsch Über den Winter (22,90 Euro, 384 Seiten) beginnt mit einem Performancekünstler Ende 40, der an der Küste Spaniens ein ertrunkenes afrikanisches Baby findet.

272 Seiten Einzelhaft

Danach spielt die politische Gegenwart über 300 Seiten keine Rolle – denn Künstler Salm muss für eine Beerdigung zurück nach Hamburg, zieht in sein altes Kinderzimmer beim gebrechlichen Vater, pflegt ein zugelaufenes Pferd und findet zwischen Familie und vielen liebenswerten, traurigen Mietern zu sich selbst. Wer bei Tom-Hanks- oder Til-Schweiger-Filmen weint und kein Problem mit stereotypen Frauenfiguren, abgeschmackter Sprache, fadenscheiniger Sozialromantik hat, darf schmunzeln, träumen, seufzen. Ein dummer, aber nett-beherzter Schmöker.

Ulrich Peltzers Managermosaik Das bessere Leben wird sehr gut – ab Seite 240 (siehe der Freitag 36/2015). Davor reiht Peltzer im Stakkatostil Reizworte und Börsenjargon der letzten 20 Jahre, reißt traurig-vage globale Finanzwelten an und stellt zwei unbehauste, reiche Männer Mitte 50 neben eine sympathisch unsentimentale Frau. Ein starker Roman. Aber der „beste“? Wer zur Entspannung oder einer dringlichen Geschichte wegen liest, wird hier die ersten Lesestunden leiden. Hartes Brot.

Inger-Maria Mahlke gehört zu den tollsten jüngeren Stimmen, ihr Historien-Kammerspiel Wie ihr wollt gewinnt durch Atmosphäre (19,99 Euro, 272 Seiten): Im Herbst 1571 steht Mary Grey unter Hausarrest, denn ihre Cousine Queen Elisabeth hat Angst, dass sie einen Thronfolger gebären könnte. Eine bittere, bucklige Frau, die ihre Zofe beißt und sich in Rage schreibt.Viele Kritiker fanden das originell. Mir fehlten, wie schon in Mahlkes Debüt, Schwung und Hoffnung. Die Innenansicht einer hilflosen, sarkastischen Witwe. Elend. Gestank. 272 Seiten Einzelhaft.

Und was, falls dann doch Frank Witzel gewinnt? Für seinen brillant verquasten, übervollen, herrlich sperrigen Jugend- und Provinzroman Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969 (siehe der Freitag 19/2015)? 800 Seiten Jugendängste, Wahn, 60er-Jahre-Jargon, Katholizismus und Neurosen, in 99 grellen Kapiteln immer neu gekreuzt, verschränkt. Literarische Apophänie: Was, wenn die Beatles Märtyrer wären? Mein Leben ein Schneider-Jugendbuch? Die RAF unser Kinderclub? Was, wenn dieses eigensinnige, wagemutige, bekloppte, brillante Buch Bestseller wird? Und Tagesgespräch?

Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen braucht eigentlich gar keinen deutschen Buchpreis. Denn wer 2015 zugängliche Gegenwartsromane sucht, munter, simpel, gut gemeint, bekommt sie überall empfohlen: im Netz, in Lesekreisen, bei Thalia. Verleiht die Bundeszentrale für politische Bildung Preise? Dann bitte: Erpenbeck!

Der Deutsche Buchpreis aber ist Scheinwerfer, Leuchtfeuer. Signalrakete. Freunde, die nie deutsche Bücher lasen, sagen: „Sieger Uwe Tellkamp kaufte ich mir 2008.“ Und dann: „Ich hänge seitdem auf Seite 200 fest. Ich glaube, deutsche Gegenwart ist nichts für mich. Ich habe nie wieder was gelesen.“ Egal, wer 2015 gewinnt: Favoritin Erpenbeck, Meister Witzel oder einer der holprigeren vier Titel: Keines dieser sechs angreifbaren, erstaunlich windschiefen Bücher im Finale passt gut zum Preis. Alle haben Angriffsflächen, große Schwächen. Peltzer, Witzel sind zu träge, Schwitter, Lappert zu seicht, Mahlke, Erpenbeck keine augenfällig „große“ Literatur. Ich will kein Buchhändler sein, der den Gewinner durchs Weihnachtsgeschäft bringt. Aber Juror? Ich gestehe: Wäre ich gern! Denn was will diese Jury mit dieser Ehrung? Wie kommt man auf sechs grundverschiedene Bücher, von denen keines zu Ziel, Konzept und Anspruch des Preises passt?

Ein paradoxes Jahr. Kein schlechtes! Einzig, dass in allen Titeln Bürger 40 plus die Hauptrolle spielen (und Inger-Maria Mahlkes Mary Grey: verwitwet, verlebt, zerstört mit 26) nimmt etwas Mut. Als Einstiegsdroge und Köder für jüngste Leser taugt keiner der Romane. Hier schreiben Tanten und Onkel. Für Mama, Papa. Oma und Opa. Sechs grundverschiedene Texte – fürs selbe bürgerliche, alternde Publikum.

Stefan Mesch, Jahrgang 1983, ist Journalist, Herausgeber und Übersetzer

06:00 12.10.2015
Geschrieben von

Stefan Mesch

Autor, Kritiker, Kulturjournalist in Heidelberg und Toronto. Schreibt für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. www.stefanmesch.wordpress.com
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