Stefan Mesch
Ausgabe 5215 | 31.12.2015 | 06:00 14

So und nicht anders

Umfrage Wir haben deutsche Autorinnen und Autoren nach ihren Zukunftsvorstellungen befragt

Anke Stelling

Welche Zukunft ich mir wünsche? Ich wünsche mir ihre Abschaffung. No future, endlich. Zukunft ist Katastrophe, seit ich lebe; mir ginge es echt besser ohne. Keine Szenarien mehr, dann muss ich auch nicht mehr darüber verzweifeln, dass andere die nicht ernst nehmen. Und könnte mich auch mal ein bisschen entspannen.

geb. 1971, Autorin, zuletzt erschien Bodentiefe Fenster (Verbrecher Verlag 2015) 

Sabine Scho

Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Teilhabe statt Ausschluss. Seit meinem Studium geht mir Karl-Heinz Hucke nicht aus dem Kopf, der in seinem Buch Figuren der Unruhe. Faustdichtungen einen wahren Schlachtruf herausgearbeitet hat: „Die Welt als ganzer Erfahrungsraum“! Dazu sollten Studienzugänge nicht allein über das Abitur geregelt werden und Schulen auf zu frühe Sondierungen verzichten. Selektionshürden abbauen und Handwerksberufe aufwerten.“

geb. 1970, Lyrikerin, zuletzt erschien Tiere in Architektur. Texte und Fotos (kookbooks 2013)

Antje Schrupp

Ich wünsche mir eine Zukunft, in der die Erwerbsarbeit nicht mehr das Zentrum sozialer Absicherung bildet. In der es ein Grundeinkommen gibt, weil jeder Mensch das Existenzminimum braucht, bedingungslos. „Wirtschaft“ wird dann auch nicht mehr auf „Profit erwirtschaften“ verkürzt, sondern es hat eine Care-Revolution stattgefunden: Menschen, die – ob bezahlt oder unbezahlt – Kinder erziehen, Kranke pflegen, Wohnungen putzen oder Essen kochen, werden nicht wie heute geringgeschätzt und ausgebeutet, sondern sind materiell gut abgesichert. Denn wir alle (und auch die Ökonomen) haben verstanden, dass diese Sorgearbeiten im Zentrum der Ökonomie stehen und ohne sie kein gutes Leben möglich ist.

geb. 1964, Autorin, Journalistin, zuletzt erschien Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext (mit Patu, Unrast Verlag 2015)

İmran Ayata

Ich wünsche mir die Zurückdrängung des Religiösen aus dem Politischen: Zu viele Politiker fordern als Reaktion auf den sich radikalisierenden Islamismus, man solle bibelfest sein und Kirchenbesuche als Ritual für sich wiederentdecken. Ob AfD oder Front National – sie erhalten Zulauf, weil sie den Islamofaschismus nutzen, um ihre eigene menschenverachtende Politik zu etablieren.

Und ich träume von einem Champions-League-Finale zwischen dem 1. FC Union Berlin und Galatasaray an der Anfield Road. Verlängerung, Elfmeterschießen. Egal, wer gewinnt: Ich würde auf der Tribüne singen, so oder so.

geb. 1969, Campaigner und Autor, zuletzt erschien Ruhm und Ruin (Verbrecher Verlag 2015)

Clemens Setz

Die Zukunft ist ja heute längst nicht mehr das, was sie einmal war. Ich erinnere mich an eine Zukunft, die noch sehr handfest und konkret war. Ich denke, es wäre schön, wenn es in unserer heutigen Zukunft noch einige wild lebende Tiere gibt.

geb. 1982, Autor, zuletzt erschien Die Stunde zwischen Frau und Gitarre (Suhrkamp 2015)

Florian Voss

Ich träume von einer Welt, in der Wachstum durch Fortschritt ersetzt wird. In der die Akkumulation von Besitz und Kapital, in der Konsum bis zum Tode beendet wird.

Stattdessen sollten bessere Akkumulatoren gebaut werden, Akkus für Elektromobile. Und Verbrennungsmotoren sollten einfach verboten werden.

Denn ich bin für den dirigistischen Staat, der den gemeinen Mann, die gemeine Frau auf der Straße zum Umdenken zwingt. Not with a little nudge, sondern mit dem Vorschlaghammer.

Ich träume von 90 Prozent Steuern auf Finanztransaktionen, 90 Prozent auf Erbschaften, 90 Prozent auf ruhendes Kapital.

Ich träume von einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Ich träume von einer Welt, in der man wieder atmen kann.

geb. 1970, Lyriker, zuletzt erschien Weltkrieg! Gefallene Dichter 1914 – 1918 (Lyrikedition 2000 2014)

Annika Reich

Mein Leben ist eine Möglichkeit deines Lebens, genau wie dein Leben eine Möglichkeit meines Lebens ist. – Seit diesem Jahr wünsche ich mir wirklich nichts mehr, als dass wir diesen Satz wirklich meinen und danach handeln.

Und was heißt Zukunft auch anderes als: es wird Zeit!

geb. 1973, Autorin, zuletzt erschien Die Nächte auf ihrer Seite (Hanser 2015)

Isabel Bogdan

Ich wünschte, ich könnte mir etwas für mich wünschen. Aber bei mir läuft gerade alles wunderbar, und deswegen wünsche ich mir für die Zukunft das Größte und vielleicht Naivste, was man sich wünschen kann: Frieden. Das Erstarken der Rechten in ganz Europa macht mir Angst, ich wünsche mir für die Zukunft, dass endlich Humanismus und Aufklärung einziehen mögen in den Köpfen und in den Bildungsprogrammen. Mehr Bildung und mehr Menschlichkeit, das kann doch so schwer nicht sein.

geb. 1968, Bloggerin, Autorin, Übersetzerin

Thomas von Steinaecker

Was könnte man sich in diesen Zeiten anderes wünschen als Frieden, Warmherzigkeit, das Ende des Hungers, mehr mutige Menschen und mehr Kreativität bei den Entscheidern? Weil das alles aber wie aus einem Kitschfilm klingt, wünsche ich mir für die Zukunft dies: dass die Zunahme der Phrasendrescherei und die fahrlässige Aushöhlung der Wörter endet; dass „Mitleid“ wirklich „Mitleid“ bedeutet, und „Liebe“ „Liebe“. Ohne Wenn und Aber. Jetzt.

geb. 1997, Autor

Rebecca Maskos

Eine Zukunft ohne Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat, das wär super. Abgesehen davon: Wie wär’s, wenn alle Gebäude zugänglich werden für Rollatoren, Kinderwagen und Skateboards? Wenn Rollstühle nicht mehr Symbole von Scham und Scheitern, sondern cool und normal wären? Technokratische Visionen von Exoskeletten und andere Heilungsphantasmen wären passé – und Behinderung würde endlich als das gesehen, was sie ist: ein nicht immer leidvoller Zustand, der zu jedem Leben früher oder später dazugehört.

geb. 1975, Fachautorin und Aktivistin

Kristof Magnusson

Ich wünsche mir eine Zukunft, in der wir optimistischer in die Zukunft blicken. Eine Zukunft, in der wir gelernt haben, die wichtigen Probleme der Welt zu benennen, ohne zu lamentieren. Eine Zukunft, in der wir trotz kritischem Denken und notwendiger Gesellschaftskritik nie die enormen Fortschritte aus dem Blick verlieren und nie vergessen, dass es durchaus Grund für Optimismus gibt.

geb. 1976, Autor, zuletzt erschien Arztroman (Verlag Antje Kunstmann 2014)

Theresia Enzensberger

Ich bleibe mal bei Berlin, das ich sehr mag. Mein frommer Wunsch ist es, dass Menschen, die hier ankommen, anständig behandelt werden, anstatt nächtelang ohne Versorgung in der Kälte zu stehen. Es wäre schön, wenn die Regierung dieser Stadt damit aufhören würde, ihre Pflichten am Landesamt für Gesundheit und Soziales auf die Zivilbevölkerung abzuwälzen und das als „Willkommenskultur“ zu feiern. Ich fürchte aber, die katastrophalen Verhältnisse an dieser Registrierungsstelle sind politisch gewollt und Teil der sogenannten Abschreckungspolitik.

geb. 1968, Journalistin, Herausgeberin des Block-Magazins

Anne Weber

Ich träume von einer Zeit, in der die Wörter einen zwar sich wandelnden, aber doch bestimmten Sinn haben, in der zum Beispiel nicht alles „Information“ heißt, was irgendwo jemand von sich gibt und in Umlauf bringt. Ich träume von Kindern und Alten, die sich von der Zukunft nicht ablenken lassen und sich in ein Geschriebenes, einen Gedanken, einen Klang oder einen Anblick vertiefen, wobei das Geschriebene papierlos und der Klang der einer Zukunftsmusik sein kann. Damit eine solche Zeit eintritt, müssten viele sie wollen.

geb. 1964., Autorin, zuletzt erschien Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch (S. Fischer Verlag 2015)

Simone Dede Ayivi

Ich wünsche mir, dass wir das Hier und Jetzt überstehen. Ich will, dass wir aufhören, unter unseren Möglichkeiten zu bleiben. Ich will, dass wir selbst einsehen, dass unsere Leben zählen. Ich will mich mit euch wundern und Kunstwerke erschaffen. Ich will, dass wir uns mitten am Tag in Hängematten legen und uns nachts frei auf der Straße bewegen. Ich will mit euch Sex Toys tauschen. Ich will, dass wir uns nie wieder im Theater langweilen. Ich will, dass wir laut widersprechen. Ich wünsche mir, dass wir solidarisch miteinander Zukunft machen. In Kompliz*innenschaft.

Autorin, Theatermacherin

Asal Dardan

Meine Zukunft ist eine, in der lediglich der Twitter-Bot @thesefutures noch über das Kommende spekuliert. Wir Menschen verlernen, über die Zukunft nachzudenken, wollen keine Utopien mehr, nicht über uns hinauswachsen, das Leben und uns verbessern, eine andere Welt kreieren. Wir schauen auf das, was wir haben – unsere Verletzlichkeit, unsere Liebe, unsere Angst, unser Begehren. Wir trauen uns einfach. Und dann lesen wir uns hin und wieder die Timeline von @thesefutures durch und amüsieren uns ganz fantastisch.

geb. 1978, Bloggerin

André Spiegel

Ich möchte, dass das Internet alles aufnimmt, was vor seiner Erfindung gedacht, komponiert, gemalt, aufgeschrieben wurde. Dass also zum Beispiel jedes Buch, das je geschrieben wurde, durchsuchbar und augenblicklich verfügbar wird. Und alles, was in Zukunft gedacht und aufgeschrieben wird, natürlich auch. Dazu müssten wir unsere Angst vor den Daten verlieren, nicht mehr als Erstes denken: Wie lösche ich das?, sondern sie als unser Element begreifen. Und dann möchte ich nie mehr das Wort Internet hören.

geb. 1968, Programmierer, Autor, Dozent

Christiane Frohmann

Meine Zukunft: Die Menschen haben, um der global unverhältnismäßigen Konfliktentwicklung zu begegnen, das Kommunizieren, besonders aktives Zuhören und sinnverstehendes Lesen, neu eingeübt. So sind etwa „Ganz ehrlich“, „Lass uns realistisch sein“, „Irgendwann ist es auch gut“ und „Man wird doch noch sagen dürfen“ aus der Alltagssprache verschwunden, auch Zwinkersmileys zum Verschleiern von Patronisierungen sind passé. Internetkommentare werden nur ihren Verfassern angezeigt und – ermöglicht durch die Chan-Zuckerberg-Initiative – automatisch von der Pflanzung eines Baums zur Wiederaufforstung des Regenwaldes flankiert.

geb. 1969, E-Book-Verlegerin

Illustrationen zu dieser Ausgabe

Die Bilder der Ausgabe sind illustrierte Zukunftsvisionen von Klaus Bürgle aus dem letzten Jahrhundert: „90 Prozent waren Forscherwissen, das andere Fantasie und Konstruktion.“ Mehr über den extraterrestrischen Grafiker erfahren Sie im Beitrag von Christine Käppeler

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 52/15.

Kommentare (14)

Reinhold Schramm 31.12.2015 | 13:47

"Wenn alle Grundeinkommen bekommen, wer soll dann die Toiletten putzen?"

Oder: 'Wir Bürgerkinder verschönern den Kapitalismus und Imperialismus, die Ausbeutung des werktätigen Menschen durch den bourgeoissozialistischen und kapitalfaschistischen Menschen, -- der gut-geschmierten ideologischen Administration und 'Sozialpartner der Bourgeoisie und Aktionäre!

Amen 2015

herb66 04.01.2016 | 00:00

In der frühen DDR, also 50ziger, 60ziger Jahre, war ein beliebtes Aufsatzthema in der Schule, wie wir uns denn den Kommunismus vorstellen, denn das war natürlich die Zukunft.

In der späten DDR diskutierte man solche Fragen nicht mehr.

Schön, dass sich jetzt hier Damen und Herren Schriftsteller darüber Gedanken machen :-) Da fühle ich michj ja fast wieder zu Hause *gg*

herb66 04.01.2016 | 14:19

@Comparse

Ich habe meinen Kommentar ja eigentlich ironisch gemeint, aber gebe zu, man kann ihn auch ernsthaft betrachten.

Ist die DDR gescheitert, weil man nicht mehr träumte - oder gar weil man anfangs zuviel träumte?

Der siegreiche Weltkapitalismus war halt ökonomisch effektiver, schon Lenin warnte, die höhere Arbeitsproduktivität entscheidet darüber letztendlich, wer Sieger wird.

Und der Westen hatte "Weltökonomen" wie Schmidt in Verantwortung mit Durchblick (?), ein ehemaliger Wehrmachtsoffozier, die DDR dagegen einen ehemaligen Zuchthäusler unter Hitler an der Spitze wie Honecker, der bis zum Schluss unnachahmlich nuschelte "den Sozialismus in seinem Lauf' hält weder Ochs' noch Esel auf", aber von Ökonomie nix verstand.

Schmidt dagegen "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt" gehen.

Vorgestern sah ich in der Berliner Abendschau einen Verantwortliche für die Obdachlosenhilfe, der sagte, wir haben zu viele Obdachlose , um sie in den kalten Nächten unterzubringen, vor einigen Jahren waren es tausend, inzwischen sind es mehr als fünftausend in Berlin. Man bräuchte ungefähr 10 Millionen, um das Problem zu lösen, aber die Stadt bringt das nicht auf.

Der Siegeszug des Kapitals, der nach der Wende so richtig losging, scheint einige zu vergessen.

Wenn wir realistisch die Zukunft betrachten, werden wir wohl 10 Millionen Obdachlose haben.

In der DDR allerdings, hatte ich nie einen gesehen. War das ein Fehler?

Verwendungszweck 05.01.2016 | 18:03

"In der DDR allerdings, hatte ich nie einen [Obdachlosen] gesehen."

Zu Zeiten der DDR gab es auch in der BRD kaum Obdachlose. Die Auflösung des Ostblocks führte dazu, dass der Westen jegliche Konkurrenz in Sachen Teilhabe für möglichst viele aufgeben konnte. Die Kostenoptimierung in Sachen soziale Investitionen seither ist geradezu eine kapitalistische Basisfunktion/-reaktion.

Dass der Kommunismus (Sozialismus) erfunden wurde, kam nicht von ungefähr.

Die Rückentwicklung von der Sozialen Marktwirtschaft zum ganz normalen Kapitalismus ist in Deutschland noch im Gange.

Gabriel hat beim letzten Parteitag klipp und klar gesagt, dass sich die SPD nur noch um die kümmert, die eh haben.

herb66 06.01.2016 | 15:26

@VERWENDUNGSZWECK

Ich stimme Ihnen ja zu, dass es für die Armen immer schlechter wird, aber dass es zu Zeiten der DDR kaum Obdachlose gab, halte ich für ein Gerücht.

Die ersten Wochen war ich fast täglich in Westberlin, um zu sehen, was da auf uns zukommt, zu sehen, zu hören und zu riechen... Obdachlose erschienen mir damals schon recht zahlreich.

Anfang der Neunziger konnte ich nachts nicht schlafen, wir wohnten in der Nähe der Mainzer Straße als die Polizei mit Hubschraubern, Wasserwerfern und Panzerfahrzeugen einige Wochen lang so schien es gegen Hausbesetzer vorging.

Nee, Illusionen über das neue Land hatte ich mir nie gemacht, grins, über das alte allerdings auch nicht. Den "Kommunismus" a la DDR sollte keiner wollen, oder.