Wiesen aus Stilblütengras

Nobelpreis: Favorit ohne Chance: Jedes Jahr hoffen Fans und Glücksspieler auf den Literaturnobelpreis für Haruki Murakami. Sind Kitsch und Schmöker preiswürdig?
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Seit Ende September 2005 las ich 6.970 Seiten Kurzgeschichten, Essays und Romane von Haruki Murakami.

Das ist keine Zahl, die einem Stephen-King-Fan imponiert. Oder Lesern großer Krimi-Reihen. Georges Simenon allein schrieb fast 200 Titel. Kein Leser ruft: „Lasst uns nach Masse bewerten! Nach Disziplin und Fleiß. Zeichnet endlich diesen Vielschreiber aus!“



ein "sprachloses, kunstloses Gestammel"

Im Gegenteil: Seit 1979 (in Deutschland ab 1991) spülten 13 Murakami-Romane und über 50 Short Stories schlimm ähnliche Fragen und Hauptfiguren durcheinander, immer neu – aber immer gleich, so kunsthandwerklich verbissen im Versuch, ein Dutzend erzählerischer Marotten ewig neu, ewig anders aufzufächern, dass Murakami-Veteranen schon zu Bingo-Listen greifen, auf denen diese Lieblingsmotive wie bunte Klischee-Bauklötze stapeln: einsame Großstadtjunggesellen, Katzen, ernste Frauen mit verführerischen Ohrmuscheln. Anonymität, Un-Heimlichkeit in Tokio. Und gegenüber: Hellsehen, Märchenbilder. Magischer Realismus! Falltüren aus dem Alltag, runter in die Rumpelkammern von Freud und Kafka.

Die Wertschätzung für Murakami verläuft in Wellen: Für Amerikaner blieb er lange Underdog, Geheimtipp. Stilistisch schlichte Großstadt-Texte von einer Insel, exotisiert und fremd. In Japan sind seine Bücher Besteller, aber umstritten, „besonders älteren Lesern ist er ein gutes Stück zu weit verwestlicht“, erklärt Roland Kelts, „oder, wie Japaner sagen, zu batakusai: nach Butter stinkend.“

Sechs Jahre, in denen Murakami mit seiner Frau in Griechenland und Boston lebte; eigene Übersetzungen von Autoren wie Raymond Chandler und Fitzgerald; sehr viel Musik (Jazz!): Japans literarischer Kultur und dem lokalen Betrieb fühlt sich Haruki Murakami kaum verpflichtet. Und manchmal reagieren die Medien seiner Heimat patzig:

„Murakamis internationaler Erfolg zeigt nicht, dass Stil und Kunst nationale Grenzen überwinden können“, ätzt ein nationalistischer Kommentar der Japan Today, „sondern nur, dass das amerikanische Verlagswesen noch immer die Vorherrschaft hat: Das Englisch lesende Publikum interessiert sich nicht für das tatsächlich Fremde.“ In Deutschland blieb vor allem Marcel Reich-Ranickis Hieb gegen Sigrid Löffler im Gedächtnis, im „Literarischen Quartett“, zum (faden) Murakami-Roman „Gefährliche Geliebte“. Er lobte die Erotik. Löffler klagte: „Das ist keine Literatur. Das ist bestenfalls literarisches Fast Food – ein vollkommen sprachloses, kunstloses Gestammel.“

Birnen? Immer preiswürdig!

Das Buch wurde vom US-Text weiter ins Deutsche übertragen; ein Stille-Post-Pfusch, den Dumont erst 2005 mit einer direkten Übersetzung korrigierte. Doch heute noch, im besten Deutsch von Übersetzerin Ursula Gräfe, wirkt Murakamis Sprache oft hakelig, lasch, kunstlos naiv. „Von den Frauen, mit denen ich bis dahin zusammen gewesen war, war sie die dritte, die sich für den Freitod entschieden hatte. Wenn ich es mir recht überlegte, oder nein, das brauchte ich mir gar nicht zu überlegen, war das eine ziemlich hohe Todesrate.“ Uff.

2014 ist Murakami weltweit angekommen: bei Lesern, die das kalkuliert Besondere suchen, immer gleich – aber immer neu. Bücher, die man gerne verschenkt, Schmöker voller Zauber, Schauder, heißkalten Harmlosigkeiten. Auf über 6,970 Seiten durchlief er alle Stadien vom Underdog zum Stephen King der Eso-Schmöker: Nächsten Monat erhält er den „Welt“-Literaturpreis, im Axel-Springer-Haus. Genauso gut könnte man dem Frühling einen „Welt“-Jahreszeitenpreis verleihen, oder einer Birne den „Welt“-Obstpreis. Murakami geht immer.

Doch eine solche offiziöse Bestätigung, dass diese Bücher, das Gesamtwerk (echt, jetzt!) großartig sind, auch, wenn sie (Satz für Satz!) ständig holpern… scheint gerade sehr nötig, von weltweiten Lesern kollektiv ersehnt:

Murakami 2014? Gut wie selten!

„Mister Aufziehvogel“ (1995) und „Kafka am Strand“ (2002) sind Meilensteine, „Naokos Lächeln“ (1987) ein melancholischer, süffiger Publikumsliebling, „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ (1985) tatsächlich eins der intensivsten, besten denkbaren Herzensbücher. Doch ich war niemals müder als im vorletzten Roman, auf 1,593 Seiten „1Q84“, als flache Frauen sich in Zeitlupe auf „Wiesen aus Stielblütengras“ erträumten. Und ich bin sicher, das Nobelpreis-Komitee hat damals, ca. 2011, kollektiv bestimmt: „Der nicht! Nicht damit. Auf keinen Fall!“

Der aktuelle Roman, „Die Pilgerjahre des farblosen Herr Tazaki“, ist besser als alle Murakami-Texte der letzten 10 Jahre. Und die aktuellen Erzählungen, „Von Männern, die keine Frauen haben“, sind seine besten seit 20 Jahren: 2014 war ein grandioses Murakami-Jahr. Ob Murakamis Nobelpreis-Wettquote auf solche Schwankungen reagiert?


Wer ein, zwei Murakami-Titel las, findet ihn weise. Oder dumm. Originell. Oder abgeschmackt. Doch wer ihm tiefer folgt, sieht beides: Die Bücher sind weise und dumm. Originell. Und abgeschmackt! Und dieses Schaukeln, Paradox lässt uns so dringend einen großen Literaturpreis für ihn wünschen:



Haruki Murakami ist 65 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt der Empfänger des Literatur-Nobelpreis' liegt bei 64 Jahren. Und trotzdem liest er sich entscheidend jünger. Verquast. Verspielt. Fleißig. Herzlich und geliebt – von einem globalen Publikum. Ein Nobel-Autor? Eher nicht. Doch sollte er je gewinnen… es träfe den Richtigen. Trotzdem.

16:59 10.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Mesch

Autor, Kritiker, Kulturjournalist in Heidelberg und Toronto. Schreibt für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. www.stefanmesch.wordpress.com
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Stefan Mesch

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