Christliche Leidkultur

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Für einen Biertest zu Ostern hätte ich auch woanders hinfahren können. Logroño, Rioja, Spanien, ist ja nicht gerade berühmt für die Qualität seiner Biere, aber dann: In Zeiten, in denen die Großbodegas Berberana und Vivanco Europa mit zusammengepanschten Billigweinen überschwemmen, ist es einfacher, ein erträgliches Bier zu finden als einen trinkbaren Wein. Und so trauere ich bei einem im Übrigen recht erfrischenden Amstel Oro, das von den Eingeborenen hier völlig zu Recht „Tostada“ genannt wird, dem Niedergang der einfachen 80/20-Mischung von Tempranillo und Garnacha nach. Oder bei einem Franziskaner. Gibt‘s auch, geht aber nur, wenn ich mal vorbeischaue, weil es ansonsten niemand versteht, es unfallfrei ins Glas zu bringen. Was mich außer familiären Machenschaften allerdings wirklich hierhin gezogen hat, war die Aussicht, einmal die sagenumwobenen Osterumzüge zu sehen, während derer die Jungfrau Maria de los Dolores, Jesses selbst sowie geißelwütige Soldaten und vernachlässigte Josefs in allen Dörfern und Städten von A nach B getragen werden, oftmals über C.

Keinesfalls entgehen lassen wollte ich mir die „Los Picaos" genannten Umtriebe in einer sagenhaft schön im Ebro-Tal gelegenen Fortifikation namens San Vicente de Soncierra, in deren Verlauf sich „disciplinantes“ genannte Freiwillige selbst vermittels speziell angefertigter Seilbündel nach allen Regeln der Kunst flagelli- la- stifizieren. „Autoflagelacion“ im Spanischen, möglicherweise selbstverständlicher.

Nachdem ich auch noch andere, eher karnevalesk anmutende Umzüge gesehen habe, die sonderbar die Basis für den Aufzug des Ku-Klux-Klan gebildet zu haben scheinen, kommt mir diese Züchtigung der eigenen Weltlichkeit, die auf den ersten Blick recht blödsinnig anmutet, schon wieder sympathisch, neutestamentarisch und protestantisch vor.

Wein trinken (trotz allem), Fotos machen und mit dem Auto durch schöne Landschaften fahren (wichtig: erst trinken, dann fahren). Aber was mir wirklich Sorgen bereitet, ist dass man sich in Deutschland und England die Köpfe zerbricht ob der Frage, wie man die verrottete spanische Wirtschaft und den Euro rettet, wer wem in welche Taschen greifen kann, während der gemeine Spanier von einer Fiesta zur nächsten taumelt und sich höchstens dafür interessiert, wie gut die EU-finanzierten Straßen, der neue Wein und die Fußballmannschaften von Real und Barca sind (ausgerechnet: wenn man Lippenlesen kann, sieht man den höchst spanischen Fluch auf den Lippen der ungerecht behandelten Spieler: „la puta virgen" - und ich spare mir hier, den Gesamtfluch abzudrucken. Kaum vorzustellen, dass ein Spieler von Bayern München seinen Unmut äußert, indem er „verhurte Maria“ ruft).

Und die Regierungsmannschaft unter Zapatero (ist übrigens auch der Name des Insekts „Wasserläufer“) redet über: die ETA. Und die Medien über: Die Hochzeit von Prinz Pillepopp von England mit irgendeiner Käthe.

Wenn ich nur hier bleiben könnte: Dann würde ich mich auch zur Autoflagelacion anmelden. Oder ich würde eine Initiative starten, derzufolge alle politisch Verantwortlichen für die Verdummung dieses Landes einmal pro Woche durch’s Dorf getrieben und gezwungen werden, sich selbst auszupeitschen.

Oder ich würde, wie alle Spanier, gar nichts machen, noch ein Bier trinken und konstatieren, dass das Wetter sehr schön ist.
10:33 01.05.2011
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Geschrieben von

S.Piderman

Reisender, der irgendwo aufgehalten wurde. Kennt man ja. Kalypso ist immer eine gute Ausrede.
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S.Piderman

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