Der Preis des Leidens

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Jetzt hab ich nach der jüngsten Preiserhöhung für ein Pint vorgemischtes Rothaus-Weizen vom Fass GBP4,40 bezahlt. Nach alter Zeitrechnung sind das vierzehn Mark 50. Das treibt nicht nur den Literpreis auf satte 11 Oi, sondern auch mir die Tränen in die Augen. Biertester ist kein Beruf mit Zukunft. Für das gleiche Geld gibt’s bestimmt schon eine Schnupperstunde Psychoanalyse, in der mir wahrscheinlich beigebracht wird, dass meine Obsession weniger Berufung als Ausflucht ist. Zusammen mit dem Zigarettenkonsum formt sich schnell das Bild eines oral Traumatisierten, der vergeblich versucht hat, von seiner Mutter gestillt zu werden und nun von Kneipe zu Kneipe zieht, bis er eines Tages das perfekte Maß Muttermilch gezapft bekommt.

Müsste mal jemand untersuchen, wie viel Prozent aller Ex-Träger von Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten zumindest Delta-Alkoholiker sind.

Hauptsache es schmeckt. Und allemal besser als abgetrieben werden. Ob so ein Stigma unter medizinische Indikation fällt, und bis wann denn eine vorsorglich leidensbeendende Maßnahme ergriffen werden darf, darüber gibt es doch bestimmt die dollsten Meinungen...diejenigen, die jetzt immer an der Hübschheit des Genpools rumfummeln wollen, sind doch bestimmt nicht so zimperlich. Die rufen : „Wegschmeißen! Neu machen!“ Dann kommen aber die anderen, die meinen, dass Gott blablabla, und der Mensch nicht bliblibli...

Und in der Mitte die arme Jurisprudenz: Hier in Engelland ist jetzt eine Frau zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil sie ihrem 12-jährigen Sohn Bleiche zu trinken gegeben hat, was dieser nicht überlebte. Eine BBC-Reporterin gab das Motiv für diese Tat mit den folgenden Worten wieder: „Er hatte Autismus.“ Wenn sie da nicht mal was falsch verstanden hat.

Der Richter begründete sein merkwürdiges Urteil damit, dass die Frau, die mit der Erziehung überfordert war, verhindern wollte, dass der Junge in ein Pflegeheim kommt, und damit, dass Sie ihn zu sehr liebte. So jedenfalls stand es in der bürgerlichen Presse. Abgesehen davon, dass er wohl eher die Tat als sein Urteil begründete, frug ich mich doch, ob es sich hier um ein weiteres Missverständnis handelte - wenn doch jemand aus „zu viel Liebe" tötet, dann müsste sie doch eigentlich für immer in die Sicherheitsverwahrung. Wenn Sie es tut, damit dieser autistische Sohn nicht von ihr getrennt wird, müsste sie intensiv psychologisch betreut werden, solange sie so eine Tat nicht nochmal begeht, was natürlich unwahrscheinlich ist, da sie nur einen Sohn hatte, und dafür müssten die Sozialdienstleister, die 12 Jahre brauchen, um eine Entscheidung zu finden, für immer in Sicherheitsverwahrung.

Macht es sich ein Richter nicht zu einfach, wenn er sich im Kopf ausrechnet „Option 1 plus Option 2 geteilt durch 2, ergibt... sieben“?

Und andererseits. Gibt es jetzt mildernde Umstände für Spätabtreibungen, die mit irgendeinem „ismus“ des Abgetriebenen gerechtfertigt werden können?

Fragen über Fragen...
16:02 03.04.2011
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Geschrieben von

S.Piderman

Reisender, der irgendwo aufgehalten wurde. Kennt man ja. Kalypso ist immer eine gute Ausrede.
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S.Piderman

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