Getütete Unschuldige

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Normalerweise sind es ja immer die getöteten Unschuldigen, die in jeder zweiten Schreckensmeldung durch die Bürgerpresse geistern. Jetzt aber hat hier ein Journaillensprecher verkündigt, dass von der Schließung der „News of the World“, dem britischen Pendant zur Bild am Sonntag, vor allem 200 auf die Straße gesetzte, unschuldige Journalisten betroffen sind. Himmel hilf, da kamen mir aber die Tränchen. Unschuldige Journalisten.


Vor 9 Jahren ist mir von einer Marktforschungsagentur Arbeit angeboten wurden, auf Projektbasis, und da sollte ich Interviews durchführen mit Leuten, die Hunde und Katzen und so’n Zeug haben und die Viecher auch füttern.

Marktforschung ist immer ein guter Einstieg, wenn man in London Fuß fassen will. Bei der Vorbesprechung wurde den versammelten Aspiranten aller Länder dann mitgeteilt, dass es sich bei dem Auftraggeber der Studie um die Firma Nestlé handelt. Ei wie fein, hab ich da gedacht. Aufstehen. Nach Hause gehen.

Hinsetzen. Weiter machen. Kein Geld in der Tasche.


Einige Jahre vorher habe ich drei Wochen gebraucht, um eine Seminararbeit im Rahmen der Bevölkerungsgeographie abzuschließen, die sich u.a. mit den Machenschaften der schweizerischen Schoki- und Gummibärchenmafia befasste.

Jetzt dauerte es drei Sekunden, bis mein Gewissen völlig verödet war. Im Nachhinein kann ich nur dankbar sein, denn dem beruflichen Werdegang ist eine moralische Position nur ein Klotz am Bein. Wenn mich heute Merck oder Pfizer beauftragen, geht es mir umso besser, und morgen erledige ich bestimmt noch mal was für die Taliban oder den Vatikan.


Umgekehrt waren viele Studenten am Institut für Germanistik später völlig überrascht, als nur der Dozent und ich uns entgegen ihrer Ansicht einig waren, dass Josef K. in „Der Prozess“ natürlich schuldig ist.

Das werden die wahrscheinlich bis heute nicht begriffen haben.


Unschuld gibt es nur in der Palmolive-Werbung und in der Bibel: „Unschuld, Tilly?“ – „Sie baden gerade Ihre Hände drin!“


Dass ich kein Rückgrat habe macht mich aber nicht zu einem schlechten Wurm.

Nur soll sich keiner wagen, wenn mich die hier laut behördlicher Vorschrift überall lauernden terroristischen Gefahren in einen Eimer Brei verwandeln, mich ein unschuldiges Opfer zu nennen.
16:27 19.07.2011
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Geschrieben von

S.Piderman

Reisender, der irgendwo aufgehalten wurde. Kennt man ja. Kalypso ist immer eine gute Ausrede.
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S.Piderman

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