Metalympics und seine Freunde

50 Jahre Erfolg Grünenthal gewinnt Goldmedaille im sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen für Charakterkrüppel.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Wir bitten Sie, unsere lange Sprachlosigkeit als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen.“

Außer diesem Dr. Harald F. Stock von der Firma Grünenthal, der in Stolberg eine Rede zur Einweihung eines Contergan-Denkmals hielt, darf ja heutzutage keiner mehr Witze machen. Vor allem nicht, wenn gerade die paralympischen Spiele abgehalten werden. Dabei schau ich diesen einarmigen Banditen beim Schwimmen zu und warte auf‘s Bogenschießen. Bogenschießen der geistigen Kleinrentner, die jeden Morgen eine Flasche Doppelkorn frühstücken. Da gibt es eine B-Note für die kunstvollste Bitte um Entschuldigung. (Im Gegensatz zu „Am 31. August hat sich das Unternehmen GRÜNENTHAL gegenüber den Betroffenen entschuldigt“, was der Bundesverband Contergangeschädigter aus der Rede herausliest. So war das gar nicht gemeint.)

Dass die Rede dieses Herrn genau in die Zeit der Paralympics fiel, ist sicher Zufall. So wie es Zufall ist, dass sich die paralympischen Spiele 1960 populär wurden, als die ersten Contergan-Fälle bekannt wurden.

Thalidomid-induzierte Dysmelie oder Aplasie fällt im Übrigen in die sechste von sechs Behinderungskategorien, „Les Autres“, die „Anderen“. Das will ich aber auch meinen - Wir sind die, die die anderen nicht sind, und unsere Regierung hat durch Installation eines Stiftungsgesetzes dafür gesorgt, dass diesen anderen der Rechtsweg versperrt wird, und dass Grünenthal die außergerichtliche Lösung einer Zahlung von 114 Mio. DM heute in aller Öffentlichkeit als Spende und damit als Zeichen seiner Gutherzigkeit ausgeben darf, genauso wie die 2009 beschlossene „Zustiftung“ von 50 Mio. Eu... Im Übrigen hat ja der Contergan-Skandal in Deutschland erst zur Entwicklung eines modernen Arzneimittelrechtes geführt. Dem gebührt Dank.

Nur gut, dass das Unternehmen nicht auch noch als einer der Hauptsponsoren der Paralympics auftritt - so wie die Firma Atos, die im richtigen Leben für die Cameron-Regierung die allseits beliebten „work capability assessment tests“ durchführt, die im Großen und Ganzen dazu dienen, Langzeit-Behinderte als arbeitsfähig einzustufen und sie somit eines Anspruchs auf Rentenzahlung zu entheben, ohne im Gegenzug für eine der Behinderung angemessene Arbeitsstelle zu sorgen.

Das Motto der Paralympics ist ja dann ja nur konsequent: „Inspire a generation“ - diese Generation der Anderen, die von uns ansonsten keine Hilfe erwarten kann, darf sich damit trösten, dass sie es auch allein schaffen kann, wenn sie sich nur von einigen Dressurreitern mit Asperger-Syndrom und Bahnradfahrern mit appem Arm inspirieren lässt und sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Oder in den Mund, je nach dem.

Und nun entschuldigen Sie mich bitte.

18:25 04.09.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

S.Piderman

Reisender, der irgendwo aufgehalten wurde. Kennt man ja. Kalypso ist immer eine gute Ausrede.
Schreiber 0 Leser 0
S.Piderman

Kommentare