One for the road

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Ich war ja immer ein großer Freund der Füchse. Nicht dass ich einen persönlich kenne, aber als hier in Engeland die Debatte um das Verbot der Fuchsjagd aufgeführt wurde, war ich ohne weiteres Für und Wider auf der Seite der Fuchsbefürworter und Gegner der Jagd. Warum auch immer. Eigentlich finde ich Tiere immer auf Tellern am sympathischsten.

Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass der erste Film, den ich in meinem Leben gesehen zu haben mich entsinne, Walt Disneys Robin Hood war.

Jetzt bin ich heute aber gegen Mitternacht nach Hause geradelt, nach einem Glas Tucher Weizen im Rochester Castle, der untersten Schublade der Wetherspoon-Billigkette. Ein Pint 2.35. Das muss ich immer trinken nachdem ich ein Erdinger hatte, wo war denn das? Marksman, Hackney Road… ein jämmerliches Weizenbier. Außer wenn man Achselschweiß mag. Und ich rede nicht von dem Achselschweiß unter den Armen einer Halbgöttin, die zufälligerweise in Deinen Armen ruht. Und diese fiese Note von Altmetall. Schmeckt alles zusammen ein wenig wie der gestrichene Arbeitsplatz eines notorischen Masturbanten an altem Stahlstandort. Soll man gar nicht glauben, dass es nicht aus Duisburg, sondern aus München kommt.

Warum ich manchmal Erdinger bestelle weiß ich auch nicht. Vielleicht weil ich mich noch ein wenig an den Sommer klammern will, nicht achtend den Oktober, der sich mit Sündfluten und Sturm auf die Stadt geworfen hat. Die Zeit bis zum ersten Porter verzögern. Oder weil es an sich immer noch eine Überraschung ist, dass es in England überhaupt Weizenbier gibt. Tucher ist natürlich auch nur mittelprächtig, ohne großen Fruchtkörper und zu transparent. Aber allemal besser als der Niedergang der Schwerindustrie. Zwei andere, richtige Weizenbiere gibt’s hier schon noch, aber da war ich heut nicht.

Und wieder stand da so ein Fuchs im Weg und bewegte sich auch nicht, als ich auf ihn zufuhr, und der Kollege war so hässlich wie die Nacht, mit ungekämmtem Fell, an Stellen zerrupft, und rot war er auch nicht, sondern so versautgrau, mit kümmerlichem Schwanz. Isst wahrscheinlich auch bei Lidl am Hintereingang oder bei MacDonald’s.

Kameraden wie dieser Fuchs oder andererseits Tauben, Schleiereulen oder Wanderratten gehören Soziobiologen zufolge in die Klasse der Kulturfolger – nur schade, dass es in London keine Kultur gibt, der es sich zu folgen lohnt. Die meisten Menschen vertreiben sich ja die Zeit meist mit Fernsehen, Reste essen, fies zu anderen Leuten sein und so tun, als müssten sie noch irgendwo hin. Ansonsten ist ihnen alles egal. Daran gewöhnt man sich, dass alles allen egal ist, aber einen Fuchs zu sehen, dem alles egal ist, bedrückt mich sehr.

Was waren das für schneidige Gesellen. Immer auf der Hut, geschniegelt und elegant, und jetzt verkommen diese zigtausend Vertreter einer einst großartig durch die Flur schnürenden Rasse zu Heckenpennern, die der Möglichkeit, von mir mit dem Vorderrad zerteilt zu werden, völlig indifferent gegenüberstehen.

Ich denk dann immer: Ach du Schreck, der hat die Tollwut, und mach einen Bogen um ihn. Und dann hoffe ich, dass eine Hundertschaft von mit Portwein leicht beschwipsten Reitern um die Ecke jagt und dieser unseligen Kreatur das verdiente Ende bereitet.

Wäre ihr wahrscheinlich auch egal.

Sic transit…
01:44 10.10.2010
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Geschrieben von

S.Piderman

Reisender, der irgendwo aufgehalten wurde. Kennt man ja. Kalypso ist immer eine gute Ausrede.
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S.Piderman

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