Wenn Bier nicht mehr hilft

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Ist ja immer entspannend, wenn man mal von Ereignissen heimgesucht wird, die man nur bestaunen kann, anstatt sich anschließend gegenseitig zu beschuldigen, nichts unternommen zu haben. Für den Fall des Auftretens einer sogenannten Naturkatastrophe trage ich immer einen kleinen Flachmann in einer Innentasche meiner Jacke, mit einem guten Schluck Lagavulin Single Malt 16 Jahre alt. Da macht ein Jahr mehr oder weniger auch nichts aus. Die einzige Konsequenz, die ich aus der Teilnahme an geologischen Seminaren gezogen habe.

Ich wußte eigentlich auch nicht, wie Geologie sich in den Rahmen des Geographiestudiums verirrt hat, aber bitte. War ja nicht uninteressant. Außer daß die meisten Studentinnen über 60 waren, denn Geologie ist offenbar das beliebteste Fach im Rahmen des Studium generale, und ich kam mir vor wie auf einer Kaffeefahrt. Ich wartete während der Vorlesungen immer darauf, daß jemand hereinkommt und Porzellanfigürchen verkauft oder Rheumadecken.

Die Geologie rückt einem aber den Kopf zurecht, so viel ist klar. Wenn jemand Sorgen hat, weil er nicht weiß, ob er morgen noch Arbeit hat, oder weil er an einer unheilbaren Krankheit leidet, oder weil Felix Magath noch immer die Spieler von Schalke 04 zu Tode langweilt, dann möchte ich immer empfehlen, eine Einführung in Geologie zu besuchen. Das hilft. Da weiß man, wie die Uhr in Wirklichkeit tickt. "Krone der Schöpfung!" – Ha. Das tät Dir wohl so passen! Mach mal die Augen zu, dann weißt Du, was Dich erwartet.

Die Geologen sind ja mal immer ganz schön fasziniert von dem Gedanken der Relativität. Die Lebensspanne der Menschen im Vergleich zu der Lebensspanne der Menschheit im Vergleich zu der Lebensspanne der Dinosaurierheit im Vergleich zu der Lebensspanne der Trilobitenheit im Vergleich zu der Zeit, die die Erde brauchte, um eine einigermaßen erträgliche Temperatur zu erreichen ... wenn Geologen von "in Kürze" oder "vor Kurzem" sprechen, so meinen Sie mindestens 10.000 Jahre, wahrscheinlich aber eher 500.000. Altertum für Literaturwissenschaftler beginnt im siebten Jahrhundert vor 0 mit den vermeintlichen Homeriden, Altertum für Geologen umfaßt etwa viereinhalb Milliarden Jahre und endet etwa 500 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Es gibt sehr interessante Phänomene in der Geologie, aber die kriegt man nicht zu Gesicht. Oder, wenn man sehr, sehr viel Glück hat, sieht man eines, und dann kann man nicht mehr darüber berichten, weil man sie nicht überlebt, wenn man zu nah dransteht.

Geologen befinden sich immer im Widerstreit mit der Menschlichkeit, weil ihr Forschungsobjekt sich um Menschliches nicht schert. Andere Wissenschaften schleppen sich immer mit der Frage herum, welche Auswirkungen auf den Menschen ... was kann man unternehmen ... blablabla. Der Geologie ist das piepe. Was soll man da auch machen? Sterben soll man. Fertig.


Regelmäßig, und vor allem nach Erdbeben oder Vulkanausbrüchen irgendwo in der Welt, laufen hier Sendungen über Geologie im Fernsehen, aber es ist natürlich wichtig, dass sie zuschauergerecht serviert werden. Es muß also eine Gefahr verdeutlicht werden. Das schafft man am besten mit Computersimulationen, die ja heutzutage schwer beeindruckend sind.

Zum Beispiel besteht La Palma aus einem aktiven Vulkan. Wenn der mal wieder ausbricht, besteht höchste Gefahr, daß die halbe Insel im Wasser versinkt, und zwar mit Hurra – Felsmaterial von 20 km Weite und 800 Metern Höhe. Dadurch entsteht eine Flutwelle, die nicht nur 8 Stunden später die Ostküste der Amerikas zerfetzt, sondern auch geil aussieht – jedenfalls auf ITV. Da kann man nur staunen. Die machen ja heute schon so viel…

Und der Yellowstone Nationalpark ist eigentlich auch ein Vulkan oder vielmehr ein Netzwerk von Magmakammern, die sich unter gewissen Bedingungen zu einem gemeinsamen Ausbruch verabreden könnten. Wenn das passiert, dann bleibt kein Auge trocken. Das Gesamtvolumen ist nämlich 2.500 mal so groß wie das des Mt. St. Helens, und der hat uns 1980 ja schon den Sommer komplett versaut. Irgendeiner der kommenden Sommer wird bei uns also 2.500mal so verregnet wie 1980.

Die ganze Sache wird nun deswegen so dringend, weil Yellowstone alle 600.000 Jahre ausbricht, nun aber schon 40.000 Jahre überfällig ist.

Ich war letztens auf einer Konferenz zum Thema Thomas Mann und seine Brüder oder so, und da sprach ein Professor Sowieso zum Thema: "Was ist Tonio Krögers Problem? – Hä? - Was denn? Was hatter denn?" Das hab ich mich immer schon gefragt, und so wartete ich gespannt auf eine Antwort, doch leider konnte man den Meister nicht verstehen, denn er hatte vergessen, daß man beim Sprechen die Zähne auseinandermachen soll. Ich hätte ihn aber ohnehin nicht verstanden, denn ungefähr 20 Konferenzteilnehmer kamen – nicht gleichzeitig, nein nacheinander – zu spät vom Mittagessen. Rumms, Türgeschepper. Raschel, hinsetzen. Hust. Der nächste: Rumms ... astrein. Das sind die gleichen Herrn und Damen Dozentinnen, die die Studentinnen anpfeifen, wenn mal eine zu spät kommt: "Kommen Sie auch schon? Regnet's im Park? Soll ich noch mal von vorn anfangen? Nähx Ma schließ ich ab! C.T., das ist nicht Latein für: Kommze heut nich, kommze morgen ..." und so weiter. Gut nur, dass das keine Konferenz zum Thema Vulkane war.

Ich kann mir so was nicht erlauben. Ich hab bei meiner Arbeit immer sogenannte "deadlines".

Ich bekomme dann immer einen Anruf oder eine E-Mail, Freitag abend: "Bis Montag morgen, 8 Uhr 30, muß das beim Klienten auf dem Schreibtisch ..." oder "... geht das heute nacht noch? Damit ich morgen früh direkt ...". Dieses Wochenende auch wieder.

Ich stell mir jetzt mal vor, ich wär ein Vulkan. Dann sitzen die am Montag da und warten. Und warten. Und ... Rumms, Raschel, Hust, ich mit einer Explosion die Tür hinein. Alle tot. Vierzigtausend Jahre zu spät.
14:07 13.03.2011
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Geschrieben von

S.Piderman

Reisender, der irgendwo aufgehalten wurde. Kennt man ja. Kalypso ist immer eine gute Ausrede.
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S.Piderman

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