Wilde Statistik für Wassertrinker und andere Trockenschwimmer

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Wenn ich die hier im BBC am frühen Morgen über die Vorteile einer täglichen Aspirineinnahme quatschen höre, möchte ich am liebsten direkt zur Flasche greifen. Geht aber nicht. Und dann wird mir anschließend verklickert, dass ab April der sogenannte „hose pipe ban“ greifen wird, das Verbot, Gärten oder Autos mittels Gartenschlauch zu wässern. Also gibt es wohl entschieden zu viel Aspirin und bedrückend wenig Wasser. Ist aber auch wahr. Hier hat’s seit September nicht mehr ordentlich geregnet. Man hört jedoch, dass der Mangel an Niederschlag nicht allein der Grund für diese Dürre ist, sondern dass vor allem die katastrophale Qualität der viktorianischen Leitungssysteme dafür sorgt, dass der Großteil alles Wassers irgendwo versickert. Andererseits wird die Wasserrationierung natürlich nicht für alle gelten, sondern nur für die minderprivilegierten unteren 85% der Bevölkerung.

Prioritäten: Beim diesjährigen „Cheltenham-Festival“, einer Pferderennveranstaltung, bei der Tiere im Kreis galoppieren und über Hecken springen und dabei von aberwitzig gekleideten Tagedieben angefeuert werden, war der Boden sehr trocken und hart, und am ersten Tag sind gleich drei Pferde verunglückt und getötet worden. Um den Zustand der Rennbahn zu verbessern, wurden daraufhin jeden Tag 4 Millionen Gallonen Wasser (in halbwegs zivilisierter Währung sind das grob geschätzt 181843 Hektoliter) per Wasserwerfer versprengt.

Und natürlich, was noch wichtiger ist, behält sich die Polizei vor, im Zusammenhang mit den drohenden olympischen Spielen und den hoffentlich bevorstehenden Demonstrantenballungen, zur allseitigen Zerstreuung ebenfalls Wasserwerfer einzusetzen.

Gut, dann wasch ich mein Auto eben nicht, sondern esse ein paar Aspirin und spüle sie mit einem hier jetzt löblicherweise vom Fass erhältlichen Stiegl-Weißbier hinunter. Das mit dem Aspirin geht beispielsweise so: Einem gewissen Professor Rothwell und seinen good fellas von der Uni Oxford zufolge kann die tägliche Einnahme von Aspirin zu einer Verringerung des Darmkrebsrisikos um 63% führen.

Mit oder ohne Weißbier läuten da mal wieder alle Alarmglocken. Wenn man sich nicht auf die Kolporteure von der BBC verlassen will, sondern selbst mal nachrechnen, kann man die Daten schnell im Internet finden. Bei einer der Studien erhielten 427 Probanden für 25 Monate täglich 600mg Aspirin. 434 bekamen stattdessen ein Zuckerbonbon am Tag. Nach viereinhalb Jahren hatten in der Aspiringruppe 18 Leute einen Darmkrebs, in der Kontrollgruppe 30. Die Inzidenzraten sind also 4,2 bzw. 6,9% und 4,2 geteilt durch 6,9 sind tatsächlich beinahe ungefähr genau 63%. Dieser Wert wird allerdings als „relative Risikoreduktion“ bezeichnet und hat statistisch gesehen keine Bedeutung, außer wenn man Leute für dumm verkaufen will. Kann natürlich auch sein, dass die Einnahme von Placebos das Darmkrebsrisiko steigen lässt, aber solches Neuland wollten die Forscher nicht zu betreten wagen. Wenn man allerdings die echte, sogenannte "absolute Risikoreduktion" betrachtet, sieht's eher uninteressant aus, da die sich nämlich errechnet aus Inzidenz 2 minus Inzidenz 1, und das ergibt offensichtlich nachrichtenunwirksame 2,7. Heißt aber auch, dass die „number needed to treat“ (also die Zahl der Patienten, die behandelt werden müssen, damit unter Idealbedingungen bei einem Patienten ein positiver Effekt eintritt) 37 beträgt. Die subversive Gegeneinheit, „number needlessly treated“, also die Zahl der Leute, die sich mit dem Scheiß vollpumpen, ohne etwas davon zu haben, außer vielleicht das allseits beliebte Magenbluten, liegt ergo bei 36 (NNT-1).

Ach, dieser Professor Rothwell bekommt übrigens für seine Bemühungen auch ein Honorar, und zwar von Bayer. Wer hätte das gedacht. Ich bekomme nichts dafür, dass ich hier behaupte, Stiegl-Weißbier sei gut gegen den Durst. Und aus Hochheim am Rhein bin ich auch noch nicht angerufen worden. Da war vor 160 Jahren die gute Königin Victoria zu Besuch, um sich einen Tischwein auszusuchen, und als sie einen gefunden hatte, wurde anschließend das Weingut nach ihr benannt. In England selbst wurde der importierte Wein kurz „Hock“ genannt, und schnell wurde auch eine werbewirksame Formel gefunden: „Drink a glas of hock a day, that will keep the doc away“. Ist wahrscheinlich mehr dran als an dieser Mär vom guten Aspirin. Kommt „Aspirin“ eigentlich von engl. für Hoffnung, Sehnen? Das erklärt wahrscheinlich auch neben der Wirkweise der Pille den Wunsch der beteiligten Forscher, bis zur wohlverdienten Rente als Prostituierte der Industrie die Beine breit machen zu dürfen, ohne von der Sitte behelligt zu werden.
18:30 26.03.2012
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Geschrieben von

S.Piderman

Reisender, der irgendwo aufgehalten wurde. Kennt man ja. Kalypso ist immer eine gute Ausrede.
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S.Piderman

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