Ist das Ende da?

Glauben Die US-Notenbank hat sich wieder einmal gegen eine Zinserhöhung entschieden. Wie groß ist das Vertrauen noch, dass sich das jemals ändern wird?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nachdem ich am Donnerstag unerklärlicherweise den ganzen Tag die Elvis-Schnulze "It's now or never" im Ohr hatte, würde ich zur Lektüre nun dieses Lied empfehlen.

Die Fed hat den wichtigsten US-Leitzins auf ihrer mit Spannung erwarteten Sitzung am Donnerstag also doch nicht erhöht, wie das (angeblich) zuvor rund 50 Prozent der Analysten geglaubt hatten - im Juli waren es noch etwa 75 Prozent. Eine Erhöhung um einen Viertel Prozentpunkt auf dann 0,25 bis 0,5 Prozent wäre es wohl gewesen - und sei es nur, um beim nächsten Krisenschub wieder etwas geldpolitisches "Pulver" zu haben, den Satz also wieder senken zu können. Selbst wenn die Wirtschaft doch nicht ganz so sehr "brummen" sollte, wie es die meisten Kommentatoren in den Medien behaupten, sollte diese geringfügige Erhöhung doch keine allzu große Sache sein - oder?

Es war einmal: Die Realwirtschaft

Im Prinzip natürlich nicht. Die Mini-Erhöhung würde der produzierenden Wirtschaft nicht das Genick brechen, wäre aber andererseits im Krisenfall auch keine nennenswerte Hilfe - zur Erinnerung: In der Finanzkrise 2007ff wurde der Zinssatz um ganze fünf Prozentpunkte auf danach quasi Null gesenkt.

Doch um die "Realwirtschaft" geht es schon lange nicht mehr. Der gesamte "Aufschwung" der letzten beiden Zyklen wurde von der Finanzwirtschaft und einem gigantisch aufgeblähten Schuldenberg getragen, und angesichts der vielfachen "Hebelung" (d.h. Spekulation mit nur einem geringen Anteil eigenem Geld) der Finanzmarktgeschäfte könnte hier selbst eine geringe Erhöhung des allgemeinen Zinsniveaus beträchtliche Erschütterungen hervorrufen. Diese wären zwar nicht unbedingt "tödlich", aber es bestünde doch ein signifikantes Risiko, genau den Schock auszulösen, für den man sich eigentlich wappnen will - und dann immer noch so gut wie ohne "Pulver" dazustehen.

Zentralbanken auf Eiern

Wenn der letzte Krisenschub eines gezeigt hat, dann dass das heutige globale Finanzsystem derartig komplex und vielschichtig vernetzt ist, dass sich die Auswirkungen eines Schocks an einer Stelle weder vorhersagen noch schnell und wirksam eingrenzen lassen. Seitdem gab es zwar vor allem in den USA Maßnahmen zur Stabilisierung der Banken, aber diese blieben weitgehend kosmetisch - und es ist auch alles andere als sicher, dass die Banken überhaupt noch die entscheidenden Akteure am Markt sind.

Mit gutem Grund darf daher angenommen werden, dass das System heute ganz im Gegenteil sogar noch störungsanfälliger ist als vor acht Jahren: Geldmengen und Handelsvolumina haben sich weiter erhöht, während die Zuversicht der Verbraucher (und damit ihre Bereitschaft, sich zu verschulden) deutlich eingetrübt ist - nicht zuletzt auch aufgrund des anhaltend niedrigen Zinsniveaus und der damit verbundenen Sorge um die eigene Altersvorsorge. Die Geldspritzen der Zentralbanken wirken von Mal zu Mal weniger, und die Auswirkungen des zunehmenden Hochfrequenzhandels an der Börse auf Krisendynamiken sind noch kaum erforscht. In dieser Situation verwundert es nicht, dass die Zentralbanken wie auf Eiern laufen und soweit möglich alles vermeiden wollen, was potentiell Unruhe ins System bringen könnte - wie eine Zinserhöhung.

Tempel des Geldglaubens

Das umso mehr, als es den Zentralbanken letztlich ziemlich egal sein dürfte, ob der Zinssatz nun bei 0 oder 0,5 Prozent liegt. Es geht ihnen deshalb gar nicht um die Erhöhung an sich - es geht um die Illusion der Kontrolle, um den Glauben daran, dass sie es jederzeit könnten, wenn sie denn wollten. Die siebenjährige Nullzinsphase gilt als vorübergehende Ausnahmesituation, und das (einzig) Entscheidende aus Zentralbanksicht ist, dass dies am Markt weiterhin so gesehen wird. In den letzten fünf Jahren wurde immer wieder eine in Kürze bevorstehende "Zinswende" angekündigt, und die Analysten diskutierten lediglich darüber, ob es nun noch drei, sechs oder doch neun Monate bis dahin seien. Immer wieder wurde der allgemein als wahrscheinlich angenommene Termin verschoben, immer wieder wurde trotz "gesunder Wirtschaft" ein Grund gefunden, noch ein paar Monate zu warten.

Nicht so dieses Mal. Bis kurz vor der Sitzung glaubte (laut Berichten) eine Mehrheit, dass es dieses Mal soweit sei; das Ergebnis galt noch diese Woche als offen. Dass es doch wieder anders kam, versetzt dem Vertrauen in die Fähigkeit der Fed zur Zinserhöhung einen schweren Schlag: Wer soll angesichts der Turbulenzen (nicht nur) in China jetzt noch glauben, dass es in endlicher Zukunft anders sein sollte? Wer soll noch glauben, dass die Zentralbanken die Lage kontrollieren und der "Ausnahme- situation" der Nullzinsen bald ein Ende bereiten (können)? Die wichtigste Währung im globalen Finanzsystem ist nicht der Dollar, der Euro oder der Yuan, sondern Vertrauen in die Währungen und ihre "Hüter". Und das hat am Donnerstag schweren, vielleicht irreparablen Schaden erlitten - auch wenn sich die relevanten Akteure bisher nichts anmerken lassen.

Business as usual. Not.

Die unmittelbaren Reaktionen an den Börsen waren von einer gewissen Erleichterung geprägt, aber letztlich unspektakulär - vor allem im Vergleich zu den enormen Turbulenzen im August. Alles wie gehabt? Kurzfristig vielleicht; das "Durchwurschteln" der letzten Jahre - dank des "Too big to fail"-Mantras immer mit Zentralbank-Sicherungsnetz - geht wohl erst einmal weiter.

Und doch hat sich etwas Entscheidendes geändert. Bereits die Einführung der "Too big to fail"-Regel hatte das System ein Stück weit ad absurdum geführt, degradierte es doch durch die Auslagerung der Verantwortung die "Wirtschaftslenker" in den Großkonzernen de facto zu Sandkastenspielern, die zwar agieren, aber "nicht viel kaputtmachen" konnten. Wenn sich nun die Erkenntnis durchsetzt, dass der wichtigste Leitzins wohl dauerhaft bei Null belassen werden wird, verändert das die Sichtweise auf 'Geld' und seine Funktion grundlegend - und damit den Charakter des gesamten Wirtschaftssystems.

...ist wie ein Besäufnis ohne Alkohol

Wenn Geld nicht mehr nur "ausnahmsweise", sondern dauerhaft und in fast beliebiger Menge faktisch umsonst geliehen werden kann, lässt es sich nicht mehr rechtfertigen, dieses Privileg allein Banken zu gewähren. So oder so gibt es damit auch keinen vernünftigen Grund mehr, als Wirtschaftssubjekt Zinsen zu bezahlen für etwas, was eben nicht mehr ein "knappes Gut" ist, sondern in jeder gewünschten Menge "kostenlos" am Markt an Interessenten ausgegeben wird. Wenn jedoch das finanzielle Kapital, das unser Wirtschaftssystem formt und moderiert, plötzlich im Überfluss und zum Nulltarif zu haben ist, fällt damit dessen zentraler Wirkmechanismus weg. Im Klartext: Ein Kapitalismus, dessen Wirtschaft nicht von der Vermehrung des Kapitals durch Erwirtschaften von Mehrwert bzw. Zinsen anhängt, ist keiner mehr.

Die Zentralbanken (mittelfristig wird sich auch die chinesische PBoC in dieser Situation wiederfinden) stehen vor der Wahl, entweder eine Krise von nicht absehbaren Ausmaßen und mit potentiell katastrophalen politischen Folgen auszulösen, oder sich und der Welt einzugestehen, dass die Nullzinspolitik eben doch ein Dauerzustand ist. Dass dies den Charakter des ihnen anvertrauten Wirtschaftssystems fundamental verändert, dürfte ihnen bewusst sein - die Frage ist nur, wie lange es dauern wird, bis sich das herumspricht und sich das Verhalten der Marktteilnehmer entsprechend anpasst.

Pssst: Der Papagei ist schon tot!

Im legendären "parrot sketch" von Monty Python bringt ein Kunde einen gekauften Papagei in die Zoohandlung zurück, nachdem er zu Hause festgestellt hat, dass dieser bereits tot und auf seiner Stange festgenagelt war. Es bedarf ebenso elaborierter wie dramatischer Rhetorik, um den Händler zu überzeugen und Ersatz zu bekommen. In Anlehnung an diesen englischen Gentleman möchte man angesichts des vor unseren Augen stattfindenden Wandels deklamieren: "This is an ex-system!". Wer hätte je gedacht, dass das Ende des Kapitalismus so leise und unspektakulär vonstatten gehen würde?

P.S. It's the end of the world as we know it, and I feel fine sangen schon R.E.M. damals. Wahre Propheten werden eben selten sofort als solche erkannt.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über die strategische Neuausrichtung der USA und deren politische und ökonomische Auswirkungen. Bisher erschienen:

Die neue Geopolitik - Die Folgen des #Irandeals - Eine Übersicht der geostrategischen Bedeutung des "Atom"-Abkommens der P5+1 mit Teheran

2015 als Wendepunkt - Versuch einer historischen Einordnung der aktuellen Entwicklungen

"I think we have a deal" - Beschreibung und Deutung der veränderten Situation in Syrien

Zeichen der Entspannung aus Kiew - Auch in der Ukraine ist die Lage seit Juli eine andere

Riad & Washington - BFF no more? - Beobachtungen zum sich rapide wandelnden Verhältnis der (ehemaligen?) Verbündeten USA und Saudi-Arabien

Ist das Ende da? - Die psychologischen Auswirkungen der anhaltenden Nullzinspolitik der US-Notenbank als Anzeichen einer tiefgreifenden Systemtransformation

Startschuss zur Revolution - Der VW-Skandal könnte das Ende der Öl-Wirtschaft einläuten

Mit Al-Qaida für den Frieden - Strategische Verschiebungen auch im islamistischen Lager

Wer solche Verbündeten hat... - Der Krieg im Jemen als Falle der US-Regierung für ihre "Alliierten" in Riad und deren Fürsprecher in Washington gedeutet

03:38 20.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

smukster

Ich lese und schreibe ab und zu was. Meine Themenschwerpunkte: Geopolitik, globale Wirtschaftsfragen, Europa, Klima und Energie - twitter: smukster
smukster

Kommentare 11

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community