smukster
16.09.2015 | 15:44 20

Medien und Konflikte

Verantwortung Massenmedien tragen Verantwortung für die Folgen ihrer Berichterstattung und müssen das berücksichtigen - selbst wenn es im Extremfall zu Lasten der Objektivität geht.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied smukster

“Medien berichten so objektiv wie möglich und ermöglichen es so den BürgerInnen, sich eine eigene Meinung zu bilden.” - Das mag ein beliebtes Idealbild ist, ist aber letztlich nur eine “schöne” Illusion: Medien mit einer gewissen Reichweite können niemals neutral sein. Allein durch die Auswahl der Themen, denen sie mehr oder weniger große Beachtung schenken, treffen sie bereits eine (nicht selten unbewusste) politische Entscheidung. Verstärkt wird dies noch durch die Art der Präsentation, also die Wahl der Aspekte und Akteure, die in den Fokus gerückt werden, und die verwendete Sprache - das sogenannte “Framing” eines medialen Themas.

Schon im Alltag des politischen Geschäfts hat die Art der Berichterstattung einen nicht unerheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung und trägt damit dazu bei, gesellschaftlichen Druck auf politische EntscheidungsträgerIn- nen aufzubauen und deren Handlungen zu beeinflussen. Weitaus zugespitzter stellt sich dies jedoch in akuten Konfliktsituationen dar, in denen Medienberichte oft entscheidend dafür sind, dem Publikum eine bestimmte Lesart des Konflikts (und oft auch die “Schuldigen”) zu präsentieren und somit Handlungsdruck aufzubauen, der die Politik meist im- oder explizit in eine bestimmte Richtung drängt und/ oder die einzelnen Menschen selbst zu bestimmten Verhaltensweisen animiert. Viele Medien versuchen in solchen Situationen noch nicht einmal mehr, den Anschein von Neutralität zu wahren - und denen, die es doch versuchen, gelingt dies eher selten.

Ob sie es wollen oder nicht: Medien haben einen politischen Einfluss, sie haben Macht - und damit tragen sie auch Verantwortung für die möglichen Folgen ihrer Berichterstattung. Dieser können sie sich weder mit dem Hinweis auf eine im Regelfall nicht direkt nachweisbare Kausalität entziehen, noch durch die Relativierung der eigenen Bedeutung und dem Verweis darauf, dass man doch nur “eine Stimme unter vielen verschiedenen” innerhalb des öffentlichen Meinungsspektrums sei. Denn erstens können auch einzelne Berichte in manchen Situationen eine enorme Wirkung entfalten, und zweitens ist es erfahrungsgemäß gerade im Angesicht von Konflikten mit der vielbeschworenen Pluralität der Medienlandschaft oft nicht weit her.

Flüchtlinge in den Medien

Um dies zu veranschaulichen, betrachten wir einmal ein offensichtliches und aktuelles Beispiel: Als in den letzten Wochen eine große Zahl meist syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland kam, berichteten so gut wie alle Medien sehr mitfühlend über deren gefährliche Flucht und die damit verbundene enorme emotionale wie auch physische Belastung sowie die aufopferungsvolle Arbeit ehrenamtlicher HelferInnen. Die schweren Schicksale einzelner Flüchtlinge und ihrer Familien wurden beschrieben, und es wurde an vergangene große Fluchtwellen in Europa erinnert, als auch auf unserem Kontinent Menschen aus Angst um ihr Leben hoffen mussten, anderswo aufgenommen und unterstützt zu werden.

Die spontane Welle der Hilfsbereitschaft, die daraufhin auf allen Ebenen der Gesellschaft zu bestaunen war, war sicherlich teilweise Ergebnis dieser medialen Berichterstattung. Gerade die Bundesrepublik wurde plötzlich als humanitäres Vorbild gesehen und gefiel sich eine Zeit lang in dieser Rolle - bis dann am 14. September eine politische Kehrtwende erfolgte und stattdessen Grenzkontrollen angekündigt wurden. Es bleibt zu hoffen, dass die neuentdeckte Solidarität mit Menschen in Not keine Eintagsfliege war, sondern nachhaltige Wirkung entfaltet, und dass die Bevölkerung die Regierung nicht plötzlich aus ihrer Pflicht entlässt, ihren Teil zur weiterhin dringend nötigen Hilfe beizutragen.

Stellen wir uns nun einmal vor, die Medien hätten in dieser Zeit ganz anders über die Flüchtlinge und allgemein über Immigration berichtet: Ablehnend und mit dem Tenor, die Neuankömmlinge seien doch in der Türkei bereits in Sicherheit gewesen und für den hiesigen Arbeitsmarkt auf absehbare Zeit nicht “verwertbar”, brächten womöglich den dortigen Konflikt und Islamismus zu uns und würden unweigerlich die Sozialkassen in Schieflage bringen. Was, wenn die BILD-Zeitung statt “Deutschland hilft!” getitelt hätte “Deutschland hat Angst!”, sich zum Sprachrohr der “besorgten BürgerInnen” gemacht und nach unbedeutenden lokalen Problemchen (“Sportunterricht fällt monatelang aus!”) gesucht hätte, um diese der Republik wie durch ein Vergrößerungsglas auf der Titelseite zu präsentieren?

Die Folgen kann sich JedeR leicht ausmalen: Der xenophobe Abwehrreflex, den es ja leider durchaus auch gab, wäre mit Sicherheit um ein Vielfaches stärker ausgefallen; es hätte womöglich Tote gegeben. Die Medien sind in dieser kritischen Situation ihrer Verantwortung gerecht geworden und haben ein Klima (mit)geschaffen, in dem ablehnende, gar aggressive Haltungen isoliert und geächtet wurden. Es ließe sich als Zeichen von Reife interpretieren, wenn nicht der dringende Verdacht bestünde, dass dies beim nächsten “kritischen” Moment schon wieder ganz anders aussehen könnte.

Medien als Akteure in der Ukrainekrise

Doch es gibt Konfliktsituationen, in denen diese Verantwortung ebenso entscheidend, aber weit weniger offensichtlich ist - wie beispielsweise die Ukrainekrise.

Die aktuell seit Mitte Juli zu beobachtende Entspannung war nur möglich, weil die Bundesregierung in der Lage war, eine Mittlerposition zwischen West und Ost einzunehmen und so Möglichkeiten für einen Kompromiss auszuloten. Dass ein zeitweilig drohender Bruch mit Russland weder ökonomisch noch strategisch für Deutschland irgendeinen Sinn ergibt, war allen Beteiligten und BeobachterInnen immer bewusst. Um jedoch innerhalb der NATO und insbesondere in Washington Gehör für seine Vermittlungsbemühungen zu finden, musste Berlin unbedingt etwaige Zweifel an seiner “Bündnistreue” zerstreuen. Dazu bedurfte es neben der Beteiligung an der öffentlichen Verurteilung Putins und an EU-Sanktionen insbesondere auch einer entsprechenden propagandistischen Begleitmusik: Das massenmediale Framing des Konflikts entsprach auch in Deutschland stets der offiziellen NATO-Lesart der “russischen Aggression” gegen die aus einer “friedlichen Revolution” hervorgegangene “demokratische Regierung” der Ukraine.

Die von Anfang an weit verbreiteten starken Zweifel an dieser Interpretation der Ereignisse wurden marginalisiert und, als dies nicht ausreichte, entschieden bekämpft: Jeder, der Zweifel an dieser Lesart zu äußern wagte, wurde wahlweise lächerlich gemacht oder offen angefeindet und mit dem eigentlich absurden Etikett des “Putin-Verstehers” versehen. Damit wurde zum Ausdruck gebracht, dass seine Meinung “außerhalb des zulässigen Spektrums” der gesellschaftlichen Debatte angesiedelt sei.

Für die demokratische Meinungsbildung eine Katastrophe, für die deutsche Regierung hingegen von vitaler Bedeutung: Diese Maßnahmen verschafften ihr gleichsam “Ruhe an der Heimatfront” und damit die nötige Rückendeckung, um innerhalb des westlichen Bündnisses mittels geduldiger Diplomatie Mehrheiten für eine Kooperationslösung und gegen eine weitere Eskalation zu schmieden. Berlins Einfluss auf seine Partner hing dabei entscheidend von seiner Glaubwürdigkeit ab, und diese wiederum von der Einschätzung, die Bundesrepublik stelle sich entschlossen gegen den “Aggressor”, selbst wenn dies mit wirtschaftlichen Nachteilen verbunden sein sollte. Dass die delikate diplomatische Mission letztlich von Erfolg gekrönt wurde, hat sicherlich eine Reihe von Gründen - ein nicht unwesentlicher dürfte jedoch sein, dass Politik wie große Medien im Konfliktverlauf peinlich darauf bedacht waren, keinerlei Zweifel an Berlins NATO-Bündnistreue aufkommen zu lassen.

Ein prominenter EU-Politiker sagte den inzwischen fast schon legendären Satz “Wenn es ernst wird, muss man lügen.” und bezog sich damit auf heikle Situationen im politischen Geschäft. So schmerzhaft es in gewisser Weise sein mag: An diesem Satz ist viel Wahres dran. Und er gilt nicht nur für PolitikerInnen, sondern auch für andere Akteure, deren bloße Worte eine starke Wirkung entfalten können. Von “Lügen” zu sprechen mag (ganz unabhängig von Pegida) in Bezug auf die Ukraine-Berichterstat- tung eine Übertreibung sein, doch schuf das einseitige Framing der Ereignisse durch die großen Medien durchaus eine sehr spezielle, politisch opportune “Wahrheit”.

Die bedingungslose Ehrlichkeit musste hier gegenüber der Sorge um die NATO-Einheit und davon abhängende Friedensbemühun- gen zurücktreten, das gebot die journalistische Verantwortung. Die Massenmedien sind, wie spontan oder koordiniert auch immer, auch in der Ukrainekrise dieser Verantwortung gerecht geworden. Dass sie dabei nicht wenige FreundInnen in der Bevölkerung verloren haben, ist bedauerlich, ließ sich aber nicht vermeiden. Vielleicht gelingt es ihnen, durch gründliche und kritische Berichte zu anderen Themen einen Teil der verlorenen Leserschaft zurückzugewinnen - angesichts der zahlreichen obskuren “Erklärungen”, die im Internet zu manchen Fragen zu finden sind, wäre das vielleicht sogar wünschenswert.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (20)

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Ehemaliger Nutzer 16.09.2015 | 16:53

Den Inhalten Ihres Artikels kann ich folgen. Ich kann Sie auch nachvollziehen - allerdings verurteile ich sie. Also die Inhalte, nicht "Sie" ;-)

Da ich Ihrer Sichtweise nun zustimme, bedeutet das im Resultat aber, dass ich überhaupt keine Beiträge zu Politik oder Wirtschaft im (inter)nationalen Kontext mehr lesen muss, da sie überflüssig sind - weil unwahr. Oder wahr, das kann ich aber nicht (ohne erheblichen Aufwand) verifizieren.

Mein gelegentlicher Konsum der Bundespressekonferenz - oder Auszügen daraus - bestätigen das. Wenn man sich die Äußerungen dort anhört, z.B. zu den Kriegswaffenlieferungen an die Saudis, dann ist es exakt das, was sie schreiben.

Ich möchte hier noch ein wenig differenzieren: Es gibt Themenbereiche, bei denen ist es wichtig, sich zurückhaltend zu äußern, wie in der von Ihnen beschriebene Flüchtlingswelle, hier stimme ich Ihnen zu 100% zu.

Anders verhält es sich bei den Zukunftsthemen wie der Entwicklung der EU, Syrienkonflikt, Ukrainekonflikt, NSA, VDS, Überwachung uvam. Hier muss man klare Kante zeigen, um den Neocons übern Teich andere Lösungswege aufzuzeigen. Gleiches gilt für die Rammsteinproblematik, mit der GER gegen geltendes Völkerrecht verstößt. Ebenso die Killlist der Amis, hier MUSS über die Öffentlichkeit - und eben die Medien - ein Signal gesetzt werden, dass wir rechtlich ins Mittelalter zurückfallen.

Abwägen ja, aber sinnvoll und richtig.

smukster 16.09.2015 | 17:26

Es ergibt m.E. sehr wohl Sinn, den Verlautbarungen zu folgen - solange mensch sie eben als "Verlautbarungen" sieht, hinter denen immer bestimmte Intentionen eines politischen Akteurs stehen, und nicht als "Wahrheit". Kritisches Lesen ist angesagt.

Und ich verurteile weder einen Politiker noch eine Journalistin, dier nicht streng bei der objektiven Wahrheit bleibt: In manchen Fällen ist das sogar geboten, um größeres Unheil zu verhindern. Wie ich versucht habe darzulegen, kann das jedoch auch für harte internationale Konflikte gelten: Ein bedingungsloses öffentliches "Dagegen" erhöht nicht unbedingt die Chancen, diplomatisch etwas zum Besseren verändern zu können, sondern führt oft eher zum "Schotten dicht"-Phänomen. Dem müssen Sie natürlich nicht zustimmen...

Dersu Usala 17.09.2015 | 10:19

Die bedingungslose Ehrlichkeit musste hier gegenüber der Sorge um die NATO-Einheit und davon abhängende Friedensbemühun- gen zurücktreten, das gebot die journalistische Verantwortung. - Sie meinen also, das war bei den meisten journalistischen Akteuren eine aktive, selbstgewählte Entscheidung. Na gut, ich werde diese Sichtweise den Möglichkeiten hinzufügen, meine Überzeugung ist es nicht.

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Ehemaliger Nutzer 17.09.2015 | 10:20

Doch, auch dem stimme ich zu. Nur sollte man differenzieren und nicht alles im Unklaren lassen. Wozu das führen kann, sieht man an der Agressionspolitik der USA, CIA Folterreport, Staatsterrorismus etc. Man muss auch, wie im Beispiel Saudi Arabien, konkret die Differenzen benennen und kann auch sagen, dass es um wirtschaftliche Interessen geht. Die Entscheidung, wie damit umzugehen ist, wird dann spätestens bei einer Wahl demokratisch gefällt. Man sollte nicht alles unter den Teppich kehren, dann haben wir nämlich eine Diktatur und keine Demokratie mehr. Denn demokratische Entscheidungsprozesse setzen Kenntnisse voraus, die man erst einmal haben muss.

Ein gutes Beispiel ist dafür die TTIP Debatte, die es so gar nicht gäbe, wenn wir eine öffentliche Diskussion um die Inhalte hätten - die keiner kennt. Hier ist ein Kardinalfehler gemacht worden: wie kann ich für etwas sein, dass ich gar nicht kenne? Mit Offenheit und den entsprechenden Abwägungen in den Medien, Fachkreisen und durch Gutachten kann man sich annähern, ein solches Freihandesabkommen mehrheitsfähig zu gestalten. Was wir hier erleben, sind Scheindebatten, an denen sich die Politik so gut wie nicht beteiligt: Chlorhänchen? Na und? Wir alle waren schon einmal im Schwimmbad. Schiedsgerichte? Gibt es schon, da hat sich bislang niemand aufgeregt. Sachliche Erläuterungen, wissenschaftlich fundiert, würden hier sicherlich weiter helfen. Also Offenheit, alle Inhalte auf den Tisch, dann diskutieren, eine Veränderungsschleife einführen, abnehmen und beschließen. Aus meiner Sicht gibt es viele Fälle, in denen man konkret, ehrlich und offen diskutieren muss - das ist mein Anspruch an eine Demokratie. Es sei denn, man möchte keine oder eine andere Demonkratie, dann kann man auch das diskutieren.

smukster 17.09.2015 | 16:31

Das ist ein sehr schönes Ideal, das aber leider seine Grenzen hat. Ja, es gibt viele Fälle, in denen das so ablaufen kann und sollte - es gibt aber auch andere, in denen diese Form der Offenheit jegliche Erfolgsaussichten sofort zunichte machen würde, man sich die Verhandlungen also auch gleich sparen könnte.

Wenn z.B. bei delikaten internationalen Verhandlungen einE PolitikerIn für Zugeständnisse sofort öffentlich gesteinigt würde - wie könnte es dann jemals eine Annäherung geben? Wenn JedeR seine strategischen Interessen offen auf den Tisch legen würde - würde das nicht ihre oder seine Verhandlungsposition enorm schwächen? Und wie soll man sich mit Verbündeten auf eine gemeinsame Position verständigen, wenn man diese erst einmal öffentlich bloßstellt?

Wenn es so einfach wäre, dann wäre Diplomatie nicht eine so hohe Kunst. Und nein, das macht aus einem System noch lange keine "Diktatur" oder Ähnliches - ohnehin ein sinnlos-pauschaler Kampfbegriff.

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Ehemaliger Nutzer 18.09.2015 | 09:52

Nicht selten kommt es vor, dass wir hören "Dafür bekomme ich keine Mehrheit" oder "das kann ich in der Gesellschaft nicht durchsetzen". So soll es in der Regel sein. Wenn z.B. die Unterstützung - ich bleibe beim Beispiel - in Form von Waffenlieferungen an Saudi Arabien öfentlich diskutiert würde, wäre das kein Affront, im Gegenteil: es wäre für alle Beteiligten ein Zeichen, das das deutsche Volk das nicht will. Aufgepasst Saudi Arabien: so funktioniert Mitbestimmung, so funktioniert Demokratie. Hier die kriegsführenden Parteien einfach mit Waffen zu beliefern, weil es der Wirschaft und dem internationalen Einfluss hilft, MUSS diskutiert werden. Öffentlich. Wenn die Saudis und Waffenhersteller dann angepisst sind - so what? Marktkonforme Demokratie oder demokratischer Kapitalismus? Ich bin für das 2.

JR's China Blog 04.02.2016 | 15:12

Der Thread ist ja schon etwas älter. Meine 2 Cents: ich habe in den ersten Tagen der Hilfsbereitschaftswelle Bauklötze gestaunt, welche der Ausländerfreundlichkeit bis dahin ganz unverdächtige Zeitgenossen plötzlich voll des Mitgefühls waren.

Glotze rulez, dachte ich nur.

Aber ich habe den Eindruck, dass die Medien die anschließende Abkühlung gar nicht einleiten mussten; die kam bei den Leuten von selbst. Sie waren mitgerissen worden. Die älteren Instinkte waren mächtiger und meldeten sich bald zurück.

smukster 04.02.2016 | 17:43

Keine Frage, aber die Medien waren und sind m.E. dennoch bemüht, diesen "Instinkten"(?...wir wollen jetzt mal nicht den Begriff problematisieren) nicht die Diskurshoheit zu überlassen. Aus Verantwortungsbewusstsein, würde ich behaupten.

Bei den Flüchtlingen ist das recht einfach - aber die Thematisierung von Außenpolitik funktioniert nach demselben Muster. Staatsräson schlägt Objektivität, und das ist in vielen Fällen gut so.

freedom of speech? 04.02.2016 | 20:54

"...nicht so hoch..."

Stimmt. Eigentlich noch viel höher. Denn es war die Exekutive, die manipulieren wollte. Ein Teil der Presse hat halt mitgemacht.

Das ist ein: „no go!“

Denn die delegitimierende Wirkung ist ungeheuer. Vertrauen wurde massiv zerstört. Das Ergebnis sehen sie aktuell. Fehlendes Vertrauen macht anfällig für Propaganda.

Siehe Lisa, wo rechte/russische Propaganda Menschen zu Demonstrationen treibt.

Die sog. vierte Gewalt ist gar keine. Journalisten sollten sich wieder auf Ihre Hauptaufgaben besinnen und wahrheitsgemäß berichten.

Die Leute, die sich Journalisten nennen und nichts weiter im Kopf haben, als ihre eigenen „Bekenntnisse“ unter Vermischung von Information und Kommentar herum zu posaunen sind eine Zumutung.

Viele Grüße

fos?

schna´sel 04.02.2016 | 21:06

"Nur die Gegenwart zählt. Die neuen Medien absorbieren zunehmend unsere Aufmerksamkeit. Diesen Prozess beschreibt Douglas Rushkoff in seinem neuen Buch «Present Shock» eindrücklich."

Ich hab's nicht gelesen. Ich weiß auch nicht, wie intensiv ich in das Thema einsteigen möchte. Ichpersönlich schalte einfach ab, wenn ich mich dem nicht aussetzen will. Facebook vor längerer Zeit schon, weil es mich mehr nervte, als dass ich etwas davon hatte. Aber es stellt vermutlich, gerade bei sehr jungen Menschen ein Menge an, von dem man noch gar nicht richtig weiß, wohin das wirklich führt: Pornographie in der digitalen Kultur
Wenn ich so etwas lese, frage ich mich jedenfalls unwillkürlich, ob es einen Zusammenhang gibt, zwischen dem Bewusstsein, das durch die neuen Medien zwangsläufig, meinetwegen auch mit einem verantwortlichen Bewusstsein, erzeugt wird und medialen "Großereignissen", wie jetzt in Berlin, die es schaffen, bis in die hohe Politik hinein Bedeutung zu bekommen oder auch den Entgleisungen in Köln. Und inwieweit da tatsächlich eine Analyse und eine Deabatte über Verantwortung stattfinden müsste, wenn nämlich solche Auswirkungen zwar nicht gewollt sind, aber mit dem Einfluss dieser neuen Medien dennoch nachweisbar in Zusammenhang stünden. Wenn diese ihrer Verantwortung unter Umständen, in der Form, wie sie das behaupten und wie wir das alle annehmen gar nicht wirklich gerecht werden könnten, ob gewollt oder nicht. Weil sie die Instinktreaktionen derart intensiv beeinflussen, auch mit gesellschaftlich nicht gewollten Folgen, dass die Frage nach dem Verantwortungsbewusstsein der neuen Technologien vielleicht in ganz anderem Umfang neu gestellt und beantwortet werden müsste. Ich weiß es wie gesagt nicht, glaube aber nicht, dass diese Debatte von sich aus zustande käme, weil die wirtschaftlichen Erwartungen und Interessen, die mit den neuen Medien verknüft sind einfach viel zu groß sind.

smukster 04.02.2016 | 21:32

Ok, dann habe ich Ihren vorherigen Post wohl missverstanden, der klang für mich anders, absolutistischer. Ich bin der Letzte der bestreiten würde, dass es bei den real existierenden Medien großen Verbesserungsbedarf gibt. Aber weder können diese irgendein Idealbild erreichen, noch ist die "objektive Informationsvermittlung" ihre einzige Aufgabe - und diese Punkte wollte ich betonen, weil sie in der Debatte sonst oft zu kurz kommen.

smukster 04.02.2016 | 21:52

Aber es stellt vermutlich, gerade bei sehr jungen Menschen ein Menge an, von dem man noch gar nicht richtig weiß, wohin das wirklich führt...

Wenn diese ihrer Verantwortung unter Umständen, in der Form, wie sie das behaupten und wie wir das alle annehmen gar nicht wirklich gerecht werden könnten, ob gewollt oder nicht.

Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund - genau darum geht es mir. Da es, soweit bekannt, keine zentrale Steuerung gibt die beeinflussen könnte, wie weite Verbreitung Inhalte in den sozialen Medien finden, kann es gar keine 'Verantwortung' geben. Jeder Retweet und jedes "gefällt mir" sind Teil der bei den traditionellen Medien gern beklagten "Meinungsmache" und damit für mögliche Folgen mitverantwortlich, und was einmal im Netz ist kann faktisch nicht mehr "eingefangen" werden.

Da alles rasend schnell geht, ersetzen Skandalisierung und Emotionen die inhaltliche Tiefe. Ein Gewalt-Foto mit aktuellem Untertitel verbreitet sich rasend schnell, die Richtigstellung "Foto ist von 2007" nach ein paar Stunden erreicht nur Wenige. Gerade die Verwendung von Bildern oder Videos ohne viel Erklärung zum Hintergrund ist emotional hoch wirksam - ein Bild eines hungernden Syrers(?), dazu die Worte "Assad, Belagerung, Hunger", und ein Großteil der BetrachterInnen stellt keine weiteren Fragen.

Die sozialen Medien bedeuten Macht oder zumindest Einfluss ohne Verantwortung oder Kontrolle. Es scheint, dass wieder einmal eine Technologie auf die Menschheit losgelassen wurde, deren Folgen erst nach und nach, teils schmerzhaft, herausgefunden werden müssen.