Offener Brief an Michel Friedman

Arte In der 100. Ausgabe der Sendung "durch die Nacht mit..." interviewte Klass Heufer Umlauf Michel Friedman. Wo? Natürlich in einem italienischen Restaurant.
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Sehr geehrter Herr Friedmann, es geht um Ihren Auftritt bei der 100. Ausgabe der Sendung „durch die Nacht mit...“, ausgestrahlt am 6.10.2012 bei Arte.

In dieser Sendung kam es mit Klaas Heufer-Umlauf zu dem folgenden Dialog:

Klaas Heufer-Umlauf: „Ist es nicht interessant, dass Sie auch so eine Art bizarrer Popstar sind (...)“

Michel Friedman: „Dass ich bizarr in einem Land wie Deutschland wirke, ist mir klar. Ich bin sinnlich, ich bin emotional, ich bin streitlustig, ich höre Ihnen zu, ich nehme Sie wörtlich (...)“

Herr Friedmann, was für ein Bild haben Sie eigentlich von Deutschland. Sind die Deutschen in Ihren Augen nicht sinnlich, nicht emotional, gehen sie Streit aus dem Weg, hören sie nicht zu, nehmen sie andere nicht wörtlich?

Ich meine, dass Deutsche nicht sinnlich, nicht emotional sind, dass entspricht noch den gängigen Klischees. Aber dass sie auch keine Lust haben sich zu streiten, dass sie sich gegenseitig nicht zuhören, dass sie andere nicht wörtlich nehmen...das höre ich ehrlich gesagt zum ersten Mal.

Worum ging es Ihnen eigentlich?

Ich will hier gar nicht in eine Diskussion einsteigen über „die Deutschen“, insbesondere nicht vor dem Hintergrund offener Grenzen in Europa, zunehmender Migration und so weiter. Ich frage mich nur, denken Sie das wirklich alles über Deutschland, über die Deutschen? Oder ging es hier gar nicht um die Deutschen, sondern allein um Sie, darum, was für ein toller Hecht Sie sind?

Der Verdacht liegt ehrlich gesagt nahe, denn die Eigenschaften, die Sie sich selbst zuschreiben und den Deutschen absprechen, sind doch eher positiv besetzt. Sie sind ein emotionaler Mensch, der zu seinen Gefühlen steht (an einer anderen Stelle in diesem Interview sagen Sie, dass die Deutschen Angst vor ihren Gefühlen hätten), der andere Menschen und das, was sie sagen, ernst nimmt, der nicht um den heißen Brei rumredet und so weiter. Dem gegenüber sind die Deutsch dies alles nicht, daher erscheinen Sie den Deutschen bizarr. So haben Sie es doch gemeint, oder?

Das erinnert mich an eine Geschichte aus einem Vorstellungsgespräch, in dem der Bewerber auf die Frage nach seinen Schwächen antwortet: „Ich kann Ungerechtigkeit nicht ertragen.“

Seine Schwäche ist, dass er so toll ist, Sie wirken bizarr, weil Sie so toll sind.

"Sehr egal"

In dem Interview mit Klaas Heufer-Umlauf sagen Sie auch, er sei Ihnen egal, was fremde Menschen über Sie denken. Es sei Ihnen sogar „sehr egal“, also, mehr noch als egal, über-egal, wie man vielleicht heute sagen würde.

Deswegen ist dieser Brief eigentlich völlig überflüssig, denn ich sage in diesem Brief ja, was ich über Sie denke, jedenfalls über diesen Auftritt bei Arte. Ich habe den Brief aber dennoch geschrieben, obwohl mir das die ganze Zeit über klar war. Es musste einfach sein, ich bin einfach so emotional.

13:15 08.10.2012
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