Vor Gericht in Deutschland

Justiz Vor einigen Wochen saßen ein muslimischer Vater und ein somalischer Pirat vor Gericht in Deutschland. Community-Mitglied snow_in_june hat die Verhandlung protokolliert
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Der muslimische Vater (im Folgenden „Vater“) und der somalische Pirat (im Folgenden „Pirat“) werden von Uniformierten in den Verhandlungssaal geführt und auf die Anklagebank gesetzt. Nach einigen Minuten des Schweigen beginnt der Vater ein Gespräch:

Vater: Darf ich fragen, warum Sie hier sind?

Pirat: Ich bin ein Gefangener

Vater: Ach so, ok, klar, ich meine, war wird Ihnen vorgeworfen?

Pirat: Wie meinen Sie dass?

Vater: Na Sie werden doch jetzt wegen irgendetwas angeklagt

Pirat: Keine Ahnung. Was ich weiß ist, dass ich gefangengenommen wurde und das man mich töten wird

Vater: Nein, niemals, man wird Sie garantiert nicht töten

Pirat: Nicht?

Vater: Nein

Pirat: Ach so, und warum nicht?

Vater: Weil es keine Todesstrafe in Deutschland gibt, darum nicht

Pirat: Ach so

Vater: Freuen Sie sich gar nicht? Also wenn ich, wie Sie, bis gerade eben gedacht hätte, dass ich getötet werde, und jetzt erfahren hätte, dass ich doch nicht getötet werde, dann würde ich mich schon ein bisschen freuen, ehrlich gesagt

Pirat: Ich freue mich auch

Vater: Aber Sie zeigen es nicht

Pirat: Naja, es ist nur...

Vater: Was?

Pirat: ...wenn sie mich töten würden, dann würde ich meine Familie wiedersehen, bei Allah

Vater: Ach so, sind Sie auch Moslem?

Pirat: Ja

Vater: Schön! Aber zurück zu Ihrer Familie: Sind die denn alle tot?

Pirat: Ja

Vater: Wer hat sie denn getötet?

Pirat: Na die, die mich gefangengenommen haben

Vater: Nein, garantiert nicht

Pirat: Nicht?

Vater: Nein. Ganz sicher nicht

Pirat: Also lebt meine Familie noch?

Vater: Naja, also die, die sie gefangen genommen haben, haben sie jedenfalls nicht getötet

Pirat: Ach so

Vater: Sie freuen sich schon wieder nicht

Pirat: Doch doch, es ist nur...

Vater: Was?

Pirat: ...ich werde sie wahrscheinlich trotzdem nicht wiedersehen

Vater: Warum?

Pirat: Ich habe gar keinen Ausweis und es gibt keine Direktflüge nach Somalia. Weil ich keinen Ausweis habe kann ich dann aber auch nicht in ein anderes Land und von da dann weiter. So hat man es mir jedenfalls erzählt

Vater: Ach so, Sie kommen aus Somalia. Das wird sich schon geben

Vater: Ich würde ja doch gerne wissen, was Ihnen vorgeworfen wird

Pirat: Hab ich doch schon gesagt, ich bin ein...

Vater: Gefangener, ich weiß. Was haben Sie denn gemacht, als man Sie gefangen genommen hat?

Pirat: Ein Schiff gekapert

Vater: Ach so, dann sind Sie einer von diesen somalischen Piraten? Cool!

Pirat: Cool?

Vater: Ja, cool. Dürfte ich vielleicht ein Autogramm, also mein Sohn, der würde sich tierisch freuen, der hat schon eins von Michael Schuhmacher, aber eins von einem echten Piraten, also der würde ausrasten vor Freude

Pirat: Ein Autogramm?

Vater: Ja, warten Sie

Der Vater holt einen Stift und ein Blatt Papier aus seiner Tasche

Vater: Hier, einfach unterschreiben

Pirat: unterschreiben?

Vater: Ja, schreiben Sie einfach Ihren Name da drauf

Pirat: Ich kann nicht schreiben

Vater: Ach so, hmm, dann zeichnen Sie irgendetwas, machen Sie irgendeine Zeichnung

Pirat: Eine Zeichnung?

Vater: Ja, irgendwas

Der Pirat zeichnet ein Strichmännchen mit langen Haaren

Pirat: Das ist meine Frau

Vater: Super, danke, das bedeutet mir viel. Darf ich Sie umarmen, Sie sind doch sicher schon lange nicht mehr umarmt worden, oder?

Pirat: Nein, schon lange nicht mehr

Der Vater und der Pirat umarmen sich

Pirat: Und Sie, Sie sind auch ein Gefangener?

Vater. Nein nein, mir wirft man aber vor, dass ich meinen Sohn habe beschneiden lassen

Pirat: Warum wirft man Ihnen das vor?

Vater: Da fragen Sie den Richtigen. Sie sagen, es sei eine Körperverletzung und da haben Sie ja auch Recht, schnipp schnapp und die Vorhaut ist weg

Pirat: Aber Allah befielt es doch

Vater: Stimmt

Pirat: Und was ist schon eine Vorhaut gegenüber dem Willen Allahs?

Vater: Ja, sehe ich ja auch so. Aber die Menschen hier, die sind eben sehr materialistisch. Deswegen ist Ihnen das Körperliche eben sehr wichtig. Selbst die Vorhaut

Pirat: Krass

Vater: Andere Länder andere Sitten. Die sagen auch, dass der Sex mehr Spaß macht mit Vorhaut, verstehen Sie?

Pirat: Nein

Vater: Die wollen, dass mein Sohn später mal mehr Spaß beim Sex hat, deswegen soll er die Vorhaut behalten

Pirat: Hmm

Vater: Sex spielt hier sowieso eine sehr große Rolle. Das sehen Sie sofort, wenn Sie auf die Straße gehen, oder wenn Sie den Fernseher anmachen

Pirat: Aber wenn die hier so für die Vorhaut sind, vielleicht sollten die dann nicht wissen, dass auch ich...

Der Pirat schlägt instinktiv die Beine übereinander

Vater: Nein nein, keine Sorge, die wollen nur nicht, dass wir andere beschneiden, dass wir selbst beschnitten sind, ist denen egal

Pirat: Sicher?

Vater: Ja, sicher. Warten Sie, ich glaube es geht los

Der Richter betritt den Verhandlungssaal, der Vater erhebt sich, der Pirat tut es ihm gleich

Richter: Bitte nehmen Sie Platz

Der Vater und der Pirat nehmen Platz

Richter: Ich bitte den ersten Zeugen den Saal zu betreten

Ein kleiner, alter, gebückter Mann mit weißen Haaren betritt den Verhandlungssaal

Richter: Zu welchem der Fälle können Sie was sagen?

Zeuge: Zu beiden

Richter: Zu beiden? Da bin ich aber mal gespannt

Der Zeuge holt einen Zettel aus seiner Tasche und beginnt vorzulesen

Zeuge: Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten, der einen Ring von unschätzbarem Wert aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte, und hatte die geheime Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, dass ihn der Mann in Osten darum nie vom Finger ließ und die Verfügung traf, auf ewig ihn bei seinem Hause zu erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring von seinen Söhnen dem geliebtesten und setzte fest, dass dieser wiederum den Ring von seinen Söhnen dem vermache, der ihm der liebste sei, und stets der liebste, ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. - Versteh mich, Sultan.

Richter: Sultan? Was führen Sie hier eigentlich auf?

Zeuge: Die Ringparabel

Richter: Die Ringparabel? Sind sie so ein Märchenonkel oder wie?

Zeuge: Mein Name ist Gotthold Ephraim Lessing, und ja, ich bin ein Märchenonkel

Richter: Verschwenden Sie nicht unsere Zeit. Abführen!

Uniformierte entfernen Gotthold Ephraim Lessing aus dem Saal. Seinem Alter und seiner Würde entsprechend behandeln sie ihn sanft

Richter: Gibt es noch weitere Zeugen?

Der Richter schaut in seine Akte

Richter: Nein, wie es scheint, war das der einzige Zeuge. Dann schließe ich die Verhandlung. Das Gericht zieht sich zurück, um ein Urteil zu fällen.

Der Richter verlässt den Verhandlungssaal

Vater: Viel Glück Pirat!

Pirat: Ihnen auch, viel Glück!

Vater: Sollen wir uns noch mal umarmen?

Pirat: ok

Aufgrund eines neuen, im Eiltempo beschlossenen Gesetzes, wird der Vater freigesprochen. Der Pirat wird zu zwei Jahren Haft verurteilt wegen eines Angriffs auf den Seeverkehr (§ 316c Abs. 1 Nr. 1 StGB) und wegen eines erpresserischen Menschenraubes (§ 239a Abs. 1 StGB). Die Behauptung, wegen Überfischung der Seegründe vor Somalia bleibe den Küstenbewohnern nur noch die Piraterie, sei eine unzutreffende Rechtfertigungslegende. Der Überfall auf das Frachtschiff (die Taipan) sei keine spontane Verzweiflungstat verarmter Fischer gewesen. Zwar herrschten in Somalia katastrophale Lebensbedingungen. Bürgerkrieg, Nahrungsmittelknappheit, mangelhafte ärztliche Versorgung und große Flüchtlingsbewegungen prägten das Geschehen. Dass die Angeklagten aber zur Sicherung ihres Überlebens keine andere Alternative als die Piraterie gehabt hätten, sei nicht ersichtlich. Da der Pirat schon über zwei Jahre in Untersuchungshaft saß gilt die verhängte Strafe jedoch als verbüßt. Aufgrund der katastrophalen Umstände in seinem Heimatland möchte der Pirat seine Familie gerne nach Deutschland holen. Dazu hat ihm auch der muslimische Vater geraten, trotz des Materialismus in Deutschland, den er nach wie vor beklagt.

Gotthold Ephraim Lessing, Ringrarabel

12:05 28.10.2012
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