Es leben die Tafeln

Grundsatzdiskussion Die Tafeln werden 25 Jahre alt und nehmen in Essen keine Ausländer mehr auf: Für viele ein Anlass, über ihre Existenzberechtigung nachzudenken.
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Die Tafeln feiern ihren 25. Geburtstag. Das Jubiläum sowie die Nachricht, dass die Essener Tafel nur noch Menschen mit deutschem Pass neu aufnimmt, haben dazu geführt, dass wieder einmal grundsätzlich über die Tafel-Idee und artverwandte Wohlfahrtseinrichtungen sinniert wird. Nicht selten wird das Thema dabei zerdacht - bis hin zur absurden, kontraproduktiven und zynischen Forderung, die Tafeln besser abzuschaffen. Das ist falsch und zwar im doppelten Sinne: Es trifft die Falschen und es ist das falsche Zeichen.

Menschen, die entweder direkt Hunger leiden oder es sich zumindest nicht leisten können, auf etwas zu verzichten, was "Tafel", "Bedürftigenkorb" oder "Obdachlosenfrühstück" heißt, Nahrung zu geben ist per se gut. Man kann an dieser Stelle die Geschichte von Jesus Christus ins Feld führen, in der er sich gegenüber seinen Jüngern als eben jener Bettler zu erkennen gibt, an dem sie wortlos vorüber gegangen sind. Aber es gibt das Credo, den Schwachen zu helfen, auch in jeder anderen Weltreligion und jeder humanistischen Weltanschauung, die Mitmenschlichkeit nicht mehr an das Vorhandensein eines göttlichen Wesens knüpft.

Natürlich ist die Schere zwischen Armut und Reichtum in Deutschland ein Skandal. Und natürlich müsste es so sein, dass der Staat Ersteres verhindert und Letzteres in die Pflicht nimmt. Aber zu denken, dass nach einem Aus für die Tafeln sofort Vater Staat auf den Plan tritt und das Problem löst, ist einerseits realitätsfremd, andererseits wäre es sogar ein gefährliches Zeichen. Darf die Mutter bei ihrem Kind noch Vokabeln abfragen, wenn Bildung Staatsaufgabe ist? Darf der Vater noch die E-Jugendfußballmannschaft seines Sohnes trainieren, wenn die Verächtlichmachung von Ehrenamtlern Fuß fasst? Ja sogar: Darf man noch erste Hilfe an einem Unfallopfer leisten oder ist das nicht eher ausschließliche Aufgabe der Rettungssanitäter (und müssten alle Rettungssanitäter nicht konsequenterweise als Beamte beim Staat beschäftigt sein)?

Es ist weniger so, dass Ehrenamtler ihr Ehrenamt für's gute Gewissen brauchen, als vielmehr so, dass viele Tafel-Kritiker die Tafel-Kritik als Ausrede brauchen, um nichts zu tun und kein schlechtes Gewissen zu haben. Sie sollten sich von ihrer persönlichen Nulllinie gesellschaftlichen Engagements zumindest zentimeterweise abheben.

Die Grundsatzdiskussion über die Existenzberechtigung der Tafeln überlagert die handfesten Probleme und denkbare Lösungen. Wenn es in Essen Handgreiflichkeiten im Streit um die besten Plätze und die vollsten Tüten gab, dann müssen vielleicht Ordner her, im Zweifelsfall sogar Polizisten, um die Störenfriede zu maßregeln. Wenn die freien Plätze an den Tafeln weniger werden bzw. die Wartelisten länger, dann kann man das durchaus hemdsärmelig bekämpfen UND wahltaktisch berücksichtigen. Wenn die Essener Tafel zwischen Deutschen und Ausländern unterscheidet, dann kann das ein Anstoß dafür sein zu schauen, welcher Tafelbesucher unter Umständen eine andere außerhalb der Tafel liegende Versorgungsmöglichkeit hat (denn es ist eher nicht zu verstehen, dass jemand Zugang zu einer Gemeinschaftskantine hat und zusätzlich noch die Tafel nutzen will).

Nur eines geht gar nicht: Die Tafeln zu verteufeln.

14:35 23.02.2018
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