A girl walks home alone at night

Film und Nachtleben Bedrohungssituationen, wenn junge Frauen nachts allein auf der Straße sind. Im richtigen Leben und im Film.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Letztes Wochenende war ich mit einem Freund, nennen wir ihn K, einen trinken. Gegen vier oder fünf Uhr morgens – es war schon hell – gingen wir dann noch aufn Kiez zum Hamburger Berg. Unterwegs kommt uns ein hübsches Mädchen Mitte zwanzig mit blonden Rastas entgegen. K spricht sie an. Sie hält an der Ampel. Es ist offensichtlich, dass sie nur (allein) nach Hause will. Da nähert sich von hinten ein dunkelhäutiger Mann. Kein Schwarzafrikaner, sondern vielleicht ein Mensch vom indischen Subkontinent. Für mich nicht genau zuordenbar. Er lächelt, gibt süßlich klingende Worte von sich und kommt ihr so nahe, dass sie visuell ineinander übergehen. Sie tritt zurück und sagt laut, klar und mit Gestik: "Dies ist mein Körper. Das ist dein Körper. Da gibt es keine Verbindung."

Toughe Frau. Ich bin schwer beeindruckt – und will weitergehen. Für mich war die Situation beendet. Ich erinnere mich nicht genau, ob sich der farbige Mensch zu diesem Zeitpunkt ebenfalls bereits zum Gehen entschieden hat, jedenfalls sagt das Mädchen zu mir: "Hey, könntet ihr eventuell dableiben?"

Ich schäme mich ein bisschen, weil ich anscheinend ein Idiot bin, der eine Frau in einer Situation, die sie als bedrohlich empfindet, alleine lässt. Für mich war sie einfach eine erwachsene, emanzipierte Frau, die natürlich für sich selbst verantwortlich ist, und der Farbige ein Farbiger, den ich weder öffentlich diskriminieren noch privat anpöbeln will. Beide Faktoren zusammen bewirkten eine Lähmung, die mich daran hinderte, in diesem Konflikt zwischen Vertretern zweier normalerweise diskriminierter Gruppen einzugreifen.

An der Reeperbahn morgens um halb fünf

Inzwischen zieht der dunkelhäutige Mann seines Weges. Das Mädchen mit den Rastas betastet ihren Körper, wie um sich zu vergewissern, dass noch alles dran ist.

"Scheiße, mein Handy ist weg", sagt sie. Es ist sofort klar, dass der Farbige das bei seinem Anschmiegversuch gezockt haben muss. Jetzt ist auch die Lähmung überwunden, die zivilisatorische Schicht zwischen mir und dem Tier in mir bricht weg. Adrenalin und Blut kommen in Wallung, alle Muskeln spannen sich an. Ich fixiere den Farbigen von hinten so unerbittlich, dass er sich auf zwanzig Meter Entfernung noch schuldbewusst umdreht. Mir ist klar, dass ich gleich meinen Mann stehen, rennen werde, rennen muss, um das Handy des Mädchens wieder zu besorgen. In diesem Moment bin ich frei von jeder Angst. Ich weiß, dass K und ich ihn einholen und den folgenden Kampf für uns entscheiden werden. Ich bin absolut siegesgewiss.

Da findet das Mädchen ihr Handy in einer ihrer vielen Taschen wieder, ist zunächst erleichtert – und fängt dann umgehend an, sich selbst zu beschimpfen: "Ich bin so eine Scheiß-Rassistin!" Ich lasse das unkommentiert (und versage ihr gegenüber damit ein zweites Mal, denn natürlich ist sie keine Rassistin, da der Mann ja zuerst ihre Sicherheitszone massiv verletzt hatte) und pendel ansonsten zwischen Erleichterung und Enttäuschung, dass es nicht zur Konfrontation gekommen ist, denn der Adrenalinschub war so vitalisierend und ich fühlte mich viel stärker als sonst. Erst später dämmert mir, dass es wahrscheinlich kein so gutes Bild abgegeben hätte, wenn K und ich, zwei weiße Männer, zusammen und betrunken Jagd auf einen farbigen Mann gemacht hätten ...

Hat diese Geschichte eine Moral? Ich befürchte ja. Denn der Ehrlichkeit halber sollte ich wohl noch ergänzen, dass, als wir über den Hamburger Berg mit seinen Bars voller feiernder Menschen schlenderten, K und ich noch mit zwei jungen Typen ins Gespräch kamen, obwohl es offensichtlich war, dass man, abgesehen von der ethnischen Zugehörigkeit, nichts gemeinsam hat. Der eine von beiden trug sogar ein Deutschlandtrikot und ich bin alles andere als ein Fussballpatriot. Trotzdem habe ich mich da – ich gestehe es – zum wohl ersten Mal in meinem Leben über den Anblick eines Deutschlandtrikots gefreut. Wahrscheinlich auch deshalb, weil das Verhältnis zwischen ethnischen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund etwa 30 zu 70, maximal 40 zu 60, war und es mir unter diesen Umständen nur zu plausibel und stimmig erschien, Flagge zu zeigen. Der Typ merkte natürlich, dass ich ihm eine gewisse Sympathie entgegenbrachte, und versuchte, ein Gespräch anzuknüpfen. Er vermutete, dass wir aus Düsseldorf kämen. Ich nahm den Ball dankbar auf, dachte mir geschwind eine Geschichte aus und log ihn hemmungslos an, damit das Ganze nicht zu innig oder pathetisch werden würde. Ja, wir seien aus Düsseldorf, hätten schon den Hamburger Dungeon besucht und eine Hafenrundfahrt gemacht und wollten jetzt noch feiern ... "Alles richtig gemacht", war er sich sicher. Wir verabschiedeten uns per Handschlag. (Und sahen uns später noch mal kurz im einzigen Laden auf dem Hamburger Berg mit gutem Elektrosound wieder: Hatten wohl doch etwas mehr gemeinsam als nur die Nationalität, weswegen ich ihm mit meinen kleinen Lügen ein bisschen Unrecht getan habe. Zu meiner Verteidigung muss aber angefügt werden, dass ich andernfalls Gefahr gelaufen wäre, eine Versöhnung mit dem "Vaterland" zertifiziert zu bekommen.)

Das Mädchen, dem die Männer nachts nicht begegnen wollen

Am Montag sah ich dann eine Anzeige im Freitag für einen Film namens "A girl walks home alone at night" und mir fiel die Geschichte vom Samstag Abend wieder ein. Klar, dass ich den Film sehen musste. Zunächst erwartete ich einen Zeichentrickfilm in der Art von Persepolis, weil die Anzeige ähnlich gestaltet war, doch zeigte der Trailer sehr stilvolle schwarz-weiß Bilder, die mich sofort überzeugten. Ich bekam noch am Rande mit, dass es sich wohl irgendwie um einen exilpersischen Vampirfilm aus Frankreich handeln sollte, doch hatte ich keine Ahnung, worum es geht. Entsprechend überlegte ich anfangs, ob das Setting wirklich im Iran zur Zeit des Schahs angesiedelt war und natürlich auch, ob das Mädchen, das in dem Film nachts alleine nach Hause gehen würde, wohl irgendeine Gemeinsamkeit mit dem blonden Rastamädchen haben würde, der ich auf ihrem Nachhauseweg begegnet war. Nun ja, das vordergründig verletzliche Mädchen im Tschador entpuppte sich dann als Vampir, der widerliche Männer mit sexuellen Signalen köderte und dann umbrachte und austrank. Das alles, wohlgemerkt, in unglaublich stimmungsvollen und melancholischen schwarz-weiß Aufnahmen. Doch ich konnte den Impuls jetzt total nachvollziehen (sonst bin ich ja auch eher mit mir selbst beschäftigt und denke nicht darüber nach, wie häufig und wie stark die Anmachen sind, deren sich Frauen zu erwehren haben).

Der Film spielt in einem Ort namens Bad City, der aussieht wie ein amerikanischer Suburb (und tatsächlich ist es auch ein exilpersischer US-Film). Inklusive offener Grube, in der die Leichen entsorgt werden, was mir aber eher eine Reminiszenz an das Deutschland der Vierziger zu sein schien. Ansonsten werden so viele und so viele verschiedene Drogen genommen, wie man sich das nur wünschen kann: Heroin und XTC, Kokain, Alkohol und ständig Nikotin. Außerdem gibt es als wichtige Protagonistin eine charismatische Katze. Der Film ist natürlich ein Kunstwerk für sich, genauso wie die Annekdote mit dem Mädchen aus Hamburg für sich steht. Ich will da jetzt gar nicht auf Biegen und Brechen die Geschichten zusammenzwängen. Es reicht zu bemerken, dass Bad City eine ethnisch homogene Bevölkerung hatte, die Menschen ihr Leben aber trotzdem nur mit Drogen ertrugen. Selbst der Vater des männlichen Protagonisten, der sich in die junge und hübsche Vampirin verliebt, war auf Heroin. Schließlich lädt sich dieser Vater eine Frau ein, mit der er sehr penetrant und übergriffig "Spaß haben" will. Sie sagt nein, doch er überwältigt sie. Zwar versteht er unter "gemeinsam Spaß haben", nur Heroin nehmen und kuscheln, doch ist das Grenzüberschreitende so unerträglich, dass man sich freut, als die junge Vampirin im Tschador erscheint und ihn tötet. Sie geht und nimmt die Katze des Alten mit. Der männliche Protagonist findet die Leiche seines Vaters, eilt zur Wohnung der Schönheit im Tschador, will zusammen mit ihr angesichts der gefährlichen Lage fliehen ... Stellt sich bloß die Frage: Wäre es ein Hinderungsgrund, wenn er erfahren würde, dass sie seinen Vater umgebracht hat? Oder, auf den Vorfall mit dem Rastamädchen bezogen, kann man seinen Mann stehen und gleichzeitig sein "Vater-/Mutterland" verdammen?

Jedenfalls habe ich die Schönheit mit den Rastas nicht wiedergesehen und ich habe auch nicht die Erwartung, dass sie diesen Artikel liest, sich an mich erinnert und sich dann verliebt oder sich wenigstens nicht mehr für eine Rassistin hält. In der Bar vorher hatte ich nämlich schon eine sehr hübsche und intelligente Frau kennen gelernt, die mir ihre Telefonnummer gab. But she walked home alone at night, so wie sie es sich gewünscht hatte. Mehr mag ich über diese Begegnung nicht erzählen. Nur so viel: sie ist Filmvorführerin.

15:08 29.04.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community