Indizien für eine größere Verschwörung

Edathy-Gate Wie sich jetzt herausstellt, wusste der Sicherheitsapparat schon lange über Edathys Schatten Bescheid - und ließ den Mann trotzdem Vorsitzender des NSU-Ausschusses werden
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Zuerst hatte mich die Edathy-Affäre total angefixt, weil ich gleich einen konspirativen Zusammenhang mit dem NSU-Ausschuss, dessen Vorsitzender Edathy war, vermutet hatte. Dann, nachdem Edathy selbst den Besitz des kinderpornografischen Materials zugegeben und nur darauf bestanden hatte, dass es sich dabei um strafrechtlich nicht relevante Nacktaufnahmen gehandelt habe, verlor ich sofort das Interesse. Anscheinend ging alles mit rechten Dingen zu und man musste die Aufklärung des Skandals als Zeichen für das Funktionieren des Systems werten. Angesichts der zuvor vermuteten Tragweite des Skandals erschien mir das, worüber sich die Öffentlichkeit aufregte, nämlich der Buschfunk zwischen Friedrich, Gabriel, Oppermann und Co als absolut kleinlich. „Lasst doch die armen Politiker in Ruhe!“ dachte ich, „ist doch ok, wenn das Buddies sind“ (Schließlich ging der Kommunismus nicht zuletzt aufgrund der Paranoia und des gegenseitigen Misstrauens während der Stalinzeit vor die Hunde).

Doch jetzt gibt es doch noch eine echte Verschwörung!

Wie Fefe mit Verweis auf die Stimme Russlands, die sich wiederum auf Fred Schumacher bezieht, schreibt, wusste das BKA via Interpol seit Mai 2011 von den Vorwürfen gegen Edathy. Allerdings haben sie nicht sofort gegen ihn ermittelt. Anfang 2012 wurde er dann Vorsitzender des NSU-Ausschuss.

Den Sicherheitsbehörden wird das – unabhängig davon, ob sie ihn gezielt installiert haben – Recht gewesen sein, weil sie ihn dadurch entweder direkt mittels eines „Führungsoffiziers“ steuern oder aber ihm zumindest signalisieren konnten, es mit der Aufklärung nicht zu weit zu treiben. So oder so wird Edathy gewusst haben, dass er aufgeflogen war. Folglich muss er das getan haben, was er meinte, was man von ihm erwartet.

Dennoch hat er sich zumindest soweit für eine Aufklärung des NSU-Sumpfes eingesetzt, dass Petra Pau von den Linken sich lobend über ihn geäußert hat. Auch warf er den Behörden massives Versagen vor.

Bedeutet das nun, dass Edathy seinen Teil des „Deals“ nicht eingehalten hat und deswegen bestraft wurde? Nein, wahrscheinlich nicht. Schließlich ist nicht nur Fefe der Ansicht, dass es im NSU-Ausschuss wesentlich mehr Aufklärungspotential gegeben hat. Das wäre aber ein Indiz dafür, dass genau dieses auf Medium gegarte Aufklärungsengagement das war, was die Sicherheitsbehörden zur Beruhigung und Einlullung der Öffentlichkeit beabsichtigt hatten.

Doch warum lassen sie dann Edathy, nachdem er seinen Teil des Deals erfüllt hat, trotzdem über die Klinge springen? Erstens birgt das doch eine enorme Gefahr, dass es dadurch zu unvorhersehbaren Verwerfungen kommt, und zweitens ist Edathy als leicht manipulierbarer Abgeordneter viel zu wertvoll, um ihn so mir nichts, dir nichts fallen zu lassen (es sei denn natürlich, der ganze Bundestag ist korrupt und beliebig erpressbar, so dass für ausreichend Nachschub gesorgt ist :)

Das wiederum deutet daraufhin, dass das Ingangsetzen der Enttarnung Edathys von interessierter dritter Seite in die Wege geleitet wurde. Und zwar mutmaßlich von derselben Seite, die schon ins Auffliegen des NSU involviert war. Wie der Geheimdienstexperte Wolfgang Eggert nämlich überzeugend darlegt, hatte der NSU nicht nur Kontakt zum Verfassungsschutz, sondern auch zu ausländischen Diensten.

Verfolgt man diese Variante, muss man zunächst einmal Ungeheuerliches für denkmöglich erachten: Die Terroristen vom NSU haben NICHT die „Döner-Morde“ begangen. Sie wurden ihnen nur dadurch in die Schuhe geschoben, dass man deren Tatwaffe in Böhnhardts und Mundlos Wohnung hingelegt hat, nachdem man die beiden ermordet hat. Dafür spricht laut Eggert, dass den Opfern der „Döner-Morde“ erstens ins Gesicht geschossen wurde, was auf einen mafiosen Abrechnungsmord schließen lässt („sein Gesicht verlieren“), die Mordserie zweitens bereits 2006 abbrach, wobei es aus Nazi-Perspektive keinen ersichtlichen Grund gibt, den völkischen Kreuzzug vorzeitig einzustellen, und diese drittens in Süd- und Westdeutschland, also weit weg vom NSU, stattfand. Insofern dürfte die Vermutung nicht zu gewagt sein, dass vielen von uns die Nazi-Täterschaft bei dieser Mordserie vor allem deswegen plausibel erscheint, weil uns die türkische Community trotz unseres eigentlichen Wohlwollens doch fremd geblieben ist und mitunter Unbehagen auslöst.

Wenn dem so wäre, dann hätte die Bundesregierung die NSU-Kröte notgedrungen geschluckt und beschlossen, die ihr von außen aufgezwungene Version mittels Untersuchungsausschuss und Prozess durchzuexerzieren und alles, was von dieser Version abweicht, zu ignorieren. Was genau dem Gesamtbild entspricht, das wir aus Prozess und U-Ausschuss gewinnen. (In dieser Perspektive würde auch das Schweigen von Fräulein Zschäpe während des Prozesses Sinn machen, da es womöglich einen Deal zwischen ihr und dem Sicherheitsapparat gibt, die gewünschte Version zu produzieren, wofür sie dann mit einer relativ milden Strafe belohnt werden würde).

Diese dritte Partei hätte dann durch den NSU-Skandal Einfluss auf die deutsche Politik nehmen und eventuelle eigene Interessen durchsetzen können. Für diese Seite würde es auch jetzt wieder Sinn machen, erneut Druck aufzubauen (Und was für einen! Die ganze Regierung könnte über diesen Skandal stürzen), um erneut ihre Interessen durchzusetzen.

Aber wer könnte das sein? Wahrscheinlich die üblichen Verdächtigen, also zuvorderst die USA, Großbritannien, Frankreich, Israel und die Türkei, deren jeweilige Interessen man jetzt bedenken und abwägen müsste. Für Israel würde natürlich sprechen, dass sich gerade die gesamte deutsche Regierung dort zu Konsultationen aufhält und sich also face to face erpressen ließe. Dagegen spricht aber, dass es erstens schwierig sein dürfte, so eine Affäre exakt zu timen, und zweitens, dass die deutsche Solidarität mit Israel nicht erpresst werden muss, weil sie freiwillig entgegen gebracht wird. Außerdem scheint die israelische Regierung der deutschen tatsächlich zu vertrauen, da Deutschland immerhin die konsularische Vertretung für Israel in solchen Ländern übernehmen soll, wo sie selbst keine Botschaft haben. (Ich an deren Stelle würde uns ja nicht unbedingt vertrauen).

Blieben also noch die USA und Großbritannien – die allerdings beide rausfallen, da diese Schandtat eine Nummer zu klein für ihr sonstiges Niveau ist.

Frankreich? Nein, deren Präsident ist in ganz andere Affären verwickelt. Die Türkei? Als Rache dafür, dass die Ukrainer früher in die EU aufgenommen werden als die Türken? Aber der Sankt Nimmerleins Tag ist auch nur einen Tag vorm Jüngsten Tag.

Wir werden es also wohl nie erfahren – und eigentlich braucht´s uns auch nicht zu interessieren. Wir wissen ja bereits, dass das Great Game ein Spiel mit schmutzigen Einsätzen ist.

Übrigens: Ein Link zu meinem Roman Staatsgeheimnis I

01:17 25.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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