B-Movie: Lust und Sound

Kino “If you can remember the 80’s, you weren’t there!” - und wenn du dich an den Film erinnerst, hast du ihn nicht gesehen
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B-Movie: Lust und Sound
Bild: Screenshot Trailer

“If you can remember the 80’s, you weren’t there!” ist der Slogan des Films “B-Movie: Lust und Sound”. Zu ergänzen wäre: Und wenn du dich hinterher an den Film erinnerst, hast du ihn nicht gesehen. Ein Paradox! Lässt sich das wohl ergründen? Ein Versuch.

Seit jeher waren Inseln Orte utopischer Sehnsüchte. Lang vergessen ist dabei, dass auch West-Berlin, also ein Teil unseres gentrifizierten Hipster-Berlins, mal eine Insel war, die von den wilden Wogen der kommunistischen Flut umspült und nur durch den Wellenbrecher des antiimperialistischen Schutzwalls vorm Versinken in der leicht dystopischen Realität der sozialistischen Utopie bewahrt wurde. Klar, jahrein jahraus wird einem das Jubiläum des Mauerfalls unter die Nase geschoben, bloß, wen juckt´s, wer erinnert sich noch lebhaft daran? Selbst die Zeitzeugin, mit der ich die Kinovorstellung am Sonntag besucht hab, war geschockt, als sie die Bilder sah. Krass, sah das da wirklich mal so aus? Ja, stimmt, in den Achtzigern waren tatsächlich noch nicht alle Kriegsschäden in Berlin beseitigt, wobei “nicht alle” eine maßlose Untertreibung ist, wenn man die Bilder sieht.

An Englishman in West-Berlin

Doch beginnen wir beim Anfang. Im Oktober 1979, meinem Geburtsmonat übrigens, siedelt Mark Reeder, ein Plattenverkäufer und Musiktüftler, von Manchester nach Berlin. Beim Trampen über die Transitstrecke freundet er sich bereits mit dem Fahrer an, der ihm auch gleich ein Zimmer in seinem besetzten Haus überlässt. Der Anfang ist geschafft! Zwar ist Edgar Froese, der unlängst verstorbene Mastermind von Tangerine Dream, deretwegen Reeder nach Berlin wollte, gerade auf Tour im Vereinigten Königreich, als Mark ihn besuchen will, doch findet er trotzdem schnell Anschluss an die Musikszene und hängt im folgenden Jahrzehnt mit allen bedeutenden Größen des Berliner Nachtlebens der Achtziger wie Malaria!, Einstürzende Neubauten, Nena, Die Ärzte, Die Toten Hosen, Der wahre Heino, Nick Cave und später Westbam ab, bevor er ein eigenes Label namens MfS gründet, das zu den Trance-Pionieren gehörte. Es handelt sich also um eine wahre Geschichte und das Filmmaterial, aus dem B-Movie zusammengesetzt ist, ist auch weitgehend original. Unter anderem stammt es aus einer Dokumentation, die eine Bekannte Reeders aus England für die BBC gedreht hatte, als sich dort allmählich rumsprach, dass die im damaligen englischen Fernsehen allgegenwärtigen Nazis in Deutschland selber nicht mehr stilbildend und tonangebend waren. Zusätzlich wurden einige Szenen nachgestellt, doch das fällt kaum auf.

B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin (1979-1989) - Official Trailer from scenes from on Vimeo.

Alles in allem also doch gar nicht so wenig, was ich noch vom Film erinnere. Doch das war´s auch schon an strukturierter und erinnerungsfähiger Erzählung, die der Film bietet, denn eine dramaturgische Handlung existiert nicht. Vielmehr ist es eine Flut ineinander übergehender Bilder und Annekdoten, oftmals verwoben mit der politischen Geschichte von jenseits des Nachtlebens, die einen ziemlich mitreißt und einem ein veritables High beschert. Nachts zuvor war ich nämlich selber noch bis acht Uhr morgens feiern und fühlte mich dreiviertel tot, als ich den Kinosaal betrat, aber danach hatte ich gleich wieder Bock auf Party. Besser kann ein Film eigentlich nicht flashen. Der ein oder andere mag sich wohl denken: Ey, werd mal erwachsen und seriös, wenn du – also ich – als Schriftsteller Erfolg haben willst. Und wirklich hatte ich während meiner Tour durch die Kiezbars so ein schales Gefühl, dass das ausgereizt ist und eine Veränderung vonnöten wäre. Nachmittags nach dem Frühstück rief mich dann eine Freundin an, sagte beiläufig “Zieh doch nach Berlin!” Ich, des strukturierten Denkens nicht fähig, sag nichts dazu, aber denk hinterher “Berlin? Ja” – und kündige umgehend meine Wohnung, bevor ich mich auf dem Weg ins Kino mache. Eine große Veränderung, die da plötzlich über mich hereinbricht! Zwar wollte ich immer schon mal nach Berlin ziehen, aber die letzten Monate hatte ich die Idee begraben, da ich mir mein Standing als Autor eigentlich hier in Hamburg erarbeiten wollte und auch mit meinem sozialen Umfeld wieder zufrieden war, nachdem ich zuvor aus dem Kreise derer herausgedrängt wurde, die ich zwischenzeitlich für Freunde gehalten hatte, da mein Roman als “politisch unkorrekt” (wenn nicht schlimmer) gebrandmarkt wurde. Und jetzt ist es doch soweit! Jetzt bin ich natürlich mächtig gespannt, was der neue Lebensabschnitt bringen wird …

Tja, und was soll uns das jetzt sagen? Mutmaßlich wohl, dass einen der Flow des Lebens auch mal mitreißen kann, so sehr, dass man die Totalität der Tropfen, der Einzelereignisse, weder wahrnehmen noch erinnern kann. Doch das Erleben an sich, den Rausch, das vergisst man nicht, egal, ob er einen jetzt im Nachtleben oder im Kinosessel gepackt hat. Und klar, wer sich hinterher erinnert, hat sich währenddessen nicht vergessen.

14:52 04.06.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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