Dawaj, dawaj, Blockupy!

Berliner Blockade Am 2. September blockiert das antikapitalistische Blockupy-Bündnis das Arbeitsministerium in Berlin. Es geht gegen Austerität, soziale Ausgrenzung und Rassismus
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Am 2. September treffen sich in Berlin Aktivisten aus ganz Europa, um gegen Sozialkürzungen, Austerität und Rassismus zu demonstrieren. Zentrum des Protests ist das Ministerium für Arbeit und Soziales, das an diesem Tag blockiert und als Hauptakteur sozialer Repressionspolitik markiert werden soll. Die Protestzüge setzen sich ab 7:30 in der Früh vom Potsdamer Platz und vom Gendarmenmarkt aus in Bewegung und haben dabei unterschiedliche Themenschwerpunkte. Der Zug vom Potsdamer Platz aus demonstriert gegen "das europäische Krisenregime, Niedriglöhne, Hartz IV, die Drangsalierung durch die Jobcenter und die umfassende Unsicherheit im Leben und in der Arbeit", wie es auf der Blockupy-Homepage heißt, und der vom Gendarmenmarkt gegen das "das europäische Grenzregime, Abschottung, Rassismus und Rechtspopulismus". Über den Verlauf der Blockade kann man sich währenddessen auf Twitter und Facebook informieren. Die Veranstaltung findet unter der Losung "An die Arbeit: Exit capitalism, exit austerity, exit Fortress Europe!" statt.

Nachmittags startet die "2. Welle" genannte dezentrale Aktionskaskade, bei der an verschiedenen Orten der Stadt Aktionen zu unterschiedlichen Themen stattfinden werden. Bekannt gegeben sind bisher eine Anti-Kohle-Bootstour (ab 15h in der Rummelsburger Bucht) zum Kohlekraftwerk Klingenberg, eine Demonstration gegen den "Schmutzigen Deal mit der Türkei" (ab 16h am Neptunbrunnen/ Alexanderplatz) und ein Kissenschlacht-Flashmob (ab 18h beim Grimmzentrum/ Friedrichstraße).

Tags drauf findet eine große Demonstration "Aufstehen gegen Rassismus" statt. Motto: „Grenzenlos solidarisch, Grenzenlos antikapiatialistisch, Grenzenlos feministisch“. Startpunkt ist um 14h am Adenauerplatz.

Blockupy hat sich zum Ziel gesetzt, friedlich, aber entschieden gegen die Fehlentwicklungen unserer Zeit zu demonstrieren. Dabei ist die Staatsmacht in den letzten Jahren bei den Protesten an der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main um einiges entschiedener, aber nicht unbedingt friedlich gegen die Proteste vorgegangen. Auch dieses Jahr hat die Polizei eine Vorfeldaktion beim Tag der Offenen Tür des Arbeits- und Sozialministeriums bereits rücksichtslos unterbunden und einen der Redner (ja, Blockupy steht für Gesprächs-, nicht für sinnlose Gewaltbereitschaft) höchst unsanft hinausbefördert.

Eingebetteter Medieninhalt

Auch jetzt kündigt die Polizei, laut Neues Deutschland, an, dass die Proteste nicht friedlich bleiben werden. In einem Facebook-Post heißt es, die "Blockupy-Bewegung [habe] es bewiesen, dass sie es nicht schafft, friedlich zu demonstrieren" und "bei dieser Protestbewegung geht es schon lange nicht mehr "nur" um Bankenwesen und Kapitalismus. Es ist der Hass gegen den Staat und seine Institutionen." Blockupy-Pressesprecherin Hannah Eberle dagegen kontert:

"Diese Art der Kriminalisierung kennen wir bereits aus fünf Jahren Blockupy-Protest in Frankfurt am Main. Bei unseren Demonstrationen zeigte sich die Polizei stets eskalativ. Wir lassen uns durch die Drohgebärden der Polizei jedoch nicht aus der Ruhe bringen."

Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass die Proteste gewalttätige Formen annehmen - sei es, weil die Polizei provoziert oder weil einzelne Individuen randalieren - werden sicherlich wieder Bilder produziert, die auf unbeteiligte Beobachter abschreckend wirken müssen. Der schwarze Qualm abbrennender Autos ist düster und bedrohlich. Doch sollte man sich bewusst machen, dass dieser schwarze Qualm der schwarze Rauch des Kapitalismus ist, tagtäglich bei uns, unser Leben mit Konkurrenzdenken, Neid, Angst und vielen anderen negativen Gefühlen vergiftend. Blockupy dagegen steht für Solidarität, ein herzliches Miteinander der Aktivisten. Sicherlich nicht fehlerfrei, eher Prozess als starre Utopie, wie eine Aktivistin versichert, doch lebendig und bunt. Erschütternd, wie schnell bei einer Begegnung mit solch selbständig engagierten Menschen die freundlich-zivile Fassade des bundesdeutschen Staates in sich zusammenfällt und im schwarzen Qualm brennender Autos sein anderes Gesicht sichtbar wird.

19:45 01.09.2016
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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