Die andere Seite

Alfred Kubin Ein Klassiker der phantastischen Literatur, geschrieben 1909, wird wiederentdeckt.
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Unlängst besuchte ich die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin, in der eine surrealistische Ausstellung mit Werken von Max Ernst, Rene Magritte, Alfred Kubin und vielen anderen, zu sehen ist. Im Museumsshop lag Alfred Kubins phantastischer Roman "Die andere Seite" gleich in mehreren schönen Ausgaben aus, die teils mit Kubins eigenen Illustrationen für dieses Werk bebildert sind. Das Buch, das auch bei seiner Veröffentlichung 1909 bereits ein Erfolg war, ist en vogue und rückt derzeit zu den großen Klassikern der änigmatischen Literatur wie Gustav Meyrinks "Golem" und Franz Kafkas "Das Schloss" auf. Ich selbst habe es vor einem knappen halben Jahr gelesen und war im Großen und Ganzen schwer beeindruckt.

Der Roman beginnt damit, dass der namenlose Ich-Erzähler, wie Kubin ein Zeichner und Maler, in seiner Münchner Wohnung von einem rätselhaften Emissär aufgesucht wird, der ihm im Namen seines alten Schulkameraden Patera die Übersiedlung ins Traumreich anbietet. Hält der Erzähler den Boten anfangs noch für verrückt, ändert sich das schnell, als er feststellt, dass der ihm übergebene Scheck über 100.000 Reichsmark gedeckt ist. Das Traumreich selbst befindet sich in Zentralasien, im Russischen Imperium. Patera erwarb den Grund und Boden mit einem Vermögen, das ihm ein chinesischer Gönner, dem er während seiner Wanderjahre begegnet war, überlassen hatte. Außerdem ließ Patera in ganz Europa abrissreife Häuser und allen möglichen Plunder und Unrat aufkaufen, um damit Perle, die Hauptstadt des Traumreichs, auszustatten. Die Bewohner, seltsame Käuze und Neurotiker, wurden in ganz Europa angeworben.

Nichtsdestotrotz nehmen der Erzähler und seine Frau die Einladung an und siedeln bald ins Traumreich über, wobei ihnen bei der Ankunft die 100.000 Reichsmark wieder abgenommen werden und es sich als unmöglich herausstellt, das Traumreich wieder zu verlassen. Auch gibt es keine Postverbindungen in die Außenwelt. Im Traumreich selber herrscht Patera als Gottkönig, dem seine zutiefst treu ergebenen Untertanen mit seltsamen religiösen Ritualen wie dem Uhrbann huldigen. Alle sind sie gewissermaßen gehirngewaschen. Patera selbst empfängt niemanden zur Audienz und das Verwaltungs- und Wirtschaftsleben ist von einer abgründigen Absurdität. Außerdem scheint nie die Sonne und Perle ist von einem alles in trostlose Grautöne tauchenden Nebel durchdrungen.

Zwar gelingt es dem Erzähler und seiner Frau zunächst, in der Gesellschaft von Perle Fuß zu fassen und sich einzugewöhnen, doch behalten die widrigen Umstände letztlich die Oberhand und zermürben die beiden. Schließlich fällt die Frau einer Grippe zum Opfer und der Erzähler ist auf sich allein gestellt. Er begibt sich in die Vorstadt, wo die uralten, blauäugig asiatischen Ureinwohner des Traumreichs leben. Von ihnen strahlt eine große Ruhe aus und sie haben auch eine eigene Philosophie. In Perle dagegen künden sich nach der Ankunft des reichen Amerikaners Herkules Bell große Veränderungen an. Das Vertrauen in Patera schwindet und ein Aufstand liegt in der Luft. Die Lebensumstände werden immer unerträglicher: alles verfault und verschimmelt, die Menschen sterben wie die Fliegen und geben sich hemmungslos dem Exzess hin.

Das alles ist durchwoben von einer expressionistischen und surrealistischen Symbolik, Metaphysik, Psychologie und gnostische Philosophie fließen mit ein. Dabei entzieht sich vieles der eindeutigen Dechiffrierung und verbleibt in schillernder Unklarheit. Das regt zum Abschweifen und Selber-Phantasieren an und fördert nicht unbedingt den Lesefluss. Kurz, es ist ein überreiches Buch, das zum Nachdenken und Sinnieren einlädt. Es mag sein, dass "Die andere Seite" nicht ganz so groß ist wie der Golem oder das Schloss – Kubins literarischem Erstling folgte kein zweites Werk –, doch sind solche Vergleiche letztendlich sinnlos: was zählt ist die Einzigartigkeit des Romans. Man sollte ihn sich nicht entgehen lassen.

14:33 07.05.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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