Die Farben des Herbstes

Hamburg Selten wechseln Farben und Stimmungen so schnell wie in Zeiten der fallenden Blätter. Eindrücke aus Hamburg.
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Rot prangten in der ganzen Stadt die Plakate für das Tocotronic Konzert in der Sporthalle. Es war das erste Mal, dass Dirk, Jan, Arne und Rick in einer großen Halle wie dieser zu einem Solokonzert antraten, wie ich hörte. Ich selbst war erst tags zuvor aus Berlin angereist, liegengebliebenen Behördenkram nach meinen zwei Umzügen ins Nichts zu erledigen, und aufs Angenehmste überrascht, von einem Freund – O. – zu diesem Konzert eingeladen zu werden. Damit rechnet man ja nicht. Auch nicht, wenn man Geburtstag hat. Mythos Männerfreundschaft!

Das Tocotronic-Konzert

Leicht beschwippst kommen wir in der Halle an. Innen überwiegen beige Töne. Wie viele andere trage auch ich ein blau weiß gestreiftes Matrosenhemd. Von der großen Bühne hängen lange silberne Lamettastreifen, eine junge sympathische Vorband spielt und der Saal ist vielleicht zur Hälfte oder etwas mehr gefüllt. Die routinierten Hamburger hatten wohl kein Gespür dafür, dass es für Tocotronic eine große Sache sein könnte, zum ersten Mal allein in einer großen Halle zu spielen. Unwillkürlich denkt man an Köln, wo nach einem gescheiterten Attentat auf eine Bürgermeisterkandidatin zur Wahl trotzdem nur gut fünfzig Prozent der Leute gingen. What´s wrong with you, people, that your hearts don´t feel anymore?

Wir stehen mittig im vorderen Drittel. Alles ist in ein blaues Licht getaucht, klassische Musik wird aufgespielt, Schostakowitsch oder Dvorzak. Dann folgt der triumphale Einmarsch. So habe ich die Tocos noch nie gesehen. Es hat etwas von Pink Floyd. Für mich ist es das vierte Konzert von Tocotronic (alle in Hamburg: eins im Docks, eins in der Roten Flora, denen auch ich vor meinem Umzug etwas für ihre Sommerbaustelle gespendet habe, auch wenn ich mit ihrem Habitus nicht immer harmoniere und mich darüber wundere, dass sie von ihrer Unterwanderung durch Polizeispitzel kalt erwischt wurden, und eins auf Kampnagel) und ich ahne, dass es für mich ähnlich bedeutsam sein wird wie für Fußballfans der vierte Weltmeisterstern. Tocotronic beginnen das Konzert mit dem ersten Song vom Roten Album, dem Prolog. „Eines Morgens bist du in der Fremde/ aufgewacht,/ Deine Hände/ zittern noch/ Du hörst in dich hinein ...“ Ich gehe gleich in die Identifikation. Passt das nicht genau zu meiner gegenwärtigen Wohnungslosigkeit, die mich stets zu mehr oder weniger fremden Orten hinführt und extrem fordert? Nur der nächste Vers, „Liebe wird das Ereignis sein“, passt mir grade nicht so gut in den Kram. Mit dem nächsten Song, „Ich öffne mich“, legen Tocotronic allerdings gleich noch eine Schippe drauf. Im Tonfall des politischen Aktivisten verkünden sie, Grenzen zu öffnen und zu überwinden, sei die Bedingung, um überhaupt Liebe erfahren zu können. Ich höre ganz genau hin, prüfe aufs Strengste, ob ich damit wohl d'accord gehen kann. Natürlich finde auch ich es gut, Begrenzungen zu überwinden, doch meine eigenen Grenzen oder die anderer Leute ohne Zustimmung überschreiten zu lassen, löst bei mir ziemliche Horrorvorstellungen aus. Ein feiner, aber gewichtiger Unterschied, der im undifferenzierten Pathos des Grenzen Überwindens nur allzu oft nicht genügend beachtet wird. Doch nicht so bei Tocotronic, die auch da sehr feinfühlig sind. Dennoch zucke ich innerlich zurück, als sie nach dem Song und dem Jubel der anderen Besucher „Hallo Hamburg!“ rufen. Nein, ich bin nicht Hamburg. Aber nicht etwa, weil ich jetzt schon ein Berliner oder gerade ein Traveller wäre, nein. Der tiefste Dreh- und Angelpunkt meines Denkens ist geografisch in Treblinka verortet. Weil ich es hätte sein können, bin ich es. Aber das darf natürlich niemand wissen. Innerlich baue ich eine Mauer um mich herum und hoffe, dass niemand gespürt hat, was gerade in mir geschehen ist. Es wäre einfach zu krass für die anderen gewesen. Das will ich niemandem zumuten. Diese Grenze wird besser nicht überschritten.

Kontrollverlust und Erleuchtung

Der nächste Song ist dann ein Liebeslied. Geschrieben 1995 in der Linie U2 auf Höhe der Haltestelle Dehnhaide. Ein paar Jahre später hab ich da Zivi gemacht und bin wie immer geflasht davon, wenn ich sehe, wie sich meine eigene Biografie mit der Kunst verwoben hat, die ich verehre. „Und jetzt kommt eine Prophezeiung aus dem Jahr 1996!“ ruft Dirk, „Digital ist besser!“ Ich bin sprachlos. Einerseits, weil mir jetzt erst bewusst wird, wie visionär der Song war, andererseits, weil ich es toll finde, wie nahtlos bei Tocotronic inzwischen Früh- und Spätwerk ineinander übergehen, da sie zwischendurch ja auch mal eine Phase hatten, in der sie sich sehr von ihren ersten Alben abgesetzt hatten. Aber jetzt ist alles eins. Später – ich war inzwischen zu „Samstag ist Selbstmord“ pinkeln und Bier holen – stehe ich verloren da und finde O. nicht wieder. So alleine werde ich auch auf meiner Reise sein, wenn ich über Wittenberg oder Weimar, Treblinka und Odessa nach Georgien fahren werde. Abwechselnd trinke ich aus dem linken und aus dem rechten Bierbecher und halte Ausschau. Ich verliere den Kontakt zum Geschehen. Mir fällt auf, dass der Sound stellenweise nicht so gut ist, wie die Mopo es später auch in ihrer Konzertkritik bemängeln wird. Ich mache meinen Frieden damit, dass ich das Konzert möglicherweise alleine zu Ende hören werde. „This boy is Tocotronic“ singen die Vier dann. Ja, irgendwie sind wir alle eins, tief verbunden im atmosphärischen Flow des Konzertes. Ich sehe O. dann doch vor mir stehen. Wir trinken Bier, gehen ab und gegen Ende des Konzertes ganz nach vorne, wo gepflegt gepogt wird. Ich bin schon ziemlich kaputt, kann nicht mehr und bemerke beim Rumschuppsen, dass ein Teil von mir fallen will. Das ist ja so was von 1995, denk ich mir, das lass ich auf keinen Fall dominant werden. Stattdessen, denk ich mir, könnte ich ja auch mal selber in die aktive Rolle schlüpfen und meinerseits die Leute anschuppsen. Gesagt, getan. Doch gleich der Erste, den ich stoße, will unbedingt fallen. Ich packe ihn am Arm, mit der klaren Message im Blick: „Ey, Alter, ich werd dich auf keinen Fall fallen lassen, vergiss es.“ Nach dem Song, wir sind mittlerweile bei den Zugaben angelangt, das silberne Lametta strahlt im Scheinwerferlicht leuchtend rot, setzen sich vor mir zwei Leute auf den Boden. Einige andere gesellen sich hinzu. Ich will auch unbedingt und hocke mich dazu. Ich fände es toll, wenn sich dem noch mehr anschließen würden und schließe die Augen. Ich bin für einen Moment weg. Jemand berührt mich an der Schulter und gebietet mir, aufzustehen. Ich gehorche und stehe apathisch da. Meine ganze Lebensenergie ist weg. Jemand fasst mich am Arm, hebt ihn hoch und prüft, ob noch Widerstand drin ist. Vergeblich. Eine Frau nähert sich mir von der Seite und streichelt mir zärtlich über die Schulter, wohl um mich mit ihrer Herzenswärme wiederzubeleben. Ich merke, dass etwas mit mir nicht stimmt und alle um mich herum das auch merken. Meine Grenzen sind eingerissen. Ich spüre meinen Körper nicht mehr, doch meine Beine geben nicht nach. Ich atme durch, ein und aus. Krass, denke ich, ich bin in Tod gehüllt. Ich zentriere mich und komme langsam zurück in meine Kraft. Der Song ist zu Ende, Tocotronic verlassen die Bühne. Ich denke darüber nach, welches Lied sie wohl als Nächstes spielen könnten, sehe sie vor meinem inneren Auge, wie sie sich dieselbe Frage stellen. „Pure Vernunft darf niemals siegen“ sagen mir meine Fühler und tatsächlich kommen Tocotronic mit genau diesem Song zu ihrer nächsten Zugabe zurück auf die Bühne. Wir sind auf der gleichen Wellenlänge. Auf deren höchstem Scheitelpunkt ist etwas wahrnehmbar, das vorm inneren Auge wie ein goldener Buddha aussieht. Arne scheint das auch so oder so ähnlich gesehen zu haben, denn er steigt auf den Hocker seines Schlagzeugs und macht eine formvollendete Verbeugung im fernöstlichen Stil. Wir alle jubeln. Für mich wäre das ein guter Zeitpunkt gewesen, das Konzert zu beenden, doch die anderen Besucher fordern eine weitere Zugabe. Noch einmal kommen Tocotronic daraufhin hinaus und spielen „Freiburg“: „Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse,/ Fahrradfahrer dieser Stadt ...“ Ich hatte nie einen besonderen Bezug zu diesem Lied, doch jetzt verstehe ich, dass die anderen es lieben, weil es genau jene schwarze Todes-/Hassseite in ihnen anspricht, die in uns allen vorhanden ist und die mich gerade überwältigt hatte. Ich hätte mich bei der Begrüßung, als mir Treblinka, dieses schlimmste aller Vernichtungslager der Nazis, in den Sinn gekommen war, nicht zu schämen brauchen. Aber natürlich benötige ich nach diesem Konzert noch einige Zeit, um wieder festen Boden unter meinen Füßen zu spüren. Mein Matrosenhemd ist feucht vor Schweiß, aber ich friere nicht. Ich war entrückt und völlig im Flow des Konzertes aufgegangen. Über meinen Kontrollverlust denke ich noch Tage später nach. Vielleicht war er der Schlüssel dazu oder der Preis dafür, das Konzert als quasi-spirituelle Erfahrung erleben zu dürfen. Ich weiß es nicht genau, obwohl ich durchaus schon öfter Erfahrungen des Kontrollverlustes und des Sich-Verlierens im Gruppenbewusstsein gemacht habe, so zuletzt auf der Fusion, doch hatte da die Zeitspanne des Blackouts nicht einen Moment betragen, sondern nahezu von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang und ich erinnere mich bis heute nur an Fetzen.

Zwei Tage später – wir sind inzwischen eine richtige Männer-WG geworden, da noch ein weiterer wohnungsloser Nomade bei O. Unterschlupf gefunden hat – schauen wir einen Film zu einer ähnlichen Thematik. „Gespräche mit Gott“ von Neale Donald Walsch. Mir ist, wenn ich´s recht bedenke, von dem Film fast ebenso wenig hängen geblieben wie von dem Trip auf der Fusion, doch hatte er mir während des Anschauens gefallen und ich fand die Idee, das Göttliche als jene Energie anzusehen, anhand derer zwei Menschen ihre Verbundenheit miteinander erkennen, sehr sympathisch. Dann kann ja wirklich Magic entstehen. Es passt außerdem auch ein bisschen zu dem Jesus Wort, dass er, sobald zwei in seinem Namen beisammen seien, mitten unter ihnen sei. Jesus war dieser Tage in Hamburg überhaupt sehr präsent. Zumindest der Typ, der all die Jahre über immer mal wieder mit einem massiven braunen Holzkreuz am nicht mehr ganz so rußgeschwärzten Hauptbahnhof steht und lauthals predigt. Dieses Mal hatte er sich die Fußgängerzone in der Spitalerstraße ausgesucht – direkt gegenüber des mit grünem Tuch bedeckten Standes, an dem eine muslimische Gruppe die Missionierung Hamburgs in Angriff nahm. Ich sah das zum ersten Mal und es wirbelte verschiedenste, eher ablehnende Emotionen in mir auf. Es wirkte ein bisschen so, als wäre nach langem Abwarten und Kraft schöpfen, jetzt die Zeit gekommen,blank zu ziehen und die wahren Absichten zu zeigen.Doch der muskulöse Jesus-Fan kämpfte dagegen an: „Sein Sieg ist mein Sieg. Und sein Sieg wird dein Sieg sein!“ Die missionierenden Muslime dagegen standen ruhig da und ließen alles an sich abprallen. Man merkte gleich, dass sie aufgrund ihrer überlegenen, selbstgewissen Ruhe anziehend sein wollten. Ich überlegte, ob ich ein Gespräch mit ihnen anfangen sollte, doch die Zeiten, in denen ich mich für den Sermon der Religionen interessierte, sind lange vorbei. Und mein Missfallen wollte ich auch nicht ausdrücken, da wir schließlich in einer liberalen Demokratie leben, in der jeder jeden zu missionieren versuchen darf, wenn er´s denn nötig hat. So ließ ich´s denn dabei bewenden und ging winterfeste Schuhe für die Reise kaufen. Als ich wiederkam, sah ich aus den Augenwinkeln, dass es mit der überlegen abwartenden Ruhe der muslimischen Missionare auch gar nicht so weit her war. Vor Kälte schlotternd gingen sie auf und ab und ich bekam Mitleid mit ihnen, denn hart muss es sein, das Missionsbusiness in Kaltland. Aber was soll´s. Wird sich halt einfach einer ab und an als Beweis seines Glaubens und zur wärmenden Erbauung der anderen in die Luft sprengen müssen und wenn auch das nichts bringt, werden sie über kurz oder lang wie die Zeugen Jehovas von Haustür zu Haustür ziehen, um die Leute in ein Gespräch über den Koran zu verwickeln. Ich jedenfalls freue mich schon darauf, aber eher deswegen, weil ich irgendwann wieder auf der inneren, warmen Seite der Haustür stehen möchte.

Auf dem Friedhof von Ohlsdorf

Jedenfalls ging ich an meinem Geburtstag dann über den Ohlsdorfer Friedhof spazieren. An der eigenen Sterblichkeit kann ja kein Zweifel bestehen, ob man nun mit dem Gedanken liebäugelt, sich vor lauter Zorn über die fortgesetzten Ungerechtigkeiten des Lebens in die Luft zu sprengen oder nicht. Fern war mir da der Gedanke an meinen Tod wirklich nicht und zum Lachen war mir auch nicht zumute. Ich fragte mich, ob sich wohl jemand für mein literarisches Werk interessieren würde, wenn ich erst tot wäre, aber der Gedanke kam mir dann zu idiotisch und abgegriffen vor. Trotzdem, das ist natürlich ein ernstes Thema. Überhaupt neigen wir in Deutschland ja viel zu sehr dazu, unsere Dramen, die im Vergleich mit den syrischen oder afghanischen tatsächlich auf den ersten Blick wie Wohlstandslappalien wirken, auf die leichte Schulter zu nehmen. Doch wer vermag schon die schmerzhafte Intensität der inneren Zerrissenheit beispielsweise jener Mutter zu ermessen, die am letzten Wochenende in Hamburg ihren elfjährigen Sohn vor die U-Bahn geschuppt hat? Ein Moment des Kontrollverlustes, in dem sich die inneren Spannungen der Frau einfach entladen haben, während im Jungen vielleicht jener Teil dominant wurde, der fallen wollte. Auch da sind wir eins. Ich selbst aber bin nicht gefallen, bin durch meine herbstliche Todeserfahrung hindurchgegangen. Ich habe nach zweieinhalb Jahren den Soloto Verlag Tim Jungeblut als Gewerbe abgemeldet. Ich gebe meine Versuche, mein eigenes Ding aufzubauen, auf. Also, falls irgendein Verlagsmensch diese Zeilen lesen sollte: Einer der heißesten deutschen Gegenwartsschriftsteller würde sich unter Vertrag nehmen lassen.

Aber jetzt bin ich erstmal ein freier Mensch und meine Reise wird keine Flucht sein, sondern ein Ausdruck der Kraft, die aus meinem Herzen strömt. Salam aleikum.

14:50 24.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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