Die passende Lektüre zum Queen Besuch?

Herr der Fliegen Die Queen ist in die Jahre gekommen, der Herr der Fliegen ist angestaubt. Doch noch ist nicht aller Tage Abend.
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Wer noch nie auf „Herr der Fliegen“ gestoßen ist, könnte es für einen Horrorfilmklassiker halten. Doch was ist? Es ist ein Klassiker der pädagogischen Schullektüre. Kann es sich trotzdem lohnen, dem Buch eine Chance zu geben?

Ich hab ein bisschhttp://5.101.106.114/wp-content/uploads/2015/05/IMG_1664-200x300.jpgen länger überlegt, ob ich wohl über William Goldings „Herr der Fliegen“ schreiben soll oder nicht. Welchen Sinn soll es schließlich haben, über ein Buch zu schreiben, dessen Lektüre man nicht weiterempfehlen möchte? Andererseits hatte ich da das Buch, dessen Titel mir immer wieder mal begegnet ist, aber schon gelesen, wobei mir erst gegen Ende, als einer der auf einer Insel gestrandeten Jugendlichen von seinen in Raserei geratenen Mitgestrandeten totgetrampelt wird, die Erinnerung daran kam, dass ich zumindest den Film doch schon mal, in grauer Vorzeit, gesehen hatte. Außerdem hat Golding für das Buch 1983 sogar den Nobelpreis bekommen und es wird gar nicht so selten als Theaterstück aufgeführt. Insofern hat es also Aktualität und ist von daher auch kritikwürdig.

Zunächst einmal finde ich das Sujet von Herr der Fliegen, das Abdriften unschuldiger Jugendlicher und Kinder in blutlüsterne Wildheit, sehr spannend. Das wahre Wesen des Menschen kommt ja bekanntlich nicht in ritualisierten Höflichkeitsfloskeln zum Ausdruck, sondern im Angesicht existenzieller Gefahr. Darum und um anderes ging es ebenfalls in meinem Roman „Staatsgeheimnis“. Zwar wurde ich bereits ziemlich zu Beginn der Lektüre von „Herr der Fliegen“ stutzig, doch überging ich meine inneren Einwände und gab mich ganz der Lektüre hin. Die ersten hundert Seiten ging das auch sehr gut. Dann jedoch machten sich die Folgen der anfänglichen Unzulänglichkeiten immer stärker bemerkbar und monotone Unausgereiftheiten wiederholten sich. Es fängt damit an, dass die Vorgeschichte der Kinder und Jugendlichen, die auf der Insel stranden, zu ungewiss bleibt. Man erfährt nur, dass sie irgendwie aus einem Flugzeug gefallen sind, das dann entweder weitergeflogen oder abgestürzt ist. Allerdings gibt es kein Wrack und das Flugzeug ist auch nirgendwo angekommen, sodass niemand etwas über den Verbleib der Gestrandeten weiß. Dafür ist aber gerade Krieg und irgendwo eine Atombombe explodiert, die alles in den gnädigen Nebel der Phantasie hüllt. Trotzdem. Dass man sich überlegen muss, wie die Kinder und Jugendlichen aus einem fliegenden oder abstürzenden Flugzeug heil ausgestiegen sind, sich über die Insel verteilt haben, um sich dann auf den Signalruf eines der zukünftigen Rivalen um die Anführerschaft hin zusammenzufinden, als würden sie sich zum ersten Mal begegnen, mag ja sogar noch angehen. Aber warum haben diese kleinen Menschen, von zwei Ausnahmen abgesehen, keine Geschichte? Wieso fliegen sie über den Pazifik? Sechsjährige Knirpse auf Weltreise, weit weg von ihren Eltern in England. Was machen die da?

Lehrstück aus dem Labor

Das mag wie ein kleinlicher Einwand wirken, hat aber gravierende Folgen für das gesamte Werk. Denn wer keine Geschichte hat, hat auch nichts zu erzählen. Und wer sich nichts zu sagen hat, gerät in Streit. Und so wundert es nicht, dass die meisten Charaktere sprach- und farblos bleiben. Diese Sprachlosigkeit, die Holzschnittartigkeit der im Buch gebrachten Dialoge, nimmt den Figuren aber ihre Plastizität und reduziert sie letztendlich zu Variablen einer labormäßigen Versuchsanordnung. In Wirklichkeit würden diese Menschen eine gemeinsame Erfahrung und Geschichte teilen, im Buch soll davon aber nichts zu spüren sein, weil gezeigt werden soll, dass auch Kinder und Jugendliche unter entsprechenden Umständen zu blutrünstigen Monstern werden. Wer diese Message einmal begriffen hat, kann sich die Lektüre des Buches dann sparen. Es ist ein Lehrstück, so unterkomplex, dass die Message bei wirklich jedem Leser ankommen sollte. Ideal also für den Schulunterricht (was gegen den Schulunterricht und nicht für das Buch spricht) und junges Theater.

Natürlich, wenn mahttp://5.101.106.114/wp-content/uploads/2015/05/Schamanenfelsen-II-205x300.jpgn sagt, der Roman konzentriere sich halt auf das Wesentliche, also, wer der Boss ist und wessen Köpfe der Boss rollen lässt, hat das auch seine Richtigkeit. Für den Film ist das sicherlich auch völlig in Ordnung, doch bei einem Roman erwartet man ja schon ein bisschen mehr Tiefgang. Zudem der Faktor der klammheimlichen Bejahung des Blutrausches, die morbide Faszination, ein wenig zu kurz kommt. Also, wer wirklich Lust auf die Erweckung des Animalischen hat, die im „Herrn der Fliegen“ nur symbolisch angedeutet ist, kann sich auch „Staatsgeheimnis“ vornehmen, das überdies noch den Vorteil hat, kein steriler Laborversuch, sondern ganz im Hier und Jetzt unserer historischen Situation verankert zu sein. Schließlich sind wir es – oder besser gesagt unsere jeweiligen Mitmenschen mit Ausnahme von uns selbst –, in denen die Monster lauern.

12:27 24.06.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
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