Die Zukunft der Vergangenheit

Retrofuturismus Als der Weltraum bald erobert schien und das Atom noch verheißungsvoll strahlte, war die große Zeit der Futurologen. Ein Rückblick zwischen Space Art und Wahnwitz
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Die Zukunft der Vergangenheit

Foto: Marco Bertorello/AFP/Getty Images

Das erste, was man wahrscheinlich mit Retrofuturismus assoziiert, sind die kühnen Weltraumvisionen der 50er und 60er Jahre. Entsprechend wundert es nicht, dass der Begriff „Retrofuturismus“ erst 1983 geprägt wurde, als absehbar war, dass diese Visionen, so wie man sie sich ausmalte, nicht umgesetzt würden.

Der amerikanische Medienkünstler Lloyd Dunn wollte mit Retrofuturismus eine Vorstellung von der Zukunft bezeichnen, die man in der Vergangenheit hatte und die wir von der Gegenwart, die nichts anderes als die damalige Zukunft ist, aus retrospektiv betrachten. Bei der vergangenen Zukunftsvision handelt es sich in der Regel allerdings weniger um phantastische Science-Fiction, denn um seriöse Futurologie. Wobei sich allerdings retrospektiv herausgestellt hat, dass es zumindest in den fortschrittsgläubigen 50ern und 60ern kaum einen Unterschied zwischen diesen beiden Polen gegeben hat.

Space Art

Die wichtigsten Vertreter der Space Art aus dem deutschsprachigen Raum sind Grafiker und Illustratoren wie Klaus Bürgle (geb. 1926) aus der Bundesrepublik, Eberhardt Binder-Staßfurt (1924–2001) aus der ehemaligen DDR oder Kurt Röschl (1923–1986) aus Österreich. Bürgle schuf vor allem Illustrationen für Jugendtechnikmagazine wie Hobby, das von 1953 bis 1991 zweiwöchentlich erschien, oder das legendäre futurologische Jahrbuch Das Neue Universum, das von 1880 bis 2003 herauskam.

Seinen thematischen Schwerpunkt bildete tatsächlich zunächst die Weltraumfahrt, aber auch die Zukunft des Verkehrs, der Industrie, der Städte und so weiter, bevor er sich später hauptsächlich Autos widmete. Viele seiner Originalwerke wurden achtlos weggeschmissen, da es sich um Druckvorlagen handelte, doch wurde ihm spät die gebührende künstlerische Anerkennung durch Ausstellungen zuteil. Binder-Staßfurt hatte ein ähnliches Spektrum, wohingegen Kurt Röschl vorwiegend Literatur illustrierte, darunter auch Romane von Jules Verne.

Utopie und Wahn

Neben der Raumfahrt beflügelte vor allem Atomkraft die Fantasie der Forscher und ihrer jugendlichen Fans. So verkündete der Disney Werbefilm Our friend the Atom, dass sich der Hunger der Welt beseitigen lasse, wenn man Pflanzen und Tiere nur mit radioaktiver Strahlung dopen würde. Auch den Sowjets wurde auf diesem Feld einiges zugetraut und man vermutete, dass in Russland schon bald die ersten Autos mit Atomantrieb loscruisen würden.

Der Fortschritt kannte einfach keine Grenzen: Neben dem Weltraum sollten natürlich auch der Meeresboden und die Antarktis besiedelt werden. Ja, auch den tropischen Regenwald könne man bald gänzlich abgeholzt haben, um dort Weidefläche für Rinder zu schaffen, verkündete prophetisch der Film Out of this World, der für den General Motors Pavillon auf der Expo 1964 in New York produziert wurde. Allerdings scheinen die Macher dieses Films nicht nur Fortschritt mit Zerstörung verwechselt zu haben, sondern auch Glück mit Debilität. Der Auftritt der Frau im vollautomatisierten Haushalt der Zukunft wirkt doch schon arg verhaltensauffällig.

So ist es denn auch keine große Überraschung, dass bei Richtung 2000 – Vorschau auf die Welt von morgen, einem ähnlichen deutschen Film von 1972, schon kritischere Töne durchkommen und der Protagonist ständig zu „Optimum 10“, dem neuesten Antidepressiva, greift. Die negativen Folgen des Fortschritts konnten einfach nicht auf die Dauer verborgen bleiben.

Vision und Macht

Erst mit „Optimum 10“ rückt wohl das realistische Schicksal des Individuums ins Blickfeld der Futurologen. Die Zukunftsvisionen vorher dagegen waren in erster Linie Marketing, wie Werner Mayer von der Kunsthalle Göppingen in einem Gespräch mit Klaus Bürgle nüchtern feststellt. Sie sollten dazu dienen, die Jugend für das Studium naturwissenschaftlicher Fächer zu begeistern, um so den technologischen Rückstand auf die Sowjetunion, der nach dem Sputnik-Schock offensichtlich wurde, schnellstmöglich aufzuholen. Doch wollte man sich dabei nicht ausschließlich auf die Zugkraft neuer Waffensysteme verlassen.

Allerdings begeisterten sich die Wissenschaftler und Politiker auch tatsächlich für Projekte, die keinen militärischen Nutzen versprachen, so zum Beispiel für den öffentlichen Nahverkehr. Neben dem französischen Aerotrain, der in Richtung 2000 zu sehen ist, weckten vor allem das Kabinentaxi und der Transrapid große Hoffnungen. Das Kabinentaxi, das auf geniale Weise das Prinzip der Straßenbahn mit dem des Autos vereinen sollte, indem die Kabinen individuell Ziele außerhalb von Haltestellen ansteuern können sollten, entpuppte sich jedoch bald als Flop. Denn hatte einer sein Ziel erreicht und verließ sein Kabinentaxi, blieb es auf dem Gleis stehen und blockierte solange das ganze System, bis jemand anders einstieg, da man auf Gleisen nun mal nicht überholen kann.

Ähnliche Probleme gab es auch mit dem Transrapid, dessen Teststrecke im Emsland jedoch erst im Dezember 2011 still gelegt wurde, womit die klassische Ära visionärer Zukunftstechnik endete. Aber wer weiß, vielleicht steht ja auch dem Transrapid ein Revival als Retroaccessoire ins Haus oder es findet sich doch noch eine Strecke, auf der er als Prestigeobjekt die Futurologen zu neuen verwegenen Großprojekten anregen kann. Vielleicht ja eine Direktverbindung zwischen Stuttgart 21 und der Hamburger Elbphilarmonie...

Dieser Artikel erschien zuerst im April 2012 auf To4ka-Treff.

Klaus Bürgle ist inzwischen, wie der Freitag mitteilt, verstorben.

19:38 26.12.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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