Erlebnisbericht und Selbsterforschung

Montagsdemo. Jeden Montag stellt sich neuerdings die Frage, ob man, wenn man für den Frieden demonstrieren will, nicht eigentlich einen Teufelspakt eingeht.
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Auch gestern konnte ich mich wie all die Wochen zuvor schon nicht so recht aufraffen, zur Hamburger Mahnwache für den Frieden zu fahren. Ich warf eine Münze und überließ ihr die Entscheidung – mit dem Ergebnis, dass ich mich auf den Weg machte. Bereits auf dem Fahrradweg bemerkte ich, wie mein Fahrstil aggressiver wurde. Aha, da liegt also was in der Luft, dachte ich mir. Als ich auf dem Jungfernstieg angekommen war, hatte ich noch kaum mein Fahrrad angeschlossen, da gab´s auch schon die erste Action: Der Zug der Gegendemonstration näherte sich. Mit großem, roten Plakat gegen Hartz IV und einer Blaskapelle, die den „BellaCiao“ Tusch aufspielte, marschierte Die Linke auf die Mahnwache zu und scharf an ihr vorbei. Alles in allem waren das vielleicht zwanzig Leute, sie wirkten aber dank ihrer breiten Front deutlich mehr. Der Sprecher der Mahnwache nahm den Ball umgehend auf und verkündete, auch sie seien gegen Hartz IV. Hartz IV sei unmenschlich. Von der Gegendemo gab´s allerdings keine Reaktion und so resignierte der Sprecher, dass natürlich jeder seine eigene Meinung haben könne und sie hier natürlich alles Neurechte seien.

Ich begann, mich ein wenig umzuschauen und Fotos zu machen. Wirklich brauchte ich nicht lange nach Nazis zu suchen. An einer Ecke stand einer mit einem Schild, auf dem sinngemäß „Ich bin Nazi!“ draufstand. Er sah zwar eher wie ein Altnazi aus, aber daneben redete ein junger Mann mit normalem Äußeren, aber harter Stimme auf einen anderen ein und erklärte etwas über die „Blockparteien“. Das seh ich zwar in Hinblick auf die Eurorettungspolitik ähnlich, aber als Agitationsbegriff fand ich´s sehr unsympathisch. Ich überlegte, ob ich mich trotzdem dazugesellen und die beiden 'Kameraden' interviewen sollte (ich hatte ein Diktiergerät dabei und die Idee im Kopf, einen Artikel zu verfassen), aber hatte dann doch keinen Bock, nähere Bekanntschaft zu schließen. Stattdessen ging ich durch die Demo durch, schaute mir die anderen Menschen an und stellte erleichtert fest, dass auch sympathische Leute dabei waren, denen man ansah, dass sie nicht rechts waren. Ich hörte ein wenig den Reden zu, in denen die aggressive Nato-Politik, die einseitige Berichterstattung über die Ukraine und die aktuelle Kiewer Regierung kritisiert wurden. Ich konnte mit allem d'accord gehen und applaudierte. Dann gab´s eine Schweigeminute für die Opfer von Odessa.

What shall we do with a ugly Nazi?

Etwas später stand als nächster Programmpunkt das Open-Mic an. Ich saß mittlerweile auf einem steinernen Geländer zur Binnenalster, von wo aus ich mir die Leute genau anschauen konnte. Ich fragte mich beständig, wer wohl ein Nazi sei. Je hässlicher und deutscher jemand aussah, desto eher war er für mich ein Nazi. In der Tat gab es da einige, man kann es nicht anders sagen, Visagen, die eine so grässliche Ausstrahlung hatten, dass man sie, wie ich denke, nicht auf normalen Demos zu Gesicht bekäme. Allerdings behagte es mir nicht, dass ich mich damit eigentlich selber genau in der Tradition des dämonischen Denkens der Nazis befand, die von der Physiognomie auf das Wesen des Menschen schlossen bzw. ja eigens propagandistische Zerrbilder von 'Untermenschen' produzierten. Allerdings war das Bedürfnis, da ich ja wusste, dass hier Nazis sind, diese auch zweifelsfrei zu identifizieren, sehr groß. Hätte ich darüber noch länger nachgedacht, wäre ich womöglich auf die Idee gekommen vorzuschlagen, da die Veranstalter sich ja nunmal offensichtlich nicht scharf gegen Rechts abzugrenzen wünschen, eine Kennzeichnungspflicht für bekennende Nazis vorzuschlagen. Etwas in der Art eines gelben Sterns.

Doch da traf ich auch schon einen Bekannten von mir, für den ich mal eine Veranstaltung über russische Oppositionelle übersetzt hatte und wir quatschten ein bisschen. Er war sogar mit den Veranstaltern bekannt, die überdies einen recht sympathischen Eindruck machten. Ein Mädchen mit punkig pink gefärbten Haaren und ein Musiker mit Hut, der aus der Goaszene kommt. Wir hörten uns die Beiträge übers Open-Mic an, bei denen zuerst jeder seinen konkreten Wunsch für eine bessere Welt äußern sollte, ehe man in einer zweiten Runde mehr in die Tiefe gehen konnte. Das alles klappte mehr oder weniger gut und nur zwei Leute, ein Cannabispropagandist und einer, der über Jesus in den Moscheen predigen wollte, redeten so, dass man sie zum Schweigen bringen wollte. Ach ja, und eine Mutter war auch noch da, die über „die Kinder!“ redete, wie schwer es sei, sie gut zu erziehen und was sie den ihren schon alles angetan habe …

Ukrainische Illuminaten

Jeder sollte seinen Beitrag mit der Formel „Mein Name ist X, ich bin Mensch und spreche für mich selbst“ einleiten. Das wiederholte sich so oft, dass es bald wirklich nur noch eine leere Floskel war. Bei all den Beiträgen ging es leider verblüffend wenig um das Schicksal der Ukraine, zu der viele wohl nicht so einen starken Bezug hatten. Es wunderte mich sehr, dass niemand den Skandal von Slawjansk thematisierte, dass da eine ganze Stadt von der Armee des eigenen Landes belagert, ausgehungert und angegriffen wird und das alles unter dem Vorwand einer Anti-Terror-Operation vonstatten geht. Mich selber bewegt das ja sehr und ich hatte erst unlängst einen Blogeintrag dazu verfasst. Plötzlich, ehe ich mich versehe, steh ich auch schon selber am Open-Mic und stammele hilflos vor mich hin: »Mein Name ist Tim. Ich bin Reptiloid und spreche für die Illuminaten. … Äh, nein, hab ich das jetzt wirklich gesagt?«

Alle fangen an zu lachen. – Ich schrecke aus meinen Träumereien hoch und bemerke, dass da gerade jemand anders am Mikrofon ins Schwimmen gerät, die sich an einer Kritik ihrer ehemaligen Genossen von der Linken wagt.

Gut gemeint

Der nächste Redner ist ein Sänger und lässt sicherheitshalber den Text seines Liedes verteilen, damit auch diejenigen im Publikum, die das Lied nicht kennen, mitsingen können. Dabei handelt es sich um ein Friedenslied, wie er erläutert, von dem der ein oder andere vielleicht schon mal was gehört hat: Hewenu Shalom Alechem … Natürlich singe ich mit, schließe aber dabei die Augen, um nicht kontrollieren zu müssen, wer im Publikum mitsingt und wer nicht. Es geht mäßig voran. Gerade, als wir ein bisschen Fahrt aufnehmen und es herzöffnend wird, bricht der Sänger schon ab.

Danach kommen die offiziellen Reden. Ein Milchbubi, der Physik studiert, erläutert, wie er das Weltfinanzsystem reformieren will. Schnell jongliert er so wahnsinnig mit Zahlen und Prozenten wie ein Börsenspekulant herum. Ich kapier zwar kaum was, applaudier aber trotzdem, einfach, weil ich´s toll finde, wenn jemand überspannte Ideen hat, die er ohne Scham einem großen Publikum vorträgt. Das erinnert mich irgendwie immer an die Lesungen, die ich aus meinem unvollendet gebliebenen Roman „Fragmente gescheiterter Romanversuche“ gehalten habe. Nur so viel: Er denkt das Finanzsystem mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zusammen.

Dunkle Schatten

Gegen Ende der Veranstaltung kommt ein nächster Bekannter aus einer Selbsterfahrungsgruppe auf mich zu. Er ist hier sogar als Ordner tätig. Er hat seinen David Icke gelesen und nimmt auch die härteren Sachen für bare Münze. Wir reden ein bisschen über das Arbeitslosendasein und unsere persönlichen Angelegenheiten. Dann kommt mein erster Bekannter, verabschiedet sich und drückt mir ein Stück vom Demonstrationskuchen in die Hand. Wenn ich ihn esse, denke ich, bin ich so sehr verloren wie Persephone, die im Hades einen Granatapfelkern verspeiste. Na ja, Höflichkeit geht vor Überlebensinstinkt und so esse ich das trockene Stück des kargen Kuchens, nicht wissend, ob seine Zuckerglasur in Form eines Hakenkreuzes gegossen war. Dann verabschiede auch ich mich (ich glaube, es fiel gerade zum ersten Mal das Wort „Außerirdischer“), esse schnell einen Falafel hinterher und finde in dieser Nacht erst um sechs Uhr morgens Schlaf. Wahrscheinlich werde ich noch einige Zeit brauchen, mir einen Reim auf das alles zu machen. Mir scheint aber, dass die mangelnde Abgrenzung gegen Rechts dazu führt, dass einerseits eine selbstbewusst-bissige „Ich will“-Energie frei wird, die, betrachtet man das Volk als Souverän, durchaus positiv zu sehen ist, andererseits aber dunkle Schattenseiten spürbar werden.

17:19 06.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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