Eine kleine Reise zum roten Planeten

Science-Fiction Durch die Weiten des Sonnensystems wie durch jene der Literatur zieht der Mars seit jeher seine Bahn, alle paar Jahre in einer Konjunktion sich uns zu nähern
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Eine kleine Reise zum roten Planeten
Marsoberfläche
Foto: ESA via AFP/Getty Images

Unlängst schlenderte ich durch den Berliner Wedding und stieß dabei auf eine unscheinbare kleine Buchhandlung, deren Auslage aus zerknitterten Bananenkartons bestand, in denen einige wenige Bücher in wilder Unordnung über- und untereinander lagen. Ich begann zu stöbern und meine Spürnase schlug praktisch sofort an: Ein britischer Science-Fiction Roman über eine Reise zum Mars aus den 1930er Jahren, der in der unvorstellbaren Zukunft des Jahres 1982 spielt. Wie sie sich wohl damals, fragte ich mich, ein paar Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, die Zukunft des internationalen Systems imaginiert haben? Wer weiß, vielleicht würde der Roman dieses mir unbekannten Autoren das Szenario eines Wettrennens zum Mars zwischen einem Team aus dem Britischen Empire und einem aus dem faschistischen Deutschland enthalten? Das versprach, lustig zu werden, und gespannt, welche Schätze mich drinnen noch erwarteten, betrat ich die kleine, unscheinbare Buchhandlung.

Der Mars im Venus-Transit

Innen war es dunkel und grell. Es gab kein Licht, aber alles strahlte. Die Druckerzeugnisse in den Regalen kehrten den Besuchern keineswegs wie gewöhnlich bescheiden ihre Rücken zu, nein, vielmehr reckten sie ihnen, Begehrlichkeiten weckend, sozusagen und buchstäblich, ihre entblößten Brüste entgegen. Eine unermessliche Zahl an Busenmagazinen lachte nämlich von allen vier Wänden des Ladens herab, leuchtete in allen Abstufungen von der frischen Grelle verschwenderisch vergossener Druckerfarbe bis hin zur verblichenen Blässe antiquarischer Werke. Eine Venusgrotte war es, zweifelsohne, in die ich da hineingeraten war. Wer weiß, dachte ich später, vielleicht gab es dort sogar pornografische Illustrierte in Frakturschrift, doch kam ich nicht dazu, diesen oder überhaupt einen Gedanken zu fassen, denn unvermittelt sprach mich eine Stimme aus dem Off an: „Sie wünschen?“ Erschrocken drehte ich mich um, blickte in das verkniffene Gesicht eines noch pickligen jungen Mannes und schämte mich, auf die Tarnung des Etablissements hereingefallen zu sein. „Einmal die Reise zum Mars, bitte“, brachte ich mühsam heraus. Stirnrunzelnd warf der Teenager einen abschätzigen Blick auf mein Buch („Wie, das verkaufen wir wirklich?“), nahm die fünfzig Cent entgegen, und ich, die Fassung wiedergewinnend, sagte zum Abschied: „Der Mars, junger Mann, ist immer eine Reise wert.“

„Jake Reilly, der Nachtwächter, machte seine gewohnte Runde und dachte an keinerlei Gefahr. Als er den Labortrakt verließ und die Hauptmontagehalle betrat, gähnte er. Einen Augenblick lang blieb er im Eingang stehen und betrachtete das Gebilde, das im Mittelpunkt der Halle aufragte. […] Irgendwo in der Dunkelheit machte es »plopp«. Jake zitterte. Die Pistole und die Lampe fielen polternd zu Boden, und Jake brach über ihnen zusammen.“

So beginnt der erste Roman des später mit „The Day of the Triffids“ berühmt gewordenen englischen Science-Fiction Autors John Wyndham, der von 1903 bis 1969 lebte und zu den Klassikern des Genres zählt, wenn auch zu denen, die einem nicht an erster Stelle in den Sinn kommen. Bei dem Gebilde in der Montagehalle, man kann es sich denken, handelt es sich um die Marsrakete, doch wer der rätselhafte Eindringling war, wird nicht so schnell verraten, wenn auch kein Zweifel daran gelassen wird, dass er sich im Auftrag einer fremden Macht auf Sabotagemission befand. Aufgeschreckt durch diesen Vorfall beschließt der eigentliche Held des Romans, der britische Multimillionär und Raketenflieger Dale Curtance, das Geheimnis seines Projektes zu lüften und der Öffentlichkeit vorzustellen: Ja, er beabsichtigt, zum Mars zu fliegen und dergestalt den hochdotierten Keuntz-Preis für den ersten interplanetarischen Raumflug zu gewinnen. Das ganze Vereinigte Königreich ist aus dem Häuschen. Zum Start der Rakete versammeln sich Hunderttausende, alle Plätze für Autos und Curtocopters (fliegende Autos, die Dales Vater, der „Henry Ford der Lüfte“, erfunden hatte) sind belegt, das Fernsehen berichtet fast die ganze Zeit (wenn es nicht gerade Unterbrechungen wegen Objektivwechsels gibt) live und vom großen Grammophon aus wird die Nationalhymne gespielt. Nur Dales Frau Mary bleibt dem Spektakel fern:

Dale hätte sich eines dieser jungen Dinger anlachen sollen, die immer so sehr von ihm begeistert waren, die immer so sehr für ihn geschwärmt hatten. Eins von diesen süßen, kleinen Goldköpfchen hätte er sich ins Haus nehmen sollen, das seine höchste Befriedigung in dem Gedanken findet, die Auserwählte eines Helden zu sein, dem Millionen applaudieren.“

Eine Zeit-Anomalie

Ne, schon klar, das Frauenbild der Dreißiger. Wie gut, dass die erste wirkliche Überraschung des Romans darin besteht, dass sich eine blinde Passagierin an Bord des Raumschiffes, der Gloria Mundi, eingeschlichen hat, dessen Besatzung ansonsten ausschließlich aus Männern besteht, die den langen Flug eigentlich Whiskey trinkend in der Hängematte verbringen wollten. Doch schon gibt’s mehr Hormone in den Körpern als Sterne am Firmament und Joan, die blinde Passagierin, muss von Dale bewaffnet werden, damit sie wenigstens eine kleine Chance hat, sich der Zudringlichkeiten der Hormonfahrer erwehren zu können. Schließlich versteht es sich für diese von selbst, dass Joan nur an Bord gekommen sein kann, weil sie sich in diese Helden der Raumfahrt verliebt hat. Die Alternative, dass ihr Vater, ein berühmter, aber in Ungnade gefallener Professor, einen Marsroboter aufgelesen hat, der Joan erst seine Sprache beigebracht, sich dann aber, als er den akademischen Koryphäen präsentiert werden sollte, in Luft aufgelöst hat, klingt einfach zu unglaubwürdig …

John Wyndhams „Reise zum Mars“ ist spannend geschrieben, zweifellos, reicht aber sicherlich nicht an die großen Klassiker der Marsliteratur wie Alexej Tolstojs „Aelita“ oder Ray Bradburys „Die Mars-Chroniken“ heran. Insofern mag man sagen, dass das Buch vielleicht nicht ohne Grund in Vergessenheit geraten ist. Was das politische Zeitkolorit anbetrifft, so kann man davon sogar peinlich berührt sein. Zwar finden sich nur ein zwei explizite Anspielungen auf die NS-Zeit (Die „Potsdamer Nachrichten“ verkünden stolz, dass Keuntz, der Stifter des gleichnamigen Preises, ein nach Amerika ausgewanderter Deutscher sei, was die amerikanische Presse mit dem Hinweis kontert, Keuntz, ein Jude, hätte zur Zeit des „Führers“ auswandern müssen), doch eine der Schlusspointen der Geschichte ist praktisch offen rassistisch, da alle Protagonisten einsehen, dass eine während des Marsaufenthaltes geknüpfte Liebesbeziehung zwischen einem Mars- und einem Erdenmenschen keine Zukunft haben kann, da die beiden Beteiligten verschiedenen Rassen angehören und ihre Bakterien (das altbekannte H.G. Wells Thema) nicht miteinander kompatibel seien.

Na ja, das Buch ist 1935 geschrieben worden, also zu einer Zeit, in der selbst die Mitglieder der britischen Königsfamilie gelegentlich den Hitler-Gruß zeigten. Dass das die Nachgeborenen, die um den weiteren Lauf der Geschichte wissen, befremdet, ist klar, sollte aber keinen Grund für eine völlige Verdammung darstellen. Umso mehr, als auch die Sowjets eine höchst interessante Rolle spielen ...

Zwischen Venus und Mars: Terra inkognito

Heutzutage wären Schoten im Stile des jungen Wyndhams allerdings fast undenkbar, wovon ich mich überzeugen konnte, als ich neulich, auch schon wieder zwei Wochen her, die Veranstaltung „weiblich, männlich, fließend“ im Literarischen Colloquium Berlin besuchte, bei der es um die künstlerische Darstellung fließender Geschlechteridentitäten ging. Neben Thomas Meinecke war auch der höchst bemerkenswerte schwedische Schriftsteller Aris Fioretos zu Gast, der einen Text über eine Liebesgeschichte im Berlin der 1920er las, die im Umfeld des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld, der unter anderem das Wort Transvestit prägte, spielte. Hirschfeld, auch bekannt als der „Einstein des Sex“, war zweifellos ein Pionier in Sachen Liberalisierung nicht-heterosexueller Lebensformen, aber dennoch wurde ihm (und allen anderen Podiumsgästen) in einem höchst emotionalen Beitrag eines Trans-Repräsentanten vorgeworfen, diskriminierend zu sein. Es mögen doch bitte alle, auch die Gäste im Auditorium, sich eine Broschüre in seinem Zentrum bestellen, in der über die korrekte Anrede von Trans-, Inter- und anderen Personen aufgeklärt würde. Mir drängte sich da der Eindruck auf, der Frust über die eigenen Diskriminierungserfahrungen solle nun so kanalisiert werden, dass alle, die nicht das komplexe Regelwerk der Gendersprache beherrschen, ihrerseits zum Zielobjekt fürs Frustablassen würden. Das aber kann nicht der Weg sein. Treffender war da schon der Auftritt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: Die verteilten einfach rotverpackte Schokoladenherzchen.

14:13 17.12.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
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