Eine unterschwellige narkotische Ebene?

Peter Pan Um manche Romane ranken sich Alltagsmythen, dass sie in Wirklichkeit Chiffren für Drogenerfahrungen seien ...
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Lewis Carrols „Alice im Wunderland“, dessen Erscheinen sich kürzlich zum 150. Mal jährte, ist so ein Fall. Könnte es sein, dass auch James Matthew Barries Kinderbuchklassiker „Peter Pan“ einen versteckten Drogenhintergrund hat?

Wer ist das überhaupt, dieser Peter Pan? Dunkel, sehr dunkel erinnere ich mich an ihn und seine Geschichte. Sie kam mir dereinst als Bilderbuch unter, als ich selbst noch nicht lesen konnte, ja, es ist das erste Buch, an dessen Existenz ich mich bewusst erinnere, wenn ich auch seinen Inhalt vergessen habe. Da macht es natürlich Sinn, das Buch mal in seiner ungekürzten Vollversion zu lesen, zudem 2012 eine Neuübersetzung von Kim Landgraf im Anaconda Verlag erschienen ist, deren sprachliche Qualitäten überall gelobt werden. Überraschenderweise thematisiert gleich der erste Absatz das frühkindliche Bewusstsein:

„Alle Kinder, außer einem, werden groß. Sie wissen sehr früh, dass sie groß werden, und genauso war es auch bei Wendy. Eines Tages, sie war zwei Jahre alt, spielte sie im Garten, und sie pflückte eine Blume und rannte damit zu ihrer Mutter. Ich glaube, sie sah wunderbar aus, denn Mrs Darling legte sich die Hand ans Herz und rief: »Ach, warum kannst du nicht immer so bleiben!« Das war alles, was zu diesem Thema gesagt wurde, doch fortan wusste Wendy, dass sie groß werden musste. Man weiß es immer, sobald man zwei ist. Zwei ist der Anfang vom Ende.“

Ich weiß nicht warum, aber mir kommt allein diese Passage bereits unfassbar tiefsinnig vor. Vielleicht, weil die Bewegung des Todes so dezent ist: Wendy pflückt die Blume (und tötet sie so), schenkt shttp://www.blog-soloto.de/wp-content/uploads/2015/06/Cover1-200x300.jpgie ihrer Mutter und erfährt zum Dank, dass sie nicht ewig so bleiben kann, wie sie jetzt ist (und bei jeder Veränderung muss ja das Alte sterben). Vielleicht auch, weil die Schwelle der frühkindlichen Amnesie so empathisch benannt wird, dass man sich für einen winzigen Moment in die Zeit zurückversetzt wähnt, als man selber noch keine zwei Jahre alt war. Vom psychologischen Standpunkt aus ist das natürlich spannend, so sehr, dass sofort klar ist, dass Peter Pan keinesfalls reine Kinderliteratur ist, sondern auch über eine Ebene verfügt, die Kinder wahrscheinlich gar nicht begreifen. Jedenfalls versteht Barrie es meisterhaft, Sprache und Kausalität so zu verschieben, dass die präverbale Weltwahrnehmung eines Kindes erlebbar wird. Brecht nannte dieses Verfahren den V-Effekt, Verfremdungseffekt, und adaptierte damit ein Konzept, das der russische Literaturwissenschaftler Viktor Schklovskij in seinem Aufsatz „Die Kunst als Verfahren“ („Исскуство как приём“) eingeführt hatte. Ein Beispiel:

„Und sie [Wendy] setzte sich zu ihm auf die Bettkante. Außerdem schlug sie vor, ihm einen Kuss zu geben, wenn er mochte, doch Peter wusste nicht, wovon sie sprach und streckte erwartungsvoll die Hand aus.“ (S.32)

Klar, wenn man nicht weiß, was ein Kuss ist, kann man schon mal die Hand aufhalten! Darüber hinaus hat Barrie den Peter-Pan-Stoff zu einer Zeit entwickelt (die Nullerjahre des 20. Jhds.), als Freuds Psychologie noch nicht den großen Durchbruch erlebt hatte, was bedeutet, dass Peter Pan nicht einfach durch die Begriffe und Denkgewohnheiten der späteren Psychologie ausdeutbar ist. Jedenfalls öffnet die Lektüre den Vorstellungsraum einer Kinderfantasie namens Nimmerland, bringt den Leser dazu, sich in die eigene frühe Kindheit zurückzuversetzen, und stattet ihn mit einer alternativen Kausalität aus. Alles zusammen ergibt ein magisches Welterleben. Eine psychedelische Entfaltung tiefer psychischer Schichten findet statt. Doch was sehen wir dort?

Die Story

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Das Buch hat eine realistische Rahmenhandlung im Haus von Mr. und Mrs. Darling, in dem Wendy und ihre beiden Brüder aufwachsen. Dann entführen Peter, der Wendy schon öfter, aber nicht nur im Traum erschienen ist, und die Elfe Tinker Bell Wendy und ihre beiden Brüder. Gemeinsam fliegen sie aus dem Zimmer in Richtung Nimmerland, wo Peter zusammen mit den Verlorenen Jungs wohnt. Peter ist deren dominanter Anführer, dem sich alle selbstverständlich unterordnen, und Wendy soll die Rolle der Mutter übernehmen. Gerne wäre sie mehr für Peter, genau wie ihre Konkurrentin Tinker Bell, doch Peter versteht das nicht. Freud wird dabei gewissermaßen auf den Kopf gestellt, denn Peter will nicht seine Mutter zur Geliebten, sondern eine Verehrerin zu seiner Mutter machen. In Nimmerland angekommen erleben Peter, Wendy und die anderen dann viele Abenteuer mit Indianern („Tiger Lilly“), Piraten („Captain Hook“), Meerjungfrauen und einem Krokodil, ehe am Ende der Heimflug ansteht und die Rahmenhandlung wieder aufgenommen wird. Es fällt dabei einigermaßen schwer, alles in eine genaue Ordnung zu bringen und die vielschichtigen Bedeutungen, insbesondere Peters widersprüchliche Charakterzüge, zu einem kohärenten Bild zusammenzuführen. Vielmehr grübelt man unweigerlich über den Namen „Peter Pan“ selbst nach, erinnert Peter doch an den Apostel Petrus, den Steinernen, auf dem Jesus angeblich die Ordnung seiner Kirche errichten wollte, während Pan der Hirtengott der chaotischen Ekstase war. Mithin schwingt in Peter Pan also eine Nuance maximalen Chaos mit, bekennt sich in diesem Namen doch die Ordnung selbst zum Chaos. Irgendwie ist es ein bisschen so, als würde man mit dem Nimmerland auch jene Gefilde betreten, in die das Bewusstsein kleiner Kinder abdriften könnte, kurz bevor sie den plötzlichen Kindstod sterben. Man hat das Gefühl, dass dies alles, der Roman im Ganzen, eine Art Mandala ist, bei dem man zwar nicht jedes Bilddetail versteht, aber doch begreift, dass die Gottheit in der Mitte, Peter Pan, eine Art kosmischen Tanz, wild und frei, aufführt und man gerade tiefer in den Grund des Seins schaut als für gewöhnlich.

Ein psychedelischer Peter Pan?

Alles in allem kann man „Peter Pan“ sicherlich als Innenweltreise in die archetypischen Schichten der kindlichen Psyche lesen, bei der die problematischen Teile derselben ebenfalls zur Genüge thematisiert werden. So zum Beispiel Peters maßlose Selbstbezogenheit, sein Vergessen aller Begegnungen, da er stets in der Gegenwart des kindlichen Nicht-Erwachsenwerdens bleibt, die zwar das Zentrum seines anarchischen Glücks bildet, ihn aber auch in einen Zwischenzustand verbannt. Ob dieser aber einem durch Drogen induzierten Rauschzustand vergleichbar wäre oder der Roman darauf implizit abzielen würde, muss zweifelhaft bleiben, da im Roman selber keine drogenartige Substanz eine Rolle spielt. Auch hat „Peter Pan“ keinerlei Ähnlichkeit mit expliziten Drogenromanen wie beispielsweise „Narcopolis“ oder „Roman mit Kokain„. So kann man abschließend festhalten, dass „Peter Pan“ zwar durchaus Literatur im Modus eines anderen Bewusstseinszustandes ist, dieser aber nur gewisse Ähnlichkeiten mit den Erwartungen an einen psychedelisch veränderten hat. Viel eher erinnert er an den luziden, Bilder flimmernden Zustand kurz vorm Einschlafen. So harmlos, und doch so schön.

14:00 23.07.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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