Für einen sozialistischen Liberalismus

Essay Wie der junge Karl die kommunistische Utopie ersonn – oder des sozialistischen Liberalismus philosophische Herleitung erster Teil.
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I

Zu einem bestimmten Moment – welcher genau, braucht uns nicht zu interessieren – nahm ein Text vor dem inneren Auge des jungen Karl Marx Gestalt an, der unter dem Namen Das kommunistische Manifest weltweite Beachtung finden sollte. Diese Beachtung, vergegenwärtigen wir uns das, war entweder eine der entflammten Begeisterung des Lesers, der diese Inspiration zuweilen nicht nur wohlwollend in sich aufnahm, sondern sich selbst in der Art einer Konversion zum Kommunismus bekehrte, oder aber die Beachtung war von striktester Ablehnung und schwärzestem Hass geprägt: Nein, dieser Kommunismus darf niemals wahr sein geschweige denn Wirklichkeit werden! Jene Menschen, die sich dabei von der Begeisterung anstecken ließen, waren zumeist die Jüngeren unter den Männern sowie die Frauen mit emanzipatorischer Ausrichtung, während sich die erbittertsten Gegner unter den gesetzten und etablierten Männern fanden, wohingegen Kinder und Alte dem Streit naturgemäß distanzierter gegenüberstanden.

Der entscheidende Moment aber war jener, in der der junge Karl selbst die Inspiration empfangen hat, die viele zu seinen Anhängern und mehr noch zu seinen Gegnern werden ließ. Dieser Moment war seinem Wesen nach ein inneres Ereignis. Es muss ein Moment immenser Klarheit gewesen sein, während dem Karl deutlich das wahre Wesen der Welt zu sehen vermeinte. Er selbst sagte hinterher, er habe „Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt“, habe also gewissermaßen alles, was sich zwischen Kopf und Füßen befindet, neu angesehen und neu angeordnet. In seinem Denken wurde ein großer Schalter umgelegt, der zur Folge hatte, dass viele, viele kleinere Schalter, die von diesem einen großen abhingen, ebenfalls umsprangen und im Resultat dabei eine neue Weltanschauung herauskam: der historische Materialismus. Vergleichbar ist dieses innere Ereignis Marxens allenfalls mit dem, was der junge Albert Einstein in seinem annus mirabilis der Physik 1905 erlebte, als ihm ebenfalls ein Geistesblitz zuteil wurde, der es ihm ermöglichte, alles mit anderen Augen zu sehen.

Was aber hat Karl nun gesehen, das die einen jubilieren, die anderen hyperventilieren ließ? Was war sein großes Wunder? Welche Bilder dabei vor seinem inneren Auge, welchen Geschmack und Geruch er während seiner Vision wahrnahm und ob ihm darüber wohlig warm oder brennend heiß ward, ist nicht überliefert. Auch ihm ist es, man merkt es bei der Lektüre des Manifestes, nicht ganz leicht gefallen mitzuteilen, wie und was das denn war, das er Kommunismus nannte, nachdem er von jenem Gipfel der Erkenntnis wieder herabgestiegen war, auf dem er seine visionäre Einsicht hatte. Doch egal, das macht ja nichts. Auch so springt der Funke ja bei allen Lesern, die noch träumen können, über. Und die Frage, wie sich dieser Traum präzisieren, in Worte fassen lasse, ließe ihn nur zerstieben. Seinem Wesen nach zielt er, das kann man ohne Weiteres sagen, auf Vereinigung, also auf ein Überwinden der Begrenzungen durch die eigene Ich-Identität. Dies ist eine zutiefst menschliche Sehnsucht, den meisten wohl am greifbarsten, wenn sie einander berühren, wenn sie sich körperlich vereinigen. Dann kommen sie dem ekstatischen „Ja, wir sind eins“-Gefühl, das der junge Karl den Kommunismus nannte, am nächsten. Der orgasmische Gipfel, den Karl erklomm, da er den Kommunismus ersonn, war allerdings rein geistiger Natur. Es war ein inneres Ereignis, für das die meisten Menschen keine Worte haben, da sie es nie erlebt haben und Vergleichbares nur vom Sex kennen. Was Karl auf diesem geistigen Gipfel erlebte, dieses Gefühl in Liebe verschmelzender Einheit mit der ganzen Menschheit, muss überwältigend gewesen sein, sprechen doch aus jeder Zeile seines Werkes, die ich kenne, absolute Selbstsicherheit. Und doch, Karl selbst würdigte diese Inspiration, dieses geistige Gipfelerlebnis, in seinem Werk nicht. Es steht außerhalb desselben. Vielmehr sprach er davon, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Damit verneinte er Hegels Idee eines Weltgeistes, genauso wie er als Atheist den Gott der Religionen ablehnte. Mir aber will scheinen, dass Karl, als er von der Inspiration zum Kommunistischen Manifest getroffen ward, genau damit in Berührung kam, was Hegel den Weltgeist nannte.

II

Karls Begegnung mit dem Weltgeist erfolgte in einer Verschmelzung mit einem Bewusstseinsaspekt, in dem die Menschheit als Ganzheit erfahren wird. Wir sind alle eins, so scheint es, wenn man diese mächtige Erfahrung macht. Sie ist der Funke, der bei der Lektüre des Manifestes überspringen und vormals Uninspirierte zu glühenden Kommunisten erwecken kann. Diese Erfahrung ist sehr verschieden von unserer Alltagsrealität, in der wir uns als physisch klar abgetrennte Einzelwesen wahrnehmen. Ich bin ich und Sie sind Sie. Da sollte es keine unangebrachten Interferenzen geben. Sie (die Erfahrung) realisiert sich allerdings auf andere Art. Sie findet in einem höheren Bewusstsein statt, an dem es nicht mehr wie sonst in einem abgeschotteten Körper-Ich eingeschlossen ist, sondern seiner mittelbaren Verbindung zum Bewusstsein anderer Menschen oder der Menschheit als Ganzheit gewahr wird. Das mag schwer nachvollziehbar klingen, doch so mancher erlebt derartiges des Öfteren. Wenn bei Clubnächten die Musik einen Höhepunkt ansteuert, die Bässe in den Hintergrund treten und der Sound immer klarer und heller wird, fokussiert sich das Bewusstsein eines jeden Tänzers für gewöhnlich auf den erwarteten Moment der Auflösung des Spannungsaufbaus – und ist in diesem Moment mit den Erwartungen der anderen identisch, verschmolzen. Dieses vereinigte Bewusstsein kann dabei nicht nur gefühlt, sondern mitunter auch regelrecht visuell als ein über den Dingen schwebendes, goldartiges Etwas wahrgenommen werden. Lässt man dieses hochkonzentrierte goldartige Etwas – nennen wir es „Essenz“ – in sich hinein, ist man bei Clubnächten, Konzerten oder Ähnlichem an das kollektive Bewusstseinsfeld angeschlossen und kann im Geschehen viel stärker aufgehen, als wenn man sich absondert und in kritischer Distanz verbleibt. Bei der Lektüre des Kommunistischen Manifestes geschieht nun etwas ganz Ähnliches: Man schließt sich an das kollektive Bewusstseinsfeld der Kommunisten an, nimmt ihre Essenz in sich auf und wird einer der ihrigen. So funktioniert der psychische Prozess der Bekehrung zum Kommunismus. In dieser Funktion aber offenbart sich ebenfalls das, was an der kommunistischen Vision wahr ist, nämlich, dass wir (auf der Ebene des interpsychischen Bewusstseinsfeldes) eins sind. Wenn dem nicht so wäre, würde die Bekehrung selbst gar nicht funktionieren, da sie die Möglichkeit zur Übertragung von Essenz voraussetzt. Die Erkenntnis der Wahrheit des Verbundenseins löst dabei jene Begeisterung aus, die seit dem Elend des Realsozialismus erloschen ist und nach dem sich die zeitgenössische Linke so vergeblich sehnt.

Diese Erfahrungen – sowohl die des Aufgehens in der Musik als auch die der Bekehrung zum Kommunismus – gehören zur Kategorie der spirituellen Erfahrungen. Die meisten Menschen haben eine Aversion gegenüber allem, an dem die Etikette „Spiritualität“ oder „Esoterik“ kleben. Sie ähneln darin gewissermaßen jenen Altvorderen, die dem Kommunistischen Manifest nur mit striktester Ablehnung begegnen konnten. Mich selbst beunruhigen diese beiden Etikette nicht. Allerdings möchte ich jetzt mein Augenmerk auf Anderes richten und werde in einer späteren Arbeit, „Eines in karger Klause masturbierenden Mönches höchst erquickliche, wiewohl bedeutungslose Göttlichkeitserfahrung“, auf den Überbau dessen zurückkommen, was ich sozialistischen Liberalismus nenne.

Wie bereits gesagt, gibt es bekanntermaßen eine Diskrepanz zwischen der spirituellen Erfahrung des Kommunismus und der Wirklichkeit. Es ist der Unterschied zwischen Potential und Manifestation. Das Potential sehen wir, wenn wir uns den Träumen vom Kommunismus hingeben. Es ist das, was uns begeistert. Wie können wir nun dieses goldene Potential der vereinigten Menschheit so in unsere garstige und ungerechte Alltagswirklichkeit herunterholen, dass diese so verändert, revolutioniert wird, dass Manifestation und Potential deckungsgleich werden? Dass also die „lichte Zukunft“ des Kommunismus anbricht, dass eine „klassenlose Gesellschaft“, in der es „weder Unterdrücker noch Unterdrückte“ mehr gibt und in der „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller“ ist, verwirklicht wird?


III

Der Übergang vom visionären Schwelgen im kommu-nistischen Traum zur dem rationalen Denken verpflichteten Theorie, die sowohl eine nach wissenschaftlichen Maßstäben schlüssige Welterklärung leistet als auch eine Anleitung zur praktischen Anwendung der Theorie, also zur Revolution, bereitstellt, ist ein entscheidender Moment für jeden am Kommunismus interessierten Denker. Dabei werden, das sei nur am Rande bemerkt, jeweils die beiden antagonistischen Gehirnhälften aktiviert. Entscheidender jedoch ist, dass beim Übergang vom bildhaften Träumen zur verstandesmäßigen Verbalisierung semantische Filter aktiviert werden, die dem Traum eine feste Struktur geben. Ist das gemeinsame Träumen vorher noch ein Akt der Liebe, kann es nach dieser Strukturgebung zu einem Akt des Rechthabens entarten, da richtig und falsch Kategorien sind, die innerhalb eines semantischen Strukturrahmens funktionieren.

An dieser Stelle wäre es für meine weiteren Überlegungen wichtig, die wichtigsten Eckpunkte der marxistischen Theorie kurz und schlüssig darzulegen. Allein, meine Kenntnis der marxistischen Literatur ist begrenzt (an Das Manifest, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates erinnere ich mich recht gut, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft ist sehr in den Hintergrund getreten und ansonsten habe ich mich mit Einführungen oder Überblicksdarstellungen begnügt) und wenn ich sie doch mal lese, reißt sie mich auch nicht wirklich vom Hocker. Mein Interesse gilt eher der Begeisterung an sich als der ökonomischen Analyse, die dieser Begeisterung ein Fundament geben soll. Dennoch will ich, nur gestützt auf die Wikipedia, da ich derzeit nicht mehr mal Zugriff auf meine Bibliothek und meine Konspekte habe, eine kurze Darstellung wagen.

Also, Karl Marx und Friedrich Engels sehen in der Geschichte der Menschheit eine zielgerichtete Entwicklung, die mit dem Urkommunismus der Stammesgesellschaften beginnt. Damals war das kommunistische Potential der Menschheit bereits rudimentär manifestiert, da es keine großen sozialen oder hierarchischen Unterschiede innerhalb der Stammesgemeinschaft gegeben haben soll. Vielmehr gehörte allen alles gleichermaßen, die Produktionsmittel (wohl Werkzeuge, Waffen, übrige Ausrüstung) sollen sich in gemeinschaftlichem Besitz befunden haben. Die Produktionsverhältnisse müssen dementsprechend derartig gewesen sein, dass der Stamm wie ein einheitlicher Organismus gefühlt und gehandelt hat: Keines seiner Glieder blieb auf der Strecke, für alle wurde gesorgt.

Mit der Zeit jedoch geschah es, dass die Produktivkräfte derart anwuchsen, dass ein Mehrprodukt erwirtschaftet werden konnte, sodass nicht mehr jedes Mitglied der Stammesgemeinschaft in gleichem Umfang an der gemeinschaftlichen Arbeit teilnehmen musste. Darin sehen Marx und Engels den Sündenfall der menschlichen Gemeinschaft und den Verlust des Urkommunismus, da diejenigen, die sich von nun an ohne nennenswerte eigene Arbeit vom Mehrprodukt der Gemeinschaft nähren, die neue Klasse der Unterdrücker bilden konnten. Mochten diese anfangs auch noch im Sinne des ganzen Stammes gehandelt haben, so müssen sie sich, je mehr dieser anwuchs und je weniger jeder jeden kannte, sukzessive von diesem entfremdet haben, bis sie schließlich eine separierte Krieger-/Herrscherkaste herausbildeten, die, im Kampf gegen die Krieger-/Herrscherkasten anderer Stämme begriffen, dem eigenen Stamm dagegen tatsächlich nur noch als Unterdrücker gegenüberstand, der aus unempathischem Machtkalkül nach Belieben über die einzelnen Glieder des Organismus verfügte, von denen jedes jederzeit auf der Strecke bleiben konnte.

Alle Geschichte danach war eine Geschichte von Klassenkämpfen, bei denen sich in verschiedenen Gesellschaftsformationen jeweils Unterdrücker und Unterdrückte solange feindlich gegenüberstanden, bis sich die gesellschaftlichen Gegensätze in einem revolutionären Übergang entluden, der die nächsthöhere Gesellschaftsformation gebar, in der die ehemals Unterdrückten zu den neuen Unterdrückern wurden, so beispielhaft das Bürgertum, das sich in der bürgerlichen Revolution von den feudalen Fesseln zu lösen vermochte, um danach in Ruhe das Proletariat zu knechten. Allerdings, so bekundeten Marx und Engels bereits im Manifest, ist der Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie in der bürgerlichen Gesellschaft so scharf und allumfassend – praktisch die 99 gegen das eine Prozent –, dass mit dem Sieg der proletarischen Klasse die Klassengegensätze selbst erlöschen werden, da das eine Prozent wohl „absterben“ wird. Damit wird dann „die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft enden“.

IV

Welcher Art nun soll der semantische Filter sein, der diesem Weltbild Struktur verleiht? Um das zu erkennen, müssen wir die Sinnstruktur extrahieren. Das Subjekt dieser großen Erzählung ist das Proletariat bzw. seine Vorläufer. Sein Antagonist ist die Bourgeoisie und diverse kleinere Bösewichte (Kleinbürgertum, andere rückständige Elemente), die der marxistischen Wahrheit keinen Glauben schenken. Die Erzählung selbst läuft auf das große Finale der Weltrevolution mit anschließendem Kommunismus zu, doch nicht völlig linear, da es zwischendurch zu vermeintlichen Rückschlägen kommen kann, die, dialektisch betrachtet, im Endeffekt aber nur die Erreichung des großen Endziels beschleunigen, da sie der Entwicklung gewissermaßen Schwung verleihen. Das alles, der ganze Lauf der Geschichte, ist dabei alles andere als willkürlich, sondern bestimmten, erkennbaren sozioökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Ihren Entdeckern, vor allem Marx und Engels, kommt aufgrund ihres einmaligen historischen Verdienstes ein besonders herausgehobener Rang zu. Sie sind so etwas wie die Patriarchen der kommunistischen Bewegung oder Propheten der gesetzmäßigen historischen Entwicklung. Doch auch diejenigen, die ihre Offenbarungen dieser Gesetzmäßigkeiten studieren, erfahren im Bezug zum Subjekt der Weltgeschichte, dem Proletariat, eine nochmalige Rangerhöhung. Sie bilden die Avantgarde der Arbeiterklasse, die später im Stalinismus und anderen realsozialistischen Systemen eine hierarchisch nochmals ausdifferenziertere Realisierung erfahren sollte. Dabei stehen die sozioökonomischen Gesetzmäßigkeiten im gleichen Rang wie die Naturgesetze, schließen nahtlos an sie an und haben genau wie sie ihren Dreh- und Angelpunkt in der Materie, also in den empirisch messbaren Aspekten der Wirklichkeit, von denen alles abgeleitet bzw. auf die alles reduziert werden kann. Insgesamt ergeben sich dadurch eine technologisch-sozialistische Symbiose und ein kohärent wissenschaftlicher Gesamteindruck.

Doch das eigentliche Muster dieser Sinnstruktur ist altbekannt. Wir kennen es bereits aus der jüdisch-christlichen Tradition, dessen heilsgeschichtliche Konzeption ebenfalls ein auserwähltes Volk – das Judentum bzw. später, im „Neuen Bund“, das Christentum – als Subjekt-ähnlichen Akteur kennt, das nach anfänglichem Sündenfall ebenfalls dem großen Finale des Jüngsten Gerichts entgegengeht, nach dem ein paradiesischer Endzustand anbrechen soll. Dies allerdings nur für diejenigen, die sich vorher unbedingt an die am Sinai geoffenbarten Gesetze gehalten haben – bzw. daran, was später Paulus im Römerbrief oder die Päpste in ihren Rundbriefchen verkündet haben. Auch hier wird die historische Entwicklung dabei nicht einfach linear gedacht, sondern als dialektische Abfolge eines sündhaften Abfalls von Gottes Bund und seinen Geboten mit anschließender Strafe, Reue, Umkehr und Vergebung. Besonderes Seelenheil und Ansehen wird dabei jenen Propheten und Predigern zuteil, die sich um die Treue zu Gottes Bund verdient machen. Der hauptsächliche Unterschied in der Konzeption dieser Sinnstruktur ist die Lokalisierung des Dreh- und Angelpunktes, von dem aus jedem Strukturelement sein Sinn zugewiesen wird: Hier ist es der „oben im Himmel“ befindliche Gott. Der Dreh- und Angelpunkt ist es also, den Marx „vom Kopf auf die Füße“ gestellt hat. Das ist der große Schalter, den er umgelegt hat. Sicherlich wäre es lohnenswert, die strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede weiter zu systematisieren, mithin eine „Morphologie der Weltanschauungen“ zu entwerfen. So zum Beispiel in Hinblick auf die beiden grundlegenden Handlungsmuster des religiösen Menschen, das Opfer und das Ritual, da sich auch der kommunistische Mensch durch Opferbereitschaft auszeichnet, indem er seine egoistischen Interessen zugunsten des Kollektivs hintanstellt oder ein Faible für kommunistische Rituale wie Paraden, stereotype Sprechakte oder Heldenverehrung zeigt. Doch würde eine solche Analyse allzu sehr nach einer bewussten Herabsetzung des emanzipatorischen Potentials der kommunistischen Bewegung klingen, die nicht in unserem Sinne liegt. Vielmehr richten wir unsere Aufmerksamkeit deswegen auf die Sinnstruktur der kommunistischen Weltanschauung, weil sich etwas Ähnliches auch in der partiell antiemanzipatorischen Sinnstruktur des Neoliberalismus beobachten lässt, dessen einzelne Elemente jedes für sich keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten, nichtsdestotrotz aber dennoch den Status quasi unumstößlicher Wahrheiten im Bewusstsein der meisten Menschen innehaben, an denen eine jede Kritik abperlt, da sie ein kohärentes System sich gegenseitig stützender Glaubenselemente bilden. Die Analyse dieses neoliberalen Glaubenssystems wird allerdings erst Teil einer späteren Arbeit sein. Wenn wir den Neoliberalismus aber hinter uns lassen wollen, so werden wir das nicht dadurch erreichen, dass wir uns darauf beschränken, jedes Mal aufs Neue gegen die nächste neoliberale Reform zu protestieren, so essenziell wichtig das auch ist. Ebenso wichtig ist es nämlich, die ideelle Initiative zu ergreifen, positiv zu formulieren, was man selbst stattdessen will und die Paralyse des bloßen Reagierens auf die Durchökonomisierung aller Lebensbereiche mit ihren vermeintlichen Sachzwängen zu überwinden. Gebot der Stunde muss es sein, den Neoliberalismus als Ganzes durch eine überlegene Sinnstruktur abzulösen und so das Fortleben der einzelnen, längst von der Realität widerlegten Glaubenselemente zu unterbinden. Diese überlegene Sinnstruktur wird nach meinem Dafürhalten der sozialistische Liberalismus sein. Er wird versuchen, die Pole der interindividuellen menschlichen Bedürfnisse nach Vereinigung und Autonomie, die dem Kommunismus beziehungsweise dem Neoliberalismus zugrunde liegen, auszubalancieren.

Jetzt soll es zunächst darum gehen, kurz Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken der kommunistischen Sinnstruktur aufzuzeigen. Ihre größte Stärke und ihr größtes Risiko in einem ist, dass sie es ermöglicht, jedes Element der inneren wie äußeren Welt klar zuzuordnen und zu bewerten: Ist x progressiv oder reaktionär? Eine Stärke ist es, weil es ohne Klarheit im Denken keine Klarheit im Handeln gibt. Und ohne Klarheit im Handeln, kann es keine Siege, sondern nur Niederlagen geben. Da wir aber in einer Welt der Interessengegensätze leben, sind Klarheit im Denken und im Handeln nach wie vor unabdingbare Voraussetzungen, wenn wir wollen, dass die Entwicklung unserer Welt eine progressive Richtung nimmt. Das Risiko besteht allerdings darin, dass uns ein Urteil immer von der Empathie für den oder das Verurteilte trennt. Wenn wir verurteilen, sind wir nicht im Herzen. Verweigern wir uns nun dauerhaft der Empathie, werden wir über kurz oder lang mindestens ebenso schlimm wie das, was wir verurteilen. Bedenken wir also lieber die Worte der Weisen, dass dort draußen nichts ist, was nicht auch als Potential in unserer Psyche angelegt wäre. Die größte Schwäche der kommunistischen Sinnstruktur ist ihre quasi-apokalyptische Ausrichtung auf die Weltrevolution und den anschließenden Anbruch eines ganz neuen Zeitalters, das des Kommunismus. Und das aus mehreren Gründen. Zum einen bewirkt ein Hoffen auf die eine große Weltveränderung, dass wir uns nicht im erforderlichen Maße dem stellen, was in unserem eigenen Leben zu ändern notwendig wäre, um es glücklicher und erfüllter zu gestalten. Mögen die äußeren politischen Umstände noch so schön sein, sie helfen uns nichts, wenn wir im Herzen miesepetrig sind. Ein jedes Leid ist individuell und kann nur im Individuum selbst geheilt werden. Mögen die äußeren Umstände objektiv noch so schlimm sein, entscheidend ist unser persönliches Verhältnis zu ihnen. Sind wir in innerem Frieden, tangieren uns die äußeren Umstände – bis zu einem gewissen Grade freilich – nicht so, dass wir an ihnen litten. Sich ganz der Revolution zu verschreiben, kann ferner schlimmstenfalls bedeuten, unter dem Deckmantel vorgeblicher Selbstlosigkeit die Augen vor der eigenen, ganz und gar nicht kommunistischen, sondern machtorientiert-egoistischen Charakterstruktur zu verschließen.

Zum anderen baut das Hoffen auf die eine große Veränderung eine Erwartungshaltung auf, die nur enttäuscht werden kann. Aus dieser Enttäuschung heraus entsteht Demoralisierung. Diese aber ist völlig unangebracht, denn in uns ist die Kraft, die es braucht, das Leben auf diesem Planeten zum Besseren zu wenden.


V

Eines aber werden wir niemals zu ändern vermögen. Unsere eigene Sterblichkeit. Alles, was wir uns aufbauen, wird auch wieder vergehen. Am Loslassen führt kein Weg dran vorbei. Diese Erkenntnis anzunehmen, bedeutet gleichfalls, die Illusion einer vollkommen gerechten Gesellschaft aufzugeben. Es werden immer Menschen aus dem Raster fallen und auf der Strecke bleiben, daran ist, so hart das auch klingen und so viele Vorwürfe mir das auch einbringen mag, nichts zu ändern. Das ist halt der Lauf der Dinge. Dadurch stellt sich eine gnädigere Grundhaltung jenen gegenüber ein, die uns als Verursacher oder Profiteure des Leidens und Sterbens auf diesem Planeten erscheinen, also jenen, die Karl als „Unterdrücker“ den „Unterdrückten“ gegenüberstellte. Platz sah er keinen mehr in der klassenlosen Gesellschaft für Unterdrücker – und erspürte von allem Anfang an ihre Angst vor dem, was er prophezeite: „Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus.“ Was aber ist dieses Gespenst anderes als die Angst der Unterdrücker, ins Jenseits befördert zu werden? Müssen wir uns Karl, da dieser den Tod der Unterdrücker nun einmal billigend in Kauf nahm, als herzlosen Menschen denken? Das sicherlich nicht, doch deutet die Schärfe seiner Polemik, die er auch Menschen zuteil werden ließ, die prinzipiell in eine ähnliche sozialistische Richtung dachten wie er, darauf hin, dass er in der Tat eine tiefe Wunde in seinem Herzen trug. Allerdings sollten wir, um nun unsererseits Karl nicht zu verurteilen sondern ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, uns eingestehen, dass es um uns nicht besser bestellt ist. Wir alle tragen das Potential in uns, den Wunsch zu gebären, andere Menschen töten zu wollen. Aus naheliegenden Gründen – es würde Sie als Leser/-in nur verunsichern – verzichte ich allerdings darauf, diesen Punkt detaillierter auszuführen. In der revolutionären kommunistischen Theorie allerdings wird Gewaltanwendung gegen konterrevolutionäre Elemente ausdrücklich bejaht, was zu den bekannten, entsetzlichen Folgen geführt hat. Keine postmarxistische Theorie darf darüber hinwegsehen, dass dieser Gewaltexzess bereits bei Marx selbst angelegt war. Seine kommunistische Vision ist für viele Menschen zu einem wahren Schreckgespenst geworden. Werfen wir also einen Blick in seine Wunde, lösen wir den Stachel heraus, auf dass das kommunistische Herz wieder schlage. Karl musste, als er sich auf eine Professur bewarb, wie so viele vor und nach ihm die bittere Erfahrung machen, dass weniger denkerische Brillianz als vielmehr ein gewisser Opportunismus die entscheidende Voraussetzung für eine akademische Karriere ist. Er, dem von seinem intellektuellen Format her nichts weniger als die Nachfolge auf Hegels Lehrstuhl an der Humboldt Universität gebührt hätte, musste erfahren, dass das akademische Establishment ihn und sein außerordentliches denkerisches Potential einfach, ohne mit der Wimper zu zucken, über die Klinge springen ließ. Dieser Stachel wird unendlich tief gesessen haben. Er beantwortete ihn in der Art eines Ehrenmannes – und entwarf eine Theorie, die, in die Praxis umgesetzt, ihrerseits nicht nur das gesamte akademische Establishment, sondern die bürgerliche Gesellschaft und den Staat gleich mit dazu, über die Klinge hätte springen lassen. Sägt ihr mich ab, spreng ich alles in die Luft. Alle gegen einen, einer gegen alle. Das hat Format, der Mann hat Schneid. Nun mag man zu bedenken geben, dass der junge Karl damals bereits mit seinem sich radikalisierenden Denken angeeckt ist, doch er hatte sich immerhin beworben. Und er bewies auch später, dass er keineswegs ein soziopathischer intellektueller Selbstmordattentäter war, sondern ein integrer, zu konstanter Bindung fähiger Mensch. Die Tiefe seiner Freundschaft zu Friedrich Engels sucht ja ihresgleichen. Wer vermöchte schließlich schon, eine lebenslange Freundschaft mit jemandem zu führen, von dessen finanzieller Zuwendung er als Familienvater abhängig ist? Ein falsches Wort, ein nicht wiedergutzumachender Gesichtsverlust hätten reichen können und Karls Existenz wie die Jennys und ihrer Kinder wären vernichtet gewesen. Umgekehrt zeugt auch Friedrichs Bereitschaft, Karls intellektuelles Primat anzuerkennen, von wahrhaftiger Seelengröße, denn die meisten Menschen hätten sich auch in dieser Hinsicht wohl nicht untergeordnet, sondern eher etwas in der Art gesagt wie „Versorg erstmal deine Familie, bevor du hier große Sprüche klopfst und mir die Welt erklärst!“ Somit hat Karl seinen Konflikt mit der Vaterwelt des akademischen Establishments dadurch überbrückt, dass er eine platonische Männerfreundschaft essenzieller Tiefe eingegangen ist. Von einer weitergehenden Psychologisierung, insbesondere im Hinblick auf Karls Verhältnis zu Jenny, möchte ich allerdings Abstand nehmen.

Wichtig für die weitere Herleitung des sozialistischen Liberalismus ist vielmehr Karls Bereitschaft, sich, nur von wenigen Weggefährten gestützt, allein gegen alle zu stellen. Eine sehr ungleiche Konfrontation. Konfrontation dabei nicht nur im Sinne von Kampf, sondern auch im Sinne von Spiegelung. Marx nimmt, wenn er frank und frei die Möglichkeit zu töten bejaht, das in sich auf, was in uns allen als Potential angelegt ist. Er nimmt gewissermaßen alles Töten und Sterben der Welt in sich auf. Hätte er dazu noch LSD genommen, wer weiß, vielleicht hätte er sich für Jesus gehalten. Dies anzumerken, bedeutet allerdings abermals nicht, Karl zu disqualifizieren – sondern vielmehr die Größe und Schwere der Aufgabe – des Kreuzes, wenn man so will – herauszustellen, das auf seinen Schultern lastete. Lohnenswert ist dabei ein Seitenblick auf den Gründer einer anderen, explizit spirituellen Bewegung, der eine Zeitlang ebenso en vogue war wie Marx zu seinen besten Zeiten und seine Anhänger in noch ekstatischere Begeisterung versetzt hat: auf Osho. Osho, der sich selbst als erleuchtet bezeichnet hat (ich selbst denke mir Erleuchtung behelfsmäßig als eine Art Verschmelzung mit dem Weltgeist), hatte ebenfalls ein intimes Verhältnis zu einer dunklen, todesähnlichen und gespenstischen „Energie“, auch wenn er das, meines Wissens nach, nicht offen thematisiert hat. Jedenfalls hat derselbe Osho, der so vielen Menschen aus ihrer emotionalen Verhärmtheit herausgeholfen und sie in den freien Flow des Lebens gebracht hat und der allein deswegen schon ein sehr feinfühliger und sensibler Mensch gewesen sein muss, das unstillbare Bedürfnis gehabt, tagein tagaus eine Spritztour mit einer der unzähligen Dreckschleudern aus seinem Fuhrpark zu unternehmen. Seine zeitgenössischen westlichen Kritiker, geprägt durch das christliche Askeseverständnis, konnten darin nichts anderes als eine bigotte Prunksucht sehen, doch ich denke, dass der unter seinem Allerwertesten stattfindende physische Akt des Abgasausstoßes für ihn eher ein Ventil war, den Tod der Welt, der er als Guru mehr noch als Karl alleine gegenüberstand, beziehungsweise das Gespenstische als nun einmal vorhandene Kehrseite des kommunistischen Potentials der allumfassenden Liebe durch sein Körper-/Geist-System hindurchfließen zu lassen.


VI

Beginnen wir den Kreis zu schließen. Eingangs sagten wir, dass die Jungen, also die Söhne, sich der kommunistischen Utopie öffneten, die Alten, also die Väter, sich ihr dagegen verschlossen. Dieser Vaterkonflikt ist struktureller Natur und zieht sich als roter Faden durch die gesamte Geschichte der politischen Linken, beginnend von Karls Konflikt mit der Vaterwelt des akademischen Establishments bis hin zur vehementen Ablehnung, die Helmut Schmidt und Gerhard Schröder am Ende ihrer Kanzlerschaft von ihrer eigenen Partei erfuhren. Aus der Perspektive der Jungen sind Entscheidungen wie der Nato-Doppelbeschluss oder die Agenda 2010, die den linken Idealen von Frieden und sozialer Gerechtigkeit zu widersprechen scheinen, nicht unterstützenswert. Vielmehr wirken sie wie Verrat an diesen. Ihnen haftet ein so großer Igitt-Faktor an, dass sich noch Jahre später, nachdem sie sich längst als weitsichtig und richtig erwiesen haben, kaum jemand offen zu ihnen bekennen mag. Dieser Igitt-Faktor, der die Menschen zu Zehntausenden auf die Straße getrieben und die Wählerschaft der SPD halbiert hat, ist aus dem gleichen Stoff, aus dem auch das gespenstische Element des Kommunismus oder Oshos mutmaßliches Bedürfnis nach Abgasen gewoben ist. Atomare Mittelstreckenraketen oder Hartz IV sind einfach so widerwärtig wie die Pest und die meisten Menschen wollen sie einfach so schnell wie nur irgend möglich wieder loswerden. Dadurch werden ihre Lebensgeister geweckt, sie setzen das Hamsterrad der Aktivität in Bewegung und eine neue, befriedigendere Situation kann entstehen. Existenzielle Bedrohungen sind, mit einem Wort, mächtige Motoren der Transformation. Die Lektion, die sie bereithalten, ist, dass das Leben kein Ponyhof sondern ein Überlebenskampf ist. Das mag banal klingen, doch ein großer Teil der Wählerschaft der SPD hat sich dieser Einsicht verschlossen und straft die SPD seit mehr als einem Jahrzehnt mit Liebesentzug. Allerdings hat die Führungsspitze der sozialdemokratischen Partei auch eine abschreckend wirkende Kultur des Gefallens an den mit dem Igitt-Faktor behafteten notwendigen Übeln des Lebens entwickelt, wohingegen sie sich dem utopischen Träumen gegenüber verschlossen hat. Das mag damit zusammenhängen, dass Menschen in herausragenden Führungspositionen wie der des Bundeskanzlers oder in Ministerämtern einen größeren Überblick haben, also besser um die notwendigen Übel wissen. Auch ist ihr Denken aufgrund ihres fortgeschritteneren Alters und ihrer größeren Erfahrung stärker auf das praktisch Machbare ausgerichtet als auf visionäre Utopien, die naturgemäß eher in jüngeren Jahren faszinieren, wenn das eigene Leben noch als Potential vor einem liegt.

Auch sollte man bedenken, dass sie als Bundeskanzler, ähnlich wie Osho als Guru, allein dem Ganzen gegenüberstehen. Sie haben das ganze Land im Blick – und das ganze Land blickt auf sie. Da schmerzt der Liebesentzug der eigenen Leute natürlich besonders, Frust und das Bedürfnis, die eigene Überlegenheit zu demonstrieren, dürften entstehen. Jedenfalls haben Genossen wie Schröder, Clement oder Steinbrück eine Umgangsform des Reinwürgens kultiviert, die vor dem Hintergrund des strukturellen Vater-Konflikts der Linken ein hochzersetzendes Gift darstellt. Doch bringt es nichts, deswegen gleich die SPD als Ganze zu verwerfen. Es würde reichen, wenn die SPD eine Kultur des Zuhörens und aufeinander Eingehens herausbildet.

Man bedenke, dass die Grünen, die sich unter anderem aus Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss gegründet, es keinesfalls besser gemacht haben, sondern zu einer weitgehend unreflektiert bellizistischen Partei geworden sind. Und wie viele derjenigen, die sich nach 2005 enttäuscht von Rot/Grün abgewendet haben, haben sich danach Verschwörungstheorien zugewandt? Schenkt man diesen auch nur partiell Glauben und realisiert, um wie viel rauer, als die Tagesschau uns weismachen will, das Geschäft auf dem internationalen Parkett tatsächlich ist (gerade im Hinblick auf unsere amerikanischen „Freunde“), muss man dann nicht im Umkehrschluss erst recht sagen, dass Rot/Grün eine geradezu behutsame Regierung war und für Enttäuschungen mithin kein Anlass besteht? Ferner sollten wir uns eingestehen, dass ein gewisses, wohldosiertes Maß an Autorität und damit verbundener Haltung unumgänglich ist, da reine Basisdemokratie, wie die Piratenpartei demonstriert hat, nicht funktioniert.

VII

Verzeihen wir der SPD also, dass sie gelegentlich eine Politik betreibt, die auf den ersten Blick oder kurzfristig gesehen ihren Idealen zu widersprechen scheint. Das ist nicht Verrat, das ist Dialektik. Das allein dürfte allerdings noch nicht ausreichen, die Lebensgeister der Linken für eine neue Aufbruchsstimmung zu wecken. Dafür braucht es eine neue sinnstiftende „große Erzählung“. Wenn wir diese in groben Zügen zu konzipieren versuchen, sollten wir dabei die Erfahrungen mit anderen „großen Erzählungen“ berücksichtigen, vor allem jene mit dem religiösen Substrat der kommunistischen Erzählung. Es ist unnötig, den apokalyptischen Endkampf einer Weltrevolution mit dem anschließenden Anbruch einer neuen goldenen Ära des Kommunismus zu prophezeien, in der alles anders sein und ein „neuer Mensch“ geschaffen werden wird. Mag sein, dass kein vollkommen „richtiges Leben im falschen“ möglich ist, sehr wohl aber gibt es selbst in Zeiten großen Unglücks ein kleines Glück. Und das allein ist schon aller Mühen wert. Sich von der Utopie einer grundsätzlich anderen Welt zu lösen, muss kein Loch hinterlassen. Verfehlt wäre es auch, nach dem Verlust des Glaubens an einen paradiesischen Endzustand respektive an ein Ende der Geschichte einfach ins Gegenteil umzuschwenken und sich Horrorvisionen bezüglich der Unvermeidlichkeit einer Klimakatastrophe, des demografischen Wandels, des Identitätsverlustes durch Masseneinwanderung und dergleichen hinzugeben. Vielmehr können wir froh sein, das Zeitalter der allumfassenden und trügerischen Heilsversprechungen hinter uns gelassen zu haben und darauf vertrauen, dass die vielen großen Probleme dank vieler kleiner Inspirationen und organisiertem Handeln gelöst werden können. Das bedeutet nicht, auf die kommunistische Sehnsucht nach allumfassender Vereinigung zu verzichten. Der Dancefloor ist der Ort, an dem die Utopien getanzt werden, und eine Partnerschaft die Form, in der sich Menschen kommunistisch, das heißt, ohne Ego-Vorbehalt begegnen können. Manchmal frage ich mich auch, ob der kommunistischen Vision des „neuen Menschen“ nicht eigentlich der Wunsch zugrunde liegt, Kinder in die Welt zu setzen. Dann freilich stünde man selbst für die Vaterwelt, müsste selbst jenes Fingerspitzengefühl unter Beweis stellen, ohne das eine jede Autorität ins Tyrannische abgleiten kann. Diese Perspektive einzunehmen, mithin „erwachsen zu werden“, bedeutet für die junge linke Bewegung eine große Chance, leidet sie doch seit einiger Zeit darunter, dass sich ihre Aktivisten mit dem Übergang ins Berufs- und Familienleben aus der Bewegung zurückziehen, was nicht so sein muss. Notwendig wäre es also, zu Positionen zu finden, die sowohl mit als auch ohne Kinder funktionieren, die also sowohl dem Bedürfnis nach Emanzipation als auch dem nach Stabilität, das sich zwangsläufig bei einer Familiengründung einstellt, Rechnung tragen. Jedenfalls scheint die zeitgenössische Linke, seitdem sie den Bezug zum ehemaligen Subjekt ihrer großen Erzählung, dem Proletariat, verloren hat, Progressivität vor allem als Emanzipation von stabilen und damit ein Stück weit auch starren zwischenmenschlichen Beziehungsgeflechten („Familie“) zu begreifen, so mit der Fokussierung auf die LGBT-Bewegung oder neuerdings auf die Flüchtlingshilfe (Eltern schicken ihre Kinder dagegen ja eher ungerne auf Schulen mit hohem Ausländeranteil). Dadurch tritt allerdings die soziale Frage in den Hintergrund und es entsteht ein gefühlter Gegensatz zwischen der linken Bewegung und jenen, die in diesem Land sozial auf der Strecke bleiben oder den sozialen Abstieg fürchten. Diesem Eindruck muss entschieden entgegengetreten werden, will die politische Linke einen stabilen, in der Mehrheitsbevölkerung verwurzelten linken Mainstream schaffen, der eine unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dauerhaft die politische Gestaltungshoheit in diesem Land zu erringen. Der Bezugspunkt im politischen Denken der Linken muss das ganze Volk sein und nicht nur einzelne diskriminierte Minderheiten. Angesichts der deutschen Geschichte dürfte das dem ein oder anderen sicherlich schwer fallen, ich selbst kann dem deutschen Volk den einen Griff ins Klo in Anbetracht all der bemerkenswerten Menschen, die es ebenfalls hervorgebracht hat, allerdings verzeihen.

Neben dem Verlust des Proletariats als Subjekt der großen Erzählung hat sicherlich der Vertrauensverlust in die sozioökonomischen Gesetzmäßigkeiten der historischen Entwicklung bzw. der Wirtschaft im Allgemeinen die größte Lücke gerissen, wobei ich mir sicher bin, dass man in dieser Hinsicht nach wie vor viel von Karl Marx und anderen sozialistischen Denkern lernen kann, wobei Ökonomie allerdings nicht mein bevorzugtes Interessengebiet ist. In einem späteren Artikel, „Der unsichtbaren Hand des Marktes ein flappsig leutseliger Handshake, dargereicht von einem Selfpublisher mit Marketing-Aversion“, werde ich mich dennoch, so weit es eben geht, detaillierter dazu äußern. Doch bleibt es dabei, dass Klarheit in der Analyse von zeitloser Wichtigkeit ist. Davon abgesehen bietet die Abkehr von der Orientierung an Gesetzen jedweder Art aber auch ein immenses emanzipatorisches Potential, da regelorientiertem Denken immer eine Angst vor dem Ungewissen, das gebannt werden soll, zugrunde liegt. Diese Angst zuzulassen, ist aber sehr wichtig, da sie uns maßgeblich daran hindert, in das emotionale Zentrum unseres Herzens zu kommen. Wer dort anlangt, braucht keine Regeln mehr, da er frei ist, auf Herzenshöhe zu kommunizieren und die goldene Regel zu leben, sich anderen gegenüber also so zu verhalten, wie man selbst behandelt werden möchte. Die goldene Regel zu beherzigen oder zumindest danach zu trachten, bedeutet allerdings keinesfalls Wehrlosigkeit. Es ist wichtig, Nein sagen, Übergriffe gleich welcher Art zurückweisen zu können.

Ziel muss es sein, in den Brachen des Kapitalismus sozialistische Oasen zu schaffen, in denen auch jene Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können, die den Härten des freien Marktes entweder überhaupt nicht oder nicht mehr gewachsen sind oder deren individuelle Freiheitsentscheidung es ist, ein Leben im Kollektiv führen zu wollen. In diesen Oasen respektive geförderten Wirtschaftskollektiven sollten Waren produziert werden, die einen gesellschaftlichen Mehrwert darstellen, der in einer beschränkt betriebswirtschaftlichen Profitkalkulation nicht vorkommt. Mir als Laien fallen da gleich mehrere Möglichkeiten ein. Zuvorderst biolandwirtschaftliche Kollektive, um dauerhaft das Problem der ungesunden Ernährung weiter Teile der Gesellschaft abstellen zu können, dem wir nur bei den periodischen Lebensmittelskandalen genügende Aufmerksamkeit schenken. Ferner wäre denkbar, Werkstattkollektive zu gründen, die Fassaden- oder andere Schmuckelemente herstellen, da es einfach eine Bankrotterklärung unserer Zeit ist, dass die heutzutage gebauten Häuser hässlicher sind als die von vor hundert Jahren. Das Sofortprogramm eines sozialistischen Liberalismus zur Ausbalancierung der gefährlichen Ungleichgewichte unserer Zeit ist allerdings ein anderes und in „Was jetzt zu tun ist“ nachzulesen.

Diese und andere sozialistische Elemente könnten in unser Wirtschaftssystem ohne revolutionären Umschwung und Enteignungen et cetera eingeführt werden. Eine vollkommen andere Gesellschaft ist weder nötig noch möglich. Entsprechend sollten die SPD und die anderen Akteure des linken politischen Spektrums so ehrlich sein und sich von der Illusion eines „demokratischen Sozialismus“ lösen. Diesem Begriff, dieser Vorstellung merkt man nur zu deutlich an, dass er als Antithese zum autoritären Staatssozialismus sowjetischer Prägung entworfen wurde, um sich einerseits vom marxistischen Denken zu lösen, andererseits aber die utopische Perspektive zu bewahren. Doch wurde diese Vorstellung niemals mit Leben gefüllt und niemand dürfte die Illusion hegen, mit der SPD sei jemals eine antiliberale, wirtschaftsfeindliche Politik zu machen. Das Aufrechterhalten der Illusion von einem demokratischen Sozialismus trägt mithin lediglich zu einer Kultur der permanenten Enttäuschung und zu einer Demotivierung des progressiven Teils der Bevölkerung bei.

Unternehmen wir stattdessen das Wagnis einer Herztransplantation und ersetzen das Leitbild eines demokratischen Sozialismus durch das eines sozialistischen Liberalismus. Verharren wir nicht in den welken Träumen von einer anderen Gesellschaft, sondern träumen wir vom Anderen in dieser Gesellschaft. Erkunden wir das Potential eines sozialistischen Liberalismus, lassen wir es Wirklichkeit werden.

14:23 27.11.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
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