Genderwahn für Que(e)reinsteiger

Liebe Wenn über Genderfragen diskutiert wird, fallen in der Regel alle Schranken und manchmal auch alle Hüllen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mir selbst waren diese Diskurse bis vor Kurzem allerdings nicht so wichtig, finden doch die wirklich relevanten Dramen unserer Zeit auf den Schlachtfeldern des Donbass oder Syriens statt. Doch manchmal ist es so, dass auch Nebenkriegsschauplätze in den Vordergrund treten.

In letzter Zeit, nachdem mein Mitbewohner sein zweites Gesicht offen gezeigt und ich fluchtartig meine neue WG verlassen musste, übernachtete ich häufig bei mehr oder weniger engen Freunden. Dabei entsteht natürlich eine größere Nähe, als wenn man sich nur mal so abends auf ein Bier trifft, die durchaus auch ihre problematischen Seiten haben kann. So fiel mir auf, dass mehrere meiner Freunde mich anscheinend für latent homosexuell halten und ich fand die Atmosphäre des unausgesprochenen Verdachts recht unangenehm. Zwar stimmt es, dass beispielsweise dem Helden meines Romans „Staatsgeheimnis“ homoerotische Phantasien durch den Kopf gehen, doch muss man das deswegen ja nicht eins zu eins auf den Autoren übertragen. Und wenn dann eine Aussage fällt wie „Dieser … , bei dem du jetzt übernachtest“, schwang da für mich die Vermutung mit, ich könne was mit diesem … am Laufen haben. Dieser … dagegen wurde, als wir abends auf einer Althippieparty ohne Drogen waren, ganz misstrauisch, als ich mich vor lauter Langeweile in einen anderen Club nebenan verabschiedete, ein paar Pillen zu besorgen. Zufälligerweise war da dann auch wirklich eine LGBT-Party. Guter Sound, nur leider ebenfalls keine Pillen. Ich blieb eine Weile, tanzte und ging dann wieder. „Was hast du da eigentlich so lange gemacht?“ wurde ich gefragt. Und ich dachte: Dieser … wird doch jetzt wohl nicht denken, dass ich gleich aufs Herrenklo und dann bück dich, bück dich Hose runter.

Kreuzberg á la Dostojewskij

Man unterschätze den Druck einer solchen Atmosphäre des unausgesprochenen Verdachts nicht. Zum Koller kam es dann aber in einem anderen Kontext. Ich, inzwischen in Berlin untergekommen, trinke mit meinem Gastgeber Wein und werde auch da das Gefühl nicht los, in Richtung eines homoerotischen Geständnisses gedrängt zu werden. Jedenfalls wird mir in allem, was ich sage, widersprochen. Bei den politischen Sachen hab ich mich daran ja schon gewöhnt und gebe nichts mehr darauf, dass ich mechanisch Russland und Putin gegen ignorante Angriffe verteidigen muss. Doch als ich von der Frau erzähle, in die ich verliebt bin, und erkläre, warum ich ihre Texte so großartig finde, nämlich weil in ihnen die Klarheit zum Ausdruck kommen, das für sich Stimmige zu finden, und die Stärke, bei der eigenen Wahrheit zu bleiben, auch wenn alle anderen lachen – wird mir das mit der permanenten Widerrede zu viel. Wie kann man nur so unsensibel sein, die Frau, in die jemand verliebt ist, in Grund und Boden zu kritisieren! Aufgebracht und angetrunken verlasse ich die Wohnung – es ist schon nach Mitternacht –, irre durch die Straßen Kreuzbergs und denke wieder nur an sie. Ich hoffe immer noch darauf, dass sie den Schild vor ihrem Herzen wieder senkt und will nicht glauben, dass ich bei ihr zu verkohlter Asche abgeblitzt bin. Hätte ich nicht vielleicht doch lieber, so ganz zufälligerweise, heute Abend die Ballettvorstellung besuchen sollen, zu der sie laut Facebook hingehen wollte? Doch was, wenn ich in der Pause keinen coolen Smalltalk Einstieg gefunden hätte? Sie hätte sich von mir belästigt fühlen, mich gut und gerne in die Schublade des Stalkers stecken können. Umso mehr, als ich nach dem mittlerweile einmonatigen Vagabundendasein äußerlich auch gar nicht so ohne Weiteres an diese Hochkulturschiene andocken kann. Ich hätte eine Figur abgegeben wie Poprischin, der Held aus Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“. So ziehe ich denn stattdessen frierend durch die menschenleeren Straßen der Hauptstadt wie eine Gestalt aus einem Dostojewskij-Roman. Und mein Handy ist auch noch gesperrt, nachdem mein Gastgeber einen Trick zum kostenlosen Aufladen ausprobiert hat, ich kann also niemanden anrufen und mir wird klar, dass ich jetzt in diesem Moment auf der Straße stehe. Zurück will ich auf keinen Fall. Ich setze mich auf eine aus Paletten gezimmerte Bank vor einem Gemüseladen. Meine Beine entspannen sich, mein Kopf ist schwer vom Alkohol. Unsinnige Gedanken schießen mir durch den Kopf. Vielleicht, wenn ich jetzt einschlafe und zu erfrieren drohe, spürt sie einen Stich im Herzen und ruft mich an? Es kann doch nicht sein, dass sie, die stets auf Seiten der Schwachen und Bedrängten steht, in solchen Fragen kein Erbarmen kennt. Doch kurz bevor ich einnicke, kommt ein Pärchen an mir vorbei und die Frau misst mich mit einem prüfenden Blick: Du sitzt hier nicht einfach so. Ich sehe das genau. Das ist nicht cool.

Ich reiße mich zusammen, stehe auf und ziehe weiter. Nicht, dass noch jemand einen Krankenwagen ruft. Hubschraubereinsatz wäre das Letzte, worauf ich jetzt noch Bock hätte.

Mein Körper und ich

Drei Stunden ziehe ich durch einsame Straßen, die ich noch nie beschritten habe. Gehe an Kanälen entlang, trete herabgefallenes Laub mit meinen dünnen Turnschuhen zur Seite und durchquere eine mit Konzertankündigungen plakatierte Unterführung. Ich will nicht sterben, aber ich will auch nicht zurück. Endlich bin ich so durchgefroren, so erschöpft, dass der Wahn von mir abfällt. Wer weiß, vielleicht habe ich mir in dieser Nacht des Kollers tatsächlich den Tod geholt. Doch ich will mich nicht darüber beklagen, als Existenzialist existentielle Erfahrungen zu machen. Ich kehre zurück. Schweigend mümmel ich mich im Schlafsack auf der Isomatte ein, spüre aber meine Beine nicht mehr. Überhaupt ist das Nicht-Spüren, das Nicht-ganz-im-Körper-Sein die bestimmende Erfahrung meines Lebens. Meistens schwebe ich mit meiner Aufmerksamkeit in irgendwelchen Gedankenwolken und Tagträumereien und bin weit von meinem eigentlich sehr schönen Körper-Ich entfernt. Es ist wirklich so, als wäre ich gar nicht richtig da. Dass in dieser Hinsicht mit mir etwas nicht ganz in Ordnung ist, ist mir zum ersten Mal während der Fahrschule so deutlich geworden, dass ich es vor mir selbst nicht abstreiten konnte. Zwar bestand ich die Führerscheinprüfung, doch bemerkte ich ängstlich, dass die Kunst des Autofahrens nichts mit jener Rationalität des Verstandes zu tun hat, in der ich mich sicher fühlte, sondern mit etwas Rätselhaftem, dessen Abwesenheit mir nur zu deutlich bewusst war: Körperintelligenz. Kaum hatte ich keinen Fahrlehrer mehr an meiner Seite, krachte es dann auch sofort und ich beschloss, das mit dem Autofahren lieber ganz sein zu lassen, bevor ich noch jemanden unglücklich mache. Zwar habe ich inzwischen viele Übungen zur Erhöhung des körperlichen Spürbewusstseins gemacht, es ist auch besser geworden, doch an der grundlegenden Problemlage hat sich nichts geändert. Ich denke, dass das letztendlich auch der Grund dafür ist, warum ich jetzt seit längerer Zeit wieder so wenig Glück mit den Frauen habe. Egal, wer das Gegenüber ist, ein jeder Mensch will ja gespürt werden. Und wer sich selbst nicht so gut spürt, kann auch andere nicht so gut spüren. Beim Küssen klappt zwar alles ganz gut, doch sobald meine diffuse Angst im Unterleib bemerkbar wird, ist es vorbei. Natürlich habe ich mich da auch schon gefragt, ob es mit Männern nicht vielleicht einfacher wäre. Ich bin da auch nicht kategorisch dagegen, fühle mich manchmal sogar angezogen und habe auch schon meine Erfahrungen gesammelt. Die Frage, wie ich mich selbst verorte, hat sich dabei für mich bisher nicht so gestellt, weil das Heterosexuelle zu dominant ist und ich es beim LGBT-Thema ansonsten, wie bei so vielem anderen auch, mit den Russen gehalten habe: eine Privatsache, die niemand anderen zu interessieren braucht, die man aber auch nicht an die große Glocke hängt, will man nicht zur Zielscheibe homophober Idioten werden. (Falls jemanden übrigens meine Sicht auf das russische Gay-Desaster interessieren sollte, kann er sie hier nachlesen.)

Emotionale Reife und Coming Out

Hierzulande brauchen und wollen die Leute allerdings eine klare Verortung, wohl weil ihnen das Unetikettierte zu viel Angst macht oder sie einfach überfordert. Insofern bezeichne ich mich von nun an als queerer Hetero. Dieses Geständnis wurde dabei allerdings von außen an mich herangetragen, womit ich nicht so ganz glücklich bin. Mag sein, dass es angemessener gewesen wäre, wenn meine Freunde mir die einfache Frage gestellt hätten: „Sag mal, Tim, was mich schon immer interessiert hat, wie hältst du es eigentlich mit dem gleichen Geschlecht?“ Darauf hätte ich dann auch normal, von Herz zu Herz, antworten können. Es ist ja auch nicht so, dass ich das Thema bisher immer unter den Teppich gekehrt hätte, siehe „Staatsgeheimnis“. Angesichts der Geballtheit der gegenwärtigen Erfahrung denke ich aber, dass sich darüber vielleicht auch schon andere Menschen, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, Gedanken gemacht haben und nehme deswegen den Impuls jetzt, ohne lange zu zögern, auf und veröffentliche diesen Text. Es wird schon seine Richtigkeit haben, auch wenn es für mich selbst zur Unzeit kommt. Habe ich doch gerade andere Sorgen und schlägt mein Herz doch außerdem noch für eine Frau, wenn sich auch die ernüchternden Kilometer einer langen Reise zwischen uns zu schieben beginnen, die ich übrigens auch in warmen Klamotten antrete. Aber ein Puschkin-Gedicht muss zum Abschied noch sein: „Я вас любил. Любовь еще, быть может, / В душе моей угасла не совсем, / Но пусть она вас больше не тревожит./ Я не хочу печалить вас ничем.“ Wobei ich mir nicht sicher bin, ob sie mein überraschendes Geständnis, sofern sie meinen Blog noch liest und davon Kenntnis nimmt, nicht viel mehr schätzt, hatte sie doch unlängst Selbiges getan.

Na ja, wie dem auch sei. Von jetzt an wird gegendert. Hat das Gender-Sternchen doch das Zeug, jahrhundertealte Streitfragen wie die nach dem kosmischen Geschlecht des Mondes zu entschärfen: Ist der Mond wirklich männlich oder nicht viel eher weiblich, wie es auch das französische la luna nahelegt? Schreiben wir doch einfach der Mond*, die Sonne* und viele viele *****, dann haben sich diese Streifragen sprachlich erledigt. Und überhaupt, das geheime Geschlechtsleben der Buchstaben! Recken sich das t und das l nicht phallisch in die Höhe? Buchten sich m und n nicht vulvisch aus und was sind i-Punkte schon anderes als Ejakulationen? Doch o weh, für einen Text ist derartiges natürlich ein schlechter Abschluss. Da braucht es noch etwas anderes. Etwas, das verbindet und gleichzeitig trennt, ein R und ein Я, Rücken an Rücken, ЯR. Es hat nicht sollen sein.

14:37 02.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

Kommentarfunktion deaktiviert

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert. Deshalb können Sie das Eingabefeld für Kommentare nicht sehen.

Kommentare