Morphin

Roman Szczepan Twardochs Roman „Morphin“ über einen Bohemien-Untergrundkämpfer ist jetzt auch als Taschenbuch erhältlich. Eine Zeitreise ins Warschau des Oktobers 1939.
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Eingebetteter MedieninhaltZerstörte Straßen, eine vergewaltigte Stadt, durch die sich der polnische Kriegsheimkehrer und Halbdeutsche Konstanty Willemann treiben lässt. Warschau im Oktober 1939. Das, was wir Heutigen den Zweiten Weltkrieg nennen, hat gerade begonnen, doch für die Damaligen scheint der Krieg vorbei, vorerst. Sie hoffen zwar, die Franzosen mögen auf Berlin marschieren, der Nazi-Herrschaft ein Ende bereiten, doch so recht glauben können sie daran nicht. Ein merkwürdiger Zwischenzustand. Kein polnischer Staat mehr, untergegangen, deutsche Besatzungssoldaten überall, doch noch nicht organisiert, kein Generalgouvernement proklamiert. Treblinka, Sobibor und Auschwitz – Namen noch ohne besondere Bedeutung. Warschau, getroffen zwar, lebt noch. Seine Aufstände, der im Getto und der allgemeine, nach denen kein Stein mehr auf dem anderen stehen werden, liegen in weiter Ferne. Und doch zieht und knüllt sich das Schwarz millionenfachen Todes bereits jetzt zusammen, holt Luft, holt Kraft, den Todeswirbel zu entfachen.

„Kostek stellt sich vor, wie leicht für ihn das Leben in einer Welt wäre, in der die modernen Nationalitäten und Nationalismen noch nicht existierten, in der Welt vor der Französischen Revolution, daran denkt er jetzt gerade, das Dummchen, als fürchtete er die herauf-ziehende Katastrophe, er denkt lieber nicht daran, wohin es geht auf dem von jüdischer Muskelkraft angetriebenen Gefährt, Kostek weiß natürlich nicht, dass der junge Mann, der in die Rikschapedale tritt, ein Jude ist, noch tragen sie den Stern nicht auf den Ärmeln, noch ist es nicht so weit.

Irgendwo ganz tief unter den dummen Gedanken über Polen und Deutsche weiß Kostek, dass sie sich mit jedem Pedaltritt der Wohnung seiner schrecklichen, süßen Hure Salomé und dem Fläschchen [Morphin] nähern, und er weiß, dass er nicht wird widerstehen können, auch wenn er das Gegenteil glaubt.

Er glaubt das sehr leise, denn leichter fällt es ihm, sich wonnig den Gedanken an die eigene Tragik hinzugeben. Als wäre das Schwarz, das zwischen ihm und der Welt gähnt, die Tatsache der Existenz von Nationalitäten und seine Zerrissenheit zwischen diesen Nationalitäten.

So als wäre seine Rumfickerei schuld an der Existenz der Geschlechter.

Der dumme Kostek sucht die Quelle des Schmerzes, der dumme Kostek versteht nicht, dass das Schwarz einfach da ist, dass das, was er den Polen und Deutschen vorwirft, ganz normal menschlich ist. Kostek taucht ins Schwarz ab, weil er ein Mensch ist.

Ich weiß das nicht, denn ich bin kein Mensch.

Ich bin das Schwarz.

Aus mir werden schwarze Götter geboren, aus mir ergießen sich Ozeane von Verzweiflung.

Wer ist dieser Dritte, der immer neben dir geht?

Woher die Frage, schließlich sind wir zu zweit, ich und Iga.

Wenn ich zähle, sind da nur du und ich. Doch wenn ich nach vorn ins Weiß des Weges schaue, geht da immer noch jemand neben dir. In einen braunen Mantel mit Kapuze gehüllt, schreitet er voran. Ich weiß nicht, ob das eine Frau ist oder ein Mann.

Wer ist das, der auf deiner anderen Seite geht?

[…]

Nicht doch, ich gehe nur hinter Kostek her, begleite ihn, komme aus diesem Schwarz und weiß gut, dass es nichts gibt als dieses Schwarz, und weiß, dass Kostek, mein Lieber, das auch irgendwann verstehen wird. Die Zeit wird kommen.

Und jetzt schütze ich ihn mit meinen schwarzen Flügeln, obwohl meine Federn grau sind.

Ich bin ein Stadtspatz.

Ich singe: Shanti, shanti, shanti. So sagte deine Mutter zu dir, und du hast es vergessen.

Kostek, Dummerchen, wenn du wüsstest, wie unwichtig dein Polnisches und dein Deutsches ist, wie unwichtig die Geschlechter, wie unwichtig deine Würden und Ehren und dein eigener Wert und der widergespiegelte

...“

Kostek ist Morphinist. Kostek geht zu Nutten, lässt Frau und Kind allein zu Hause. Kostek schnorrt seinen Freund Jacek, einen Arzt, penetrant um ein Fläschchen Morphium an, obwohl das alles dringendst für die schwerverletzten Kriegsverwundeten gebraucht würde. Kostek ist ein Arschloch. Und schizophren, das ist er obendrein, wie nicht nur die Vielstimmigkeit der Erzählkonstellation nahelegt. Doch das Schlimmste: Kostek ist, wiewohl polonisiert, im Grunde Deutscher. Zumindest ist sein Vater Deutscher, Nazi der ersten Stunde und verstümmelter Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, und seine Mutter, eine Nymphomanin, wurde nur aus Protest Polin, nachdem ihre preußische Familie sie in jungen Jahren wegen ihrer Sexsucht in die Psychiatrie einweisen ließ. Mit einem Wort: Kostek ist ein idealer Romanheld, wie geschaffen für große Abenteuer.

Die ergeben sich auch. Eine polnische Untergrund-organisation heuert Kostek an, will ihn bei den Deutschen einschleusen. Unter seinen polnischen Freunden gilt er bald als Verräter …

Doch die Story ist in diesem Roman nicht die Hauptsache, die Sprache, das Erzählen stehen im Vordergrund. Szczepan Twardoch (Jahrgang 1979), dessen jüngster Roman „Drach“ unlängst auf Deutsch erschienen ist, kreiert in seinem 2012 erschienenen „Morphin“ einen fiebrigen, manischen Erzählfluss, der einen mal mitreißt, mal ermüdet. Darauf sollte man sich einstellen, wenn man diesen Roman zur Hand nimmt, doch lohnt es sich auf jeden Fall, da die Atmosphäre des sterbenden Warschaus einem so dicht vor Augen steht, dass man mitunter meint, einen Animationsfilm im Noire-Stil wie Persepolis oder A Girl Walkes Home Alone at Night zu sehen. Wer jedoch hofft, auf einen hochdosierten Drogenroman wie Narcopolis zu stoßen, wird ein wenig enttäuscht sein, da das Morphin eine eher untergeordnete Rolle spielt und die Schattenseiten des Drogenkonsums das Element des Rausches auch bei Weitem überragen. Doch sei´s drum: Es gibt Erfahrungen, die sind intensiver als der stärkste Drogenrausch.

»Was wirst du tun, wenn ich mich in den Thermen [Budapests] mit Steifer treffe?«, frage ich mit einer Vertraulichkeit, die gestern noch nicht zwischen uns war.

»Ich werde aus dem Fenster schauen, ob er draußen nicht vorbeigeht, und werde weinen«, antwortet sie ohne Ironie.

»Warst du jemals verliebt, Konstanty, so richtig?«

[…]

Ob ich jemals verliebt war? Das ist wichtig und unwichtig zugleich. Wichtig. Weil es die Substanz des Lebens ausmacht. Daraus besteht es, aus Herzensstürmen und Lendenzuckungen. Und unwichtig, weil das Leben unwichtig ist, überhaupt.

»Ja«, antworte ich einfach.

Und draußen, auf den fernen, leeren Straßen Warschaus erhebt sich der schwarze Sturm des Todes.

Szczepan Twardoch, Morphin

590 Seiten

rororo, Oktober 2015

12,99€

15:27 22.09.2016
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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