Narcopolis – das Elysium aller Drogenromane?

Jeet Thayil Drogen und Literatur zusammenzubringen, ist schwieriger, als man gemeinhin denkt. Gelint Narcopolis das Kunststück?
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Drogen und Literatur zusammenzubringen, ist schwieriger, als man gemeinhin denkt. Zu oft gleiten die Schilderungen des Drogenrausches ins Genre der biografischen Fallstudie ab oder ergehen sich in metaphysisch durchsetzter Prahlerei. Dabei verfehlen sie das eigentlich Literarische und die Lektüre kann so trocken wie Knäckebrot werden. Doch können die subtilen Vibes eines Drogenrausches überhaupt so ausgedrückt werden, dass sich der Rausch selbst durchs Lesen überträgt?

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Jeet Thayil, Jahrgang 1959, geboren in Kerala, ist ein vielseitiger Künstler, der 2012 sein natürlich preisgekröntes Romandebüt "Narcopolis" veröffentlicht hat. Im Dezember hab ich es zum ersten Mal gelesen und im Mai, Juni ein zweites Mal. Ehrlich gesagt war ich nach der ersten Lektüre gar nicht so begeistert und auch bei der zweiten legte ich das Buch für ungefähr zehn Tage beiseite und las nichts mehr. Es war irgendwie ein bisschen zu süß, vielleicht wie ein Zuckerwürfel mit LSD drauf, der langsam im Mund zu einer süßen Zuckerspeichelpfütze zerläuft, aus der die bittere Schärfe der Säure hindurchsticht. Jedenfalls serviert Narcopolis dem Leser genau das, was er unbedingt haben will: Eine Khana, also eine Opiumhöhle, im Bombay der späten Siebziger, bei der natürlich auch viele Hippies einen Zwischenstopp auf ihrem Hippietrail machen. Da kann man ja gar nicht anders als ins Schwärmen zu geraten, da wäre man ja auch gerne dabei gewesen. Das ist die Süße. Doch spürt man dahinter genau das Kalkül, ja, die Gefallsucht, den unbedingten Willen, geliebt zu werden. Denn niemand, der irgendetwas auf sich hält, wird dieses Buch kritisieren, da es in allem – Location, Protagonisten, Thematik und Handlung – einfach unantastbar ist. Das ist die Schärfe.

Aber von dieser Durchschaubarkeit abgesehen, die nur zu verzeihlich und wahrhaftig ist, da wir im tiefsten Innern ja alle geliebt werden wollen, ist Thayils Angebot an den Leser wirklich bestechend: Er möge den Roman so lesen, wie er an einer Opiumpfeife ziehen würde und jede Episode entspricht dabei genau einem singulären High. Dabei gehen alle Episoden schön fließend ineinander über. Zuerst lernt man den Erzähler kennen und begleitet ihn, wie er die Lesung eines bekannten Dichters und Künstlers besucht, der aus England zurück in seine indische Heimat gereist und für seine skandalösen Exzesse bekannt ist. Anschließend begeben sich die beiden in die Khana von Rashid, wo der Erzähler bereits Stammgast ist. Die Opiumpfeifen bereitet dort Dimple, eine Hijra, also ein Eunuch, vor, die nebenbei in einem Bordell anschafft. Dann folgen Dimples Geschichten aus dem Puff und wie sie mit Mr. Lee bekannt wurde, der ihr schließlich die Pfeifen vermachte, die jetzt in Rashids Khana geraucht werden. Natürlich wird auch Mr. Lees Geschichte und die seiner Eltern, denen die Pfeifen ursprünglich gehörten, erzählt. Dabei verschwindet der Erzähler völlig von der Bildfläche und auch bei den späteren Stories, die sich um Rashid, den Besitzer der Khana, und seine Familie, Dimple, Bengali und Rumi, zwei anderen Stammgästen, und vielen weiteren drehen, ist der Erzähler nicht mehr präsent und greifbar. Die Episoden wandern vom einen zum anderen wie ein Joint, der die Runde macht.

Die Kinder des Rausches

In stetem Rythmus, wie beim Wechsel von Ebbe und Flut, beim Einatmen und Ausatmen, geht das Geschehen ins Halluzinatorische des Rausches oder der Träume über und kreist dabei um den schwarzen Fixpunkt des Todes. Das Opium wird durch Heroin abgelöst und nach einem Zeitsprung begleitet man Dimple und Rumi bei zwei Arten des Entzugs. Einen weiteren Zeitsprung ins Jahr 2004 später ist die Gegend der Shuklaji Street, in der sich Rashids inzwischen geschlossene Khana befand, bereits gentrifiziert und der Erzähler kehrt nochmals an seine alte Wirkungsstätte zurück. Rashids Sohn Jamal ist erwachsen und leitet die Geschäfte des Callcenters, das jetzt den Lebensunterhalt der Familie sicherstellt. Sah Rashids Lebenswandel noch so aus, dass er täglich Opium oder Heroin, Kokain und Whiskey konsumierte und dazu noch Prostituierte oder Dimple fickte, ist sein Sohn Jamal ein streng konservativer Muslim geworden. Entsprechend wenig erfreut ist er über den Besuch des fremden Erzählers, der sich als alter Freund vorstellt, der anscheinend an lang vergangene Zeiten anknüpfen möchte, die allen anderen obendrein unangenehm sind. Wer ist er überhaupt, dieser Erzähler? Er war wie jemand, der auf Parties mit niemandem spricht, vielleicht sogar einschläft, auf jeden Fall aber ganz in seinem eigenen Rausch aufgeht und auf diese Weise vielleicht in besonderer Weise mit der Atmosphäre des Ganzen, dem Spirit, den alle spüren, verbunden ist, auch wenn ihm gleichzeitig etwas Abstoßendes anhaftet. Jedenfalls erkennt Jamal den Erzähler schließlich wieder:

"Sie sind Dom Ullis. Wir haben Sie oft Doom genannt, das drohende Unheil, oder auch Dum nach 'Dum Maro Dum', und er sang die Titelzeile aus dem Film. "Manchmal hab ich Sie auch den Verfluchten Ullis genannt wegen all dem, was Sie gesagt haben. Inzwischen bin ich älter. Leute meines Alters nehmen unsere Kultur nicht mehr auf die leichte Schulter. Und wir sind nicht so tolerant wie unsere Väter. Wissen Sie noch? Sie haben gesagt, Religion sei unwichtig."

Das ist natürlich harter Tobak für den Erzähler, wird er doch damit konfrontiert, wie seine im Drogenrausch so leicht dahingesagten Äußerungen für das Weltbild und die Persönlichkeit Jamals prägend wurden, der kurz darauf sogar durchblicken lässt, dass er mit dem Weg islamistischer Selbstmordattentäter sympathisiert. Doch ist das Sich-in-die-Luft-Sprengen natürlich nur ein schlechter und dabei ziemlich unentspannter Ersatz für die im Drogenrausch erlebte Sprengung der Grenzen des Egos. Jamal, immer noch das bedürftige Kind, steht ganz im Schatten seines Vaters und dessen Gefolgsleuten, den Hütern des Highs. Jamal erzählt, wie schwer er es hatte. Dann erinnert er sich schon gefasster:

"Mein Vater ließ uns jeden Tag aus dem Heiligen Buch vorlesen. Haben Sie das gewusst? Jeden Abend eine oder zwei Suren. Er kam völlig zugedröhnt nach Hause und ließ uns lesen, während ihm die Augen zufielen und der Sabber aus dem Mund troff."

Der Erzähler (und der Leser) wussten das bis dahin natürlich nicht und das Herz stockt, spürt man doch, dass die Religion der Schutzwall war, den Rashid zwischen der Welt des Rausches und seiner Familie gelegt hat. Der Welt des Rausches, die so voller Intensität, Selbstvergessenheit und Liebe ist, dass sie dem Göttlichen viel näher ist als jede Religion. Die gesamte emotionale Kraft der Familienkonstellation und der Begegnung mit dem Erzähler, der wie kein anderer für die schwarze Kehrseite des Rausches stand, überträgt sich auf den Leser und man stirbt einen kleinen Tod, da der Blick aufs Ganze aufschimmert.

Die Episode mit Jamal, willkürlich herausgegriffen, ist dabei nur ein winziger Tropfen im Ozean von Narcopolis. Thayil, selbst ehemaliger Junkie, lässt unzählige Male die Opiumpfeife herumgehen und jeder Zug von ihr, jede Episode des Romans (mit Ausnahme vielleicht von der von Mr. Lee), übergibt einem, vor allem beim zweiten Mal Lesen, die Lebensechtheit psychologisch stimmiger Protagonisten und die Kraft ihrer Leidenschaften und ihres Rausches. Auch die gelegentlich eingestreuten Betrachtungen über die Religionen, Reinkarnationen, Heilige, Huren und Druffies sind so tiefsinnig wie sprachgewandt, dass ich mir viele Stellen notiert habe, um sie hier als Zitat zu bringen. Thayil, das ist in jedem Augenblick spürbar, hat sehr tief ins Wesen der Dinge geblickt, er hat das Licht hinter der Schwärze gesehen und es vor allem geschafft, höchst subjektive Drogenerfahrungen zu einer Literatur zu destillieren, die vielleicht zum ersten Mal die archetypische Form des Drogenromans realisiert. Denn da ist kein Falsch und kein Zuviel, der Roman ist nicht gestreckt, ist Droge in Reinform und ich freue mich schon jetzt darauf, zu gegebener Zeit ein drittes Mal eine Pfeife dieses Opiumromans zu genießen.

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15:07 11.06.2015
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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