Neue Enthüllungen im Fall Karla Paul

Literaturbetrieb Karla Paul schickt sich an, eine der einflussreichsten Größen des Literaturbetriebs zu werden. Dabei legt sie wenig Scheu an den Tag, was die Wahl ihrer Mittel betrifft.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Frau Reich-Ranicki junior

Wie bereits berichtet, vermarktet sich Frau Paul als „neue Reich-Ranicki“ und „Literaturpäpstin“. In ihrem Lebenslauf vermerkt sie: „2013 Wahl zur neuen Marcel Reich-Ranicki im Neon Magazin im Jubiläums-Sonderheft „Junge Deutsche, die Hoffnung geben““. Von ihren Interviewpartnern lässt sie sich als neue Literaturpäpstin titulieren. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil Marcel Reich-Ranicki aufgrund seiner Vergangenheit als Überlebender der Shoah ein besonderes Renommee genoss, das man als junge Deutsche nicht so ohne Weiteres für sich selbst instrumentalisieren kann. Die nach meinem ersten Artikel aufgeflammten Diskussionen in diversen Facebook-Gruppen zeigten aber auch, dass die Mehrheit der Kommentierenden Frau Pauls Grenzüberschreitung eher unbedenklich fanden. In meinen Augen ist das eine Folge dessen, dass sich Debatten in Deutschland, in die das komplizierte deutsch-jüdische Verhältnis hineinspielt, allzu oft auf die Frage verengen, ob jemand ein verkappter Antisemit sei (wovon bei Frau Paul keine Rede sein kann). Hat man sich einmal an diesen Fokus gewöhnt, gerät vieles andere zwangsläufig aus dem Blick beziehungsweise erscheint als nicht skandalös im Sinne der gewohnten Skandalmuster. So auch Frau Pauls Verletzung der elementarsten Pietät. Insofern halte ich meinen Einspruch gegen Frau Pauls Selbstvermarktung als „neue Reich-Ranicki“ aufrecht, akzeptiere aber, dass ich mich damit momentan noch in einer Minderheitenposition befinde.

Eingebetteter MedieninhaltFrau Paul selbst hat zu den Vorwürfen nicht Stellung bezogen. Auch hat sie den Eintrag in ihrem Lebenslauf nicht korrigiert und hält somit weiterhin den Anspruch, die „neue MRR“ zu sein, aufrecht. Ihre einzige explizite Reaktion besteht gegenwärtig darin, dass sie den Blogbeitrag aus den Google-Suchergebnissen hat entfernen lassen. Das wirft natürlich kein gutes Licht auf ihre Kritikfähigkeit und ist überdies aufgrund der Halbherzigkeit des Vorgehens zum Scheitern verurteilt, da andere Suchmaschinen den Blog weiterhin anzeigen, der Text in der Community des Freitags zweitveröffentlicht wurde und sie nicht über den notwendigen Atem verfügen dürfte, ihre bisherige Linie gegen einen expliziten, jederzeit öffentlich nachlesbaren Widerspruch durchzuhalten.

Eine neuer Sachstand

Aber wie dem auch sei. Ging ich bisher nur davon aus, dass Frau Pauls Instrumentalisierung der Wahl zur „neuen Marcel Reich-Ranicki“ eine besonders dreiste und geschmacklose Form der Selbstvermarktung und der Usurpation einer Position im Literaturbetrieb, die man nicht einfach so für sich reklamiert, darstellt, musste ich bei meiner weiteren Recherche feststellen, dass die Angelegenheit noch tiefer geht. Wie auch andere Blogger und Journalisten bin nämlich auch ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass das Neon-Magazin – in einem Akt der Selbstüberschätzung oder der ironischen Überspitzung – Frau Paul tatsächlich zur neuen Reich-Ranicki gewählt hat. Davon kann nach Lage der Dinge allerdings nicht die Rede sein. Vielmehr stellt das Neon-Magazin unmissverständlich klar, dass es sich hierbei nur um eine Nominierung handelt. Wörtlich: „Schluss mit der Opakratie! Die Alten will doch kein Mensch mehr sehen. Deshalb nominiert Neon zehn junge Menschen, die in Zukunft eine große Rolle spielen sollten.“ Eine Nominierung ist aber etwas anderes als eine Wahl, etwas grundlegend anderes. Neon sieht in Frau Paul lediglich das Potential, eines Tages die Position Reich-Ranickis einnehmen zu können, hütet sich aber wohlweislich davor, sich die Entscheidung darüber anzumaßen. Frau Paul dagegen behauptet wahrheitswidrig, sie sei gewählt worden – und benutzt diese angebliche Wahl als Legitimationsgrundlage für ihre Selbstinszenierung und den damit einhergehenden Ausbau ihrer Machtposition im Literaturbetrieb. Das riecht nach bewusst kalkuliertem Betrug. Ja, sie schreckt nicht mehr mal davor zurück, sich in diesem Zusammenhang als Opfer zu inszenieren, da sie mit der unglücklichen Koinzidenz leben müsse, dass Reich-Ranicki eine Woche nach der „Wahl“ seiner Nachfolgerin verstorben sei.

Eingebetteter MedieninhaltInteressant ist auch, dass von den übrigen neun Nominierten niemand die Auszeichnung in seinem Lebenslauf erwähnt. Weder der „neue Helmut Schmidt“ noch der „neue Yogi Löw“ (Gehört der alte überhaupt zur Opa-Generation?!) oder die „neue Alice Schwarzer“. Auch ist das Portrait von Frau Paul das einzige aus der Zehnergruppe, das Neon online gestellt hat. Das ist insofern bemerkenswert, als sich der online veröffentlichte Text signifikant von der Printversion unterscheidet. In letzterer heißt es lediglich „Literaturbloggerinnen wie sie sind die neuen Literaturpäpste“, während in der Onlineversion tatsächlich steht, dass sie Frau Paul zur neuen Literaturpäpstin gekürt hätten. Das aber widerspricht diametral dem Tenor der Titelgeschichte und wirft, da es einen Einzelfall innerhalb der Zehnergruppe darstellt, die Frage auf, ob es sich hierbei um Gefälligkeits-PR handelt, die auf Initiative von Frau Paul zustandegekommen ist. Selbstverständlich werde ich Neon in dieser Angelegenheit kontaktieren und Sie über die weiteren Erkenntnisse auf dem Laufenden halten.

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Es geht ums Prinzip

Es kann gut sein, dass mein Vorgehen in dieser Angelegenheit dem ein oder der anderen als zu hart erscheinen mag. Doch ist diese Hartnäckigkeit aus prinzipiellen Gründen geboten: Hier stehen sich nämlich zwei Literaturverständnisse, ein autoritäres und ein emanzipatorisches, gegenüber. Frau Paul, die in ihrem Twitter-Profil verkündet, Literatur sei ihre Religion, und sich selbst zur Literaturpäpstin ausruft, bedient dabei die Muster der Literaturreligiösität, wie man sie auch manchmal an literaturwissenschaftlichen Seminaren antrifft. So stellt sie gerne heraus, dass sie am Welttag des Buches geboren ist – was sie ja praktisch dazu prädestiniert, des Literaturbetriebs Hohepriesterin zu werden. Freilich, das mag man belächeln, doch besteht keine Veranlassung, die Wirkmächtigkeit religiöser Denkmuster zu unterschätzen. Antiemanzipatorisch sind sie auf jeden Fall. Umso mehr, als Frau Paul ihren semisakralen Führungsanspruch sehr weltlich zu untermauern versteht, indem sie über ihren Twitter-Account regelmäßig Jobangebote aus der Buchbranche weiterverbreitet und sich so ein Netzwerk ihr zu Dankbarkeit verpflichteter Anhänger aufbaut. Wobei sie auch ohne diese zusätzliche Hausmacht schon jetzt als eine der bestvernetzten Menschen der Branche (die Buchmessen sind ihre „Familientreffen“) gilt. Wer in dieser also etwas werden will, verdirbt es sich besser nicht mit Frau Paul – sondern akzeptiert ihren Geltungsanspruch. Dieser beinhaltet aber ein grundlegend verändertes Literaturkonzept, das einzig und allein auf Empfehlungen basiert. Das Leben sei zu kurz für schlechte Romane und Verrisse, verkündet Frau Paul, die im Übrigen keine Zukunft für das klassische Feuilleton sieht. Bei einer solchen Herangehensweise, man täusche sich nicht, fallen aber nicht die schlechten Romane unter den Tisch (die werden auch von den Feuilletonisten kaum beachtet), sondern die anstößigen, die eine kritische Auseinandersetzung einfordern. Kritische Auseinandersetzung aber ist der Schlüssel zur Emanzipation. Sie appelliert an die Mündigkeit des Lesers. Empfehlungen dagegen weisen eine ähnliche Qualität auf wie die „Bitte“ eines Vorgesetzten. Ihr autoritäres Substrat ist deutlich wahrnehmbar. Bei Frau Paul erwacht es zu voller Blüte.

Who let the dogs out?

Auch ihr charmantes Auftreten im Fernsehen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frau Paul eindeutig ein Machtmensch der Generation Merkel ist. In obigem Auftritt, aufgenommen ein paar Tage nach Veröffentlichung meines ersten kritischen Artikels, inszeniert sich Frau Paul in Begleitung ihres Hündchens als Unschuld vom Lande. Seht her, wie süß mein Hündchen ist – da muss sein Frauchen ja harmlos sein. Eine solche ikonografische Verteidigungslinie ist an Niveaulosigkeit freilich nur schwer zu unterbieten und Frau Paul hätte, wollte sie intellektuell ernst genommen werden, besser daran getan, in die Diskussion einzusteigen. So bleibt sie den Nachweis ihrer fachlichen Eignung vorerst schuldig und an ihrer intellektuellen Satisfaktionsfähigkeit bestehen gewisse Zweifel. Sicherheitshalber verzichtet sie bei diesem Auftritt, das muss positiv vermerkt werden, auf ihre gewohnte Hybris und lässt sich etwas bescheidener nur als „Literaturexpertin“ titulieren. Mir erscheint allerdings auch das noch als zu hoch gegriffen, wenn ich mir folgendes Twitter-Statement von ihr anschaue, das an spießbürgerlicher Borniertheit kaum zu überbieten ist. Sinngemäß: „Ey Werther, jammer nicht so viel rum, sondern such dir ´nen anständigen Job!“

Eingebetteter MedieninhaltSchon erschreckend, wie wenig Sensibilität jemand für die diffizilen seelischen Prozesse, aus denen große Kunst entsteht, aufbringen und sich gleichzeitig anmaßen kann, sich nur über Networking und Selbstvermarktung zur neuen Literaturpäpstin aufschwingen zu können. „Belletristikexpertin“ wäre sicherlich treffender, „Schmökerprinzessin“ auch nicht von der Hand zu weisen. Selbst wenn sie jetzt, wie in ihrer letzten Kolumne für den Piper Verlag, zurückzurudern beginnt und ihr normales Arbeitnehmerdasein betont – ja, ja, nur „eine bescheidene Arbeiterin im Weinstock des Herrn“ –, wird sie nicht darum herumkommen, ihren frisierten Lebenslauf der Realität anzupassen und sich bei ihren Leser_innen für die erfolgte Täuschung zu entschuldigen.

Aber Frau Paul ist ja noch jung. Sie wird sich weiterentwickeln, an Auseinandersetzungen wachsen können. Vielleicht sollte sie sich einfach mal an einem Verriss versuchen, einem richtigen, mit schwarzer, böser Galle, damit wir mal sehen, was hinter der Liebmädchenfassade außer ihrem Machtanspruch noch so in ihr steckt, zu welchen Gemeinheiten sie fähig ist. Dann, wer weiß, könnte man sie vielleicht auch intellektuell respektieren, diese Dame mit dem Hündchen. Eine „Empfehlung“, welcher Roman sich gut zum Verreißen eignen würde, hätte ich zufälligerweise auch parat: Zerschmettern Sie doch „Staatsgeheimnis“, meinen als E-Book (und in Bälde auch als Print on Demand) veröffentlichten Roman. Er wird Sie sicherlich so sehr auf die Palme bringen, dass sich eventuell vorhandene Aggressionen praktisch wie von selbst entladen können. Und das ganz ohne negative Konsequenzen für Ihr weitgefächertes berufliches Wir-haben-uns-alle-lieb-Netzwerk. Ist das, werte Schmökerprinzessin, nicht eine fantastische Möglichkeit, über sich hinauszuwachsen, ein kleines bisschen in die Fußstapfen Ihres großen Vorgängers, des Meisters der Verrisse, Marcel Reich-Ranicki zu treten?

18:44 27.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
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