Pawel Salzmans „Die Welpen“

Ein Jahrhundertroman? Die Literatur der russischen Avantgarde gilt vielen als ein Höhepunkt der Weltliteratur. Ein bisher unbekannter Roman untermauert diesen Anspruch.
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Pawel Salzmans „Die Welpen“
Helden im Schnee
Foto: Oliver Morin/AFP/Getty Images

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine Zeit ungeheuren Schreckens im Russischen Imperium und in der Sowjetunion. Nach drei Revolutionen (1905 und zweimal 1917), einem zermürbenden Welt- und einem blutrünstigen Bürgerkrieg, waren der Firnis der Humanität und Zivilisiertheit von vielen Überlebenden hinfortgerissen. Wer dieses Chaos überleben wollte, musste oftmals selber töten oder sich zumindest eine solche Kaltschnäuzigkeit zulegen, die sich vom Tod anderer nicht beeindrucken ließ. Der Tod, der gewaltsame zumal, war Alltag während des Bürgerkriegs (1918 bis 1921), und ständige Bedrohung in der Zeit des großen stalinistischen Terrors mit seinen Schauprozessen und der Errichtung des Gulag-Systems. Und dann, dann kam der Große Vaterländische Krieg, der den westlichen Teil der Sowjetunion mit Zerstörung und Vernichtung überzog, jüdische Bürger zu Zehntausenden in die Massengräber von Babyn Jar oder Ponary fallen ließ und eine Millionen Leningrader dem Hungertod während der fast 900 tägigen Blockade der Stadt durch die deutsche Wehrmacht preisgab.

Viel wurde in dieser Zeit geschrieben, doch längst nicht alles konnte veröffentlicht werden. Es gab die so libertäre wie experimentelle Literatur der zwanziger Jahre, die Romane Belyjs, Bulgakows, Platonows oder Zamjatins, die futuristische Dichtung des überzeugten Kommunisten Majakowskij, oder die Exilliteratur eines Bunins oder des jungen Nabokows – und es gab eine „Literatur im Schatten“, wie sie der Slawist Reinhard Lauer nennt, eine Literatur, die weder veröffentlicht noch wahrgenommen wurde und die erst jetzt peau á peau entdeckt und gewürdigt wird. Hier sind vor allem die Romane Gaito Gasdanows oder der „Roman mit Kokain“ zu nennen, die in den 2010ern erstmals auf Deutsch erschienen. Ein weiterer Roman, der in diese Reihe gehört, „Die Welpen“ ist nun von Matthes & Seitz herausgegeben worden.

Wie so oft bei experimenteller Literatur, beispielsweise bei Boris Pilnjaks „Nacktes Jahr“, ist es auch bei den Welpen schwierig zu sagen, worum es eigentlich geht, da es keine klar strukturierte Handlung gibt, sondern vielmehr nur eine lose Aneinanderreihung von Szenen, bei denen sich die Aufmerksamkeit zudem oftmals auf die sprachliche Ausgestaltung fokussiert, bei der im Falle Salzmans die verschiedensten Einflüsse deutlich zutage treten. So hat Salzman Zeit seines Lebens beim Film gearbeitet, was man jeder Seite des Romans anmerkt, finden doch filmische Verfahren wie makroskopische Nahaufnahmen oder schnelle Schnitte häufige Anwendung. Seine literarischen Vorbilder waren der Meister der lakonischen Groteske Daniil Charms, der in den Dreißigern in einem Leningrader Gefängnis verhungerte und seit den Neunzigern in Russland wie im Westen kultisch verehrt wird, vor allem für seine „Fälle“ genannten, oft nur halbseitigen Miniaturdramen, in denen es häufig um das Verschwinden von Menschen geht, und der wohl änigmatischste Dichter russischer Sprache, Welimir Chlebnikow, der die Sprache des Za-um, der Transrationalität, entwickelte. Eine Za-um-Passage liest sich bei Salzman beispielsweise so:

„ 3 Essen

In Gräben Gaben Bräg aus Gräb. Aus Gruben. In den Gruben Kegel, Mulden; Därm Gelärm.

Leer auf den Grund; der Kohl wächst rund.

Stapf stapf Schritt, in der Stille Schritt für Schritt, die Hand vor nicht, Gemüsegärten dunkel sehr.

Ausgeschruss gerasch wirüten. Stumpft nie rumpft nierap niemalp. Struck über Schrumen. Pugel in Umpugel.

Kohl Melone in Zähne.

Auf Tropfen Blut vortridirb

Auf Schale gequetscht zerzenbeiß

Durch Knarschen durch Büschen zerbenstobt

Am Himmel hoch wirropen Brot

Hechel keuchel schlupf ins Kukrikuch

Uch uch Kehl Hahn umdrehl. Hähnchen auf Feuer kein Federchen.

Roll den Mantel, hol mich der Garten, Gartentritt am Apfelbaum am Hintenrum am Haus.

Hinter der Pforte geöffnet gesputet Kleib, Rub, Rübchen im Gemüsegarten. Übers Feuer gebeugt ohne Kessel, Hände ausgestreckt, Rote Beete geputzt, und die dünnen roten Strünke längs zerrissen in Stücke. Man beißt drauf, ob sie hart sind, und verzieht das Gesicht, und sie rollen sich ein auf zerstückten, vom Feuer zerfressenen Zweigen. [...]“

Wäre der ganze Roman so geschrieben, er müsste zu Recht als unlesbar gelten. Doch das ist zum Glück nicht der Fall (bei allem Respekt vor experimenteller Sprache, die die Bürde der nachvollziehbaren Bedeutung hinter sich lässt). Stattdessen werden die einzelnen Teile des Romans von ihrem jeweiligen Handlungsort zusammengehalten. Zunächst geht es an den Baikalsee, im Winter, wo ein Zug stecken bleibt, weswegen die Passagiere zu Fuß weitermüssen, was aber nach einem Überfall marodierender Bauern in einem Blutbad endet. Danach geht es nach Transnistrien, an den Dnjestr, im Spätsommer, wo anderes Personal auftritt, das aber ein nicht weniger blutiges Ende nimmt. Erst in den letzten Teilen, die im Leningrad der NĖP-Zeit spielt (der Periode der noch von Lenin verkündeten Neuen Ökonomischen Politik, die dank Einführung marktwirtschaftlicher Elemente das Versorgungschaos des Kriegskommunismus beendete), ist die Gewalt nicht mehr ganz so allgegenwärtig und brutal.

Das Personal jedoch, so nah wir ihm auch beim Töten und Sterben, beim Ausleben der eigenen Psychosen und des Trieblebens kommen, bleibt einem eigentümlich fern. Zwar spüren wir die Kälte und den Hunger, die Unbehaustheit lebensfeindlicher Umstände, an ihrem Leib, doch kommt es niemals dahin, dass eine Person uns zum Helden würde, mit dem wir uns identifizieren oder an dem wir wirklich Anteil nähmen. Nein, die Personen rauschen durch die Lektüre wie die Menschen während der nackten Jahre ins Grab oder nur den Graben.

Eingebetteter MedieninhaltDie Helden des Romans, die, mit denen wir mitfühlen, das sind die Tiere. Die beiden Welpen zuvorderst, die den ganzen Roman durchstreunen und beschnüffeln, stets auf der Suche nach einem saftigen Happen und einem warmen Plätzchen zum Ankuscheln, dann die Eule, die erst mit ausgerenktem Flügel den Menschen in die Hände fällt, sich dann befreien kann und immer menschlichere Züge annimmt, bis es von ihr heißt, sie beherrsche als Räuberhauptmann einen ganzen Wald. Dann der Hase, er vor allem, der sich mit seiner Häsin in seinem Bau einmümmelt, dem behaglichsten Ort der ganzen in Blut und Terror versinkenden Sowjetunion, diesen embryonal-utopischen Sehnsuchtsort aber verlassen muss, um ein bisschen Kohl, ein wenig Karotte zu besorgen. Oder die Mäuse. Oder die Katze. Die Kamele. Der Bär. Sie alle nehmen die Welt wahr, führen ihr Leben und beenden mitunter das derer, die ihnen über den Weg laufen.

„Der Roman ändert die ganze Geschichte der russischen Prosa im 20. Jahrhundert sowie sämtliche literaturgeschichtlichen Hierarchien für diese Zeit“, schreibt der russische Literaturwissenschaftler Oleg Jurjew und liegt damit sicherlich nicht falsch, doch bleibt abzuwarten, ob sich der Roman noch nachträglich in den Kanon der russischen Avantgarde, die mittlerweile eher beschworen denn gelesen wird, hineinschmuggeln kann oder ob seine Veröffentlichung ein singuläres Ereignis bleibt, das in der Flut der alljährlichen Neuveröffentlichungen untergeht. Das ist letztendlich eine Frage der Slawistik: Wird sie sich dieses Romanes annehmen, ihm Seminare und Abschlussarbeiten widmen? Lohnen würde es sich, ganz gewiss, während des mitunter anstrengenden Lesens wünscht man sich gelegentlich die Gesellschaft eines Seminars, in dem man über die Lektüre diskutieren, sich auf Stellen aufmerksam machen lassen kann, die man sonst vielleicht überläse.

Mithin ein halbes Jahrhundert, von 1932 bis 1982, hat Pawel Salzman an diesem, seinem einzigen Roman gearbeitet, wenn auch natürlich mit längeren Unterbrechungen, da haben die Wörter und Sätze ein Eigenleben entwickelt, sind wie Efeu den Salzman´schen Lebensbaum emporgewachsen und -gewuchert, sodass Salzman am Ende vielleicht selber nicht mehr wusste, was Baum ist und was nur Gestrüpp, denn trotz eines halben Jahrhunderts Arbeit blieb dieser Roman – unvollendet. Bedurfte nicht geringer Arbeit, um in ein druckreifes Manuskript überführt zu werden, das Christiane Körner dann in einer Herkulesarbeit ins Deutsche übertragen hat. Doch man mag es Salzman nachsehen. Die Literatur stand bei ihm nur an dritter Stelle. Zuerst der Film – und dann die Malerei (Bildergalerie), die er bei Pawel Filonow (Bildergalerie) lernte, dessen Ruhm im Westen zu Unrecht hinter dem Kasimir Malewitschs verschwindet.

Pawel Salzman starb am 20. Dezember 1985 im Alter von 73 Jahren als unbekannter Szenenbildner in Alma-Aty, doch hatte er das Glück, sein Leben führen zu können, auch wenn dieses während des Krieges aufgrund seiner deutschen Ethnizität durchaus bedroht war. Seine Werke werden seit den 2010ern entdeckt, eine Homepage informiert auf Russisch und Englisch über ihn.

Salzman, Pawel: Die Welpen

Matthes & Seitz, 457 Seiten, 30 Euro

14:23 23.02.2017
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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