Reisewarnung Deutschland?

Freiburg und andernorts Der Mordfall an einer jungen Medizinstudentin in Freiburg erhitzt die Gemüter. Er ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs – und eine Besserung nicht in Sicht.
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Über den Sexualmord an einer Freiburgerin ist ausführlich berichtet worden, weswegen ich hier nicht näher darauf eingehe. Schaut man sich ein wenig um, was sonst noch so passiert, stößt man auf Meldungen wie diese hier in der FAZ, wo über die Vergewaltigung zweier chinesischer Studentinnen in Bochum berichtet wurde. Tatverdächtiger ist hier ein irakischer Familienvater, der Ende 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist. Ein besonders krasser Fall ist unlängst in Wien verhandelt worden, wo drei afghanische Jugendliche eine türkische Studentin überwältigt und in einer Bahnhofstoilette vergewaltigt haben. Doch es müssen nicht immer Sexualdelikte sein. Dieses Video eines Vorfalls in Berlin am S-Bahnhof Hermannstraße wirft ein anderes Schlaglicht auf die Verrohung unserer Gesellschaft. Ein junger Typ, ebenfalls mit Migrationshintergrund, nähert sich auf der Treppe von hinten einer jungen Frau und tritt sie unvermittelt in den Rücken, sodass sie etliche Stufen hinunterfliegt und benommen und verletzt am Boden liegen bleibt, während der Täter seelenruhig seine Zigarette weiterraucht.

In Deutschland stehen sich bei der Diskussion um die wachsende Kriminalität im Wesentlichen zwei Lager gegenüber: Diejenigen, die Angela Merkels Politik der Grenzöffnung für Flüchtlinge befürwortet haben und die Vorfälle jetzt herunterspielen beziehungsweise ihr Augenmerk auf die Warnung vor rassistischer Hetze richten, und diejenigen, die diese Hetze betreiben. Medien wie die FAZ, die über viele Vorfälle berichtet, sie ernst nimmt, aber natürlich nicht hetzt, gibt es daneben auch, vielleicht sogar öfter, als ich es innerhalb meiner Filterblase wahrnehme. Als Beispiel für die Denkfehler der Beschwichtiger möchte ich kurz die Spon-Kolumne der von mir im Großen und Ganzen hochgeschätzten Margarete Stokowski anführen, die darauf hinweist, dass jedes Jahr über 300 Frauen in Beziehungen von ihrem Partner ermordet werden. Dieser Vergleich dient natürlich der Relativierung und der Beschwichtigung, übersieht jedoch das Wesentliche des Problems, nämlich die veränderte allgemeine Sicherheitslage, auf die jede*r in seinem Alltag individuell reagiert, und sei es, dass er oder sie dieses Silvester die Domplatte in Köln meidet. Wer jedenfalls Bedenken hat, sein Partner könne ihn töten, kann sich theoretisch, wenn er oder sie nicht in einer Abhängigkeitsbeziehung wäre, trennen – von einem Irren, der plötzlich aus dem Gebüsch springt und einen vom Fahrrad reißt, kann man sich aber nicht trennen. Er kann einem überall auflauern. Es ist nicht nur so, wie das Plenum des linksautonomen Zentrums Conne-Island in Leipzig in einem Offenen Brief schrieb, dass die Anwesenheit vieler Migranten bzw. Flüchtlinge auf Partys zu einer Atmosphäre sexueller Übergriffe führe, die für weibliche Gäste unerträglich ist, sondern auch so, dass auf dem Nachhauseweg schnell lebensbedrohliche Situationen entstehen können, wie jetzt im Falle der Freiburger Studentin oder im Frühjahr in Bad Godesberg im Fall Niklas P. Die traurige Realität ist, dass jede*r abends oder nachts in eine Situation geraten kann, die ganz schnell tödlich enden kann. Darauf mit Slogans wie „Das Problem heißt Rassismus!“ zu reagieren, ist nicht nur hilflos, sondern auch dumm, da es den Rechten in die Hände spielt und zur Polarisierung der Gesellschaft, nicht aber zur Problemlösung beiträgt. Besser wäre es, mit Slogans wie "Gegen interethnische Gewalt!" zu demonstrieren, die in alle Richtungen offen sind und deutlich machen, dass man über nichts hinwegsieht oder Gewaltverbrechen aufgrund der Nationalität der Täter unterschiedlich gewichtet.

Auch im Ausland bleiben diese Entwicklungen nicht unbemerkt. Dort funktioniert das Unter-den-Teppich-Kehren der hiesigen Beschwichtiger nicht. So veröffentlichte Sputnik News beispielsweise die sogenannte „Einzelfall-Map“, die alle „angeblichen Einzelfälle“ im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise auf Google-Maps mit Pin markiert. Man kann davon ausgehen, dass, sollte die Entwicklung so weitergehen und ihr nicht Einhalt geboten werden, die Außenministerien anderer Staaten früher oder später Reisewarnungen für Deutschland herausgeben werden. Welche Konsequenzen dies tatsächlich hätte, steht natürlich in den Sternen, doch sollten diejenigen, die die Gewaltdelikte herunterspielen und lieber wegsehen, wissen, dass sie damit letztendlich selbst die weltoffene Gesellschaft aufs Spiel setzen, die sie eigentlich verteidigen wollen, denn wenn es hier zu gefährlich wird, bleiben die coolen Leute, über deren Anwesenheit man sich nur freuen kann, irgendwann weg.

22:11 07.12.2016
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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