Somerset Maughams „Magier“

Parapsychologischer Roman Die Schattenwelt des Okkulten ist voll dunkler Geheimnisse, ruft Faszination, Abscheu und Spott hervor. Sie in Literatur zu verwandeln, ist Opus magnum oder Fiasko.
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Eingebetteter MedieninhaltManche Bücher stauben jahrelang in meinen Regalen und Umzugskartons vor sich hin. Oft reicht es schon, dass irgendwer mir zugeflüstert hat, sie seien nicht gut, nicht des Lesens wert. Oder im Gegenteil, alle sagen: „Das musst du gelesen haben!“ Dann fühl ich mich unter Druck gesetzt, entwickle eine Scheu, das hochgelobte Werk anzurühren. So oder so, die Worte der anderen sind der Staub, der auf die ungelesenen Bücher fällt. Doch manchmal, wenn die aktuellen Rezensionsexemplare weggelesen sind, überkommt es mich und ich puste ihn weg, schlage die Seiten auf wie die Tür zu einem verlassenen Laboratorium, in dem die Rückstände in den Reagenzgläsern noch Kunde von den Erfahrungen und Experimenten meiner Vorleser geben.

Paris! Fin de siecle! Okkultismus! Welch erlesene Ingredienzien, bei denen zweifellos ein magisches Werk herauskommen muss – wie kann es da sein, dass Maughams „Magier“ nur eine wegwerfende Handbewegung erntete, von einer Frau, die ich ob ihres Literaturgeschmacks schätze? Ich beginne zu lesen. Die ersten zehn Seiten, die zweiten zehn Seiten. Wie steif die Figuren sind, wie seltsam ihre Moralvorstellungen, wie gestelzt die Sprache! Ein grauenhaftes Panoptikum postviktorianischer Spießigkeit. Nein, da verstand ich nur zu gut, warum meine Vorleserin, mit der ich einst, vor vielen Jahren, selbst durch die Straßen von Paris flanierte, Wein auf den Stufen vor Sacre Coeur trank und mit der ich Mutmaßungen über die okkulte Symbolik ägyptischer und babylonischer Relikte im Louvre austauschte, diesen Roman zur Seite gelegt hatte.

Und doch, dem Helden des Romans, Oliver Haddo, gestaltet nach dem Vorbild Aleister Crowleys, des Kultokkultisten der Hippies, ich wollte ihm unbedingt begegnen. Zu oft hörte ich übertrieben ehrfurchtsvoll, mit der Kennermiene des Connaisseurs von ihm reden, ohne doch das Verlangen zu spüren, mich auf seine ernsthaftes Studium erfordernden kryptischen Schriften einzulassen. Da passte es gut, dass Maugham sich in seinem Vorwort hemmungslos über Crowley lustig machte, bestätigte es doch meine Vermutung, dass Crowley nur deswegen zum psychedelischen Star avancierte, mit dem man angeben konnte, weil die Kluft des Todes ihn schon lange von seinen heutigen Verehrern trennte. Doch, wer weiß, vielleicht wäre Crowley auch, lebte er heute, jemand wie der Wahlpariser Alejandro Jodorowsky, der nicht nur wegen seiner Tarotseancen sondern auch seiner Filme wegen verehrt wird?

Oliver Haddo tritt auf. Ein korpulenter, feister Kerl, der sich aufdrängt, auch wenn ihm nicht zu übersehende Ablehnung entgegenschlägt. Dr. Porhoët kennt ihn, von gemeinsamen Bibliotheksaufenthalten her, wo jeder für sich okkulte Manuskripte studierte, der eine als skeptischer Wissenschaftler, der andere als Adept. Porhoët ist ein alter Freund Arthur Burdons, eines bekannten Londoner Chirurgen, der in Paris bei seiner jungen Verlobten Margaret Dauncey weilt, deren selbstloser Vormund er einst war und der er jetzt ein Kunststudium in Paris ermöglicht. Und bald wird Hochzeit sein! Unentwegt reden sie schon davon, mit welchen Stoffen sie welche Sofas beziehen werden und ähnlichen Unsinn. Doch da tritt Oliver Haddo auf. Weltanschauungen prallen aufeinander. Burdon ergeht sich in so ätzender wie tumber Kritik, lässt schließlich sogar die Fäuste sprechen. Doch Haddo, Egoist der Selbstlosigkeit, nimmt alle Verantwortung auf sich, entschuldigt sich gar, doch Rache liegt in der Luft. Bald schon entdeckt Margaret, die Kunstinteressierte, um wie viel aufregender und faszinierender Haddos Welt ist gegenüber der ihres Verlobten Burdons. Und was dann folgt, entfesselt eine psychologische Dynamik, eine emotionale Intensität, dass einem das Herz aufzuplatzen scheint, die Hände verkrampfen, sodass man das Buch aus der Hand legen muss, weil man es nicht mehr aushält … Eine Dynamik, die, drehte sie sich nur um das gewöhnliche Seelenleben, schon sehr rasant wäre, doch kreist alles gleichzeitig um das Okkulte, vielleicht Tatsache, vielleicht Hirngespinst, ein Homunkulus, der beim Lesen zum Leben erwacht.

15:38 19.12.2016
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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