Über den Umgang mit Dreadlocks

Kulturelle Aneignung Seit einiger Zeit wird es sehr kritisch gesehen, wenn weiße Personen Dreadlocks tragen. Ihnen wird kulturelle Aneignung vorgeworfen. Diesbezügliche Konflikte eskalieren.
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Unlängst geriet ich zufällig auf eine Veranstaltung, an deren Eingang ein Aushang kundtat, dass Menschen mit weißer Hautfarbe und Dreadlocks die Veranstaltung gerne boykottieren mögen. Der Aufruf war zwar auf Englisch, wo ich nicht immer jedes Detail verstehe, und später, als ich zum Fotografieren zurückkehrte, auch schon abgerissen, doch die Kernaussage war klar: Bist du weiß und trägst du Dreadlocks, bist du hier nicht willkommen. Eine klare, gruppenspezifische Diskriminierung aufgrund von Haut- plus Haarmerkmalen. Ich fand das total schrecklich, schaute mich aber trotzdem noch auf der Veranstaltung um, nur um festzustellen, dass mich alles anwiderte. Außerdem stieß mir übel auf, dass sich die Veranstalter nicht mal die Mühe gemacht hatten, ihrem Diskriminierungserguss eine deutsche Übersetzung beizufügen, worin ich eine unachtsame Respektlosigkeit gegenüber ihrem Gastland und seinen Traditionen erblickte, zu denen eben auch das in Fels gemeißelte Verbot jeglicher Äußerungen gehört, die nach dem „Dieser Ort ist judenfrei“-Prinzip funktionieren.

Der andere Fall betraf eine entfernte Bekannte, die freiberuflich für eine Stiftung arbeitete, die antirassistische Projekte fördert, und in dieser problematisierte, dass es nicht so gut wäre, wenn weiße Personen Dreadlocks trügen, da sie sich damit Symbole des schwarzen Widerstandes aneignen würden. Allerdings war in dieser Stiftung auch eine weiße Person mit Dreadlocks hauptamtlich angestellt, die diese allgemeine Kritik – natürlich? – auf sich bezog, was in der Folge zu einem Mobbing-Drama führte, das mit dem Rauswurf der kritischen Bekannten endete.

Wie unschwer zu erkennen ist, geht es in diesen Auseinandersetzungen emotional sehr hoch her und sie können völlig aus dem Ruder laufen. Warum es überhaupt problematisch sein soll, wenn weiße Personen Dreadlocks tragen, bedarf dagegen für nicht mit dem Thema Vertraute einer gewissen Erörterung. So sind schwarze Personen, vor allem in den USA, damit konfrontiert, dass Besonderheiten des schwarzen Körpers, inklusive ihrer Haare, als defizitär gegenüber der weißen Norm angesehen und herabgesetzt werden. Das ist eine gängige rassistische Praxis, bei der man sich nur wundern kann, dass selbst ein Weltkonzern wie Nivea sie völlig unreflektiert in seiner Werbung bedient. Schaffen es People of Colour als Quotenfarbige dann doch mal in die Werbung, werden ihre Körper dem weißen Schönheitsideal angeglichen. Näheres ist hier nachzulesen. Verständlicherweise hat sich gerade auch gegen die diversen Zuschreibungen an schwarze Körper Widerstand geregt, der sich unter anderem darin äußerte, die als defizitär gebrandmarkten Körpermerkmale mit besonderem Stolz zur Schau zu stellen, um so die ihnen innewohnende natürliche Würde aufscheinen zu lassen. Eines dieser Körpermerkmale sind Dreadlocks, die oft als schmierig bzw. schmutzig verunglimpft, dann aber zum stolzen Befreiungssymbol wurden. Da kann es dann natürlich leicht für Irritationen sorgen, wenn jemand, der nie den Stigmatisierungen ausgesetzt war, mit denen Schwarze zu kämpfen haben, einfach daherkommt und das Symbol ihres emanzipatorischen Befreiungskampfes gedankenlos übernimmt und zur im Grunde bloß modischen Hipsterfrisur zweckentfremdet. Jedenfalls wird es als "Mikroaggression" angesehen, wenn Weiße Dreadlocks tragen, vor der People of Colour im Sinne eines "safe space" geschützt werden müssen, da die Entlehnung eines schwarzen Symbols einerseits die Herrschaftsverhältnisse reproduziert und andererseits Erinnerungen an durch diese erlittene Entwürdigungen triggern kann. Dass der Schutz vor Unterdrückungserfahrungen jedoch zu neuen Diskriminierungserfahrungen bei anderen (weißen) Menschen und zu einer unfreien Atmosphäre führt, wird achselzuckend in Kauf genommen. Noah Sow, ein deutscher antirassistischer Theoretiker, schreibt:

Imitiere nicht Schwarzsein oder verleugne nicht Dein eigenes Weißsein. Man wird nicht weniger weiß, wenn man aus einer sozial benachteiligten Familie kommt. Man ist auch nicht weniger weiß, wenn man versucht, sich Dreads wachsen zu lassen, oder Schwarze imitiert. Du meinst es ja gar nicht böse, verhälst Dich aber leider wie ein >>guter Kolonisator<<: Du bedienst Dich Schwarzer Symbole, sogar der Befreiungssymbole, eignest sie Dir an, spielst mit ihnen und bekommst dafür von den anderen Weißen Aufmerksamkeit und/oder Bewunderung für Deinen >>Mut<< und Deine Extravaganz. Die Schwarzen Symbole werden dadurch lächerlich gemacht, weil sie durch Weiße umgedeutet und besetzt werden.Bisher wurden die meisten Schwarzen Kulturbeiträge durch Weiße vereinnahmt und verzerrt. (…) Dir sollte klar sein, dass Du Dich aufgrund Deines Weißseins aus jeder Kultur bedienen und trotzdem am Drücker sitzen kannst. Weil viele Schwarze Deutsche diese Kombination gar nicht witzig finden, haben wir auch keine Lust, Dir zu Deinen Dreadlocks zu gratulieren.

(Sow, Noah (2009): Deutschland Schwarz Weiß: Der alltägliche Rassismus. München: W. Goldmann, S. 251-252.)

Zitiert nach diesem Artikel in Mädchenmannschaft.

Da ich das Buch nicht gelesen und mich überhaupt nur wenig mit Antirassismus beschäftigt habe, lasse ich das Zitat jetzt einfach so stehen und argumentiere nicht dagegen. Stattdessen möchte ich die Aufmerksamkeit auf einen anderen Punkt lenken, nämlich darauf, wie schrecklich es ist, wegen seiner Haare kritisiert zu werden. Wer diese Erfahrung machen musste, die im ehemaligen Ostblock teils solche Auswüchse annahm, dass sich Langhaarige bei der Polizei zu melden hatten, dürfte die Freiheit der Dreadlock-Träger verteidigen, denn wegen seiner Haare kritisiert zu werden, ist sehr erniedrigend. Der Kritiker nimmt ja wortwörtlich das höchste Körperteil des Kritisierten ins Visier und blickt von der Höhe seines Besserwissens darauf herab. Wer andere wegen ihrer Haare kritisiert, befindet sich also nicht mehr auf Augenhöhe, geschweige denn auf Herzenshöhe mit ihnen, sondern nimmt eine demonstrativ überlegene Position ein, die letzten Endes autoritär ist. Wer so etwas erlebt hat oder aus anderen Gründen an seinen Haaren leidet, weiß, welch sensibles Organ sie sind und wie wichtig die Frisur ist, um sich in seiner Haut wohlzufühlen. Insofern ist eine Kritik an den Haaren ein Angriff auf das eigene Wohlbefinden, der für den Betroffenen höchst unangenehm ist. Wer das nicht nachvollziehen kann, stelle sich vor, die Haare mit ihren in die Kopfhaut eindringenden Wurzeln seien so etwas wie abertausende winziger Akupunkturnadeln, die in die Schädeldecke gesteckt sind und jemand käme aus dem Nichts vorbei und würde versuchen, sie herauszureißen. Autsch!

Deshalb wundert es mich, dass Menschen, die Sensibilität für Rassismus entwickelt haben, gleichzeitig das Gespür dafür fehlt, wie übergriffig und unangenehm es ist, andere Menschen wegen ihrer Haare zu kritisieren. Das ist einfach ein No-go. Tut man das, beendet man damit das partnerschaftliche Verhältnis zur kritisierten Person. So ist es nur konsequent, dass die entfernte Bekannte, von der oben die Rede war, und die Person mit den Dreadlocks in eine eins zu eins Kampfsituation geraten sind, bei der es „nur einen geben konnte“. Wie hätte die Person mit den Dreadlocks auch nachgeben können? Niemand wechselt auf Initiative eines anderen freiwillig seine Frisur. Ein wie auch immer erzwungener Wechsel der Frisur ist ein massiver und demütigender Eingriff in die Persönlichkeitssphäre, der, historisch betrachtet, nur in extremen Ausnahmesituationen praktiziert wurde, etwa als nach der Befreiung Frankreichs jene Frauen, die sich mit Deutschen eingelassen hatten, geschoren wurden.

Auch der oben zitierte Noah Sow unternimmt, wenn man´s genau liest, keinerlei Anstalten, Weißen verbieten zu wollen, Dreadlocks zu tragen. Er sagt nur, dass viele Schwarze keine Lust hätten, Weißen zu ihren Dreadlocks zu gratulieren. Das ist noch etwas anderes als zu schreiben, Weiße dürften keine Dreads tragen. Trotzdem kommt es aber zu solchen Auswüchsen, dass Weiße mit Dreads auf manchen Veranstaltungen pauschal zu Personae non gratae erklärt werden. Dabei finde ich den Ärger und die Verbitterung darüber, dass der Gehalt der Dreadlocks als Befreiungssymbol bei lediglich modischer Verwendung verloren geht, sehr nachvollziehbar, doch sollte man bedenken, dass auch Befreiungssymbole dem Prozess des Werdens und Vergehens unterliegen. Alles ist in steter Wandlung, nichts ist für die Ewigkeit. Lange bevor die Dreadlocks zum Symbol des schwarzen Widerstandes wurden, standen sie schon für die asketische Weltentsagung der indischen Saddhus (wofür sie auf dem Subkontinent auch nach wie vor stehen), von wo aus sie ebenfalls Eingang in die Hippiekultur fanden. Der antirassistische Widerstand der afroamerikanischen Bevölkerung ist also nicht die einzige Traditionslinie der Dreadlocks, weswegen es einseitig wäre, allein von deren Wohlwollen die Akzeptanz von Dreadlocks in linken Kreisen abhängig zu machen. Überhaupt wirft die Nichtbeachtung der indischen spirituellen Traditionslinie, die für die Hippies sogar maßgeblicher gewesen sein dürfte als die afroamerikanische, ein Schlaglicht auf gewisse Engstirnigkeiten der jungen neuen Linken. Auch wenn sie ihre Haltung theoretisch zu untermauern versuchen („cultural apropriation“), können sie doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im Grunde provinziell ist, da sie keine globale Perspektive einnehmen, sondern ihren Fokus auf die USA beschränken, wobei sie den dortigen Konflikt zwischen Afroamerikanern und weißen Amerikanern absolut setzen und ihn mithilfe ihrer Theorie von der „kulturellen Aneignung“ eins zu eins auf hiesige Verhältnisse übertragen, ohne dabei zu beachten, dass die (historisch gewachsene) Situation hier eine völlig andere ist als in den Staaten. So existieren hierzulande weder das Problem, dass Nachfahren von Sklavenhaltern Nachfahren von Sklaven gegenüberstehen, noch, dass es hier eine traditionelle Rassentrennung mit Vierteln, die überwiegend von Weißen oder Schwarzen bewohnt werden, gäbe. Dessen ungeachtet nun ein informelles Verbot von Dreadlocks für Weiße mittels ausgrenzenden Moralisierens durchsetzen zu wollen, würde nun den hier weitgehend akzeptierten Gleichheitsgrundsatz mit einem Präzedenzfall aushöhlen und eine Art von „kultureller Rassentrennung“ erschaffen, die in krassem Gegensatz zum Universalismus der einen Menschheit stünde und eine gewisse geistige Verwandtschaft zu ethnopluralistischen Konzepten der neuen Rechten wie dem „Europa der Vaterländer“ aufwiese („Jedem das Seine und bloß keine Vermischung“). Stattdessen sollte man sich vergegenwärtigen, dass jeglicher kultureller Austausch ein Element der Aneignung aufweist, indem man etwas aus einer anderen Kultur übernimmt, es für seine Zwecke anpasst und so etwas Neues erschafft. Ohne diesen kreativen Prozess wäre die heutige Popkultur nicht denkbar und Dogmen, die Monopole an einer beliebigen Sache für eine beliebige Untergruppe proklamieren, würden zur Erstarrung dieses Prozesses führen, der, nebenbei bemerkt, stets ein Zeichen der Wertschätzung enthält und in alle Richtungen offen ist . Genauso wie Weiße Inspirationen aus allen Weltkulturen aufnehmen können, können das auch Farbige oder Asiaten tun. Es ist höchst willkommen. Ich persönlich warte nur auf eine African-Acid-Version von „Hoch auf dem gelben Wagen“ oder sonstigen Scheiß und werde mich garantiert nicht mit einem „Wie könnt ihr nur?!“ beklagen.

13:44 17.11.2016
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
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