Utopie und Jobcenter

Zwillingswelten Das Alpha einer jeden Utopie ist das Nein zum Bestehenden, ihr Omega das Jobcenter. Aber wichtig, es mal auszusprechen.
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Manchmal hat man das Gefühl, alles, was passiert, wäre gar nicht echt, sondern in Wirklichkeit ganz anders und das Leben würde sich irgendwie über einen lustig machen.

Am schlimmsten ist es, wenn die Dinge sich zu wiederholen beginnen und man bemerkt, in einer schwer zu durchschauenden Schleife gefangen zu sein, aus der ein jeder Ausbruchsversuch nur zu einem erneuten Stolpern über die eigenen, ineinander verknäulten Beine führt. So stieg ich unlängst zum zweiten Mal im gleichen Hostel im Prenzlauer Berg ab, Alcatraz hieß es, glaube ich, und war in Gedanken völlig von meinem Kampf gegen meine Feindin eingenommen, als ich jäh und unerwartet eines Déjà-vus gewahr ward. Genau hier, in dieser Küche, an diesem Kiefernholztisch mit der roten bestickten Decke, einen guten Monat zuvor, hatte ich doch schon mal einen Artikel gegen sie geschrieben.

O, wie rein waren meine heilige Überzeugung, eine falsche Päpstin aus dem Tempel der Literatur zu vertreiben, wie glühend mein Zorn, meine unbedingte Bereitschaft doch gewesen, notfalls so mit ihr zu willfahren wie weiland Saul mit den Amalekitern! Doch was geschah? Nichts. Amaleks König Agog trieb seine lästerliche Buhlerei mit dem großen Götzen Baal lustschmatzend fort, ohne dass irgend jemand daran Anstoß nahm, und ich kehrte nach Neukölln zurück, wo ich zuvor schon einen Monat zur Zwischenmiete gewohnt hatte. Diesmal zog ich in eine Zweier-WG, in das Zimmer der Zwillingsschwester meiner vorherigen Mitbewohnerin, Mira, Kira. Kira und Mira, angeblich am 02.02.’88 geboren, sind, wiewohl schwarzhaarig, ein Lichtblick von Zwillingsschwestern, dass einem sofort das Herz aufgeht und manchem Proll wohl auch mehr, sodass Mira und Kira viel darüber zu erzählen wissen, von welchen idiotischen Zuschreibungen und Anmachen man sich als Zwillingsindividuum zu emanzipieren hat. Allein die Namenswahl ist ja schon ein Fluch, da alle Eltern anscheinend das Bedürfnis haben, die erwartbare optische Ähnlichkeit durch eine akustische noch zu verdoppeln, wodurch so absurde Namenspaare wie Hannie und Nannie entstehen, die unmöglich jemand ernst nehmen kann, und dann werden sie die halbe Kindheit dazu aufgefordert, sich doch mal nebeneinander hinzustellen, weil das doch so süß wäre, und später als Erwachsene, sich auch noch nebeneinander hinzulegen, weil Mr. Proll ja unbedingt einmal mit zwei Zwillingen! Na ja, ich sitze zwischen den Mädels, höre interessiert ihren Klagen über antigeministische Diskriminierung zu, schaue mal Mira an, mal Kira, und auf mal lachen beide: »Und dann dieser Moment, an dem so ein Idiot realisiert, dass er sich entscheiden muss!«

Aber halt, eigentlich wollte ich etwas ganz anderes erzählen, nämlich, wie ich, gezeichnet und zerstochen von den Dornen und Stacheln des Seins, bei der Obrigkeit, dem Amt für Volksfürsorge, dem Jobcenter Neukölln vorstellig ward und vorsprach, darum bat, wieder ins Korsett der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren eindeutigen Stati, Krankenversicherungen, Bezügen und dergleichen aufgenommen zu werden.

»So, und Sie wollen also Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes nach dem Zweiten Sozialgesetzbuch beantragen, Herr Soloto?« warf mir eine mittelalte Frau an der Schwelle zu den Wechseljahren einen abschätzigen Blick über ihre tief heruntergezogene Lesebrille herüber, »und was ist denn das da? Sie haben sich ja Geld von Ihrer Mutter überweisen lassen! Machen Sie so was öfters?«

»Also ich muss doch wohl sehr bitten, ja, ich bestehe darauf, dass Sie, wenn wir schon so weit sind, mich wenigstens mit meinem korrekten Titel ansprechen – und der lautet Herr Liquidator Soloto, ja?« schnaubte ich, der ich mich stets durch ein feines Gespür für Herabsetzungen und Beleidigungen aller Art ausgezeichnet hatte, umgehend wutentbrannt zurück, während ich später, als die Situation lange vorbei war, damit haderte, dass ich die Aufmerksamkeit der Frau doch viel eher darauf hätte lenken sollen, wie perfide das Amt ihre biologisch-hormonelle Prädisposition als Frau in den Wechseljahren zu aggressivem Stressverhalten in den Dienst eines menschenfeindlichen Repressionssystems stellte und mittels dieses Bewusstwerdungsprozesses den Funken zu einer Revolte der Würde im Herzen dieser mehrfach gebeutelten Frau hätte entfachen sollen.

»Ach, Herr Liquidator, wenn Sie sich so gut selbst vermarkten wie auf die Tränendrüse drücken könnten, säßen Sie sicherlich nicht hier. Aber nur zu, weinen Sie sich ruhig aus, erzählen Sie, was Sie hierher führt, was Sie getan haben, Ihre Hilfsbedürftigkeit abzuwenden«, verfiel die Frau völlig unerwartet in einen überzogen mütterlichen Tonfall, nur um abschließend ihr blitzblankes Gebiss zu entblößen, so als wolle sie jeden Moment zuschnappen.

»Ja, die Soloto Enterprises UG (haftungsbeschränkt) musste ich leider liquidieren«, begann ich stockend, »aus der Traum vom selbst initiierten Hippie-Kollektiv-Verlag, den ich mit der Anschubfinanzierung eines alle Verkaufsrekorde brechenden Bestseller-Romandebüts hatte aufbauen wollen. Diese Vision war wohl zu hochfliegend, es hat einfach nicht sollen sein. Dabei war ich mir so sicher, den Nerv der Zeit zu treffen, als Edward Snowden den NSA-Überwachungskomplex aufgedeckt und in der breiteren Öffentlichkeit ein Umdenken bezüglich der Vereinigten Staaten eingesetzt hatte. Denen wollte ich ja schon immer mal etwas sagen, nämlich: Nein. Ganz einfach Nein. Ein Nein, das sich gegen die ganze Ungerechtigkeit des Kapitalismus, der Kriege, der Unterwerfung fremder Länder und der rücksichtslosen Umweltzerstörung richtet. Und zwar so, dass die amerikanischen Politiker und Militärs, von denen es heißt, sie verstünden nur die Sprache der Gewalt, der militärischen Stärke, es auch ernst nehmen. Aber wie sollte ich, ein kleiner Mensch ohne Amt und ohne Legion, ein Nein von solcher Kraft aussprechen, wie allein mich der Supermacht entgegenstellen und nicht übersehen werden? Und vor allem: Wie müsste ein solches Nein überhaupt klingen, ausbuchstabiert werden, damit es die Kraft eines wirklichen Neins mit allen Konsequenzen und ohne jede Halbheit hätte? Die Antwort auf diese Frage lag für mich überraschenderweise so offen zutage wie eine flatternde Taube, die eilig Körner aus einer hingestreckten Hand pickt. Ich müsste mich in die Position der Obersten Heeresleitung unserer bewaffneten Kräfte imaginieren und zeigen, wie, ausgehend vom gegenwärtigen Status quo, den Vereinigten Staaten bei minimalen eigenen Verlusten eine unzweifelhafte Niederlage beigebracht werden könnte, die sie zu einem Rückzug von bundesdeutschem Territorium zwänge, ferner müsste ich die Fähigkeit unter Beweis stellen, den sich daraus ergebenden Konsequenzen, also die alleinige Verantwortung für die eigene Sicherheit zu tragen, denkerisch gewachsen zu sein. Dann wäre mein Nein ein echtes Nein: Nein, ich brauche Euch nicht, könnte auch ohne Euch. Auf jeden Fall braucht Ihr uns mehr, als wir Euch brauchen. Also nehmt Euch nicht zu viel raus und glaubt ja nicht, Ihr könntet vor den Augen der Weltöffentlichkeit die Bundeskanzlerin und mit ihr das gesamte Land bloßstellen und demütigen, indem Ihr ihr mit Eurer schmierigen Abhörerei unverhohlen ins Gesicht spuckt und gleichzeitig erwartet, wir mögen der Welt weiterhin, als wäre genau nichts gewesen, Euren Evergreen von freedom and democracy vorträllern, während doch jeder weiß, wie es um Eure Glaubwürdigkeit bestellt ist. Das könnt Ihr komplett vergessen. Ich für meinen Fall stelle mich Euch entgegen und wenn´s sein muss, da bin ich mir sicher, können wir alle sehr wohl auf eigenen Füßen stehen. Für Euch aber ist es an der Zeit, in den Spiegel zu schauen.

Ja, das ist die Idee, die meinem Roman zugrunde liegt, wobei sie selbstredend in eine komplexe, sich langsam entfaltende Handlung überführt und aus der Perspektive eines kleineren Menschen erzählt wird, der zufälligerweise unter die Räder und in die Mühlen der großen Politik gerät. Der Preis einer solchen Idee allerdings ist hoch, man bezahlt damit, dass, nachdem man den einen großen Schalter der Sicherheitsabhängigkeit von den USA auf Nein umgestellt hat, eine ganze Reihe kleinerer Schalter, die man als Linksliberaler gewohnt ist, selbstverständlich auf Nein zu fixieren, wie von selbst auf Ja umspringen oder die ihnen zugrunde liegenden Fragen zumindest nicht mehr ganz so leichtfüßig wie bisher beantwortet werden können, so zum Beispiel, wie man es mit dem eigenen Land respektive der eigenen Nation hält. Ziemlich viele Gewissheiten verlieren unter diesen Bedingungen ihre Selbstverständlichkeit und es entsteht ein vielschichtiges und ambivalentes literarisches Szenario, in dem der Held – und mit ihm der Leser – sich ohne simplifizierende Gut-böse/richtig-falsch-Zuschreibungen, so sehr er sich auch danach sehnen mag, orientieren muss und in dem er, da er sich außerdem in lebensbedrohlichen Situationen wiederfindet, auf ein geistiges Niveau zurückgeworfen wird, wo nur die eigene Stärke und nicht das Mitgefühl mit anderen, mit Schwächeren, durch diverse Ismen Diskriminierten zählt.

Das also ist in etwa die Versuchsanordnung, die ich angerichtet habe, zu ergründen, was passiert, wenn ein vermeintlich guter Mensch heute wirklich einmal Nein sagen würde, das ist das Wagnis, das ich unternommen habe und, ehrlich gesagt, wundert es mich nicht wirklich, warum ein jeder potenzielle Leser – reale hat das E-Book kaum gefunden – vor der Lektüre zurückschreckt und das Weite sucht. Es ist in seiner konsequenten Monstrosität einfach nur sehr schwer verdaulich. Aber trotzdem schade, dass niemand dieses Unterfangen, bei dem ja einer den Mut hatte, für die Allgemeinheit ein Nein mit allen Konsequenzen zu wagen, gewürdigt hat, dass der Verlag, in dem es hätte erscheinen sollen, liquidiert werden musste, dass der Autor des Werkes, ich, Wanja Soloto, nun vor Ihnen als gescheiterter und gebrochener Mensch sitze und nach all den Strapazen gerne einmal Hartz IV auf die Hand hätte …«

»Ja, ja, erzählen Sie ruhig weiter, ich höre zu … Aber die Unterlagen, die Sie mitgebracht haben … Vollständig kann man die ja nicht gerade nennen. Und Ihre Wohnanschrift stimmt also nicht mit Ihrer Meldeadresse überein? Wie haben Sie sich das denn gedacht? Unter diesen Bedingungen werden wir Ihrem Antrag natürlich nicht stattgeben können, das kann ich Ihnen jetzt schon sagen, aber versuchen Sie´s ruhig trotzdem … Gut, das wär´s dann für heute. Die Kollegen werden sich bei Ihnen melden. Und vergessen Sie Ihre Krücken nicht, Herr Liquidator«, säuselte mir Frau Sachbearbeiterin munter entgegen und schlug mit einem zufriedenen Schmatzer meine Akte zu.

Wie, mein Antrag würde abgelehnt? Paralysiert ergriff ich meine Krücken, humpelte mit gesenktem, von Schocktränen verhangenem Blick über den fleckigen Teppichboden so schnell wie möglich davon und hielt erst auf dem Trottoir vor der Behörde wieder inne. Ungelenk und mit zitternden Fingern drehte ich mir eine Zigarette, blickte mich hastig um, sah schäbig gekleidete, heruntergekommene Menschen, die teils in manisch gestikulierenden Selbstgesprächen gefangen waren, und senkte, als mein Blick von einem jungen Mann aufgefangen ward, den meinigen so eilig wie verschämt hinab in eine schmutzige Pfütze, über deren vom Wind gekräuselte Oberfläche ein gespiegeltes Wolkengebilde in stiller Pracht dahinzog.

»Na, wie ist jetzt?« hörte ich eine Stimme neben mir sagen.

»Ich weiß doch auch nicht. Ich fühle mich einfach nicht mehr«, antwortete ich ohne jede Scham ins Nichts, schnippte resigniert meine Zigarettenkippe in die weiße Wolkenpfütze und schleppte mich, fröstelnd und vom Nervenfieber geschüttelt, durch die Straßen der Großstadt.

»Wenigstens hast du dich nicht völlig um Kopf und Kragen, um Hals und Krause geredet …«

»Mach dich ruhig lustig über mich!«

»Nein, ernsthaft, hast von unserem Blogprojekt geschwiegen, den totalen Offenbarungseid vermieden. Was hättest Du denn geantwortet, wenn sie gefragt hätte, wie´s da läuft, Wanja Wüstenwind? Hättest womöglich was von wegen Entwicklungspotential von Literaturblogs gefaselt, wie? Dabei ist offensichtlich, dass das kaum vorhanden ist, dass du, der du ja sogar als Schriftsteller ernst genommen werden willst, dich obendrein mit dem Marketing-Sprech eines sich am Markt behaupten wollenden Bloggers nur kompromittierst. Und wozu das Ganze? Nur um ein paar griffige Teaser zu haben und Texte, die ein zwei Leute vielleicht teilen, infolgedessen drei vier mehr deinem Twitter-Account folgen. Ne, also wirklich, das korrumpiert doch, das ist wie Yellow-Press!«

»Aber was hätte ich denn machen, wie Leser, potentielle Käufer ansprechen sollen, mein hochverehrter Iwan Iwanowitsch?«

»Anders, irgendwie authentischer«, antwortete mir die wohlbekannte Stimme namens Iwan Iwanowitsch läppisch, »wenn wir schon mal dabei sind, fand ich´s auch nicht gut, dass du permanent auf Mitleid gemacht hast. Hatte nicht den Eindruck, dass irgendwer, weder Kira noch Mira, verstanden hätte, dass du mit dieser provozierend unsexyesken, nachgeradezu abstoßenden Wehleidigkeit in einem dialektischen Prozess die Schwate des Marketinggequatsches wieder auswetzen wolltest, um – These, Antithese, Synthese – deine schriftstellerische Integrität, ungeachtet deiner Rolle als sich selbst vermarktender Selfpublisher, durch wehleidiges Anti-Marketing von jeglicher kommerziellen Befleckung reinzuwaschen.«

»Jetzt lassen Sie wenigstens Kira und Mira aus dem Spiel, Herr Iwan Iwanowitsch«, schlug ich empört mit meiner Krücke gegen eine leuchtend rote Coladose, »Kira hat voll den Durchblick, hat schon ein Praktikum bei ´ner Bundestagsabgeordneten gemacht und kann dir alle Zusammenhänge erklären, während Mira so etwas zwar für gänzlich überflüssig hält, aber dafür stramm die Graswurzel-Bewegungs-Perspektive einnimmt. So ist das, beide Blickwinkel sind wichtig, wie sehr sie sich auch manchmal zu widersprechen scheinen!«

»Nun gut, mein liebes Wanja Wüstenkind, dann hast du ja gerade doch Ja gesagt.«

»I!W!A!N! Iwan Iwanowitsch! Ich habe nur ein einziges Mal Nein gesagt, in dem Moment, in dem Fall, als es darauf ankam und sich niemand sonst ein Herz nahm. Bin, weißt du, kein notorischer Querulant, aber: No means no – alle Zwillinge dieser Welt werden´s dir doppelt und dreifach bestätigen. Und ob jemand von diesem meinem Nein Kenntnis nimmt oder nicht, ob ich vor die Hunde oder vor die Katzen gehen werde, ist mir alles egal, denn ich habe getan, was mein Gewissen mir gebot, habe mich von keiner Angst demoralisieren lassen und kann dieses merkwürdige Etwas, diese Körner pickende, flatternde Taube, jetzt aus der Hand geben. Der Rest ist Schweigen.«

15:01 25.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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