Zwischen Integration und Gewalt

Bad Godesberg In Bad Godesberg wurde ein 17-jähriger Schüler von einer Gruppe junger Männer angemacht – und kurz darauf totgeprügelt. Nicht der erste Fall dieser Art.
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Der vermutete Tathergang

Laut Informationen des Kölner Express war der Tathergang wie folgt: Gegen 0:20 kam der 17-jährige Niklas P. mit drei Begleitern an der Bushaltestelle vorm Bad Godesberger Bahnhof an, von wo aus die Gruppe ihre Heimfahrt von einer Großveranstaltung („Rhein in Flammen“) fortsetzen wollte. An der Bushaltestelle wurden sie jedoch von einer anderen Gruppe, bestehend aus drei jungen Männern, angemacht. Sie wichen auf die gegenüberliegende Straßenseite zurück, die andere Gruppe setzte nach, es kam zum Gewaltausbruch. Zwei Begleiter von Niklas wurden leicht verletzt, er selber konnte am Tatort zwar noch reanimiert werden, erlag aber später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Die Mitglieder der Opfer-Gruppe waren ethnische Deutsche, die der Täter-Gruppe wohl nicht. Zumindest deuten die Personenbeschreibungen darauf hin, dass die Täter dem islamischen Kulturkreis angehören. Zwar wird in den Berichten betont, sie hätten akzentfrei deutsch gesprochen – wobei ich bezweifle, dass man in so einer Situation eine adäquate Einschätzung des Sprachniveaus vornehmen kann –, doch scheint es ohnehin unerheblich zu sein, ob die Täter erst im Zuge der Flüchtlingskrise nach Deutschland übergesiedelt sind oder schon vorher. In jedem Fall verlief die Konfliktlinie in dieser tödlichen Auseinandersetzung entlang der Ethnizität.*

Nehmen wir einmal den Worst-case für die Verfechter der Weltoffenheit an, zu denen auch ich mich zähle, nämlich dass es sich bei den Tätern um Geflüchtete gehandelt hat, die nicht das deutsche Bildungssystem durchlaufen haben und hier sozialisiert wurden. Dann müsste diese oder eine vergleichbare andere Tat als Äquivalent zu den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht (oder in kleinerem Maßstab beim Berliner Karneval der Kulturen) angesehen werden. In Köln richtete sich die Gewalt gegen Frauen und war sexualisiert, in Bad Godesberg gegen einen heranwachsenden Mann und war tödlich. Zwar wissen wir nicht viel über die Täter, zum Beispiel nicht, ob und wie oft sie schon vorher straffällig geworden sind, doch lässt auch das wenige, was wir wissen, einige Rückschlüsse zu, die zu ziehen produktiver ist, als bei der schlichten Konstatierung der nicht-deutschen Ethnizität zu verweilen, die im Grunde nichts anderes als ein „Hab ich´s doch gewusst! Wir hätten diese jungen Männer niemals ins Land lassen sollen, das haben wir jetzt davon!“ impliziert.

Welche Rolle spielt die Ethnizität?

Die erste Beobachtung, die wir anstellen können, ist, dass die Täter zuerst in einen verbalen Kontakt mit den späteren Opfern getreten sind. Das ist sehr wichtig. Sie hätten beispielsweise auch, wie es in Israel zur Zeit häufiger vorkommt, gleich ein Messer zücken und zustechen können. So sehr uns der Fall des Nikolas P. also auch schockieren mag, können wir doch einen kühlen Kopf bewahren, denn anderswo ist die Sicherheitslage noch bedrohlicher und kann trotzdem gehändelt werden. Auch wird anhand des Vergleichs mit den israelischen Messerattentaten deutlich, dass wir es im Falle von Niklas P. wahrscheinlich nicht mit einem ideologisch unterfütterten Hate-crime zu tun haben. Zwar spielt der ethnische Antagonismus zwischen Tätern und Opfern zweifelsfrei eine Rolle, aber beileibe nicht eine solche wie in Israel. Die zweite Beobachtung ist, dass sich die Opfer dem verbalen Kontakt entzogen und die Flucht angetreten haben. Das war ein Fehler. Wenn ein zähnefletschender und bellender Hund auf einen zurennt, darf man nicht fliehen, denn dann wird er auf jeden Fall angreifen. Stattdessen hätten die Opfer den verbalen Übergriff der Täter verbal zurückweisen, indem sie beispielsweise im dezent autoritären Ton der Selbstsicherheit hätten fragen können, ob alles klar sei, und sich gleichzeitig innerlich auf einen Kampf einstellen müssen. Diese Selbstsicherheit, man kann es leicht verstehen, ging ihnen in diesem Moment allerdings ab. Vielmehr wird die Angst von ihnen Besitz ergriffen und ihr Handeln gelenkt haben. Das war deswegen möglich, weil sie innerlich nicht auf eine solche Konfliktsituation vorbereitet waren. Eine optimale Vorbereitung bestünde in einer fundierten Kampfsportschulung, doch reicht es auch schon aus, sich beizeiten die eigene Kraft zu vergegenwärtigen, die in den allermeisten Fällen, so man sie zu entfesseln bereit ist, ausreicht, um in solchen Konfliktsituationen, bei denen man es selbst mit einer leichten Überzahl physisch überlegener Angreifer zu tun hat, zwar nicht als Sieger vom Platz zu gehen, aber sich doch so schlagen zu können, dass die Angreifer einen hohen Preis in Form heftigster und vielleicht auch bleibender Verletzungen bezahlen müssten. Hat man diese Bereitschaft, spüren die potentiellen Angreifer sie – und lassen in der Regel von einem Angriff ab. Allerdings ist nicht wirklich klar, ob die Gruppe um Niklas P. die Zeit hatte, die verbale Anmache zurückzuweisen oder ob der physische Angriff gleichzeitig einsetzte und die Flucht auf die andere Straßenseite bereits als ungeordneter Panikrückzug zu werten ist. Träfe das zu, hätte aber sofort, nachdem man sich für einen Moment aus der unmittelbaren Gefahrenzone gebracht und realisiert hätte, dass sich ein Gruppenmitglied noch in Gefahr befindet, ein entschiedener Gegenangriff erfolgen müssen. So oder so, das Verhalten der Opfergruppe war angstgesteuert – und das ist Niklas P. zum Verhängnis geworden. Was aber hat diesen Mangel an Selbstvertrauen, der den Angstimpuls die Kontrolle übernehmen ließ, begünstigt? Da hat sicherlich die allgemeine Unsicherheit bei Fragen der Ethnizität mit hineingespielt. Kern verbaler Anmach-Konflikte ist ja zunächst einmal ein Kräftemessen: Wer hat hier und jetzt die Oberhand, wer muss den Schwanz einziehen, wem gehört die (in diesem Fall: deutsche) Straße? Normalerweise haben die Ortsansässigen immer einen Heimvorteil – because it´s their soil –, doch sind die gut erzogenen Deutschen so geprägt, dass sie Fremden friedlich begegnen. In der Regel ist der Fremde, beziehungsweise der Ausländer, mit einem ganzen Komplex von Zuschreibungen verbunden, z.B. dass er (als Geflüchteter) hilfsbedürftig ist und ein Anrecht auf Schutz hat, er als schon länger hier Lebender ein Opfer von Rassismus und Diskriminierungen ist, dass der Deutsche in Bezug auf ihn tolerant, nachsichtig, offen, hilfsbereit etc. sein sollte und bloß nicht rassistisch oder gewalttätig, auch um vom eigenen sozialen Umfeld nicht als Nazi ausgeschlossen zu werden. Kommt es nun aber zu einem Konflikt, erweisen sich diese Vorannahmen als potentiell tödliches Handicap, da sie verhindern, dass der Angegriffene entschlossen in den Gegenwehr-Modus schaltet. Wäre Niklas P. auf eine Gruppe deutscher Asis getroffen, so hätte er mit ziemlicher Sicherheit effektiveren Widerstand geleistet. So aber konnten die Angreifer, die wir uns, ohne allzu viel Küchenpsychologie, als verunsicherte Menschen vorstellen können, die sich vielleicht hinter einer aufgesetzten Macho-Maske verstecken, in einem Maße die Oberhand gewinnen, das sie selbst überrascht haben muss, da für Ausländer nicht so ohne Weiteres ersichtlich sein dürfte, warum Deutsche ihren natürlichen Heimvorteil aus der Hand geben und in einem solchen Maße unsicher und unfähig zur Selbstverteidigung sind.

Hate-crime oder Eruptivgewalt?

Die dritte Beobachtung betrifft die Täter. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie die Opfer kannten. Auch wird nicht darüber berichtet, dass es einen Raub- oder Vergewaltigungsversuch gegeben hätte (zwei aus der Opfergruppe waren weiblich). Doch was war dann das Motiv? Ist es möglich, dass die Opfer aufgrund ihrer Ethnizität ins Visier gerieten und die Tat folglich als Hate-crime zu bewerten ist? Das ist wenig wahrscheinlich, da das deutsch-arabische bzw. deutsch-türkische Verhältnis historisch betrachtet nicht annähernd so belastet ist wie das jüdisch-arabische Verhältnis oder das zwischen weißen und schwarzen US-Amerikanern. Nichtsdestotrotz kann es als sicher gelten, dass es, hätten die Täter die Opfer als Angehörige ihrer eigenen ethnischen Gruppe identifiziert, ein ausreichender Hinderungsgrund gewesen wäre, nicht derartig in den Konflikt einzusteigen. Insofern können wir annehmen, dass die Ethnizität eine untergeordnete Rolle gespielt hat, die zwar immer noch ausgereicht hat, den Vorfall zu ermöglichen, aber nicht die ausschlaggebende, treibende Kraft war. Somit stehen wir vor dem Problem, dass wir mit Tätern konfrontiert sind, die völlig irrational und ohne „nachvollziehbaren“ Grund (Raub, Vergewaltigung, Rassenhass) dazu in der Lage sind, plötzlich über andere Menschen herzufallen und zu töten, obwohl sie schätzungsweise noch zehn Minuten vor der schicksalhaften Begegnung selber keinen blassen Schimmer davon gehabt haben dürften, gleich Beteiligte eines Mordfalls zu werden. Sicher erscheint aber, dass die Täter schon zuvor über ein immenses Aggressionspotential verfügt haben, das in der besagten Situation zum Ausbruch gekommen ist. Insofern erscheint es mir sinnvoll, Fälle wie diese als Eruptivgewalt zu bezeichnen. Ein derart großes Aggressionspotential kommt nicht aus dem Nichts. Sollten die Täter als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sein, ist davon auszugehen, dass sie dort, wo sie herkommen und unterwegs, starke traumatische Erfahrungen machen mussten. Sollten sie hier sozialisiert worden sein, dürfte ihr Aggressionspotential mit autoritären Familienstrukturen, rassistischen Diskriminierungserfahrungen, einer identitären Verunsicherung und etwaigen Gewalterfahrungen zusammenhängen. In beiden Fällen wäre therapeutische Hilfe vonnöten gewesen, in ersterem jedoch erheblich dringender, da die Inkubationszeit zwischen der Ankunft in Deutschland und dem Ausbruch des eigenen Gewaltpotentials bedeutend kürzer gewesen wäre.

Nun, und dann „hat der Teufel sie also geritten“. Sie haben die Opfer angemacht und sind auf so wenig Widerstand gestoßen, dass sie durchbruchsmäßig vorpreschen und sich massiv auf ein Opfer einschießen konnten. Das Gefühl der eigenen Macht und Überlegenheit wird in diesem Moment grenzenlos gewesen sein. Sie werden, als Niklas P. am Boden lag, gespürt haben, dass sie selber nun Herren über Leben und Tod sind. Alle traumatischen Erfahrungen des eigenen Ausgeliefertseins an die wie auch immer geartete Gewalt anderer Menschen werden nun das triumphale Gefühl ihrer eigenen Allmacht gespeist haben und ihr immenses Aggressionspotential konnte sich gänzlich entladen. Zweifelsohne werden sie instinktiv gespürt haben, dass ihr Opfer sich der Schwelle des Todes nähert, doch wird ihr Zustand manischer gewesen sein als der eines kleinen Kindes, das sachte an einem losen Zahn zu rütteln beginnt, sich immer weiter hineinsteigert und schließlich nicht mehr aufhören kann, ehe der Zahn ab ist. Sie konnten nicht anders. Sie mussten die Grenze überschreiten. Dann liefen sie weg – und seitdem sind sie auf der Flucht.

Man verstehe mich nicht falsch. Auch wenn ich in der Analyse des Tathergangs zu dem Schluss komme, dass die Opfergruppe Fehler begangen hat, die die Tat begünstigt haben, und versuche, mich in die Täter hineinzuversetzen, um die psychischen Prozesse während des Verbrechens zu verstehen, heißt das nicht, dass ich in irgendeiner Weise mit den Tätern sympathisieren würde. Im Gegenteil verurteile ich ihre Tat zutiefst, möchte sie aber gerne verstehen, um adäquate Rückschlüsse ziehen zu können, wie man derartige Verbrechen in Zukunft verhindern kann. Sich an diese zu gewöhnen und sie stillschweigend zu akzeptieren scheint mir keine gute Option zu sein, da das Gift der Angst, immer und überall Opfer von Eruptivgewalt werden zu können, für die Gesellschaft als Ganze zu zersetzend ist.

Wie der Gewalt entgegentreten?

Was also tun? Ein altes, scheinbar aus der Zeit gefallenes Sprichwort besagt, dass, wer den Frieden will, für den Krieg gerüstet sein muss. Wer also die Fähigkeit hat, sich selbst zu verteidigen, wer weiß, wohin er oder sie schlagen muss, um einen Gegner zu neutralisieren, strahlt auch das Selbstvertrauen aus, dass es besser wäre, sie oder ihn nicht anzugreifen. Insofern hätte es sicherlich einen positiven Effekt, wenn in Schulen und Universitäten Kurse zu den Grundlagen der Selbstverteidigung angeboten würden. Diese müssten selbstverständlich für alle ethnischen Gruppen offen sein, damit keinesfalls ethnische Frontziehungen forciert werden, sondern vielmehr ein Ethos des gegenseitigen Respektes, wie es für die fernöstlichen Kampfkünste kennzeichnend ist, gefördert wird. Auch sollte in diesen Kursen, unter deren Teilnehmern sich auch potentielle Täter befinden könnten, vermittelt werden, wie man sich selbst reguliert und runterbringt, wenn die Emotionen mit einem durchgehen (was vornehmlich über Atemkontrolle möglich ist sowie einer geschulten Beobachtung des Auftauchens, Verharrens und Verschwindens der verschiedenen emotionalen Zustände wie Wut, Scham, Angst etc.). Außerdem wäre es sinnvoll, für die oftmals traumatisierten Geflüchteten Therapiemöglichkeiten zu schaffen. Da der Bedarf groß und das Angebot an fremdsprachigen Therapeuten klein sein dürfte, müsste dafür eine alternative Struktur geschaffen werden, eine Art Therapeuten ohne Grenzen, die Geflüchtete zu Laientherapeuten weiterbildet und dabei begleitet, wie diese ihrerseits selbstverwaltete Therapiegruppen anleiten.

Man mag einwenden, dass die Einführung von Selbstverteidigungskursen ein verheerendes Signal für die inzwischen deutlich zurückgefahrene Willkommenskultur darstellen würde, da sie als Eingeständnis aufgefasst werden könnte, dass die neue Zuwanderungswelle eine Verrohung der Gesellschaft mit sich gebracht hat. Das mag für den Augenblick und die nächste Zeit auch so sein, doch haben sich die schlimmsten Befürchtungen nach der Silvesternacht von Köln für die Karnevalszeit beispielsweise nicht bestätigt. Trotzdem ist es sinnvoll, das Problem ernst zu nehmen und nicht unter den Teppich zu kehren und auszusitzen. Gewalt, die einreißt, ist Gift. Noch können wir besonnen auf die Herausforderung reagieren, doch wenn der nächste große Flüchtlingsschub kommt und sich die Frequenz eruptiver Gewalttaten gleichzeitig erhöht, könnte es unter dem Druck der AfD zu einer sehr restriktiven und pauschal diskriminierenden Law and Order Politik kommen.

*Update: Inzwischen ist der Haupttatverdächtige gefasst, ein zwanzigjähriger Italiener, der bereits mehrfach auffällig geworden ist. Er soll Niklas P. mit einem gezielten Schlag an die Schläfe niedergestreckt und, als dieser bereits leblos am Boden lag, auf dessen Kopf eingetreten haben. Damit sind viele der hier angestellten Überlegungen für den konkreten Fall hinfällig, da der Erstschlag bereits letal war und insofern keine Möglichkeit zur Reaktion mehr bestand. Dennoch sind sie, wie ich glaube, von allgemeinem Interesse.

P.S. Die FAZ stellt den Tatverlauf wiederum leicht anders dar.

14:25 19.05.2016
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Geschrieben von

Soloto

Independent-Schriftsteller. Schreibe darüber, was mich inspiriert und bewegt.
Soloto

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