Die Mauer und das Gedächtnis

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Die Mauer ist in ganz konkreter Funktion ein Schutz vor unliebsamen Nachbarn; Eine aus Angst und Wahrscheinlichkeiten geformte Konstruktion.
Nun hat die Mauer als Frontlinie zwischen Ost und West während des Kalten Krieges und nach ihrem Fall welthistorische Bedeutung. Ihre Abwesenheit ist eine Erleichterung, die Erinnerung nach 20 Jahren aber verblasst.
Durch die steigende Zahl der Gedenkfeierlichkeiten wird man das Gefühl nicht los, dass ohne Gedenken und ständiges Wiederholen die Geschichte in Vergessenheit geraten könnte.
Gedenkfeiern sind ein zwingender Anlass, die Geschichte wiederaufleben zu lassen, sie zu zelebrieren, ihr Tage zu widmen, sie bis zum Exzess zu deuten und zu interpretieren, zu zerhacken, zu fressen bis man kotzt oder wenn man eine gesunde Verdauung hat, sie wieder auszuscheißen in freudiger Erwartung eines neuen Gedenktags, für den die Rhetorik gesetzlich verankert ist, und an dem die alljährlich frisch geöffneten Wunden mit blutriefendem Maul gelangweilt gähnen können.
Die Geschichte ist in unserem Volksbewusstsein eine unantastbare Autorität, die im speziellen die Deutschen mit Hilfe eines schlechten Gewissens zu erziehen sucht. Vergessen käme einem Verrat gleich, Gedenken ohne Heroisierung der Opfer einem Heil Hitler. Dieser massive Respekt vor der Geschichte fordert nach einem Ministerium für Gedenken und Vergessen.
Gleichsam trägt ihre ständige Simulation zu ihrem Verschwinden bei, der Kommerz um Berliner Mauerstücke beispielsweise führt zu einer perversen Transmutation vom blutgefleckten Gedenkstein zu einer Profitquelle, raubt dem Gedenken den Inhalt und verkommt zu einer reinen Formalität. Nachdem man die Geschichte konsumiert hat, darf man sie getrost wieder vergessen. Das wäre gewissermaßen der Einkauf einer Erlaubnis zum Vergessen.
Nun sind nach 20 Jahren neue Generationen entstanden, die der überkorrekten Haltung gegen das Vergessen ein spöttisches Lächeln, wenn nicht gar eine beispiellose Gleichgültigkeit entgegensetzen. Der Spruch: Wir müssen aus der Geschichte lernen!, ist umso haltloser, da die Jugend sich nicht mit der Geschichte identifizieren, geschweigedenn ein schlechtes Gewissen entwickeln kann. Sie müsste einen totalitären Staat errichten, eine Mauer innerhalb kürzester Zeit aufbauen und wieder einreißen, um die Geschichte und ihre wahnwitzigen Ereignisse nachvollziehen zu können. Das wäre ehrliches Gedenken und effektives Lernen. Aber ein dispektierlicher Streich ohnegleichen. Die Empörung wäre zu groß. Man hätte bewiesen, dass eine Mauer jederzeit kraft einer präzisen Organisation immer und überall wie aus dem nichts wieder auftauchen kann.
Das Ministerium für Gedenken und Vergessen würde nicht lange fackeln und zur Verantwortung ziehen. Und so zieht der ehrwürdige Umgang mit Geschichte Mauern durch das Bewusstsein und sperrt das freie Denken ein. Irrationale Konstruktionen aus Angst und Wahrscheinlichkeiten.

14:24 04.10.2010
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Geschrieben von

SON

ich baue türme und lasse sie niederstürzen. wisst ihr was ich meine?
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