Sonja Dolinsek
21.07.2013 | 18:14 8

Das Stigma tötet

Prostitution Nach dem tragischen Mord an zwei Sexarbeiter_innen wurde am vergangenen Freitag weltweit ein Protesttag gegen Gewalt gegen Sexarbeiter_innen organisiert

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Sonja Dolinsek

Das Stigma tötet

Foto: tuppus / Flickr (CC)

Jasmine war 27, Mutter von zwei Kindern, Sexarbeiterin sowie Aktivistin für die Sexworker-NGO Rose Alliance. Vor zwei Wochen wurde sie von ihrem Ex-Ehemann ermordet. Schon oft hatte sie versucht Anzeige wegen häuslicher Gewalt zu erstatten. Nebenher lief ein langwieriger Sorgerechtstreit. Ihr Ex-Ehemann erlaubte ihr nicht, die gemeinsamen Kinder zu sehen. Doch man glaubte ihr - einer „Hure“ - nicht und ihr zukünftiger Mörder erhielt letztendlich das alleinige Sorgerecht mit der Begründung, dass eine Sexarbeiterin als Mutter nicht geeignet sei.

Das ereignete sich in Schweden, wo Geschlechtergerechtigkeit und Feminismus allen Frauen ein besseres Leben ermöglichen sollte, dort wo der Kauf von sexuellen Dienstleistungen „zum Schutz der Frauen“ in der Prostitution verboten ist, wo aber ein schweres Stigma weiterhin über Sexarbeiterinnen schwebt: Bis zu ihrem Tod und darüber hinaus.

Dora war 24 Jahre alt, eine Transfrau und ebenfalls Sexarbeiterin. Sie wurde vor zwei Wochen in der Türkei ermordet, wo sie der staatlich geduldeten Transphobie zum Opfer gefallen ist. Richard Köhler von Transgender Europe sprach in einem Artikel von systematischen Morden von TransMenschen in der Türkei. Manche sprechen gar von einem Massaker und von Hassverbrechen.

Weltweit gab es Proteste vor der schwedischen und türkischen Botschaft

Die Morde lösten eine weltweite Protestwelle unter Sexarbeiter_innen und LGBT-Menschen und Organisationen aus, die jedoch nur geringe mediale und zivilgesellschaftliche Aufmerksamkeit und Unterstützung erfuhr. Auch in Berlin fand am vergangenen Freitag ein Protest vor der schwedischen Botschaft statt, an dem sich ca. 50 Menschen beteiligten. Proteste gab es in vielen Sädten weltweit, doch nur jene in Australien, Frankreich, Großbritannien und Italien schafften es in die Medien, auch in die schwedischen Medien hier (Englisch), hier und hier. Sie protestierten gegen Gewalt und Morde an Sexarbeiter_innen. Schuld daran sei die gesellschaftlich verbreitete und akzeptierte Stigmatisierung von Prostituierten. Auch Rechte von Sexarbeiter_innen sind Menschenrechte, so ihr Slogan.

Die europäische Sexworker-Organisation ICRSE schrieb in einer Pressemitteilung:

„In jedem Land, in Europa und auf der ganzen Welt, werden Sexarbeiter_innen ermordet, weil unser Leben als weniger wert angesehen wird als das anderer. Wir werden nicht als gleichberechtigte Bürger_innen angesehen und diese staatliche Diskriminierung rechtfertigt für viele das Stigma und die Gewalt, unter der wir leiden.“

Wir brauchen eine neue Debatte über Sexarbeit: Verbote verstärken Stigmatisierung und Ausgrenzung

Dort wo Prostitution und Sexarbeiter_innen gesellschaftlich geächtet werden, dort wo sie kriminalisiert und unter staatliche und polizeiliche Kontrolle gestellt werden, dort wo sie als Menschen zweiter Klasse gesehen werden, ist die Gewalt gegen Sexarbeiter_innen am größten. Auch das sogenannte schwedische Modell, das nur Kunden kriminalisiert (obwohl bisher deshalb noch niemand inhaftiert wurde, so die neueste Polizeistatistik), basiert auf einer vollständigen Ablehnung der Prostitution. Sexarbeiter_innen, die dort dennoch unter erschwerten Bedingungen Sexarbeit ausüben wollen, werden geächtet – in erster Linie durch jene Feminist_innen, die sich gegen Prostitution einsetzen.

Kaum eine feministische Organisation in Europa hat sich anlässlich der beiden Morde und der Proteste solidarisch gezeigt. Keine einzige Organisation, die sich für Frauenrechte engagiert oder für die ermordeten Sexarbeiter_innen getrauert – obwohl sie sich eigentlich genau für sie und ihre Rechte einsetzen. Warum haben sie geschwiegen?

Viele feministische Organisationen und auch der schwedische Staat betrachten Prostitution als "Gewalt gegen Frauen" und wollen Prostitution abschaffen – ein Projekt, das nur mit Verboten und Repression und einem Ausschluss von Sexarbeiter_innen aus demokratischen Prozessen und der Gesellschaft umgesetzt werden kann. Die Folgen von einem solchen Modell kann man in den USA beobachten, wo jährlich zwischen 60.000-80.000 Prostituierte inhaftiert werden, die private Gefängnisindustrie am Leben halten und, neben Vergewaltigern und Vertreibern von Kinderpornographie, in die Sexualstraftäter-Datei eingetragen werden.

Dieser Verbots-Ansatz führt zu einer vollständigen Rechtlosigkeit und Ausgrenzung der Sexarbeiter_innen, die somit ungeschützt bleiben, da sie in erster Linie als Kriminelle gelten. Wer auch immer das deutsche Prostitutionsgesetz kritisiert, sollte sich das amerikanische Modell gut vor Augen führen: In Deutschland kann eine Sexarbeiter_innen Gewalt und Vergewaltigung anzeigen, in den USA nicht – sie ist der Gewalt rechtlos ausgeliefert. Auch gibt es in den USA mehr Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung als in Deutschland, obwohl jegliche Tätigkeit um die Prostitution verboten ist.

Es gibt Menschen, die sich Sexarbeit nicht vorstellen können und deshalb glauben, auch Sexarbeiter_innen vorschreiben zu dürfen, was sie mit ihrem Körper machen dürfen und was nicht. Doch diese Ideologie des Paternalismus und der Bevormundung, die vor allem der westliche, weiße Feminismus tief in sich trägt und meist jeglichen Versuchen der Selbstreflexion standhält, ist aus meiner Sicht mit einer pluralistischen Demokratie nicht vereinbar. Wir haben nicht das Recht über Entscheidungen anderer Menschen zu urteilen. Wenn wir uns unbedingt mit ihrem Leben beschäftigen wollen, dann dürfen wir das nur mit ihnen gemeinsam machen.

Jener Feminismus, der Prostitution abschaffen will (es gibt ja schließlich auch andere Feminismen), muss sich in einer Demokratie darauf einstellen, dass er nicht das Monopol über die Definitionsmacht dessen hat, was Frauenrechte sind und wie Frauen diese Rechte umsetzen. Der Tod von Jasmine und Dora ist die Verkörperung des Scheiterns dieses Feminismus, der vergessen zu haben scheint, dass das Patriarchat jahrhundertelang genau das gemacht hat, was er nun selbst macht: Über den Köpfen von Frauen und Prostituierten zu entscheiden; Frauen und Menschen, die anderer Meinung sind, zum Schweigen zu bringen und über sie zu verhandeln, ohne sie fragen: „Wie siehst Du das?“ Dieser Feminismus benötigt dringend eine Demokratisierung, auch er muss auch Sexarbeiter_innen zuhören.

Melanie, Mutter, Sexarbeiterin und Aktivistin sagte anlässlich des Protesttages in Berlin:

"Erst nahm man ihnen das Recht, für sich selbst zu sprechen und nun bringen die Medien und die Politik sie noch über den Tod hinaus zum Schweigen,indem sie sie ignorieren. Wir müssen gegen dieses Stigma kämpfen und der ganzen Welt zeigen: Seht her, diese Menschen könnten noch leben, hätte man ihnen zu Lebzeiten zugehört und ihre Rechte ernst genommen, statt sie mit Füßen zu treten. Wir brauchen keinen Schutz vor unseren Freiern sondern vor der Gesellschaft, dessen falsches Bild von Prostitution nur mit ausgewogener Berichterstattung und Rechten statt Verboten korrigiert werden kann."

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (8)

Irma Kreiten 21.07.2013 | 19:50

Danke. Das Thema ist mir eigentlich sehr fremd, aber gerade deswegen auch eine Herausforderung zum Lesen. Hier erfuellt die Community-Sparte auch einmal ihre eigentliche Funktion: mit gutgeschriebenen Texten Luecken in der Mainstream-Berichterstattung zu schliessen und von dieser marginalisierten Gruppen und Themen eine Gegenoeffentlichkeit zu bieten.

Matthias Lehmann 21.07.2013 | 20:24

Bitte beachten: Der Sorgerechtsstreit war - wie wohl alle - kompliziert. Die Beurteilung als ungeeignete Mutter erging zu Beginn und wurde vom Vater auch ausgenutzt. Später aber erhielt Eva-Marree Tabitha Smith Kullander (Jasmines bürgerlicher Name) das gemeinsame Sorgerecht. Der Vater verhinderte jedoch den Kontakt zu den Kindern und so verlor sie es dann wiederum, nachdem sie die Kinder über ein Jahr nicht hatte sehen können, da das Gericht nun entschied, dass sie keine ausreichende Verbindung mehr zu ihnen hätte. Dann wurde ihr im Februar diesen Jahres wieder ermöglicht, die Kinder zu sehen, unter Aufsicht von Sozialarbeiter_innen, und ein zweites Treffen dieser Art endete dann mit der Gewalttat, bei der übrigens auch die Sozialarbeiterin angestochen wurde.

Es bleibt dabei, dass es alles nicht passiert wäre, wenn Social Services sich von Beginn an anders verhalten hätten. Bei anderen Sorgerechtsfällen hätte ein gewalttätiges Elternteil vermutlich nicht einmal das Besuchsrecht erhalten, oder nur unter besonderen Auflagen.

Die Diskriminierung Eva-Marrees endete nicht einmal nach ihrem Tod. Blumen durften in Berlin nicht vor dem Fahnenmast mit der schwedischen Flagge vor den Nordischen Botschaften abgelegt werden, obwohl derlei Blumenniederlegungen z.B. nach den Terror-Attacken in Norwegen erlaubt waren.

Eva-Marree schrieb auf ihrem Blog, nachdem sie ihre Kinder wiedergesehen hatte: "After one year and three months finally see her standing in front of me. The feeling when she runs into my arms and hug me, to get sniff her hair immediately becomes soaking wet of my tears, drag your finger along her small nose and chin, stroking her little hand and hold on her tiny body hard in my embrace and kiss her eleven thousand times in the forehead. To finally get to see her in the eye and say seventeen thousand times how missed and loved she is. And never want to let go again, but must. Created by my body when we two have been and we are part of each other forever. The love for my children is indescribable. (And justice system as said joint custody and half the time, where were you when everything was going on?)"

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Ehemaliger Nutzer 22.07.2013 | 12:38

Wenn man Gewalt gegen wen auch immer isoliert betrachtet, also fokussiert auf eine Gruppe von Menschen, ist die Anklage berechtigt, aber die Erkenntnis der Menschen, die diese Gewalt ausüben, bleibt gering. Gewalt und das fehlende Mitgefühl gegenüber Artgenossen ist ganz generell ein Problem der Art Homo sapiens.

Der Killerprimat, wie ich den Menschen nach vielen Erfahrungen und Erlebnissen nur noch nenne, hat ganz offensichtlich nie gelernt, dass Empathie keine Biersorte ist.

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Ehemaliger Nutzer 23.07.2013 | 01:15

Danke für den Artikel.

Der Bogenschlag vom Feminismus zu Morden an Prostituierten erscheint mir zwar etwas weit (Zitat:"Der Tod von Jasmine und Dora ist die Verkörperung des Scheiterns dieses Feminismus") aber die Kritik durchaus gerechtfertigt.

Warum wurde Jasmin denn eigentlich ermordet? Herr Lehmann bringt zusätzliche Aspekte in die Diskussion, aber richtig verstehen kann ich es immer noch nicht. Die Sicht des Mannes wäre interessant, bisher erscheint er sehr widersprüchlich: erst heiratet (?) er eine Prostituierte (oder wurde sie das erst später?) und macht Kinder mit ihr, dann kommt es zu einem offensichtlichen Totalbruch der Beziehung, bei der er mehr oder weniger der Sieger bleibt und das Sorgerecht erhält und dann ermordet er seine Ex-Frau? Wieso? An welcher Stelle passt das? Was waren seine Beweggründe? Normalerweise handeln Menschen nur so, wenn sie sich in die Ecke gedrängt fühlen.

Oder kurz: die Logik, dass er sie wegen ihres Prostituierten-Jobs umgebracht hat, erschliesst sich mir noch nicht.

Sonja Dolinsek 23.07.2013 | 07:26

Ja, der Bogen ist weit. Aber es geht ja nicht nur um den Mord (bzw. die Morde), bzw. darum, was sie verkörpern. Das Argument von ICRSE ist ja: Wenn die Behörden den Anzeigen von Jasmine Folge geleistet hätten (wie sie es vermutlich bei jeder anderen Frau gemacht hätten) und der Sexarbeiterin geglaubt hätten (so wie sie jeder anderen Frau gegalubt hätten), dann wäre das nicht unbedingt so passiert. Der paternalistische Umgang der Behörden mit Jasmine, die lieber einem gewalttätigen Vater das Sorgerecht gegeben haben als einer Prostituierten, ist hier zentral. Und dieser paternalistischen Umgang "von oben herab" ist eng mit den Staatsfeminismus in Schweden verwoben. Dieser Feminismus hat die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Jasmine als Prostituierte legitimiert und anstatt für sie einzugreifen, hat er sie im Stich gelassen.