Sonja Karas

Unternehmerin, Kommunikationsberaterin, Transition Politician. Schreibt was, wenn es aus dem Grundrauschen hervorsticht und es die Zeit erlaubt.
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Sonja Karas
RE: Eine Bankrotterklärung | 12.05.2015 | 21:32

Sorry, mit leichter Verspätung... Es folgt ein kleiner Monolog für: @Daniel Uxa, @Heinz, @M. Mathieu, @NA64, @Revilok ;-)

Meine Entscheidung aktiv Politik mitgestalten zu wollen entstand nicht aus einer Jahrzehnte langen partei-internen Sinnstiftung oder Identitätsprägung. Ich fand den gesamten Parteien-Laden jahrzehntelang (von außen) ätzend, hatte aber die Nase voll ständig nur zu meckern. Also mal selber machen. Es war eine sachliche politische Entscheidung, die auf der simplen Erkenntnis beruhte, dass wir in einer Parteien-Republik leben, und dann muss man da eben rein. Das war für mich logisch und notwendig, um sich das System / Parteien-Treiben von innen anzugucken. Übrigens eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte, und zu echtem Erkenntnisgewinn geführt hat: Das funktioniert so nicht [mehr].

Warum die Grünen? Weil für mich der Markenkern Ökologie, Frieden, Soziales Miteinander stimmt [e] und dort für mich immer noch Gültigkeit hat und sich in Kombination weiterentwickelt. Bei meinem Partei-Eintritt September 2013 hatte die politisch-mediale Sinn-Leere mit Halsketten und Stinkefingern meinen Akzeptanz-Zenit erreicht, und es war bei Grün weit und breit weder von den heutigen haarsträubenden Protagonisten mit öffentlicher Mandats-Sprechgenehmigung zu sehen, oder zu hören noch gab es "FDP-Nachfolge-Ambitionen".
So wie ich es nicht für möglich gehalten hätte, dass uns nochmal jemand ernsthaft mit dem "Russen vor der Tür" kommen würde, bin ich auch davon ausgegangen, dass seit der 1999er Fehlentscheidung von einem umfassend nachhaltigen Friedenskonsens in dieser Partei auszugehen sei. Das erscheint von außen verständlicherweise als Irrtum, von innen teilweise bis überhaupt nicht. Trotzdem war diese Einschätzung ein blinder Fleck des Menschenfreunds. Fakt ist, der grüne Laden hat [europaweit] jede Menge aufrechter Menschen in ihren Reihen, es läuft ein Prozess - und das gilt übrigens nach meinen Erkenntnissen auch für Mitglieder anderer Parteien.

Ich habe in den vergangenen eineinhalb Jahren, wie viele Menschen außerhalb und innerhalb aller Parteien, Zahnschmerzen bekommen, wenn sich irgendein Sprechgenehmigter aus welcher Partei auch immer alternativlos gruppen-bezogen menschenfeindlich äußerte, dazu zählt NSA-BND, Russland, Ukraine, Troika, Griechenland, Flüchtlinge, Monsanto, TTIP, Hartz IV, Nah-Ost, Fukushima usw., es war immer schon für irgendeinen Teil unserer Spezies feindlich, und dieser Teil wächst global an - Das ist inakzeptabel.

Ich hatte dann auch schon diesen Parteimitglieds-Reflex "SOFORT AUSTRETEN", nur dass sich durch meine Parteimitgliedschaft weder eine programm-politische Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität entwickelt, noch ein Zugehörigkeitsgefühl zur "politischen Klasse" an sich eingestellt hat. Ich gehöre nicht in eine Parteien-Schublade, sie deckt sich aber in vielen Schnittmengen mit den [europäischen] Grünen, nicht mit Fischer, Beck & Co.. Ich war vorher schon zu lange Planetenbewohner, als dass ich durch eine Partei, eine "alternativlose" Dinosaurier-Ökonomie oder ein verstaubtes System irgendeine Identitätsbildung erfahren würde. Denn wie ihr richtig festgestellt habt, hat sich mittlerweile der Großteil aller ehemals gültigen Partei-Identitäten samt dazugehöriger Konzepte mehr oder weniger in Lust aufgelöst.

Ja, die Menschen sind nicht politikverdrossen, sondern Politiker verdrossen. Was es aber m.E. noch mehr trifft, und überhaupt nicht mehr zeitgemäß ist, sind diese Partei-Denk-Mechanismen. Das Demokratieverständnis der Menschen wird durch diese nicht mehr repräsentiert, siehe Wahlbeteiligung + Weltgeschehen. Das sagt eben auch, dass es viel Veränderungspotential gibt, das durch Menschen gestaltet werden kann.
Heute mehr denn je stösst der politisch Interessierte an die Glasdecke der Stillstands-Wer-ist-Schuld-Parteien-Republik, der aktive Politiker stösst, heute mehr denn je, an die Glasdecke Geld-Schulden-Arbeitsplatz-Was-machen?. Das hat systemische Gründe und macht alle machtlos. Wähler wie Politiker, die sich dann oft noch voneinander abwenden. Syriza und Podemos versuchen das Gegenteil und sind deshalb erfolgreich. Das ist die Erkenntnis, die ich aus der Außen- und Innenansicht gezogen habe.
Die heutige Konsequenz in Deutschland: Der König scheisst auf's Volk, das Volk hasst den König - sehr innovativ, und so modern - Auch das ist inakzeptabel.

Fazit. Jeder sollte sich ernsthaft selbst die Frage stellen: In welcher Welt wollen wir leben? Ich hab das für mich getan und mir ist es mittlerweile völlig egal aus welcher Partei oder Organisation Vorschläge gemacht werden, oder Äußerungen zu diesem und jenem kommen. Wenn ich sie vernünftig finde, dann sind sie zu unterstützen. Punkt. Genauso wenig interessiert es mich in welchem Medium und von welchem Absender ein Thema behandelt wird, wenn der Inhalt meiner Ansicht nach ins Schwarze trifft. Wenn das alle machen würden, wären wir m.E. schon einen Schritt weiter. Alles andere ist das, was ich als nicht zeitgemäß empfinde.
Dazu zählt auch die Unterteilung in Kommunal und Landespolitiker, die Stellung zu Bundes-, Europa und globalen Fragen beziehen [verstehen die das nicht, weil sie irgendwo wohnen und sich vor Ort engagieren, oder wie?]. Jeder halbwegs-informierte Mensch trennt das auch nicht voneinander [siehe hier, ich rede über NSA, ihr über Fischer + Beck], weil alles miteinander verbunden ist, weil wir w.g. alle derselben Spezies auf derselben Kugel angehören.

Und die kann es beim Stand der Dinge in der Welt als allerletztes vertragen kann, sich kleinteilig zu spalten, sich politischen Pseudoprofilierungen hinzugeben und/oder im Gegeneinander zu verlieren. Und genau das passiert gerade in immer größerem Umfang - auch außerhalb von Parteien. Das ist gefährlich und nutzt den politisch-finanz-wirtschaftlich-militärisch aktiven Systemkräften, die noch nie irgendein Interesse am Wohlergehen von Mensch und Planet hatten.

Ich glaube an den europäischen Spirit [der den Friedensnobelpreis bekommen hat], den es kurzzeitig nach dem Wegbrechen der Blöcke Anfang der 90er Jahre gab, und ich erwarte das aktive Gestalten von mir selbst und allen Menschen in Europa, und in Deutschland - innerhalb und außerhalb der Parteien - am besten miteinander, nicht übereinander. Alles andere führt zu immer mehr Mistgabeln, Zerstörung und Gesinnungspolizei - und das hatten wir bekanntlich schon mal. Dann können wir einpacken.

Natürlich adressiere ich die Merkel-Administration mit meiner Kritik. Wenn sie sich aber morgen hinstellen würde und ihre eigene Machtlosigkeit uns allen gegenüber offenbaren würde, dann würde ich ihr das hoch anrechnen. Würde sie den Politikstil verändern und mal richtig aufmachen, wäre das ein Fortschritt, kein Rückschritt. Das nicht zu tun und einfach weiter zu machen ist die tatsächliche Bankrotterklärung, aber da sind wir wieder bei den Mistgabeln und der daraus entstehenden Frage: Wie kommmen wir als Gesellschaft aus dem Anklage-Schuld-Hau-drauf-Jetzt-bin-ich-endlich-dran-Modus raus? Die Bankrotterklärung gilt nicht nur für Frau Merkel, sondern für uns alle.


Um final im Glashaus-Bild zu bleiben - Die Scheiben sind schon lange eingeschlagen worden, von innen und von außen. Man kann es deshalb auch einfach hinter sich stehen lassen und weitergehen. Die Strukturen nutzen, die noch sinnvoll sind, die schwachsinnigen ignorieren und die neuen Wege entwickeln. Ob ihr's glaubt oder nicht. Das geht innerhalb und außerhalb von Parteien, und zwar gleichzeitig.

RE: Eine Bankrotterklärung | 04.05.2015 | 21:37

Danke für den Hinweis und die schöne Art es sich zukünftig merken zu können ;-) Mich wundert leider langsam so gar nichts mehr. Mir macht eher der langsame Anstieg der "Mistgabel-Mentalität" der Kritiker Sorge.