Kurzfilm über Namibia: “Africa light – Gray zone”

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Namibia, die einstige deutsche Kolonie, glänzt in der Außenwahrnehmung meist als vergleichsweise demokratisches, friedliches und weit entwickeltes Naturparadies: “Africa Light”. Der deutsche Regisseur Tino Schwanemann hat seinen eigenen Erkenntnisprozess von der ersten Blendung zum genaueren Blick in einem Kurzfilm verarbeitet: “Africa light – Gray zone”.

Tino Schwanemann war kaum auf die Realität in Afrika, in Namibia, vorbereitet. Der Magdeburger Regisseur, der in Berlin lebt und arbeitet, hatte die Idee, einen Werbespot über Namibia zu konzipieren. 2007 beendete er sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg, dann reiste Schwanemann für den Dreh nach Namibia.

http://fernlokal.files.wordpress.com/2010/02/013.jpg?w=300

Namibia (Foto: Tino Schwanemann)

Über Internetforen hatte er vorher Informationen über das Land und die Drehbedingungen eingeholt. Die Erkenntnisse von deutschen Touristen, die Namibia bereits besucht hatten, halfen wenig weiter: „Viele kennen die Etoscha-Pfanne und einzelne Ortschaften, sie sind sonst aber sehr eingeschränkt und waren nie an Orten wie Katatura“, so Schwanemann.

Katatura: Armut statt Luxus-Safari

Katatura ist das Armenviertel der namibischen Hauptstadt Windhoek, über 100.000 schwarze Namibianer leben hier, täglich kommen neue Einwanderer vom Land hinzu. „Der größte Teil besteht aus Blechhütten, die am Berg hängen, es ist sehr verwinkelt und es riecht nach Fäkalien“. Eine andere Facette von Namibia, fernab der Hochglanzbroschüren. In Katatura hat Schwanemann viel gedreht – allerdings nicht für den geplanten Werbefilm. Den Spot hat er zwar während seines siebenwöchigen Aufenthalts in Namibia noch realisiert, aber sein Kurzfilm “Africa light – Gray zone” ist zum Hauptprojekt geworden „und wird dem Thema eher gerecht“.

“Africa light – Gray zone” zeigt in 13 Minuten die gleichzeitigen Realitäten in dem südafrikanischen Land: Faszinierende Safari-Bilder und eine von Touristen überfahrene Giraffe, afrikanische Moderne und Armut, Stammes-Traditionen als Inszenierungen für Touristen oder Kolmannskuppe, die im Sand versinkende Stadt der Diamantensucher. Der Film sei eine „subjektive Bestandsaufnahme von Namibia, die durch sämtliche Gefühle hindurchgeht, die Faszination zeigt, aber auch das, was an Kontrasten und Ungereimtheiten vorhanden ist“. Dabei wolle der junge Regisseur nicht Fragen beantworten, sondern Fragen aufwerfen: „Mit dem Film möchte ich dazu ermutigen, sich kein einseitiges Bild zu machen, sondern das Panorama wahrzunehmen“.http://fernlokal.wordpress.com/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif

Auch wenn der Werbespot – der Pflichtteil der Reise – naturgemäß zu eben jener eingeschränkten Wahrnehmung führt, die Schwanemann kritisiert, ist er zumindest Inspiration für den zweiten Blick geworden: „Es war der notwendige Auslöser, um den Kurzfilm fertigzumachen“. Die Hochglanzästhetik von Werbebildern setzt der Regisseur auch zu Anfang seines Films ein, um die touristische Perspektive auf Namibia am Ende zu brechen: “Der erste Teil ist als touristisches Blendwerk gestaltet und der Film begleitet den Prozess, wie man sich nach und nach der Realität annähert”.

Namibia: Zwischen Afrika Light und hoher AIDS-Rate

Die Ursprünglichkeit, das vermeintlich “Echte”, das viele Gäste in Afrika suchen, und das ihnen gegen Bezahlung präsentiert wird, ist oft nicht authentisch. Schwanemann erzählt, dass einige Namibier vor Touristen einen traditionellen Tanz aufführten – “und dann trägt einer noch ein T-Shirt von Benetton”. “Afrika Light” ist ein Klischee, wie Tino Schwanemann mittlerweile weiß. Die Bezeichnung, die vor allem weiße Einheimische und Touristen gebrauchen, klammert viel aus: “Sie meinen den romantischen Ort Namibia, wo all das ineinanderfließt, was man aus Filmen kennt. Hier gibt es keine schwerwiegenden Probleme, angeblich keine rassischen Unterschiede, hier ist Natur noch Natur, die Gegensätze zwischen Arm und Reich werden außen vor gelassen.” Der Gegensatz der Realität, so Schwanemann.

http://fernlokal.files.wordpress.com/2010/02/017-11.jpg?w=300

Namibia (Foto: Tino Schwanemann)

Namibia ist ein Land mit höchster Ungleichheit von Besitz und Einkommensverteilung: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen von 5.155 US-Dollar sagt wenig über die tatsächlichen Einkommens-Diskrepanzen und unterschiedlichen Lebensbedingungen aus. Von den 1,9 Millionen Einwohnern leben über zwei Drittel unter der Armutsgrenze. Die “horrende Armut” in manchen Regionen oder Stadtteilen wie Katatura hatte der Regisseur nicht erwartet. Auch dass Namibia zu den fünf der weltweit am stärksten von AIDS betroffenen Ländern zählt, wusste Tino Schwanemann vor seiner Reise nicht. Über 200.000 Namibier sind mit dem Virus infiziert. Die höchste AIDS-Rate weist die Caprivi-Region auf, 34 Prozent der Caprivier sind HIV-positiv.

Angenehme Brüche der Vorurteile gab es aber auch: Dass die schwarzen Namibier nichts von Ackerbau verstünden, wie er von einigen weißen Farmern gehört habe, sei nach einiger Zeit mit den Naturvölkern widerlegt worden. Überrascht war Schwanemann auch von der Gelassenheit und liebevollen Art, mit der die Mütter in Katatura mit ihren Kindern umgehen: “Sie waren überhaupt nicht gestresst, im Gegensatz zu mancher Berliner Mutter, die mit einem Kind schon überfordert ist.”

http://fernlokal.files.wordpress.com/2010/02/01.jpg?w=300

Namibia (Foto: Tino Schwanemann)


Aus professioneller Perspektive war Namibia für den Filmemacher ein Paradies: „Namibia hat das optimalste und schönste Licht, das man sich vorstellen kann.“ Mit Geld oder Geschenken für korrupte Beamte oder Stammesführer gab es beim Drehen keine Probleme. Einzig die Malaria-Prophylaxe bereitete der Crew Stimmungsschwankungen. In diesem Jahr soll der Kurzfilm “Africa light – Gray zone” auf verschiedenen Festivals laufen. Tino Schwanemann ist bewusst, dass er erstmal nur ein elitäres Publikum erreicht, aber er hofft, dass der Film eine gewisse Popularität erreicht und weiterverbreitet wird. Schwanemanns nächstes Projekt soll dann von Anfang an kein Werbespot, sondern „eine gesellschaftliche Analyse“ werden.

23:21 07.03.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare