Ort der Verheißung

Berlin Noch immer stehen erschöpfte Menschen am Berliner Lageso in langen Warteschlangen – von morgens bis abends. Was macht das mit den Flüchtenden? Ein Erfahrungsbericht
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Ort der Verheißung
Flüchtende warten vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales

Foto: TOBIAS SCHWARZ/AFP/Getty Images

Wir sind um 5.30 Uhr aufgestanden, um rechtzeitig um 7 Uhr, wie uns geraten wurde, für einen Termin um 9 Uhr bei den beheizten Zelten einzutreffen, die inzwischen auf dem Gelände für die Wartenden aufgestellt worden sein sollen. Wir werden ein paar Stunden warten müssen, ich habe uns eine Tafel Schokolade eingepackt. Es geht heute für Nivin und ihre Familie nur darum, den rechtzeitig verlängerten Ausweis vorzulegen und die Kontonummer anzugeben, auf die das Lageso die finanziellen Leistungen für die 3-köpfige Familie-im-Asylverfahren überweisen wird.

Nächtliche Dunkelheit umhüllt uns, als wir dick vermummt durch das verschneite Gelände stapfen und bei der Schlange anlangen. Das Ende ist vom Anfang verdammt weit entfernt: dem anheimelnd leuchtenden Eingang – nur eines einzigen Zelts, dem Vorhof der Verheißung, der man hier entgegen harrt. Doch glücklicherweise ist Nivin eine Frau, und für die gibt’s eine eigene viel kürzere Schlange. Kürzer, weil es deutlich weniger Frauen unter den Geflüchteten gibt. Und weil die Frauen im Unterschied zu den Männern eine vollgefressene Schlange mit Ausbuchtungen und Verdauungskonvulsionen bilden.

Sie stehen in Grüppchen oder hüpfen gegen die Kälte, haben manchmal Kinder und deren Wägen dabei – sowas geht tendenziell in die Breite und ins Diffuse und gefällt den Securities gar nicht. Einer von ihnen weist uns immer wieder auf die viel disziplinierteren shebab und ihre schöne schmale Reihe trauriger Gestalten mit gesenkten Köpfen hin, an der wir uns mal ein Beispiel nehmen sollen. Teile der vorbildlichen Männer-Schlange erwachen gelegentlich aus ihrer Lethargie, lösen sich ab und verstopfen den Korridor zwischen Männern und Frauen, der für das Walten der Ordnungskräfte – Polizei und private Sicherheitsleute – frei bleiben soll. Die Vordrängler, Mogler, Entnervten – manche stehen schon seit 4 Uhr hier und haben in den Müllcontainern auf dem Gelände übernachtet – werden von Polizei und Securities mehr oder weniger derb angemacht und dahin gedrängt, wo sie hingehören.

Bis der Morgen graut und gegenüber auf der Rückfront eines Wohnhauses mit Blick in die Lageso-Höfe und -Vorhöfe nach und nach die Fenster sich mit warmem Licht füllen, haben wir hier unten Zeit, uns ein bisschen kennenzulernen. Die Mutter aus Somalia mit drei Kindern, das Jüngste schläft über ihrer Schulter hängend, die beiden älteren stehen ernst und unbewegt an ihrer Seite. Klaglos. Sie begehrt nur kurz auf, sie sei nicht arabisch, sondern Afrikanerin. (Sie spricht wie die meisten hier Arabisch und trägt wie viele der Frauen ein Kopftuch.) Daraufhin ein Gespräch über Identitäten (mit dem Nebeneffekt, dass wir die Kälte fast vergessen, die von unten in uns reinkriecht). Die Somalierin, Auslöserin des Gesprächs, beteiligt sich nicht. Sie hat ihre eigene Technik des Wartenswartenswartens. Mit unbewegter Miene, wie ihre Kinder. Stunden später werde ich sie anlächeln, und sie lächelt zurück. Wir Ahnungslosen werden dem Ziel der Verheißung eine trügerische Etappe näher gekommen sein. Doch jetzt rücken wir nur alle Stunde, unmerklich fast, näher an die höher gelegene Zeltöffnung, in der sich jeweils einer oder zwei der Securities breit aufpflanzt und mal wohlwollend grinsen, mal ihre Präsenz und Bedeutung durch reglementierende Maßnahmen manifestieren (zurück, zurück! back, back ...! Seid ihr alle taub, oder was? und vermutlich Ähnliches auf Arabisch). Gelegentlich wird eine Biergartenbank oder ein weiteres Gitter herbeigeholt zur Verstärkung der Sicherheitsbarrikade vor dem Eingang – obwohl niemand sich anschickt, sie zu überrennen. Hier und da wird jemand am Arm gepackt, „weil er nur diese Sprache versteht“. Er, der sich zaghaft vorgewagt hat, um etwas zu fragen, hat hier nichts zu melden, warum kapiert der Idiot das nicht? WARTEN heißt es, und zwar ordentlich! An deinem Platz in der Schlange.

Bei uns steht Hafiza aus Bosnien. Sie spricht Deutsch, ist vor zehn Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Die Familie wurde irgendwann abgeschoben, Hafiza heiratete in Bosnien. Sie kam zurück, wohnt jetzt hier mit ihrem Mann und den beiden Kindern im Container. Mit einer anderen jungen Frau spricht sie Serbokroatisch. Doch sie spricht kaum. Sie macht sich Sorgen. Die meiste Zeit schaukelt sie ihr Baby auf dem Arm. Wir stehen um den leeren Kinderwagen herum: unser Anhaltspunkt, die Markierung unseres Platzes, unser Zuhause in der Schlange. Hafiza ist winzig, zerbrechlich, das Kindchen in all seinen Umhüllungen wie ein Textilballen, der ihre zarte Gestalt fast verdeckt. Es jammert wie leidend. Vielleicht ist es krank. Ich wage nicht zu fragen. Hafizas Gesicht ist grau vor Sorge. Vor Kälte. Wie zunehmend alle Gesichter hier. Hafiza hat zu Hause im Container noch eine Tochter, aber die muss doch zur Schule, sagt sie Stunden später, da sind wir im Zelt, wo es genauso kalt ist wie davor, und wir werden noch Stunden vor uns haben, doch das werden wir nicht wissen. Wir werden aber gehört haben (und es erst mal nicht glauben), dass es welche gibt, die haben es schon soundso oft versucht und stehen immer wieder an. Man muss. Sonst fliegst du aus der Unterkunft raus. Sonst kannst du nichts mehr zum Essen kaufen. Sonst.

Endlich sind wieder so und so viele Frauen und so und so viele Männer dran! Als nächste sicher wir.

Eine Stunde später wir. Wir dürfen ins ZELT! Das Schlimmste, vier Stunden in der Kälte, liegt hinter uns! Die anderen werden zurückzurückzurück! gedrängt. Sie sind mir egal. Wir sind drin, eine Etappe weiter.

Jetzt verstehen wir, warum wir immer wieder Schreie aus dem Zelt gehört haben. Tumult. Aufwallungen. Was meinst du, gucken die da drin ein Fußballspiel? hat mich Nivin gefragt. Jetzt kapiere ich. Das Zelt ist nicht gleichmäßig dicht bevölkert: Es gibt einen abgesperrten Bereich auf der einen Seite für die Frauen, die darin locker Platz haben. In der Mitte des Zelts ein breiter Gang für die Securities oder andere, die frei rumlaufen dürfen, und auf der anderen Seite wiederum hinter Gattern die Männer. Sie sind fast alle im vorderen Teilbereich zusammengedrängt, meiden wie die Pest den hinteren (den es so im Frauenabteil nicht gibt). Hinten sind die Gatter so aufgestellt, dass sich ein Schlängelgang ergibt. Den will man offenbar hinter sich gelassen haben und rangelt um die vorderen Plätze im Korral (Duden: Korral. Substantiv, maskulin - [Fang]gehege für wilde Tiere; Pferch) von dem aus die (allerdings verstellte) Aussicht auf den nächsten Vorhof der Verheißung winkt: DER CONTAINER. Der Ausgang dorthin ist uns allen versperrt durch eine Zone, in der die Securities sich frei bewegen und dann und wann ein Polizist. Manche Männer steigen auf die Schultern anderer, fuchteln und schreien da oben rum. Manche werden so gegen ein Gatter gedrückt, dass sie sich winden und versuchen, sich Luft zu verschaffen. Einer spielt mitten in dem Geschiebe seelenruhig auf seinem Smartphone Fußball. Wenn ein gegen ihn anbrandender Körper das Spiel zu stören droht, weicht er mit einer trägen Bewegung aus. Wir lachen. In diesem Moment bläst sich ein kleiner stämmiger Security-Kerl auf und startet eine Offensive. Er schreit nur auf Deutsch, nicht auf Arabisch (und sieht auch nicht so aus, als wäre es ihm gegeben). Er geht rein in den Korral und stößt Menschen fluchend vor sich her, sie taumeln einer in den anderen. Sie sollen nach hinten, back, back, los, los zwischen die eng gestellten Gatter. Sie wehren sich nicht. Scheinen es gewohnt zu sein, rumgeschubst zu werden. Von da, wo sie herkommen. Von den Tagen, Wochen, Monaten der Flucht hierher. Plötzlich schreit meine Stimme: „Es gibt Zeugen!“ Die Frauen um mich herum sehen mich erschrocken an. Ich schreie lauter. Der hart arbeitende Security unterbricht kurz und blickt wütend auf: „Was?!“ – „Es gibt Zeugen!“ Er und ich, wir sind die einzigen „Biodeutschen“ hier. Das Hin und Her zwischen ihm und mir führt natürlich zu nichts. Er behält das letzte Wort, indem er mein allerletztes überhört. Was ich denn zu tun gedächte, wenn es hier einen Unfall gebe? hat er gefragt und auf den wogenden Männerpferch gedeutet. Ich: Ja, wenn man Menschen behandelt wie Tiere –

Nach kurzer Zeit drängen sich die jungen Männer wieder wie zuvor im vorderen Teil des Korrals. Der Oberkörper von einem hängt über das Gatter, seine Mitte wird dagegen gepresst und er dreht den Kopf nach den unverständlichen Sprechblasen, die über/hinter ihm und anderen hin und her fliegen. Dari oder Paschtunisch, und er ist vermutlich arabisch-sprachig. Die afghanische Minderheit meldet sich auch mal zu Wort. Nivin plaudert mit einer Palästinenserin aus Syrien und zwei jungen Frauen. Ich frage nur selten nach, worum es geht, stehe die meiste Zeit stoisch rum. Mein Hirn ist eingefroren. Da bewegt sich fast nichts, nur das Elementarste, Gegenwärtigste wie zum Beispiel: Die Schokolade ist weg. Zu trinken haben wir nichts dabei. Aufs Klo gehen kann man hier nicht. Für Nivin ist es der erste Tag ihrer Periode. Die Arme. Ich habe Glück. Keine Periode, auch kein Hunger, kein Durst, kein Harndrang. Kann sowas vergessen, wenn’s eh nicht zu ändern ist. Ich habe wirklich Glück. Auch das stundenlange Stehen macht mir nichts aus, ist nicht zu ändern. Aber die Kälte. Dieser Metallboden, schlimmer als draußen der Schnee. Trotzdem habe ich Glück. Schlafen werde ich zuhause. Meine Schuhe, meine Winterklamotten halten warm. Ganz anders als die windigen Daunenjacken ohne Daunen und die Stiefelchen mit Kunstpelz der anderen. Trotzdem. Die Kälte, die uns belagert, demoralisiert mich. Irgendwann wird ein Punkt kommen, an dem ich zu allem bereit bin für ein bisschen Wärme. Ich muss mich ganz darauf konzentrieren, diese Bedrohung zu bannen. Den Schal habe ich inzwischen um den Kopf gelegt. Nivin grinst, steht dir gut, der Hijab. – Na ja, ich weiß nicht … Plötzlich ist ihr Gesicht schmerzverzerrt. Was ist los? Ich erkläre ihr das Wort „Hexenschuss“, nachdem sie mir gezeigt hat, wo ihr der Schmerz reingeschossen ist. In unserem Frauen-Korral gibt es einen Stuhl. Auf dem ist gerade eine afrikanische Frau eingenickt. Sie ist im zweiten Monat und somit zu wenig schwanger, um vorgelassen oder eigens mit einem Stuhl versorgt zu werden, wie mir einer der Securities mit zuckersüßem Lächeln gesagt hat (Darf ich Sie was fragen? – Aber selbstverständlich! – Diese Frau ist schwanger, sie hat auch das Attest, kann sie nicht …? – Nein, tut mir leid, reicht leider nicht, erst ab dem 5. Monat.) Nivin will die Schwangere nicht wecken. Wir machen ein paar Übungen, die gegen den Hexenschuss weder helfen noch schaden (hoffentlich), uns aber vielleicht ein bisschen wärmen. Der zuckersüß Lächelnde, ein Riese mit Riesenbart und Riesenwasserflasche verkündet von da vorne vergnügt, nachdem er sich einen herzhaften Schluck gegönnt hat, jetzt gehe er in die Mittagspause (dazu füttert er sich selber mit der wasserflaschenfreien Hand eisige Zeltluft). Das heißt natürlich nicht, dass man uns unbewacht lässt. Die Palästinenserin, offenbar mit einschlägiger Erfahrung, sagt, Mittagspause heißt, der Betrieb da drinnen, wo wir alle hinwollen, ruht. Eine Stunde oder länger wird sich die Schleuse zum Container sicher nicht öffnen. Das immer flackernde Hoffen auf Vielleicht können wir also fürs Erste abblasen. Hafiza hat das Kind, das inzwischen ein paar Stunden geschlafen hat, wieder auf dem Arm. Es ist nicht zu beruhigen. Ihr Blick besorgt. Sie öffnet ihre Jacke. Jemand weckt die Schwangere auf dem Stuhl. Hafiza kann sich zum Stillen setzen. Unerwartet frühzeitig kommt der Riese aus der Mittagspause zurück. Federt mit großen Schritten und stolzem Lächeln durch den Mittelgang, über die Schulter geworfen trägt er eine junge Frau, die sich nicht rührt. Wir schauen ihm mäßig erstaunt hinterher. Ich wundere mich, dass ich mich kaum wundere, mich nur vergewissere: ? … in Ordnung, sie ist irgendwo da draußen ohnmächtig geworden, er hilft mit seinen Bärenkräften. Dann hat sie vielleicht sogar Glück und ihre Ohnmacht katapultiert sie durch alle Schleusen und unter Außerkraftsetzung des Nummernroulettes (auf das wir noch all unser Sehnen konzentrieren) an den Ort der Erfüllung. Sie bringt uns auf Ideen: Wir malen uns unverhofft auftretende Schwangerschaften, Zusammenbrüche und Ohmachten aus, nur um von dem Riesen geschultert und auf dem Tisch einer Sachberabeiterin im Innern des Lageso abgelegt zu werden. Als er zurückkommt, frage ich ihn, wann es hier weiter geht – so als fragte ich an einem schönen Sommertag nach der Abfahrzeit eines Spreedampfers, und er antwortet zuvorkommend: um eins … viertel nach eins … zwei …

Es gibt einen Mann, der (nicht ohne Rücksprache mit einem Security) die Unvorsichtigkeit hatte, aus dem Korral raus zu klettern, um irgendwas zu erledigen. Seit geraumer Zeit lungert er im Mittelgang herum und versucht, mit den Eingepferchten seine Rückkehr in den Korral auszuhandeln. Die Securities herrschen ihn an. Lassen ihn dann wieder in Ruhe. Schließlich wird einer von ihnen energisch: Entweder rein zu denen oder ans Ende der Schlange draußen vor dem Zelt (= geschätzte 5, 6 Stunden zurück = nach Lageso-Feierabend, überlege ich). Der Ausgeschlossene erklimmt das Korralgitter, aber von drinnen schreien sie (auf Deutsch) nein!nein!nein!

Um halb vier dürfen zehn Männer und zehn Frauen durch und weiter zum Container. Wir sind dabei! Der CONTAINER ist der Vorhof zum Paradies. Geheizt! Keine Securities zu sehen. Zuversichtliche Gesichter. Lächeln. Männer, Frauen, Kinder sind eine warme, bunte, atmende Schlange die sich ungehindert, wenn auch in engen Serpentinen, winden darf. Aus der man sich auch lösen kann, um rasch die Nummer zu ziehen. Niemand schreit nein. Am Rand des Raums gibt es Stühle, aber die meisten müssen auch hier stehe. Auf zwei gegenüber liegenden Seiten Bildschirme mit Zahlen, die manchmal vielversprechende Purzelbäume schlagen. Ich stehe neben zwei palästinensischen Jungs aus Homs. Sie fragen mich, ob ich schon mal in Syrien war. Ja! Das finden sie toll. Und auch in Palästina, sage ich. Wir nicht, sagen sie. Ich weiß, sage ich, ihr seid doppelt Flüchtlinge, too sad! Ja, sagen sie. Wieder mal tut es mir leid, dass ich so leichthin gesagt habe, ich war schon in Palästina, wohin weder sie, noch ihre Eltern, noch ihre Großeltern reisen können. Nivin ist mit der Nummer zurück. Wir kämpfen für euer Rückkehrrecht, sage ich voller Pathos (wer ist wir?), aber ich meine es ganz schlicht, und ich meine es. Sie lächeln überrascht. Gerührt.

Jetzt hängen auch unsere Blicke an einem der Bildschirme. Manchmal flackert eine neue Nummer auf, die der unsrigen ganz ähnlich sieht. Bald wird auch sie vor unseren Augen erstrahlen. Neben mir steht ein älterer Mann. Nach einer Weile fällt mir auf, dass er im Stehen schläft. Er träumt von dem Bildschirm mit den 10 Nummern, den 10 Räumen dahinter, darin 10 wunderschöne Frauen, die lächelnd zerknitterte Papiere aus den zitternden Händen der Geflüchteten entgegennehmen und mit sanfter, dabei entschiedener Kraft Stempel darauf drücken, die besiegeln, alles ist gut. Er schwankt und wacht auf. Vergewissert sich, dass seine Nummer noch nicht aufleuchtet. Er sieht mich hellwach an, als wolle er mich davon überzeugen und sich gleich mit, dass er es auch ist. Stunden vor uns ist er aufgestanden und hat sich draußen angestellt, kam bald ins Zelt und dann in den Container, wo er eine der ersten Nummern zog. Er zeigt mir seinen Zettel mit einer fünfstelligen Zahl (wie unsere) und der Information: Gleichzeitig mit Ihnen wartende Personen – 11. Das war um kurz vor 10 Uhr; jetzt ist es bald 17 Uhr. Auf unserem Zettel steht, dass über 500 Personen mit uns warten – der ganze prall gefüllte Container. Seit wir hier sind, gab es zweimal Aufbruchsbewegung, weil jemand seine Nummer auf dem Screen aufflackern sah. Ich weiß nicht warum, aber mir fällt die Praxis meiner Zahnärztin ein, ihr kleines Wartezimmer, in dem außer mir höchstens zwei Patienten warten. Ich stelle mir vor, sie würde für den Tag x 100 Patienten einen Termin zu Praxisbeginn geben; es kämen wie gewöhnlich noch einige unangemeldete Fälle dazu. Wir stünden in einer Schlange von der Praxistür die Treppe runter durch den Innenhof und die Einfahrt bis auf die Straße und um die nächste Straßenecke herum. Die meisten von uns würden den ganzen Tag vergeblich warten, es könnte gar nicht anders sein, und wir müssten am nächsten Tag wiederkommen und noch länger warten, falls wir nicht zufällig zu den wenigen gehörten, die diesmal drankommen. Denn die gibt’s ja auch, ohne Frage. Daran klammere ich mich vorläufig, und jemand bietet mir seinen Stuhl an, was mich in meiner Sturheit bestärkt. Der Wartende, neben dem ich jetzt sitze, lächelt ein müdes Willkommen. Wenig später gibt er mir den Zettel mit seiner Nummer und bittet, für ihn den Bildschirm im Auge zu behalten, er möchte ein bisschen schlafen. Einen Stuhl weiter sitzt ein nervöser Mann, der kein bisschen müde oder schicksalsergeben wirkt. Er sieht mich immer wieder fragend an und rückt dann raus: Was machst du denn hier?!. Dann will er plötzlich wissen, ob ich Mahmoud Darwish kenne und fängt an, auf seinem Smartphone etwas zu suchen. Ein Gedicht von Darwish? Der Kopf unseres gemeinsamen Nachbarn ist inzwischen auf die unruhige Schulter des Mannes gesunken, der von einer Frage zur nächsten springt und plötzlich erbittert rauslässt, was ihn umtreibt: Frau Merkel hat einen großen Fehler gemacht! Warum hat sie gesagt, dass wir willkommen sind? Wenn wir es gar nicht sind? Und er weist mit einer Rundumbewegung des Arms auf das hier alles. Ich gebe ihm Recht und nicht Recht, verteidige auf einmal Frau Merkel und „Deutschland“: In keiner Stadt ist es so wie hier. Seufzend gibt es der andere auf, Ruhe zu finden. Er rappelt sich hoch und nimmt seinen Zettel zurück, auf dem vermerkt ist, dass mit ihm zusammen 30 andere warten. Nivin hat längst kapiert, was ich immer noch nicht wahrhaben will: Aus unserem Termin wird heute nichts mehr. Jemand hat ihr geraten, lieber jetzt zu gehen. Gleich wenn es durchgesagt würde, gebe es einen Aufruhr. Der von Frau Merkel Betrogene sagt, er wolle nur noch zurück nach Syrien. Eine Frau neben ihm schüttelt den Kopf: Da können wir nicht hin, das weiß er doch selber. Unterdessen höre ich vom Ausgang her die Ansage, die Tür werde jetzt abgeschlossen. Warum? Keine Ahnung. Manche rufen, nein, nein! gefährlich! Wir schlängeln uns zum Ausgang durch, der noch nicht verschlossen ist. Die meisten anderen bleiben, wo sie sind. Ich bin inzwischen wie sie. Ein willenloser Teil der Schlange. Wenn Nivin mich nicht hinter sich herzöge, würde ich bleiben. Draußen sind wir nur wenige Schritte entfernt vom Ende einer anderen Schlange. Derer, die es für heute aufgegeben haben. Wahrscheinlich kommen sie aus dem Zelt oder auch von der Urschlange vor dem Zelt. Dann öffnet sich die Glastür vor uns, niemand schreit zurück, zurück! und wir laufen ungeordnet los. Zum Ort der Verheißung dieses ganzen Tages. Ungezählter verwarteter Tage. Wir werden belohnt! Wir dürfen das Gebäude betreten, und jeder bekommt ein Blatt gereicht – hunderte Blätter insgesamt, die von langer Hand für uns vorbereitet wurden. Später werden wir erfahren, dass es in Wahrheit darum geht, an 15 solcher Tage 15 solcher Blätter zu sammeln, um einen Armring mit einer magischen Zahl darauf zu erwerben, der alle Türen öffnet. Und die unsichtbare Hyperschlange, die sich über 15 Tage dahin windet, speit dich direkt ins herrliche Lageso, an allen Securities und Wartenden, am ersten und zweiten Stock vorbei in den dritten und direkt in die Arme einer liebenswürdigen Sachbearbeiterin. Unser Blatt, unser erstes von fünfzehn (aber das wissen wir noch nicht), ist geschmückt mit Stempel und Unterschrift unter der Bescheinigung, dass wir gewartet haben und morgen wiederkommen dürfen. Selbe Zeit, selber Ort. Selbe Aussicht auf Erlösung.

13:41 18.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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