Die Absonderung des Bösen

Forschung Warum faszinieren uns Mörder und Sexualverbrecher? Und wie geht es uns, wenn wir ihre Perspektive einnehmen? Ein Experiment untersucht das – aber es erreicht die Falschen
Die Absonderung des Bösen
Mörderperspektive: Die Installation in den Sophiensaelen

Foto: Sophie Rohrmeier

Ein Mann und eine Frau bringen ihre zwei Kinder um. Das Mädchen ersticken sie, den Jungen erstechen sie mit einer Schere. Wenn ein Artikel so ähnlich beginnt, zielt die Verfasserin auf die Sensationslust der Leser. Der Text soll sich verkaufen. Doch mit solchem Kalkül ist Verantwortung verbunden, den Verbrechern, den Opfern und der Gesellschaft gegenüber. Politik, Justiz und Medien sind eng verstrickt. Deshalb muss die Faszination an der Sicht von Verbrechern und Verbrecherinnen reflektiert werden. Ein aktuelles Projekt in den Berliner Sophiensaelen versucht das: Ein Symposion, ein Experiment und eine Aufführung bezogen die Öffentlichkeit ein. Probanden und Zuschauer sollten mitdenken ­– und mitfühlen. Aber wo es um die Wahrnehmung der Masse geht, erreicht das Projekt erreicht nur Wenige – und die Falschen.

Ohne Zweifel löst das Aussprechen Unbehagen aus: Die Frau, die schildert, wie ihr Mann sie schlägt und ihr mit einer Rasierklinge das Initial des vermeintlichen Liebhabers in die Schamhaare schneidet. Der Mann, der beschreibt, wie seine Frau 15 Minuten lang auf der kleinen Tochter liegt, um ihr den Atem und so das Leben zu nehmen. Ohne Zweifel ist es ein Ringen mit dem Text und den eigenen Emotionen, das Kraft kostet.

Die Worte stammen aus dem Drama Aalst von Pol Heyvaert und Dimitri Verhulst, das die Dokumente über einen realen Fall verwendet. In einem Hotelzimmer im belgischen Aalst ermordete 1999 ein Elternpaar seine beiden Kinder, vor Gericht sagten sie: „Wir wollten nur das Beste für sie.“ Beide wurden für schuldfähig erklärt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Es ist ein Unterschied, ob man ihre Sätze hört oder liest, oder ob man, wie am vergangenen Wochenende in der Kantine der Sophiensaele, ihre Aussagen selbst in den Mund nimmt – unter der Vorgabe, sich hineinzuversetzen in diese Menschen.

Die eigene Angst

Wie Literatur die Perspektive von Verbrechern einnimmt und warum es Menschen gefällt, sie anzunehmen ­– das und anderes diskutierten am Freitagnachmittag Literatur- und Theaterwissenschaftler, Schauspieler, Schriftsteller und ein forensischer Psychiater. Was bringt das Hineinversetzen für den gesellschaftlichen Umgang mit extremen Verbrechen? Das sollten sie gemeinsam für das Projekt „Infame Perspektiven“ des Instituts für künstlerische Forschung diskutieren. Und Antworten finden auf die Frage, warum das „Böse“ fasziniert.

Doch leider hat kaum einer der Diskutanten es vermocht, die eigene Angst vor der bösen Reaktion der Öffentlichkeit zu überwinden. Schauspieler wie Wissenschaftler, die meisten erlagen eben der Distanzierung, die eigentlich reflektiert werden sollte. Das Böse in mir kann ich nicht finden, so lautete der Tenor, aber was ich selbst nie erfahren könnte, macht mich neugierig. „Ich bin kein Sadist“, sagt einer noch vor seinem Plädoyer für die Geschichten des Marquis de Sade, in vorauseilender Ängstlichkeit.

Vor den Abgründen fliehen

Man sichert sich ab gegen das Stigma und distanziert sich so vom Devianten. Nach vier Stunden durchaus kluger Analyse von Erzählperspektiven und Infamie, nach eineinhalb Stunden Diskussion über Strategien der Perspektivübernahme bringt es ein Zuhörer auf den Punkt: Sich von den Tätern abzugrenzen, heiße, vor den eigenen Abgründen zu fliehen.

Hier, beim Symposion, vollziehe sich nun dasselbe. Besser sei, in Abgründe zu schauen – und zu fragen, wie man mit ihnen umgehen kann. Auf seine Anregung findet niemand eine Antwort. Solche Verdrängung befördert eher den Ausbruch als das Verschwinden. Auch wenn es weh tut, und Stigmatisierung droht: Man muss die Dinge aussprechen, die Worte sagen, statt ein Tabu zu festigen. Sonst projiziert man Eigenes in die Täter. Der Abschied von der Projektion fällt am Freitagabend kaum einem leicht. Die Ausnahme war lediglich der forensische Psychiater Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité. „Ich kenne keine schlimmen Figuren“, sagte er über die Menschen, die er begutachtet, oft nach schwersten Verbrechen. Pauschale und finale Verurteilung ist ihm zuwider.

Die üblichen Verdächtigen

Einige Paare, die an dem Experiment schon im Frühjahr teilgenommen hatten, werden auf Bildschirmen im Foyer der Sophiensaele gezeigt, über Kopfhörer konnten Besucher nun ihren Dialog verfolgen. Die Installation veranschaulichte, was das Symposion in Worte zu fassen versucht: Eine unaussprechliche Grausamkeit, die doch ihren Weg in Bilder oder Sprache findet. In der Literatur, in Filmen, vor Gericht, in den Medien. Schade nur, dass nicht all jene an dem Projekt teilnehmen, die über die Medien die Absonderung des „Bösen“ konsumieren und reproduzieren.

Wer in der Kantine der Sophiensaele in der weißen Box sitzt und sich experimentell einfühlt in die Mörder, der ist ohnehin bereit, zu reflektieren. Es kommen die üblichen Verdächtigen. Auch zur Aufführung am Abend. Die beiden Zuschauer, die auf der Bühne in die Rolle schlüpfen, sind ein Anwalt und eine Regisseurin.

Natürlich kamen nicht Menschen wie jene aus dem sachsen-anhaltinischen Dorf Insel, wo die Bewohner sich gegen den Zuzug zweier ehemaliger Sexualstraftäter wendeten. Menschen so auszuschließen, bedient das Sicherheitsbedürfnis. Monster, die Menschen zum Spielen verleiten, wiederum bedienen andere Bedürfnisse. Viele suchen ja Unterhaltung in verbrecherischen, ekligen oder schambesetzten Perspektiven in Literatur, Theater, Kino und Computerspielen. Deshalb ist das Projekt „Infame Perspektiven“ wichtig. Deshalb muss es sich aber auch andere Wege in die Gesellschaft suchen.

Und gerade auf der Bühne kann es seine Kraft nicht entfalten. Es ist zu einer rein dokumentarischen Abspulung von Text geraten. Das Publikum sollte teilnehmen, doch kein Bruch, keine Inszenierung involviert es. Die Gespräche auf der Bühne bleiben im Reden über das ganz Andere, Böse verhaftet, nichts Elementares wird wirklich spürbar für den Zuschauer.

Es muss nicht die Instrumentalisierung des Bösen sein, die einen packt. Aber es fehlten die Bilder. Bilder für die sozialen Konflikte, um die es geht – und Bilder für einen anderen Umgang mit dem Verbrechen. Denn jede Gesellschaft muss das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit des einzelnen abwägen, immer wieder. Dabei helfen Tabus so wenig wie Experimente für ein Nischenpublikum.

Das Institut für künstlerische Forschung (!KF) wurde im Jahr 2009 von der Gruppe a rose is, dem Radialsystem V und Mitgliedern der Jungen Akademie an der BBAW und der Leopoldina in Berlin als außeruniversitäre Forschungseinrichtung gegründet.

11:50 29.10.2013
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