Sanfte Pfoten, versteckte Aggression

Rechtsextremisten Im Süden Deutschlands tarnen sich rechte Radikale verstärkt als Tierschützer. Sie postierten sich mit Flugblättern vor Zirkussen und zielen so auf bürgerliche Schichten

Sie geben vor, auf sanften Pfoten daherzukommen. Erst auf den zweiten Blick wird klar, wer sich hinter den Flugblättern gegen Tierquälerei verbirgt: Rechtsextreme. Aktivisten des Neonazi-Netzwerks Freies Netz Süd (FNS) betreiben die rechtsextremistische Tierschutzkampagne "Manage frei der Tierquälerei", die gerade in Bayern läuft. Mit ihren Flugblattaktionen zielen die Radikalen auf bürgerliche Schichten, die sich ansonsten der rechten Ideologie verschließen.

In Grafing bei München etwa kamen kürzlich an jedem Vorführungstag des Circus Luna einige Rechtsextreme auf den Zeltplatz – allerdings waren sie zunächst nicht eindeutig als solche erkennbar. Erst als jugendliche Tierschützer aus der Stadt, die ursprünglich gegen Tierquälerei demonstrierten, deren Flugblätter genauer angesehen haben, verstanden sie, wer sie da zu unterwandern versuchte.

Maskerade

„Zuerst dachte ich, die sind nett“, erzählt eine 18-jährige Schülern. Nur einer der sieben Neonazis habe eine Bomberjacke getragen, die anderen eher unauffällige Kleidung. Durchaus ein Blickfang war das Eisbärenkostüm, das einer trug – eine weit getriebene Maskierung als Tierliebhaber. Erst als sie den Flyer genau lasen, hätten sie und ihre Freundinnen die rechtsextremen Internetadressen entdeckt, erzählt die Schülerin.

Und wer nicht weiß, was das „Infoportal Schwaben“ oder das „Freie Netz Süd“ ist, bleibt womöglich arglos. Außer er wird bei der „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ misstrauisch, die ebenfalls aufgelistet ist. Hier beginnt die Tarnung, die damit kalkuliert, dass die Mehrheit der Bürger nicht im Detail über rechtsextreme Gruppierungen Bescheid weiß.

Die Beamten der zuständigen Polizeidienststelle jedenfalls, die von den Jugendlichen gerufen worden waren, erkannten den rechtsextremistischen Flyer nicht eindeutig als solchen. Obwohl auch der Link des FNS darauf stand, ein Netzwerk, über das der bayerische Verfassungsschutz die Polizei regelmäßig informiert.

Versteckter Rassismus

Der Flyer, den die rechtsextremen Aktivisten verteilten, zeigt auf dunklem Hintergrund blutige Tiere und verletzte Pfoten. Der Text in weißer Schrift erscheint zunächst unverdächtig, die Verfasser nennen den chinesischen Staatszirkus als Vorbild für Unterhaltung ohne Wildtiere. Warum nehmen Rechtsextreme ausgerechnet einen chinesischen Zirkus als Vorbild? Gerade daran manifestiert sich die Taktik der Aktivisten: Bezieht sich ein Text positiv auf China, so liegt der Gedanke an Nationalismus erst einmal fern. Dennoch, die Thematik des Flugblatts grenzt an das ureigene Feld der Nazis an: den Rassismus. Plädoyers für „angeborene Verhaltensweisen“ und die „freie Wildbahn“ passen in diese Ideologie.

Die Kampagne „Manege frei“ hat in Bayern im Juni begonnen. Davon sind nicht nur kleine Zirkusse betroffen, sondern inzwischen auch der Circus Krone. Laut bayerischem Verfassungsschutz ist von Ende Oktober bis Mitte November bei Gastspielen des Zirkus mit Aktionen der Rechtsextremen zu rechnen. Im Oktober wurden auch in niederbayerischen Städten Flugblätter verteilt. Und der baden-württembergische Verfassungsschutz berichtet ebenfalls, dass Rechtsextreme versuchen, das Thema Tierschutz ideologisch wie auch propagandistisch für sich zu vereinnahmen. Im Norden Deutschlands dagegen gehen Rechtsradikale offenbar anders vor.

Bekannte Muster

Zwar gibt es auch hier den "Plan, soziale Bewegungen zu unterwandern", sagt der Leiter des brandenburgischen Aktionsbündnisses gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, Jonas Frykmann. Die Neonazis würden sich aber nicht so stark tarnen, das sei in Berlin, Brandenburg oder auch in Mecklenburg-Vorpommern eher selten. Stattdessen engagieren sich Nazis in Kommunen etwa bei Sportvereinen, um Solidarität und dann Sympathien zu gewinnen.

Auch in in Brandenburg wurden laut Verfassungsschutz schon Flugblätter vor Zirkussen verteilt. Und Dirk Wilking vom überparteilichen und vom Bund geförderten Brandenburgischen Institut für Gemeinwesenberatung, das sich auch mit Rechtsextremismus auseinandersetzt, ruft einen Vorfall vor einigen Jahren in Erinnerung: Damals hatten in Brandenburg Rechtsextreme eine Zirkusfamilie mit Steinen aus einem Dorf gejagt. Die Aktionen gegen Zirkusse, sagt Wilking, verbänden zwei Muster: Tierschutz und Fremdenfeindlichkeit.

Schüren von Angst

Rechtsextreme greifen dabei auf weit zurückreichende völkische und nationalsozialistische Traditionsbestände zurück. „Die rechte Szene bezieht sich oft auf das Reichstierschutzgesetz von 1934, das auf Himmler zurückgeht“, sagt Nils Franke, Historiker und Mitglied des Wissenschafltichen Beirats der Berliner Naturschutzblätter. Nazis versuchten regelmäßig, sich als Tierschützer zu präsentieren.

Einerseits bietet der Tierschutz die Möglichkeit, islamische und jüdische Rituale wie das „Schächten“ anzuprangern. Laut Franke haben Rechtsextreme auch im Rahmen der Proteste in Berlin-Hellersdorf versucht, mit der Vorstellung des Schächtens Angst zu schüren. Andererseits ist die Natur ein wichtiger Faktor der rechten Ideologie, nicht zuletzt beim „Heimatschutz“. Deshalb haben sich auch einige Rechtsradikale auf die ökologische Landwirtschaft spezialisiert.

Auch darüber wird Nils Franke demnächst sprechen, denn Ende November findet an der Internationalen Naturschutzakademie in Mecklenburg-Vorpommern eine Tagung zum Thema Naturschutz als aktuelles Aktionsfeld der rechtsradikalen Szene statt. Organisiert wird sie vom Bundesamt für Naturschutz, gemeinsam mit der Evangelischen Akademie der Nordkirche und der Uni Rostock. Und zwar unter anderem, weil gerade im Osten Deutschlands die Zahl der rechtsextremen Biolandwirten zunehme, wie die Tagungsleiterin Gudrun Heinrichs von der Uni Rostock sagt.

Tierquälerei funktioniert gut

Die Tier- und Naturschutzaktivitäten der Rechtsextremen machen es kompliziert, einfache Schemata beizubehalten. Das Bild vom "guten" Öko-Bauern oder vom "guten" Tierschützer, die "keine schlechten Menschen" sein können, und vom "bösen" Nazi – es wird zu eindimensional. Mit solch einfachen Einteilungen übersehen Behörden und die Öffentlichkeit zu viele Rassisten. Die Radikalen versuchen, Menschen mit bürgerlicher Grundhaltung zu erreichen. Und suchen sich hierfür Themen, die einfach zu emotionalisieren sind. Tierquälerei funktioniert besonders gut, Kindermissbrauch auch.

Nicht nur Moscheen oder Asylbewerberheime werden bekämpft. Sondern eben auch hohe Mieten oder Atomkraftwerke, also Dinge, die alternative Jugendliche ebenso empören wie grün-konservative Bürger.

Gerade die aktuellen Aktionen in Bayern zeigen, dass die rechte Szene sich anders aufzustellen versucht. Sie will die eigene Propaganda weniger angreifbar machen und damit mehr Menschen erreichen.

16:17 30.10.2013
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