Schöne, hässliche Prinzessin

Disney Mickey Mouse wird diese Woche 85 Jahre alt. An den Geschlechterstereotypen hat sich unterdessen wenig geändert. Die Disney-Filme bleiben sexistisch
Schöne, hässliche Prinzessin
Das schöne Schneewittchen muss vom Retter geküsst werden, um zu leben
Foto: Imago/EntertainmentPictures

Viele schöne Frauen, starke Männer: Das wären wohl die Gäste auf der Geburtstagsfete für Mickey Mouse zum 85. Geburtstag. Weniger schön sind der Sexismus und der Rassismus in den Disney-Filmen. Der Filmwissenschaftler Christian Stewen erklärt, warum der Konzern von reaktionären Mustern nicht wegkommt.

Können wir unsere Kinder unbesorgt auf die Geburtstagsparty von Mickey Mouse schicken?

Wahrscheinlich wäre das so wie immer im Alltag: Man kann natürlich erstmal mitfeiern. Aber den Kindern müsste man dann schon das nötige Wissen mitgeben. Sie sollten verstehen, was das Problem mit Disney ist. Nämlich dass man mit den Filmen auch immer das ökonomische und damit auch politische System mitkauft, und zwar das kapitalistische System der USA.

Und welches Geschlechterverhältnis ist damit verbunden?

Gerade die langen Zeichentrickfilme von Disney gehören ja zu dem Genre Märchenfilm, das mit vorgefassten Mustern arbeitet. Die dramaturgische Kraft gewinnen diese Filme immer aus einer bestimmten Paarung, nämlich junge Frauen und die zugehörigen Männer. Nehmen wir zum Beispiel Pocahontas oder Mulan: Da wird zunächst einmal so getan, als ob die Frauen modern und selbstständig seinen. Aber am Ende ist doch die Eheschließung vorgesehen und die Schlussfolgerung, dass die Frau nur mit dem Mann vollständig ist. Die konservative Rollenverteilung lassen solche Filme letztlich nicht hinter sich.

Hat sich also seit Schneewittchen in den Dreißiger Jahren nichts verändert?

Nichts Grundlegendes, nein. Von den ersten Märchenfilmen über Cinderella bis hin zu den aktuellen Filmen wie der Eiskönigin: Diese Filme sind weit weniger subversiv als das etwa die Cartoons rund um die Mickey-Mouse-Figur sind. Die ist offener und spielerischer und als Maus erstmal neutral markiert. Dass sie weniger fest codiert ist zeigt sich sogar an den Farbkonzepten und am Rhythmus. Aber Mickey wird dann eindeutig männlich, wenn Minnie auftaucht. Mit ihr kommen die Wimpern, die Blumen. Wieder die stereotyp weiblichen Attribute. Und diesen Dualismus verlassen auch Filme wie Mulan nicht, denn die Hauptfigur findet auch ihren Mann am Ende.

Gibt es nicht Versuche im Animationsbereich, diese vorgefertigten Stereotypen zu konterkarieren?

Der Shrek-Film versucht, die Märchen-Struktur und die entsprechende Rollenverteilung lächerlich zu machen. Er stellt sie sozusagen humoristisch aus. Das hässliche Tier verwandelt sich auch nicht, wie sonst, in die in ihm verborgene Prinzessin. Sondern die schöne Frau, Fiona, wird umgekehrt zum hässlichen Tier. Für sie ist es nicht das erste Ziel, möglichst attraktiv zu sein. Aber indem sie selbst zum Oger wird, passt sie sich eben doch wieder ihrem Mann an. 

Aber wie könnte ein Film dieses Geschlechtermodell überwinden?

Das ist die große Herausforderung. Wenn man einen Film über Geschlechterverhältnisse machen will, ist es schwierig, bestehende Ideen nicht zu zeigen und auch wieder zu bekräftigen. Das ist ein Dilemma. Selbst Filme wie Rapunzel, in dem der Mann als Trottel dargestellt wird, bestätigen die traditionelle Ordnung. Der Humor besagt: Normalerweise sind Männer ja nicht so.

Disney-Filme versuchen nicht einmal, das Bild des weiblichen Körpers in Varianten zu zeigen. Bei Merida etwa wurden im Nachhinein Gesicht, Taille und Kleidung an das schlanke, geschminkte Ideal angepasst.

Ja, am Körper der weiblichen Protagonisten kann man viel ablesen. Es wundert mich schon, dass die Frauen und Mädchen immer die perfekten Körper haben müssen, die attraktive und anpassungsfähige Frau das Ziel ist, bei dem die Geschichten ankommen. Ich denke, dass die Macher der Filme in Untersuchungen herausfinden, was Mädchen am liebsten sehen wollen.

Und warum wollen die Mädchen am liebsten glitzernde, hübsche Prinzessinnen sehen?

Die vermeintlichen Sicherheiten und Eindeutigkeiten der Frau-Mann-Codierung bieten den Mädchen wohl das, was sie brauchen, wenn sie im Initiationsprozess stecken. Zudem kennen viele Menschen das Paradox ja selbst, nämlich dass wir den größten, oberflächlichen Spaß haben, wenn wir sehen, wie mit traditionellen Klischees gespielt wird und sie am Ende aber eingehalten werden. Dann fühlen wir uns wohl. 

Gilt das auch für die rassistischen Klischees, die in Filmen wie etwa Das Dschungelbuch auftauchen?

Ja, auch hier wird mit eindeutigen Klassifizierungen gearbeitet. In Aladdin und Der König der Löwen werden die guten und bösen Figuren durch nationale, rassistische Stereotype klar getrennt. Die Figur Aladdin verkörpert das amerikanische Ideal, und die Attribute des Orients sind in die böse Figur geflossen, die auch mit Akzent spricht. In Der König der Löwen sind die bösen Hyänen als Hispanics markiert. Auch hier also werden rassische Konflikte in die Figuren verlagert, man bedient sich der Vorurteile.

Werden die Vorurteile nicht reflektiert?

Nein, eben gerade nicht. In Der König der Löwen werden die Stereotype vielmehr naturalisiert. Der Ort der Geschichte ist ja die Natur. Die Botschaft ist: Die Unterschiede sind in den Figuren angelegt, und der Kreislauf ist gut, wie er ist. Es muss alles so bleiben wie gehabt. Ausbruchsmöglichkeiten gibt es nicht. 

Wie kommt man denn gegen diese mächtigen Bilder an?

Vielleicht müssen wir zurück zu der Geburtstagsfeier: Wir können mit den Kindern reden, ihnen die Klischees zeigen und darüber sprechen, welche Folgen sie haben. Und nicht nur mit den Kindern. Die Vorbehalte gegen Disney wurden nie populär. Der Konzern verhindert wohl auch manche Kritik. Es gibt ein sehr kritisches Buch, From Mouse to Mermaid. Das sollte eigentlich anders heißen – und dann hat Disney bewirkt, dass der Konzernname nicht im Titel auftaucht. Aber man darf nicht vergessen, dass die Geschichten ja auch den Zuschauern zur Verfügung stehen: Sie können auch etwas anderes damit machen, als sie unkritisch zu konsumieren.

Christian Stewen hat Film- und Fernsehwissenschaft, Kunstgeschichte und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum studiert. Der Titel seiner Promotion lautete: The Cinematic Child – Kindheit in filmischen und medienpädagogischen Diskursen (im Buchhandel erschienen). Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienwissenschaft an der RUB.

Das Disney-kritische Buch

Stewen erwähnt das Buch From Mouse to Mermaid: The Politics of Film, Gender, and Culture, es wurde herausgegeben von Elizabeth Bell, Lynda Haas und Laura Sells.


Das Gespräch führte Sophie Rohrmeier

11:25 20.11.2013
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