Schreiben ohne Grenzen

Europa Das neue Online-Magazin "Meeting Halfway" gibt es in 15 Sprachen. Es bewegt sich mit seinen Geschichten zwischen regionaler Identität und paneuropäischem Bewusstsein
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Meeting Halfway: Online-Magazin in 15 europäischen Sprachen

Foto: Screenshot Website

Europa, das ist Krise. So zumindest klingen die Fragmente, die in den Ohren vieler Bürger hängen bleiben, wenn es um diesen Kontinent geht. Arme und reiche EU-Länder, der Euro und Kontrolle. Gerade Ökonomie und Bürokratie schrecken ab. Doch Europa ist mehr: eine Gemeinschaft von Menschen und ihren Geschichten. Und genau die erzählt jetzt ein neues Online-Magazin. Meeting Halfway ist das erste Medium seiner Art, das in 15 Sprachen aus Europa berichtet – abseits von aktuellen Regierungsdebatten. Politisch ist das Magazin trotzdem. Und mutig.

Von Wunden erzählen ist gefährlich, neue Wunden können entstehen, alte wieder aufreißen. Von Wunden erzählen ist aber auch wichtig. Zum Beispiel von dem noch immer spürbaren Leid während des Bosnien-Krieges, das der junge spanische Journalist J. Ignacio Urquijo Sánchez auf Meeting Halfway (MH) darstellt. Es ist eine Geschichte über Mord, Flucht und Arbeitslosigkeit. „Politisch hochsensibel“, nennt Maria Hardt, die 22-jährige Gründerin und Chefredakteurin des Magazins, das Thema. Deshalb schickte sie den Text vor Veröffentlichung an serbische Mitarbeiter von MH und fragte: „Ist das ok für euch?“

Das ist möglich, weil das Team des Magazins inzwischen aus rund 150 jungen Europäern besteht, aus Autoren und Übersetzern zwischen 18 und 30 Jahren. Sie stammen aus mehr als 25 Nationen des europäischen Kontinents. Jede Geschichte, die das Magazin publiziert, erscheint in 15 Sprachen. Bislang. Damit unterscheidet es sich von verwandten Medien wie CaféBabel, das in sechs Sprachen erscheint und einen dezidiert politisch-analytischen Ansatz hat, oder Europe and Me, das lediglich auf Englisch veröffentlicht. „Ich verstehe Meeting Halfway als unpolitisch. Unser Europa-Bezug vollzieht sich eher auf der Metaebene“, erklärt Maria Hardt. Nicht Meldungen aus den EU-Staaten oder aus Brüssel werden behandelt, sondern Menschen aus Europa behandeln die Themen, für die sie sich interessieren. Doch genau darin liegt das Politische des Online-Magazins.

Adenauer und Brandt

Das Projekt bewegt sich dabei in einem Zwischenraum. „Where Europe gets together“, lautet das Motto von MH, und Europa wirft auch die Frage auf, inwiefern die Idee der einzelnen Nation noch sinnvoll ist. Maria Hardt stimmt zu, dass nationalstaatliche Grenzen aufgegeben werden könnten – immerhin insofern, als „nationalstaatliche Interessen weniger Bedeutung haben sollten“. Nur nicht die nationalen Identitäten, das betont die Gründerin. Sie macht eine journalistische Ausbildung bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. „Wenn man links ist, ist man dort falsch“, sagt sie auch ganz offen. Das Konzept von MH will eine Europa-Idee mit Leben füllen: dass Menschen aus sehr verschiedenen Ländern auf sehr engem Raum friedvoll zusammen leben können. Darin sieht Maria Hardt eine Kontinuität zu Adenauers Europa-Politik, „aber dasselbe kann man wohl auch über Willy Brandt sagen“.

MH trägt dazu bei, die regionale Identität junger Europäer zu bewahren. Schließlich geht das Medium auf seine Leser in ihrer eigenen Sprache zu, anstatt jedem Englischkenntnisse abzuverlangen. Zwar schätzt Maria Hardt, dass rund 80 Prozent ihrer Leser Englisch verstehen. „Aber die Muttersprache ist einfach etwas anderes.“ Und dennoch: Mit Geschichten wie der von Ignacio oder mit dem türkischen Sprachangebot überschreitet MH, das am 1. September online ging, zugleich die Institution der EU. Es ist ein großer und vielfältiger kultureller Raum, den das Magazin so aufspannt. Ein Raum, der nicht nur von Frieden geprägt ist. Der Zweite Weltkrieg und aktueller Rechtsradikalismus bestimmen politische Assoziationen in ganz Europa – Merkel mit Hitler-Uniform auf Demonstrationsplakaten in Griechenland machten es in den vergangenen Jahren deutlich. Auch der Bosnien-Krieg zum Beispiel hat viele, noch nicht geheilte Verletzungen hinterlassen. Bilder und Worte können weite Kreise ziehen, Reaktionen im Netz sind oft heftig.

Vertrauen in die Nachbarn

Wenn Maria Hardt Fotos und Texte publiziert, so kann sie nicht alle historischen und gesellschaftspolitischen Vorgeschichten im jeweiligen kollektiven Gedächtnis vorher abschätzen. Zwar behalten die Autoren selbst die Rechte an ihren Artikeln und damit auch die Verantwortung. Doch gerade, weil sie nicht alle Versionen ihrer Website kontrollieren kann, ist Maria Hardts Projekt auch ein Wagnis. „Wenn ein einen makedonischen Text bekommen – das ist ja auch noch eine andere Schrift, dann habe ich keine Ahnung was ich online stelle“, sagt Maria Hardt. Sie muss der Übersetzung vertrauen, der englischen oder deutschen Version des Originals sowohl wie der makedonischen Übersetzung von anderssprachigen Artikeln.

Dieses Vertrauen bringt Maria Hardt auf. Sonst wäre allerdings auch nicht glaubwürdig, dass der Austausch zwischen europäischer und internationaler Jugend im Vordergrund steht und eine europäische Gemeinschaft entstehen soll. So stellen denn auch die Autoren und die Menschen, über die sie schreiben, oft genug fest, dass sie einander ähneln – trotz der kulturellen und politischen Vielfalt. „Und genau darum geht es: Wir können uns verstehen.“

Journalist Ignacio machte es glücklich, dass sein deutscher Übersetzer seinen Artikel auf der Website kommentiert hat: Er habe nun die Geschichte des Flüchtlings verstanden, der einst in seine Klasse gekommen war. Das Thema Bosnien-Krieg ist Ignacio seit seinem Studium der Internationalen Beziehungen wichtig. „Niemand bei uns in Spanien wusste, was dort im Balkan ablief. Obwohl so viele Nationen beteiligt waren“, erklärt er. Für seinen Artikel hat er sechs Monate recherchiert und mit Menschen aller betroffenen Bevölkerungsgruppen gesprochen. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass jeder mit dem Text einverstanden ist“, sagt er, die Sichtweisen sind zu unterschiedlich. Aber er wurde gelesen und übersetzt ins Bosnische, Serbische und Kroatische, von Muttersprachlern. Eben deshalb ist Ignacios Artikel ein Symbol für die Verständigung zwischen Menschen, deren Heimatregionen in problematischen Verhältnissen zueinander stehen.

Europa neu erzählen

Was das neue Magazin letztlich versucht, ist die Forderung des zuletzt unterlegenen Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück: Europa neu erzählen. Ein Europa, indem Frieden über Staatsgrenzen hinweg zwischen künftigen Generationen weiter besteht. Der Spanier Ignacio lebt gerade in Berlin, er macht einen von der EU geförderten Deutsch-Sprachkurs, um hier Arbeit zu finden. Noch ist sein Deutsch nicht gut genug, auf Englisch erzählt er deshalb von sich. Vom Journalismus kann er nicht leben, weder in Spanien noch in Deutschland. Wie er so bekommen auch die anderen MH-Autoren oder Übersetzer für ihr Schreiben kein Geld. Eine fast ironische Folge des Ursprungs des Magazins.

Denn die Idee dazu hatte Maria Hardt, als sie in einem journalistischen Seminar eine Aufgabe gestellt bekam: Was sie umsetzen wollte, hätte sie keinerlei finanzielle oder personelle Einschränkungen. Jetzt hat MH aber doch finanzielle Grenzen und stößt gelegentlich auf personelle Hindernisse. Noch kostet nur die Website 7,90 Euro im Monat – aber Maria Hardt investiert viele Arbeitsstunden. Und sie kann weder ihre Autoren oder Übersetzer noch sich selbst für dafür entlohnen. Keine Seltenheit ist das auch bei Medien wie der deutschen Huffington Post, die seit Kurzem online ist und wegen ihres Geschäftsmodells umstritten ist. Blogger liefern dort kostenlos ihre Beiträge. Deshalb plant Maria Hardt, sich so bald als möglich um Fördermittel der EU zu bewerben. Sie will fairen Journalismus. „Mein Ziel ist definitiv, dass das Magazin rentabel wird.“ Auch weil sie selbst lange ohne Bezahlung für Medien geschrieben hat. Deshalb wird sie auch Werbung auf der Website schalten, sobald es geht. Für die Leser aber soll das Angebot kostenlos bleiben.

Und Ignacio hätte, wie er erzählt, seinen Artikel über Bosnien nirgends sonst veröffentlichen können: zu lang, zu komplex. MH aber gibt europäischen Geschichtenerzählern den Platz, den sie brauchen. „Wir sind junge Leute, die wirklich an Journalismus glauben und an die Zusammenarbeit zwischen Ländern“, sagt Ignacio, und fügt noch mit einiger Inbrunst hinzu: „We love the idea.“

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18:00 18.10.2013
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Ausgabe 33/2020

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